Skanjo
|
23.11.2008, 20:38 / 1 x geändert
|
|
Seit 10 Minuten schon beobachtete Jenny die 4 Fahrstühle, die ihre Passagiere den langen Weg nach oben transportierten. Fast im Sekundentakt öffneten sie ihre riesigen Mäuler und verschluckten ganze Familien, Liebespaare und Kellner. Jenny stand wie gelähmt. Alles fühlte sich falsch an. Sie sollte nicht hier sein, nicht in diesem Kleid, nicht mit den hochgesteckten Haaren und den geschminkten Augen. Es war nicht richtig. Den ganzen Abend kam sie sich schon vor wie eine Marionette in einem Theaterstück, inszeniert von ihrer besten Freundin Petra. Und jetzt stand sie hier allein auf der Bühne und verpasste ihren Einsatz. Verstohlen blickte sie zur Treppe. Es waren unendlich viele Stufen, die sich den langen Turm hochwanden. Wie viele genau wusste Jenny nicht mehr. Damals, sie waren gerade frisch verliebt, hatte Frank ihr unbedingt den Fernsehturm zeigen wollen. Sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, die vielen Treppen nach oben zu laufen. Mit hochrotem Gesicht und keuchendem Atem waren sie schließlich oben angekommen. Die Aussicht war überwältigend. Plötzlich wurde sie aus ihren Erinnerungen gerissen.
Keine 10 Meter von ihr entfernt war eine alte Dame gestolpert und hatte dabei ihre Tasche fallen lassen. „Warten sie, ich helfe ihnen.“ Jenny verstaute kleine Tütchen mit geviertelten Äpfeln, 2 Flaschen Wasser und in Alupapier gehüllte Päckchen, vermutlich geschmierte Brote, wieder in der Tasche der alten Dame.
„Danke meine Liebe. Ach was man nicht alles mit sich herumschleppt.“ Die Frau lächelte entschuldigend. „Heutzutage kostet doch alles ein Vermögen. Da muss man sparen, wo man kann.“
Jenny nickte.
Die alte Dame drückte den Fahrstuhlknopf. „Möchten sie auch nach oben?“
Jenny zögerte. Sie hörte sich „ja“ sagen, doch alles in ihr schrie nein.
Anscheinend hatte die alte Frau nichts bemerkt, denn sie plapperte munter weiter. „Wissen Sie, die machen mir immer etwas Angst, diese neumodernen Dinger.“ Sie blickte etwas unsicher zu den Fahrstühlen. „Aber, was soll ich tun. Für die vielen Treppen bin ich schon ein paar Jährchen zu alt.“ In diesem Moment blieb der Fahrstuhl stehen. Die Türen öffneten sich und gaben den Blick auf das geräumige Fahrstuhlinnere frei. Warmes Licht durchflutete den Fahrstuhl und vermittelte ein Gefühl von Behaglichkeit. Selbst die alte Dame schien angenehm überrascht und betrat ohne zu zögern den Fahrstuhl. „Kommen sie nicht mit?“ Jenny gab sich einen Ruck: „Doch, sicher.“ Die Türen schlossen sich mit einem Zisch. Fast unmerklich ruckte der Fahrstuhl an. Jetzt gab es kein zurück mehr.
„Vielen Dank noch mal für ihre Hilfe, meine Liebe. Das war wirklich sehr freundlich von Ihnen.“
Jenny winkte ab: „Das ist doch selbstverständlich. Jeder hätte das getan.“
„Das glaube ich nicht, die Leute heutzutage haben es immer so eilig. Sie müssen immer ganz schnell irgendwohin. Da hat doch keiner Zeit, einer alten Frau zu helfen.“
Jenny nahm die Stimme der alten Frau nur noch undeutlich war. Die Lämpchen auf der Anzeige, die den Besuchern anzeigten, auf welcher Höhe sie sich befanden, stiegen unaufhaltsam nach oben. Mit den Lämpchen stieg auch ihre Panik. Dort oben saß ein sicherlich netter und gut aussehender Mann mit einer roten Rose im Knopfloch einsam an einem Tisch und wartete auf die reizende Dame im bourdauxfarbenen Abendkleid. Petra hatte das wirklich sehr schön arrangiert. Sie hatte ihr dieses wundervolle Kleid besorgt und die Haare kunstvoll hochgesteckt. Sogar für Max hatte sie einen Babysitter gefunden. „Mein Gott Petra, Frank ist erst seit vier Jahren tot.“ Petras Antwort klang noch immer in ihren Ohren: „Ja genau, es wird Zeit, dass du aus deiner Höhle kriechst und wieder neue Männer kennen lernst. Meinst du etwa, Frank hätte gewollt, dass seine Frau ihr Leben lang unglücklich ist und sein Sohn ohne Vater aufwächst.“ Das hatte gesessen.
„Wissen sie“, sagte die alte Dame gerade, „ich treffe mich dort oben mit einer alten Freundin. Ich habe sie schon seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Und sie? Sicherlich wartet dort oben ein netter junger Mann auf sie. So wie sie aussehen. Ach, wenn ich nur 10 Jahre jünger wäre.“ Sie lächelte verschmitzt. Plötzlich ruckte der Fahrstuhl an und blieb stehen. Die Lämpchen auf der Anzeige flackerten auf halber Strecke kurz auf und erloschen dann. Jenny lauschte. Auch die alte Dame war für einen Moment sprachlos. Verängstigt blickte sie zu Jenny: „Warum fahren wir nicht weiter?“
Jenny beruhigte Sie: „Machen Sie sich keine Sorgen. Sicherlich kommt gleich jemand und bringt das wieder in Ordnung.“
„Sie haben sicher Recht. Sie sind ja so ein junges Ding und mit der vielen Technik aufgewachsen. Mich beunruhigt das immer ein wenig. “
In diesem Moment ertönte aus der Gegensprechanlage eine freundliche Stimme: „Bitte entschuldigen Sie. Wir haben ein kleines Problem mit der Sicherung. Unser Techniker ist in etwa 20 Minuten hier und wird sie daraus holen. Sind sie bitte so nett. Wie viele Personen sind in dem Fahrstuhl?“ „Zwei Personen.“ antwortete Jenny. „Danke schön. Bitte bewahren Sie Ruhe. Sie können jederzeit mit mir Kontakt aufnehmen. Drücken sie dazu einfach den Knopf mit dem Telefonsymbol. Natürlich laden wir sie nachher gern zu einem kostenlosen 4-Gänge-Menü ein. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“
Jenny war fast ein wenig erleichtert. Sie würde zu ihrem Date nicht erscheinen und es war nicht einmal ihre Schuld. Was konnte sie schon für einen stehen gebliebenen Fahrstuhl?
Die alte Frau setzte sich mit dem Rücken zur Wand: „Jetzt, da wir hier festsitzen, ich heiße Erika.“ Auch Jenny setzte sich. „Mein Name ist Jenny.“
„Freut mich, Jenny.“
Sie packte ihr mitgebrachtes Essen aus: „Kann ich Ihnen etwas anbieten.“
„Ein Wasser vielleicht.“
„Nun seien sie mal nicht so bescheiden.“ Erika drückte ihr ein Stück Apfel in die Hand. „Wenigstens ein paar Vitamine.“ Jenny nahm es dankend an.
“Nun erzählen Sie mal, sieht er gut aus, der junge Mann, der dort oben auf sie wartet.“
„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich bin zu einem Blind Date verabredet. Meine Freundin Petra hat das für mich arrangiert.“
„Ah, sehr charmant. Aber nun sind Sie ein wenig aufgeregt, was Kindchen. Sie haben Angst, dass ihre Verabredung wieder verschwindet, wenn sie nicht erscheinen. Wissen Sie was, wir fragen die nette Dame, ob sie Bescheid geben kann, dass wir hier festsitzen und etwas später kommen. Auch meine Freundin wird sich Sorgen machen.“ Ohne Jennys Zustimmung abzuwarten, drückte sie den Knopf und gab ihre Bitte weiter.
Einen Moment hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Jenny brach das Schweigen.
„Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen.“
„Aber warum denn nicht, mein Kind.“
„Frank, mein Mann. Er ist vor 4 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Jenny hatte Tränen in den Augen.
„Oh, Kindchen. Da tragen Sie ja eine ganz schöne Last mit sich herum. Hier nehmen Sie.“ Erika reichte ihr ein Taschentuch. „Nur vorsichtig tupfen, denken Sie an Ihren schönen Augen.“
„Ist doch jetzt sowieso egal. Ich werde nicht hingehen.“
„Na, na, na. Sie müssen ihn ja nicht gleich heiraten. Genießen sie einfach diesen Abend. Ein bisschen Abwechslung tut Ihnen sicher gut. Sie werden schon sehen.“
Jenny schniefte in das Taschentuch: „Genau das hat meine Freundin auch gesagt.“
„Da haben Sie aber eine sehr gute Freundin. Ihre beste, stimmt´s?“
„Ja, ich denke schon. “
„Ich sage Ihnen eins, geben Sie gut acht auf Sie. Beste Freundinnen findet man nicht so leicht.“
„Was ist mit ihrer Freundin, die heute auf sie wartet. Ist es auch Ihre beste?“
Erika schaute betreten drein. „Es war einmal meine beste. 30 Jahre lang.“
„Was ist passiert?“ fragte Jenny besorgt. Diese freundliche alte Dame war ihr wirklich ans Herz gewachsen.
„Ich war einfach dumm. Ich dachte, sie hätte meinen Mann verführt.“
„Sie hat es nicht getan, oder?“
„Nein. Das hat Sie nicht. Aber ich brauchte 6 Jahre lang, um es zu begreifen.“
Der Fahrstuhl setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Schweigend verbrachten Jenny und Erika die restliche Zeit. Fast tat es Ihr leid, dass Ihre gemeinsame Zeit schon zu Ende sein sollte.
„Jenny, bitte tun Sie mir einen Gefallen. Stellen Sie mich nachher Ihrer Verabredung vor?“
Jenny grinste. „Na klar, aber ich möchte auch ihre beste Freundin kennen lernen?“
„Na darauf können Sie einen lassen.“ Erika hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte los. Auch Jenny konnte nicht mehr an sich halten. Sie lachten immer noch, als der Fahrstuhl zum Stillstand kam und die Türen aufgingen.

|  |