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      Gerd



San Pietro

   19.10.2008, 14:53



Tetzel
noch
allgegenwärtig

Kerzen
dürfen
nur brennen
bis
der Spender gegangen

die Pietà
geht unter

im

klerikalen
Schwanzvergleich

 

      augustine



San Pietro

   20.10.2008, 00:34



Lieber Gerd!
Noch gar kein Kommentar, nur falls du morgen früh reinschaust, sollst du dies als Gruß finden:

Tetzel - versteh ich und den Zusammenhang mit St. Peter.
Die Michelangelo-Pietà habe ich mir am Abend immer wieder angesehen.
Der klerikale Schwanzvergleich - unnachsichtig ausgedrückt; aber aktuell.
Zu den brennenden Kerzen überlege ich noch.

Liebe Grüße, augustine

 

      ear



San Pietro

   20.10.2008, 08:06



Rom eine Weltstadt, der Vatikan als Staat nur touristisches Zentrum, selten eine Staette des Glaubens.
Michelanglos 'Pietà' in einer Seitennische, ihr gebuehrt hoechste Verehrung.
Luther ist noch nicht 'freigesprochen', Tetzels Schatten weiterhin sichtbar.
Lieber Gerd, in der Kuerze Deines Gedichtes steckt eine sehr gute, starke Anklage gegen protzigen Reichtum der Priester.

 

      Jolante



San Pietro

   20.10.2008, 14:08 / 3 x geändert



Lieber Gerd,
ich finde, dein Gedicht ist dir formal gut gelungen, doch mit der Aussage tue ich mich etwas schwer. Johannes Tetzel (da klingelt mir der unselige Ablass in den Ohren) ist in San Pietro noch allgegenwärtig. Die Touristen werden abgezockt. Die Kerzen dürfen nur so lange brennen, wie der Geldspender sich im Raum aufhält. Die kunst(s)innige Betrachtung der berühmten Pieta wird durch Touristenrummel, aufdringliches Kerzengeschrei und "Kastengeklingel" gestört, das, worauf es ankommt, "geht unter". Was aber habe ich mir genau unter "klerikalem Schwanzvergleich" vorzustellen? Stehen die raffgierigen Klerikalen in Rom denn in Konkurrenz zueinander? Müssen sie ihre finanzielle Potenz einem Vergleich unterziehen? Das erscheint mir allzu polemisch und erinnert mich an Bemerkungen, die ich als Kind oft hörte, der Papst sei unvorstellbar reich, habe sogar ein Goldenes Telefon. Nun müssen die Kunstwerke ja erhalten werden, was sehr viel Geld kostet. Das muss irgendwie hereinkommen, oder? - Im übrigen: Ich bin eine Bewunderin deiner Gedichte. Bisher hast du immer mit Blumen gefochten. Das hat mir gefallen. Der Faustkeil gefällt mir nicht.
Dennoch bin ich sehr froh, dass du hier wieder schreibst.

Lb. Grüße
Jolante

 

      augustine



San Pietro

   22.10.2008, 19:50 / 2 x geändert



Ich möchte mein Skizziertes von oben ergänzen und dabei vor allem dich anreden, liebe Jolante.

Tetzel und St. Peter - ja, das bleibt so; er war natürlich nicht der einzige Ablasskrämer, aber der mit dem eindrucksvollen so schön schulbuchzitierbaren Spruch, in dem von dem Prunk-Neubau natürlich nicht die Rede war.
Die brennenden Kerzen werden abgeräumt, wenn der Spender weitergeht. Ich habe das mal in Fátima gesehen, in St. Peter sicher auch; weiß es nur nicht mehr; Weiterverwendung durch Einschmelzen und neu Gießen;
Die Pietà: in jedem Reiseprogramm als das bedeutendste Einzelkunstwerk im Dom gepriesen, und die Touri-Scharen pressen sich vorbei; ein Andachtsbild, dessen Name von pietas (Frömmigkeit) kommt; die bringen wohl nur wenige auf.
Dann der "Faustkeil": ein unverhüllt sexueller Vergleich. Erst dachte ich: die vielen Missbrauchsfälle von sexuell hungernden Priestern, deren Bischöfe das eher decken als aufklären, wie man liest; dann fiel mir ein: im Mittelgang in Marmor eingelegt Größenvergleiche zu anderen bedeutenden und besonders großen Kirchen, z. B. dem Kölner Dom. Das darf man doch einen "klerikalen Schwanzvergleich" nennen (kindisch irgendwo auch, wie kleine Jungs manchmal sehen wollen: meiner is länger)!
Doch, Gerd, dieser Faustkeil gefällt mir.
(Ausweiten könnte man das Thema bis zu Petrus, dem "Fels", auf den ein Jesus seine Kirche baute - was, Kirche??? wie denn das? im Jahr 30 nach seiner Zeitrechnung? -; und auf Petrus, den Verleugner!? konziliare Textredaktionen, um nicht zu sagen: Fälschungen.)
Und Jolante: lass uns streiten, wenn du möchtest.
Seid gegrüßt von augustine, die keine Hasserin ist wie sicher du, Gerd, auch nicht.

 

      Jolante



San Pietro

   23.10.2008, 14:04 / 1 x geändert



Liebe augustine,
unsere Kommentare zu Gerds "San Pietro" sollten nicht gegeneinander sondern nebeneinander stehenbleiben, um in ihrer Gegensätzlichkeit auch noch andere Leser zu einem Kommentar zu provozieren. Besonders streitlustig bin ich zur Zeit nicht, es reicht mir, gegen die Grippeviren ankämpfen zu müssen :( - Dir gefällt der Faustkeil, mir gefällt er nicht. Das kann so bleiben.

Lieben Gruß
Jolante

 

      Jolante



San Pietro

   24.10.2008, 11:50 / 1 x geändert



Lieber Gerd,
es ist merkwürdig, dein Gedicht lässt mich nicht in Ruhe. So bin ich heute Nacht aufgewacht und hatte plötzlich die Eingebung, dass du mit dem klerikalen Schwanzvergleich eher auf die Touristen zielst als auf die heutigen Kirchenvertreter, die ja wegen der schwindenden Zahl von zahlenden Gläubigen kaum noch über Geldmittel zur Förderung sakraler Kunstwerke verfügen. Ich stelle mir also vor, dass es zahlreiche Besucher sind, die überwiegend mit der Kirche nichts am Hut haben, aber in ihrem übersteigerten Zwang zum Kulturtourismus bestrebt sind, die Tempel kirchlicher Kunst miteinander zu vergleichen, das Größtmögliche also nicht zu verpassen und dabei zur Meditation und stillen Betrachtung der "Pieta" in ihrem Größenwahn nicht mehr fähig sind.
Es liegt mir sehr daran, dein Gedicht richtig zu verstehen. Daher wäre ich dir für ein paar erklärende Worte dankbar. Ich lerne gerne dazu und bin froh, dass dein Gedicht mich nicht gleichgültig lässt.

Es grüßt dich
Jolante

 

      Gerd²



San Pietro

   28.10.2008, 01:00 / 2 x geändert



Liebe augustine, ear und Jolante,

ich danke Euch für das gedankliche Auseinandersetzen. Jolante, Du hast um erklärende Worte gebeten, die ich gerne geben will.

Zunächst, im Vordergrund Sankt Peter. Als naives Menschenkind, wie ich wohl bin, hatte ich trotz Tourismus die Vorstellung, ein wenig Erhabenheit an dieser Stätte vorzufinden. Was ich bekam, war der sehr treffend assoziierte Faustkeil.

Die von augustine als Michelangelo-Pietà bezeichnete, ist eben diese. Der Name des Kunstwerks hat auch Aussage. Die von ear benannte Seitennische tut in diesem Zusammenhang ihr übriges.

Die Kerzenabzocke soll den ungebrochenen Wandelgang von Tetzels Schatten plastisch werden lassen. Wie augustine bestätigt, leider öfter und auch an anderen Orten anzutreffen. Mit am stärksten berührte mich in diesem Zusammenhang ein Padre, der einem kleinen Mädchen die soeben entzündete Kerze ausblies und lauthals in der Klosterkirche zeterte, weil die Mutter nicht schnell genug mit der Münze war. Das kleine Mädchen hat danach nur still geweint.

Der Ursprung des Unwortes: Was kann man wohl sinnhaftiger Weise in der bekannter Maßen größte Kirche der Christenheit im Boden des Hauptganges einlassen? Den von augustine erinnerten Größenvergleich mit anderen großen Kirchen. Für mich ein Schlag unter die Gürtellinie, der weit nachwirkt.

Die Touristen spiegeln was sie sehen, sind für mich jedoch nicht die Wurzel. Das "nicht mehr wahrnehmen" ist in meinem Sinn richtig getroffen.

Naiv zu sein und bei manchem Anblick das Gefühl nach einem Nierenschlag zu haben, macht in bella Roma niemandem zum Hasser, nur weniger fröhlich.

Nun habe ich einiges erläutert, doch ist noch reichlich Platz zwischen den wenigen Worten des kleinen Pietro.

Seid herzlich in die frische Nacht gegrüßt
Gerd




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