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Erzählungen · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      alibaba



gelöscht

   24.11.2008, 13:18 / 8 x geändert



gelöscht

 

      windflug



Forellen kitzeln

   24.11.2008, 21:35



Hallo, alibaba und willkommen hier!
Dein Einstiegstext gefällt mir gut: drei Episoden, erst auf den zweiten Blick wird die Verknüpfung deutlich, lakonisch erzählt, eindrücklich.
Was mich etwas stört, sind die jugendsprachlichen Ausdrücke (der Hammer, cool). Mir scheint, sie passen nicht ganz in die Zeit, zu der die Erzählung (oder ist es eine Kurzgeschichte?) spielt.

Es grüßt auf die Schnelle
windflug

 

      Jolante



Forellen kitzeln

   24.11.2008, 22:07



Grüß dich, alibaba,

mir gehts wie windflug: Dein Text gefällt mir, aber ich frage mich, in welche Zeit er zu verorten ist. Wenn die Mutter im Lager war, müsste sie heute über 80 sein. Dann liegt die Geschichte, in welcher der Erzähler ein Jugendlicher war, schon recht lange zurück und spielt wahrscheinlich in den frühen 60er-Jahren. Die Jugendsprache war damals eine andere als heute, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Bin gespannt auf deine Antwort und auf weitere Texte.

Jolante

 

      Gretchen



Forellen kitzeln

   24.11.2008, 23:09



Hei, alibaba, von deiner Geschichte lass ich mich gern mitnehmen!

Das ist ein Text, der sich nicht in Platitüdengemurmel erschöpft und litaneisch floskelnd 1000-mal Gelesenes nachplappert, sondern so was wie Suggestivkraft entfaltet, (mein) Interesse weckt, Spannung erzeugt und hält, sowie auch eine eigene Sprache des Autors erkennen lässt ("Stil"). Das ist gut.
Da steht einiges zwischen den Zeilen, existentielle Themen werden berührt, ohne dass sie platt angesprochen, ausgesprochen, benannt würden: Es geht um Fremdenhass, um Vorurteile und deren Überwindung, um Nächstenliebe, Humanität, Moral und Menschlichkeit, aber auch um Jungsein, Abenteuerlust, Freundschaft, Lebensfreude und die wundersame, unbegreifliche Größe und Schönheit der Welt, wie sie sich darbietet in einer Septembernacht am Lagerfeuer im zauberdruidischen Rothaargebirge unter der Pracht des Orion.
Okeeh, ist nur nen grober, pauschaler Fünf-Zeilen-Leseeindruck, der deinem vielschichtigen Text nicht wirklich gerecht wird. Bin aber manchmal bisschen faul beim Kommentieren und will mir gezz außerdem sofort noch riders on the storm anhören ...

"Into this house were born
Into this world were thrown
"

(da steckt die zeitliche Verortung drin, woll?)

Gretchengrüße!

 

      alibaba²



Forellen kitzeln

   25.11.2008, 03:33 / 2 x geändert



Lieber Windflug, liebe Jolante, vielen Dank für die freundliche Begrüßung,

die Szene mit den Forellen spielte Anfang der 70er, die Jungs waren 10 Jahre alt, Franks Mutter, die Zigeunerin ca. 45. In Theresienstadt war sie demnach ungefähr 15.
Die 2. Szene in Holland, da sind die Jungs schon 18, so Anfang der 80er. Da sprach man schon so, mit "cool" und "ist der Hammer", soweit ich mich erinnere. "Super" haben wir auch ständig gesagt und grüne Parkas getragen.

Liebes Gretchen, kommst Du etwa aus meinem geliebten Wittgenstein? Dein "woll?" lässt mich freudig aufhorchen. Wie schön, dass ich Dich mit Jim Morrison auf eine kleine Reise mitnehmen konnte.

Seid herzlichst gegrüßt
alibaba

 

      zuppanova



Forellen kitzeln

   25.11.2008, 11:13



grüss dich, alibaba,
der text wirkt auf mich so positiv wie auf meine vorrednerinnen, und ich möcht auch eine kurze anmerkung dazu schreiben.


Zitat alibaba:

„Ey Schlitzauge!“
Ich sprang über einen Zaun, rannte über Wiesen, über einen Spielplatz, aber die Jungs ließen sich nicht abschütteln. Atemlos erreichte ich unser Haus und klingelte Sturm. Im letzten Moment ging der Summer, und ich entwischte ins Treppenhaus. Oben drückte mir mein Vater einen Holzstock in die Hand: „Los Junge, geh' runter und wehr‘ dich!“
Hinter mir fiel die Tür ins Schloss, Amadeus und seine Freunde standen im Halbkreis um mich herum. Mit dem Mut des Verzweifelten hob ich den Stock und ging auf den Anführer los. Erschrocken gab er Fersengeld, und die anderen folgten ihm. Einer blieb stehen, Frank.

*
„Du musst sie ganz vorsichtig am Bauch kitzeln, dann bleiben sie ruhig", sagte Frank leise, und dabei duckte er sich und schlich wie ein Indianer zum Ufer. Er legte sich flach aufs Gras, tauchte seine Arme bis zu den Schultern ins Wasser und robbte auf dem Bauch ein wenig bachaufwärts. Dann erstarrte er: „Ich hab‘ schon eine!“. Frank richtete sich auf die Knie, grinste über beide Backen und hielt eine zappelnde, glitzernde Regenbogenforelle in seinen Händen. Er warf sie in die Wiese, wo sie wild hin und her hüpfte und machte sich gleich daran, eine weitere zu fangen.
„Das ist der Hammer!“ meinte ich und suchte mir gleich eine andere Stelle. Eine Biegung mit einer großen Fichte, deren Zweige weit über den Bach hingen, schien mir vielversprechend. Das Ufer war unterhöhlt, ich fühlte die starke Strömung und Wurzeln, Lehm und Steine und ich tastete mich durch diese fremde Welt. Da berührte ich sie, ein kleiner Energieschlag durchfuhr meine Fingerspitzen, ihre Flosse, eindeutig! Mit beiden Händen zingelte ich sie ein, wie in Zeitlupe, ich strich über ihren Bauch, und sie blieb ruhig, so wie Frank es gesagt hatte. Ich schloss meine Hände immer dichter, und als sie es merkte, war es zu spät, ich hatte sie. Ich drehte mich auf den Rücken und rollte mich zur Seite vom Ufer weg und spürte ihre Kraft, wie sie sich wand. „Komm, wir bringen sie meiner Mutter“, meinte Frank.

Das Haus in der Bahnhofsstraße roch muffig und im Hof bellte ein Kettenhund. Rosi hatte sicher an die hundert Kilo, zudem eine graue Löwenmähne, Hände wie ein Waldarbeiter, eine dicke Brille, eine raue Stimme und ein krakeliges Tattoo. Das habe sie aus Theresienstadt, lachte sie, als sie mein Starren bemerkte und hielt ihren Arm mit den schwarzblauen Ziffern in die Höhe. Sie wäre ein hübsches Mädchen gewesen damals, und der Lagerkommandant hätte sie sehr geliebt und beschützt. Frank lachte verlegen: „Mama“, sagte er schüchtern, „lass doch, ist doch schon so lange her“.

*
„Into this world we’re born, into this world we’re thrown … “, der 63er Amazon schnurrte wie eine Nähmaschine, unter mächtigen Douglasfichten und Buchen, in engen Kurven die Hänge des Rothaargebirges herunter ins Siegerland und weiter über die Rheinebene bis hin zur Nordsee. In Amsterdam machten wir einen Stopp, saßen in einem Café an einer Gracht und bestaunten die Mädchen, unerreichbar wie Sterne.
„Cool“, meinte Frank, „hier kann man den Leuten mitten ins Wohnzimmer gucken“. Das sei wegen der Gardinensteuer, meinte ich, die hätte irgendein König mal eingeführt, weil er Kohle brauchte. Da hätten die Holländer einfach ihre Gardinen abgehängt, und sie hätten es wohl auch cool gefunden und so haben sie es beibehalten. Frank musterte mich schräg.

In Haarlem erwartete uns Oma Eli, die kleine Wohnung duftete nach gebratenem Reis. Ich nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Wangen. Wann ich mal wieder zum Frisör ginge, fragte sie und lachte laut und herzhaft, dass die Wände gewackelt haben, ich schwörs. Ich zeigte Frank die Gouachebilder von Amboina, das Gewürznelkenschiffchen und die Tänzerin aus geschnitztem Eisenholz. "Weißt du, meine Oma kommt aus Indonesien, von Ambon, ist ‘ne lange Geschichte. Die Japaner haben damals alles kaputt gehauen. Meine Oma war auch im Lager, zwei Jahre davon in Einzelhaft, weil sie ‘ner anderen ein paar Kartoffeln über den Zaun warf. Scheiß drauf, jetzt sind wir hier".

Am nächsten Tag fuhren wir wieder zurück, ins Rothaargebirge. Im Karnutenwald, unter einer Buche, machten wir Feuer und legten uns auf die Schlafsäcke. Es war schon September, ein Hirsch brüllte in einem Tal. Durch das Blätterdach funkelte Orion, und über der Glut garten Forellen.



Jim Morrison verkörpert ja vllt.das lebensgefühl einer bestimmten zeit oder generation, andererseits ist das, wovon erzählt wird, doch zeitlos: fremdsein und freundsein, lebendig sein.
die beiden protagonisten werden in mehreren motivisch gut ausgestalteten, durch einzelne details miteinander verknüpften einzelszenen oder -sequenzen gezeigt. beim lesen tun sich nach und nach größere zusammenhänge auf, stille analogien, und es wird deutlich, dass die auf den ersten blick recht verschiedenen jungen (so kann der sprecher dem freund die welt "erklären", z.b. die sache mit der gardinensteuer, während dieser, Frank, über ein wissen von den naturdingen verfügt, die lebendigen fische mit der bloßen hand zu fangen versteht, sich - im übertragenen sinn - die welt nicht so sehr erklärt, sondern sie vielmehr greift, packt und auch seinem freund zeigt, wie man das macht) sich auf einer tieferen, schicksalhaften ebene, die auch von ihren eltern und großeltern erlebtes/erlittenes umfasst, ähnlich sind. aus dieser in bilder/szenen gebrachten spannung von "verschieden sein und doch sich selbst im anderen schicksal wiedererkennen" entsteht für mich die lebendigkeit der figuren bzw. der geschichte.

besonders gefällt mir das schlussbild: der himmel in seiner majestätischen ruhe wölbt sich über mensch und tier, über belebte und unbelebte natur, die sterne leuchten über allen und allem, nichts fällt aus dem licht. das ist versöhnlich, tröstlich und optimistisch. und auf unaufdringlich art auch poetisch.

lg, zuppa.


(indirekte rede: Sie sei ein hübsches Mädchen gewesen damals, und der Lagerkommandant habe sie sehr geliebt und beschützt.)

 

      alibaba²



Forellen kitzeln

   25.11.2008, 13:42 / 1 x geändert



Herzlichen Dank liebe zuppa, für Deine freundliche Zuwendung. Ich hab’s gleich geändert mit der indirekten Rede.

Mit Jim Morrison und dem Lebensgefühl einer oder eigentlich gleich mehrerer Generationen stimmt, obwohl ‘Riders on the Storm` scheinbar zeitlos ist, wie ich neulich verblüfft feststellte. Inzwischen gibt es jede Menge Remixes, z.B. von Snoopy Dog (der Typ ist zwar nicht mein Fall, aber das Remix find ich gut), oder von Nightmares on Wax. Aber das nur nebenbei.

Wie Deine Vorrednerinnen hast auch Du die Bilder so aufgenommen, wie ich sie zeichnen wollte. Ich freue mich so, dass Euch die Story gefällt, denn ich habe im Grunde kaum etwas hinzu gedichtet, so war’s damals.
Vielleicht ein wenig verklärt nach so vielen Jahren, aber das darf es auch ruhig, finde ich. Nur die einzelnen Fenster zu einem bestimmten Zeitpunkt zu öffnen, das war mir wichtig.

ganz liebe Grüße
ali




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