Stummes Sonett (Versuch; 25.11.) · Elise · ·


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      Elise



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   27.11.2008, 08:31



wenn du mir schweigst
verblasst die himmelsbunte luft
der sattgemalte, blaugekrönte äther bleicht
es fallen alle farben dumpf
das grau wird größer
nicht ist licht genug
die nacht zu lösen
in deinem schweigen bin ich stumm

du bist mein schmerz
und fluch und not
und finsterglanz
und stern
und wort
mein all

 

      ear



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   27.11.2008, 13:43



Liebe Elise,
Nach laengerer Pause ein so gelungenes Sonett von dir, wunderbar in der inneren und aeusseren Form.
Trotz des Titels ist es ein “sprechendes” Sonett, von Hoffnung und Verzweiflung gepraegt.
Wichtig ist das erste Wort “wenn”:
noch gibt es einen Ausweg, in 'himmelsbuntem' Licht und sattgemaltem' und 'blaugekroentem' Aether.
Die Drohung zeigt sich im 'bleichenden'Licht von 'Grau' uebertoent.
Im dritten Quartett wird die Anrufung persoenlich: Schmerz, Fluch und Not beherrschen die Szene, aber der Kampf um den Anderen zeigt Hoffnung:
im 'Finsterglanz' und Licht des Sterne.
Der Hoehepunkt liegt in den Schlusszeilen:
Ein 'Wort' beinhaltet die ganze noch bestehende Liebe
Habe Dank,ear.

 

      augustine



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   27.11.2008, 17:02 / 2 x geändert



Nein, elis, nein - es ist ja kein gelungenes Sonett, es sollte keins sein; es sollte, indem du diese so weitgehend festgelegte Gedichtform benutzt und gerade nicht erfüllt hast, sie absichtlich, wie es mir offenkundig scheint, nicht erfüllt hast - es sollte klagen, vielleicht auch anklagen in dem Paradox, ein "Stummes Sonett" zu schreiben, umhüllt von Schweigen schreiben zu müssen, wo doch das Sonett das Klanggedicht schlechthin ist.
Statt der Reime: Assonanzen - durchgängig, schmerzhaft kalkuliert so.
Auf das Metrum verzichtest du sowohl im ersten Block (denn Quartette sind es nicht) als auch im viel kürzeren zweiten (denn Terzette sind es nicht).
Wo die Sprache nicht stumm ist, wo sie in den drei klingenden (auch langen) Wörtern aufblüht - da beschreibt sie, was gewesen ist.
Immerhin: es ist wieder Sprache da, wenn auch 'stumme' und nur (wie DU sagst) ein "Versuch" -
elis, mehr möcht' ich nicht schreiben. (Ich weiß noch, bei An den Anderen war das auch so...)
augustine

 

      Jolante



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   28.11.2008, 18:15 / 4 x geändert



Lange habe ich kein Gedicht mehr von dir gelesen, elise, und nun weiß ich, wie sehr mir das hier gefehlt hat. Dein "Stummes Sonett" ist so beredt, dass es mich verstummen lässt im Staunen über seine Feinheit und Tiefe. Solche Lyrik ist zeitlos in ihrem Gehalt wie in ihrer Gestalt. Interpretierend möchte ich mich zu ihrer Aussage nicht äußern, das können andere besser als ich. Aber sagen, dass ich einen Abglanz von Vollkommenheit in deinen Versen finde, das ist mir ein Bedürfnis.

Es grüßt Jolante

 

      windflug



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   29.11.2008, 20:34



Ja, liebe Elise, du hast hier gefehlt, und es ist eine große Freude dein Sonett zu lesen, das auch ich als formvollendet empfinde. Du brichst die Sonettform auf, um sie neu zu füllen mit Assonanzen anstelle der Reime und einer fortschreitenden Verkürzung der Verslänge, die im Schweigen des Alls endet - "wenn du mir schweigst". Vor allem aber füllst du die Form mit Klang. Zeilen wie "es fallen alle farben dumpf" oder die einzige, die mit einer betonten Silbe beginnt: "nicht ist licht genug / die nacht zu lösen" mit dem Wechsel von N- und L-Lauten mag ich immer wieder lesen und mir auf der Zunge zergehen lassen. Da ist ein Schmerz, der in Schönheit aufgeht. Vielleicht braucht es ja eine lange Zeit des Schweigens, bis solche Schönheit entstehen kann.

Es grüßt
windflug

 

      Elise²



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   28.01.2009, 08:51



Liebe ear, augustine, Jolante, windflug, wie soll ich antworten?

Dieses stumme Sonett wuchs hervor aus einem sehr persönlichen Erleben und Empfinden. Aus verschiedenen Gründen wollte ich die Sonettform benutzen, aber eben gebrochen, zersplittert; sie benutzen, zugleich sie überwinden - deswegen keine Reime, sondern Assonanzen. An den Lauten feilte ich. Der "Klang" war mir hier sehr wichtig, die Wahl der Vokale, aber auch der Konsonanten.
Es ist eine Klage, ja, ganz sicher, eine Anklage war von mir nicht bewusst hineingeschrieben, läßt sich aber wohl heraus interpretieren. Schmerz, Hoffnung. Vielleicht ist sogar eine religiöse Interpretation möglich ...
Da ich kaum schreibe (seit längerer Zeit schon), dachte ich, zum Jahrestag meiner Registrierung in diesem Forum könnte ich doch immerhin etwas versuchen (deshalb das Datum, 25.11.).

Euer Lob beschämt mich.
Mit Dank, Elise.

 

      Gerd



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   15.05.2009, 02:55



Liebe Elise, Du fleißiges Bienchen,

es war mir ein Bedürfnis Dein so beredtes „Stummes Sonett“ nach oben zu holen, wo doch so viel Unnötiges fern jeder guten Lyrik hier sich häuft und Dir nichts als Arbeit macht.

Ein feines Stück hast Du geschrieben. Die zarten Worte tragen den Schmerz des LI, tief in das Innere des Lesers, wo er klingt. Im gleichen Maße, wie die Worte immer weniger und leiser werden, spürt man doch den Schmerz anschwellen, bis dieser die Worte nimmt, hin zum Verstummen. Das „Du“ hat alle Farben, alles Licht und alle Worte genommen, nichts als allumfassenden Schmerz gelassen. Eine aufrichtige Klage, die ich nicht als Anklage zu lesen vermag.

Dies sind sehr intensive Zeilen, die einen mitnehmen in beiderlei Bedeutung. Ich danke Dir sehr für diesen intimen Einblick, den Du uns gewährt hast.

Deine grazile Stimme fehlt mir.

Ich grüße Dich sehr herzlich
Gerd

 

      ruelfig



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   27.05.2009, 19:35



Hallo Elise,
dir ist hier etwas ganz eigenes gelungen, berührend ohne ironischen Rückhalt. Unten angekommen, liest es sich direkt wieder nach oben, ein endloser Reigen, tolles Gedicht.
R

 

      Elise²



Stummes Sonett (Versuch; 25.11.)

   27.06.2009, 17:31



Lieber Gerd, lieber ruelfig,

mein Dank an Euch für Euer Kommentieren steht noch aus.
Natürlich freue ich mich, dass dieser Versuch, ein Sonett "anders"
zu schreiben, Euch erreichen konnte.
Gerd, Du hast schön beschrieben, wie das Schmerzliche die Worte nimmt,
und Dir, ruelfig, danke ich für das Aufzeigen des "endlosen Reigens", den ich
selbst so noch gar nicht entdeckt hatte.

Leider kann ich seit geraumer Zeit kaum schreiben.
Mag sein, es ändert sich einmal wieder.

Herzliche Grüße, Elise




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