Ein Nein · Vladimir · ·


Sonett · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      Vladimir



Ein Nein

   06.11.2008, 16:21 / 1 x geändert



Wohins uns trägt in dieser Nähe,
der äußersten - was weiß ich denn!
Vielleicht, dass uns ein andres sähe,
als kurz davor, von fern - ja - kenn
ich dich dann noch? - frag ich mich trotzdem,
gleit ab ins "mich", verkante, trotz dem,
was Lust gebiert: umarmt, allein -
noch nicht jetzt - aber... - halt mich - nein.
Halt mich. In deinem Hören halte,
was mich im nahsten dir verschließt.
Umschlossen; weit; von dort erst gießt
sichs in den Leib; was sprach: "Erkalte!"
erwarmt; dein Küssen grad genügt
dorther; als Wort; dass es nicht lügt.

 

      Gretchen



Ein Nein

   06.11.2008, 17:59



heia, Vladimir,

das kommt mir wieder vor wie so ein epigonialisch durchgerilkter versuch "mit den ganz großen gefühlen", also: die liebe, du, ich und wir, und zwar "in dieser nähe"; und nicht nur in "dieser" nähe; die einfache nähe reicht nämlich nicht; wenn ein sonett so richtig tief rein langen soll, dann muss es schon in "der äußersten" nähe sein ... ja, und das ganze hin und her dazu, ich lieb dich, ich lieb dich nicht, und wir konnten zusammen nicht kommen - oder können wir's am ende trotz aller elli- und illusionen doch noch ...
ach, macht mir kein lesevergnügen.

so eine stelle:

gleit ab ins "mich", verkante, strotz dem,
was Lust gebiert


dieses strotz dem verstehe ich gar nicht, vielleicht ist es ein tippfehler (-> ich trotze=trotz dem, was Lust gebiert)? und gleit ab ins "mich": die anführungszeichen machen's vollends lächerlich, für mich jedenfalls ...

egal aber, eigentlich wollt ich gar nix hier schreiben, denn ich denke, es ist im grunde genommen sinnlos. du hast dir bestimmt deine gedanken gemacht, warum du das so und so und nicht anders schreiben musst, und ich kann eben schlichtweg nix anfangen mit deiner art, die sprache lyrisch zu gebrauchen, kann mich nicht darauf einlassen. ich finde ein sonett wie dieses ziemlich verschwafelt, disparat, ohne reiz, sprachlich gebläht und leer (insofern kitschig) - und die thematik, na, über die schreibt sowieso jeder, da find ich auch keinen gedankenzug, auf den ich aufspringen möchte.
aber, wie gesagt, im grunde ist es müßig, sich darüber zu unterhalten, und ich will dich nicht provozieren oder verletzen (nicht dass ich mir einbildete, dazu überhaupt in der lage zu sein; soll nur für alle fälle noch mal ausdrücklich gesagt sein).
gibt ja auch sicher genug leute, denen ein gedicht wie dieses gefällt.

Gretchengrüße.

 

      augustine



Ein Nein

   06.11.2008, 18:10



Und ich, gretulina, wollte noch nichts zum Sonett schreiben; aber wenn du nicht unterscheiden kannst zwischen dem, was großartig ist - dies hier! -, durchdacht in jeder Silbe, jedem Wort, jedem Gedanken, und dummerlichen Beiträgen, gegen die sich, so versteh' ichs, losts Text richtet und gegen die du dann ja auch feuerwerksartig schreibst -
dann versteh' ich dich nicht und zweifle an deiner (sonst doch vorhandenen) Differenzierungsfähigkeit.
augustine

 

      Gretchen



Ein Nein

   06.11.2008, 18:30



doch, augustine, ich unterscheide sehr wohl zwischen dummerlichen beiträgen und dem hier (das ich nun mal eben nicht großartig nennen kann, sondern bestenfalls: großartig verspult), und der unterschied liegt für mich darin, dass das eine zu wenig, das andere zu viel durchdacht ist. also, hier seh ich nix als artistik ohne erdung. klar, muss man können, und ganz viele können das nicht. aber wenn die artistik sich darin erschöpft, ausgefeilteste "form" zu produzieren, sprachhülsen, die zwar feinst ziseliert, aber hohl sind, dann ist das für mich eben ästhetischer kitsch.

ich will mich aber nicht streiten, nicht mit dir. nur musst du bitte auch mir mein urteil zugestehen.

grüße von Greta.

 

      Jolante



Ein Nein

   06.11.2008, 22:46 / 1 x geändert



"...gibt ja auch sicher genug Leute, denen ein Gedicht wie dieses gefällt."

Nun, ich gehöre jedenfalls nicht zu dieser Elite, und ich bin immer wieder erstaunt, Vladimir, wie epigonal und bemüht verkünstelt deine Gedichte auf mich wirken. Tut mir wirklich leid, aber ich kann mich Gretchens Argumenten nur anschließen. Mein Nein zu diesem "Ein Nein", aber auch "chacun à son gout".

Jolante grüßt

 

      Vladimir²



Ein Nein

   06.11.2008, 23:33



Dazu kann ich nicht viel sagen, Gretchen, Jolante. Es stehe denn eben neben euch. Ich will eigentlich nichts verteidigen, die Kritik ist zu generell (das eine Detail ist verändert - ja, so etwas passiert mir immer wieder und ich krieg das auch nicht weg), als dass eine Auseinandersetzung dem Gedicht wirklich näher käme. Vielleicht nur dies: dass meinerseits nichts davon hohl ist und ich jede Zeile füllen kann - begründen, wenn du so willst -, mit erlebtem, vorgestelltem, erhofften - comme tu veux, und mir rein gar nichts an irgendeiner Art Artistik liegt, diese Form eine ist, die mir sehr nah geworden ist, aber eben weil in ihr eine bestimmte Tonart möglich ist, die ich sonst nirgendwoher unter- oder gar hervorbrächte, und nicht weil - ja, keine Ahnung, sagt ihrs mir! Auch das steht aber wohl schon neben euch.
Ich kenne übrigens kein Gedicht, das diese Thematik behandelt (würde gerne! schickts mir nur!).

Vladimir

 

      augustine



Ein Nein

   07.11.2008, 21:45 / 4 x geändert



Lieber Vladimir,
jetzt möchte ich sagen, warum ich dies Sonett großartig finde.

Ich lese darin den Anfang einer Liebe mit allen seinen süßen und beglückenden, aber auch wieder auf ihre Haltbarkeit befragten Empfindungen.
Ein Ich, ein Du, ein Wir, die ihre Nähe zueinander, die physische, die seelische, erst noch austarieren müssen. Es gibt ein Wortfeld um dies Empfinden: Nähe - kurz davor - fern - am nahsten, auch umarmt - umschlossen - weit gehören, mit etwas Abstand, dazu.
Es gibt einen Beginn des Sonetts, der in den ersten beiden Versen die Unklarheit eben dieses Beginns klar ausspricht, mit Ausrufezeichen markiert. (Am Schluss dieses Beitrags noch ein Gedanke dazu.) Die Nähe ist schon eine äußerste; aber da liegt auch eine Irritation, scheint mir: äußerst, das kommt ja immerhin von außen, und außen ist, was gerade nicht zu jemand gehört. Ich denke mir, dass ein so sorgfältiger Schreiber wie du, Vladimir, das Changierende, das in dem Wort steckt, überlegt benutzt hat. - Nicht ganz klar ist mir ein andres: ich kenne solche Neutrum-Formen aus dem Schwäbischen, da können sie Männliches oder Weibliches bezeichnen, also etwa: jemand anderes. Sähe jemand anders als ein naher Mensch uns, sähe er also nur von fern - so wird das Ich unsicher, ob es zum Du sich ohne Vorbehalt bekennen darf. Da verliert es die Nähe, das Wir, gleitet zurück ins Alleinsein des Ichs, verkantet sich innerlich (keine schöne Situation, aber ein sehr passendes Wort dafür, wenn ich richtig verstanden habe). trotzdem wird im Vers drauf in seine Sinn-Teile auseinander genommen: trotz dem,/was Lust gebiert. Denn die ist da. Es schreibt hier kein verkopftes Ich; auch V. 6 darf man möglicherweise als auch sexuell gemeint lesen.
Es bleibt bei Gegensätzen, die ausgetastet werden darauf hin, ob sie bestehen bleiben müssen: umarmt - allein | umarmt - noch nicht jetzt | noch nicht jetzt - aber || halt mich - nein./ Halt mich.
Das Nein ist nicht schroff, es ist umschlossen von dieser Bitte.
Das erste Terzett beginnt dann mit dem, was ich als die wichtigste Aussage ansehe: Das Halten ist nicht nur die Umarmung (die ist es auch, kann es sein), es ist das Halten im Hören, im Hören auf den anderen, in einem solchen Hören, das ihm das Sprechen erlaubt in der Weise, die seine eigentliche ist. Erst die Empfindung wahrhaftigen Gehört-werdens ermöglicht dem Ich, sich zu öffnen; auch dies auch sehr direkt physisch verstanden. Das Halten als enges, gar klammerndes würde das Gegenteil von dem hervorrufen, was es erreichen wollte. Nur wenn das Umschließen weit ist, Raum gibt, sind Sich-Anvertrauen und Nähe möglich (siehe auch die Assonanz weit|Leib!). Dann können die Zweifel, das Fragen nach dem Kennen, sogar der selbstgegebene Befehl, zu erkalten - dann können alle diese Selbsteinreden erwarmen.
Das Küssen des Du grad (gerade eben oder: allein schon dies? aber wahrscheinlich ists egal): es kommt aus dem, was das Ich als Erwarmen empfindet. Und es ist zugleich ein Wort: Worte können wie Küsse sein, und Küsse sprechend! Und solch ein im Kuss gesprochenes Wort, solch sprechender Kuss: die sind die Zeichen der erbetenen Art des Haltens, die Beglaubigung dessen, dass da Wahrhaftigkeit ist zwischen zweien.
Und das in einem Horizont, den man leicht überlesen kann. Ich sehe ihn in den beiden 's' von Wohins
und sichs. Man kann sich nicht in einen Leib ergießen, weil man es will. Vor allem aber sagt das erste 's' im ersten Wort des Sonetts etwas aus über - ja, Schicksal, Unverfügliches oder wie man es nennen möchte.
Und: Ein Nein - das ist ja kein umfassendes, kein endgültiges Nein. Es ist offen für ein "und".

Vladimir, ich hab' beim Denken-über und wieder jetzt beim Schreiben manchmal das Gefühl gehabt: darf man kommentierend denn so sich nähern?
Sag, wenn's so ist.
Ich weiß nicht, ob ich ein solches Gedicht hier ausgesetzt hätte ...

Liebe Grüße von augustine

 

      Vladimir²



Ein Nein

   14.11.2008, 20:25



Liebe augustine,

ja, man darf.
Dank dafür.
Es ist eine Interpretation, die in sich ganz stimmig ist, der ich auch jetzt - nach einer Woche schon - kaum noch etwas hinzufügen will - auf die Fragen zumindest.
Es freut mich, dass dir dieses "äußerste" besonders aufgefallen ist. Da liegt tatsächlich besonderes Gewicht drauf, denn beide Bedeutungen sind ganz zutreffend, beziehen sich aufeinander - wonach dann auch der Titel vielleicht noch eine andere, konkretere Färbung bekommt. Aber das hast du mehr oder weniger auch schon selber gesehen und so reicht es ganz.
"ein andres" - das ist mir irgendwann mal so untergekommen, wenn ich genau nachdächte, vielleicht fänd ich noch raus woher... eben im Sinne von: "etwas anderes", muss keine Person sein. Diese zwei Verse beziehen sich übrigens noch gewissermaßen auf das "Was weiß ich denn!" und können auch - auch! - als positives gelesen werden, dem dann erst das trotzdem entgegengesetzt wird: ja, vielleicht passiert dann so etwas anderes als das, was kurz davor ist - aber trotzdem...
Alles andere will ich so stehen lassen, könnts wirklich besser nicht sagen - auch dass du diese zwei "s" als "Horizont" herausgelesen hast - danke!

Liebe Grüße,

Vladimir




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