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Vladimir
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17.10.2008, 17:02 / 4 x geändert
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Berlin, Café Chagall
In den Leerstellen – und die gibt es hier oft und man weiß nicht so recht, woher sie eigentlich rühren: Bomben, Planung, einfach zuviel Platz? - rutsche ich jedesmal aus, bisher, es hat diese Stadt keine Mitte, keinen Fluchtpunkt, Herzen schlagen fleckenschwanger in verwirrenden Rhythmen auf den nutzlosen Plätzen hin und her.
Ich möchte schreiben, möchte sagen: diese aufgeflammte Eiche, diese selbst im Herbst zart
gebliebenen Linden, diese beiden vollwangigen, schwarzbemützten Mädchen, deren Englisch ich noch nicht zuordnen kann – vielleicht ein östliches, wie das Bier, von dem ausgegangen wird, dass ich es kenne, vielleicht Australien, Südamerika – aber das hieße: dich anreden und ja, ich möchte sprechen, würde gerne: „je ne peux pas exprimer ce que c'est que ton absence“, wie Bobin, und dabei nicht die Übertreibung meinen, noch nichtmal Liebe, noch nichtmal Sehnsucht, nur: etwas dazwischen, in den Fugen des Satzes – nichtmal da, nichtmal gedacht – vielleicht nur dieses eine: dich zu meinen, und selbst das nicht. Stille.
Dabei so fremd hier: in dieser preußischen, protestantischen, manchmal ja auch noch sowjetischen Luft. Auf dem sandigen Boden, der nichts hergibt als Kiefernwälder, außerhalb. Trotz einiger vertrauter Namen, trotz der fast niederländischen Bewölkung. Aber: Man muss ja nur einen etwas altertümlichen Hut tragen, und schon schauen einen alle an wie die Kinder - nein: eben nicht wie die Kinder – naja, das ist fast überall so. Aber: man hat in der Marienkirche die Kanzel wieder nach vorne gebaut nach dem Krieg und die Bänke quer gelassen; aber im Museum, die italienische Mädchengruppe mit der einen, heimlich mit Zetteln gestopften Kapuze schnörrisch passierend, läuft einer mit Uniform des „Preußisch Deutschen Kulturbesitzes“.
Vermeers „Glas Wein“ löst alles auf in offen bleibenden Tränen. An der Härte der geplanten Weiten, versteckt militaristischen Gebarens bricht das Schweigen, qui t'enveloppait si tendrement.
Selbes Spiel wie neulich: Versanfänge sind In, Ich, Dabei und Vermeers.

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augustine
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18.10.2008, 01:40 / 2 x geändert
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Man wird diesem Beitrag wohl anmerken, dass er mir etwas weh getan hat, vladimir. Und nur über Wörter und Sachverhalte zu schreiben, krieg ich auch hier nicht hin. Verzeih. Ich weiß ja, dass jeder immer anders erlebt als ein anderer, Konzerte, Tagungen, Landschaften, was immer; also auch natürlich unvermeidlich Städte.
Und diese, die meine ist, ist dir auch jetzt fremd geblieben, trotz "Café Chagall".
Du beginnst mit "Leerstellen", die am Ende "geplante Weiten" heißen. Was aber, außer dem Alexanderplatz und dem sowj. Ehrenmal in Treptow (du weißt sicher, dass es ein Teil des Einigungsvertrags ist, diese Denkmäler überall in der Ex-DDR bestehen zu lassen; man muss nicht hinfahren, und den Stadteindruck bestimmt es nicht), was ist denn noch eine Leerstelle? Der Alex eben mit diesem scheußlichen "Telespargel" mitten drin; zerbombt nahezu alles da und dann gern als Aufmarschgebiet genutzt. Und die Marienkirche an seinem Rand, das ist wenig bekannt, hat man mit drumrum aufgeschüttetem Trümmerschutt optisch tiefer gelegt, da sie nun schon, leider, wohl gezielt vom Bombardement ausgespart war (wie der Kölner Dom). Ja, sie steht da recht klein und verloren, und einen "Fluchtpunkt" kann sie nicht bilden.
Eine Mitte aber hat diese Stadt gleichwohl, und das war so durch die Jahrhunderte (weniger solche als am Rhein, ja) und ist wieder die Spreeinsel. So enthusiastisch hab' ichs noch nie vorher erlebt wie jetzt im September, das ist auch wahr, jeden Tag mehr, und so ist auch das Gedicht Mitte gewachsen, dort schon.
Plätze: der Gendarmenmarkt - gebaute Toleranz mit Frz. und Dt. Dom und in der Mitte Schinkels Theater. Da hat Rahel Levin ihren Salon gehabt, hat E.T.A.Hoffmann aus einem Erker gesehen; in einer Nebenstraße hatten die Brüder Mendelssohn ihr Bankhaus (nun ja), also auch Abraham Mendelssohn, der gesagt hat: Erst war ich der Sohn meines Vaters, und jetzt bin ich der Vater meines Sohnes. - Ein schöner Platz ist der Hausvogteiplatz geworden; und im alten Westen z.B. der Bayerische Platz oder der Auguste-Viktoria-Platz und noch andere, schöne urbane Plätze sind das. - Was soll ich mir vorstellen unter "fleckenschwanger" schlagenden Herzen? Und was ist "schnörrisch"? Und: "das Bier von dem ausgegangen wird dass ich es kenne"? (ich meine nicht das Bier, sondern den Satzbau...)
Die Linden*: ja, das fiel mir auch auf, die sind eigentlich immer ziemlich klein; man könnte das wahrscheinlich nachlesen bei Günter de Bruyn oder eben nachgoogeln. Es könnte einen statischen Grund haben, sie nicht zu groß werden zu lassen: die Bebauung auf beiden Seiten ist relativ dicht zueinander und der Untergrund eher morastig als sandig.**
Fremd war dir: preußisch, protestantisch. Ja, das ist nun so. Dass ich das Preußische, sofern es militaristisch war (und das war es, aber ja nicht nur), verabscheue - ich hoffe, das glaubst du mir, weil ich es sage. Über das Protestantische zu reden ist schwieriger. Das lass ich jetzt, hab' auch keinen Anlass, da was zu verteidigen. Ja, es verursacht Kargheit. Das ist nicht nur schlecht, finde ich. - Auf der Museumswärter-Uniform kann nur gestanden haben: Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Und du darfst in Berlin so ziemlich tragen, was du willst. Könnte sein, es macht wer eine Bemerkung drüber: die wäre vermutlich witzig im Sinn von geistreich, jedenfalls eher als verletzend. Und warum erwähnst du das überhaupt, wenn du doch dann sagst: "naja, das ist fast überall so"?
Liebe, diesmal auch etwas streitbare Grüße!
augustine
* Ja, Linden: Ja, irgendwie sind sie (wodurch? durch den Duft?) besondere Seelenbäume. Ich hatte einmal eine, an der ich hing, und dann hatte ich sie nicht mehr. Vielleicht gelingt es mir einmal, darüber zu schreiben.
** Ja,ja, Kiefern. Sie haben aber etwas, das andere Bäume nicht haben. Trotzdem verrate ich, dass jemand von mir einen Satz behalten hat, den ich in einer anderen Zeit gesagt habe: Das schönste an Berlin sind die Kiefern im Grunewald.

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Vladimir²
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18.10.2008, 10:40 / 1 x geändert
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Was soll ich darauf antworten, augustine, der ich ein paar mal, und nur paar Tage jeweils da gewesen bin, natürlich nicht mit der Tiefe deiner Eindrücke und "Kenntnisse" - ja, doch, Kenntnisse von dieser Stadt mithalten kann und es ja auch gar nicht will, aber eben doch diesen Eindruck hatte?
Der Hausvogteiplatz ist auch mir als schöner in Erinnerung geblieben, ja. Am Gendarmenmarkt war ich leider nicht. Mein Onkel hat uns geführt: durch Marienkirche, das neue Stadthaus, die Klosterruine und dann eine neuere Kirche, Backsteingotik, mit viel Holz darin und einer Skulpturenausstellung. Schnörrisch - das gibts nicht, das Bier ist eins, von dem seitens der Kellner ausgegangen wird, dass ich es kenne - geht das nicht? Bei den Linden meint ich vor allem die Herbstfärbung! - das andere geht aber freilich auch. Der Grunewald - dieser Name auch wie eine Verheißung durch das wunderschöne Kapitel in "The Gift" von Nabokov - aber da hat natürlich auch die Zeit nicht für gerreicht. Andere "Leerstellen", die mir jetzt so einfallen: Der Platz da zwischen Philharmonie und Gemäldegalerie; natürlich das Gebiet um den Alex - wo, wie uns erklärt wurde, das älteste Berlin einmal stand - und da ist jetzt nichts! Eine Lücke! Der Platz vor dem neuen Stadthaus; die ganze Marxallee? runter... ich weiß es ja auch nicht.
Natürlich glaube ich dir, dass du das militaristisch preußische verabscheust! Glaube mir, dass ich das, was ich von "deinem Berlin" mitbekommen habe, dort als Fragezeichen hinter meine eigenen Eindrücke gestellt sah, so z.B. mir jetzt denke: aha, es kann eine echte Mitte geben, es gibt sie vielleicht, es gibt sie zumindest in einer, also weiterschauen, da kommt noch was. Das hinterfragt meinen Eindruck, es relativiert ihn (für mich), nichtsdestotrotz ändert es ihn nicht.
Und was das protestantische angeht: davon war ich fast am meisten überrascht, denn ich bin ja nun eigentlich protestantisch und teile ganz deine Einschätzung von "das ist nicht nur schlecht" und dennoch war mir diese "Luft" ganz fremd. Vielleicht macht das im katholischen Köln aufgewachsen Sein doch mehr aus, als ich dachte. Und dazu gehört dann aber auch, was ich zur Marienkirche meinte: wo die reformierte Verfassung durch diese (ganz verkorkste! man sieht von der Kanzel aus auf einen Pfeiler des Mittelschiffes, anstatt auf die Gemeinde) Umsetzung der Kanzel sozusagen unterhölt wurde, aus dem Kirchraum genommen - aber die Bänke quer gelassen, also auf eine Kanzel gerichtet, die nicht mehr da steht und jetzt eine Hälfte der Gemeinde an die Wand gucken muss. Wieder so ein merkwürdiger, halbgarer Kompromiss, der mir zumindest den Eindruck gibt, dass da kaum etwas mehr von lebendig ist (und andererseits: es muss ihnen äußerst wichtig gewesen sein: denn diese Aktion muss ein Vermögen gekostet haben - kurz nach dem Krieg!).
Ich wollte kein Urteil über Berlin verfassen mit diesem Gedicht. Es ist ein Niederschreiben von flüchtigen, also kaum endgültigen, aber im Moment doch sehr starken Eindrücken. Das wichtigste ist für mich immernoch, wie sich die Anrede darin verhält.
Ebensolche Grüße,
Vladimir
PS: Ach ja!, mein Vater hat am letzten Tag diese Stadt auf einmal verstanden, als wir an der Spree entlang gelaufen sind, zur Nikolaikirche, bis zu "Unter den Linden", zurück. Dort hatt auch ich am ehesten noch das Gefühl einer "Mitte", um die sich die verschiedenen "Zentren", Mitten aber immer noch nicht ordneten.

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Jolante
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24.10.2008, 12:58 / 1 x geändert
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Lieber Vladimir, ich habe deine Reiseimpression ein paarmal gelesen und konnte stimmungsmäßig einiges nachvollziehen, was du schreibst, einiges nicht. Das ist aber durchaus normal, denn jede/r sieht, hört, riecht und schmeckt eine Stadt anders. Ich zum Beispiel liebe Leerstellen, Plätze, suche sie in jeder Stadt. Was mich nun aber an deinem Text stört, sind eher auf mich sehr gekünstelt wirkende Bilder, die, wie ich finde, manchmal der inneren Logik entbehren. Ein Beispiel: "Herzen schlagen fleckenschwanger in verwirrenden Rhythmen auf den nutzlosen Plätzen hin und her" Bei "fleckenschwanger" fallen mir nur Schwangerschaftsflecken ein, eine zum Verständnis dieser Wortschöpfung eher hinderliche Assoziation. Und wie können Herzen hin und her schlagen? Was habe ich mir vorzustellen unter "offen bleibenden Tränen"? - Ich meine, es finden sich inhaltlich und formal gute Ansätze in deinem Text, den ich andererseits aber "überkonstruiert" finde, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf.
Jolante grüßt

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