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kirmesbollo
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Fast hätte er das Haus verlassen,
das ihm nie Zuhause war,
doch gleich und gleich gesellt sich gern,
so blieb er unter sich.
Beherrschte sich und seinen Raum,
träumte Trost und Wintergärten
in seine Hallen, seine Keller,
die er ganz allein bewohnte.
Nur einmal dachte er sich zweisam,
weinte lautlos an der Schulter
eines unbekannten Mädchens,
das er beinahe traf.

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ear
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02.10.2008, 12:20 / 1 x geändert
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Der Titel deines Gedichtes beschreibt ein jungen Menschen, der sich nicht einordnen mag in Regeln, welche ihm auferlegt werden von eventuell Eltern , Schule oder Universitaet. Villeicht enttaeuschte er durch weniger gute Leistung . Es erinnert mich an viele Kinder, die als 'Genie' dargeboten werden. Wettbewerb , Sich Behaupten-Muessen, statt eines natuerlichen Heranwachsens, kann zu Komplexen fuehren, sodass der Betroffene nicht 'kontaktfaehig' ist, was deine zwei letzten Zeilen besagen.
Ein interessantes Thema, danke, kirmesbollo.

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kirmesbollo²
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03.10.2008, 19:29 / 1 x geändert
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Hallo Ear,
vielen Dank für Deine Replik. Vielleicht ist der Titel des Textes doch nicht so gut gewählt, da er doch die eh nicht so vielen möglichen Lesarten auf das Offensichtliche beschränkt. Mir ging es im Groben um Vereinsamung und soziale Phobie, da bin ich dann auf dies schöne Wort aus dem japanischen gestoßen. Das schien mir die Sache ganz gut zu umreißen und der Klang hat mir einfach gefallen. Freut mich, dass Dir der Text gefallen konnte.
Lieben Gruß & goldene Zeiten im Lichte: der kirmesbollo

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Irene
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03.10.2008, 20:06 / 1 x geändert
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Hallo kirmesbollo!
Das Gedicht gefällt mir gut - sowohl Titel, als auch Inhalt bzw. Thema.
Weshalb aber schreibst du das Gedicht in der Vergangenheit? Das läßt ja letztlich den Schluß zu, daß der arme Hikkomori doch inzwischen Harakiri gemacht haben könnte, oder liege ich da falsch?
Ich finde, das Thema ist sehr brisant - ich glaube, daß das Hikkomori-Phänomen heutzutage sehr viele junge Menschen betrifft. Soll nicht auch Lovecraft so ein Charakter gewesen sein?
LG
Irene

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Gretchen
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heia, bollo, ist nicht jeder so ein bisschen Hikikomori?
nein, ich kannte das wort nicht, aber ear hat es ja erklärt - finde es als titel gut gewählt! nicht nur, weil es eben ein "phänomen" beschreibt, eine bestimmte soziopathische verhaltensweise, sondern weil es "fremd" ist, fremd klingt. ein fremdes wort, das die im text beschriebene ent-fremd-ung vom lebendig-sein vorskizziert - nicht (nur) in seiner bedeutung, sondern eben im klang und dadurch, dass es ungewohnt ist.
ich finde auch nicht, dass der titel zu sehr festlegt. man kann das ganz konkret lesen, bezogen auf eine - ja, ich sag mal: erkrankung, von der vllt. zunächst mal und verkürzt betrachtet vor allem junge leute in japan odersonstwo betroffen sind. aber man kann es auch allgemeiner lesen: in jedem steckt ein stück vom hikikomori, ein welt-abwenderischer persönlichkeitsanteil, einer, der ruhe haben möchte und kontrolle, vor allem kontrolle. über sich und seine welt. einer, der sich fürchtet vor der entropie des lebendigen, vor der entropie des alltags, vor der entropie des fühlens in beziehungen, begegnungen.
das ist ein tiefer wunsch nach regression, der sich da ausdruck verschafft, ein sehnen nach stillstand, nach aus-der-zeit-sein, nach nicht-verantwortung-tragen-müssen, sich-weg-träumen-dürfen, sich entziehen allem druck und zwang. dafür stehen die wintergärten - eine metapher für sehnsucht nach wärme, nach blühen, nach paradiesischem, verantwortungsfreiem versorgtsein mitten in der kälte der scheußlichen alltagsbanalität.
das präteritum stört mich nicht. denn: so war es doch schon immer - verdammt, ja, ich behaupte, dass man den text sehr "tief" lesen kann, dass er ein urdrama des menschen, nämlich das aus-dem-paradies-vertrieben-worden-sein, das aus dem mutterleib, aus der totalen versorgung gepresst worden sein, runterbricht auf ein phänomen unserer zeit, das grade einen gewissen hype erfährt, aber im grunde immer da war - und sei es nur als keim, in vergangenen epochen gehindert am wildwüchsigen sprießen durch gesellschaftliche zwänge oder wertekodices, die nun heutigentags wegfallen. da litten nicht nur lovecraft, poe, hölderlin, trakl, pessoa, celan, benn und andere dichter dran.
DAS ist eigentlich der kern des hikikomori, für mich. naja, mehr fällt mir nicht ein. verstehst du, was ich sagen will?
grütze von der nachkröte.
(komm von der piste, daher vllt. etwas verwaschen im ausdruck ...)

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rollerball
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Ein Gedicht, das unter die Haut geht, da es einen Menschen beschreibt, der so wohl leider tatsächlich existieren könnte, und mit dem ich mich (rückblickend) identifizieren kann, es gab sowohl vor als nach meinem Unfall Phasen, wo mein Gefühlsleben ähnlich aussah ...
Die Vergangenheitsform hat wohl ihre Berechtigung, sowohl in Gretchens Lesart, als auch unter der Vermutung eines suizidalen Ausgangs, beides ist denkbar ...
Besonders gefällt mir "so blieb er unter sich" und "das er beinahe traf"
Eine Definition von Ambrose Bierce aus dessen Devil´s Dictionary fällt mir auch dazu ein:
allein - in schlechter Gesellschaft ...

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zuppanova
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Schließe mich, da wie oft etwas in Eile, meinen Vorrednern gerne an (@Gretchen: sauber, deine tiefe Lesart; ha!).
Was mir noch auf- und einfällt:
- 12 Zeilen (die Zwölf hat halt so ein gewisses Etwas, und ... ohmei, ja, ich hab's manchmal mit den Zahlen ...).
- Der Text beschließt sich in sich selbst: ein fast am Anfang, ein beinahe am Ende. Das beinahe ist wärmer als das fast, finde ich, denn da steckt Nähe darin; und kein Wunder, denn zwischenzeitlich hat "Er" sich ja zweisam gedacht, immerhin; aber eben halt nur gedacht. Und an dieser Stelle erwähn ich noch, dass das Weinen lautlos bleibt: Das unterstreicht für mein Gefühl die Unfähigkeit zur Kommunikation; die Stimme schwingt vom Ich zum Du, der Laut verbindet, dringt durch zum anderen Menschen. "Er" aber bleibt lautlos, selbst im Schmerz; das ist ein wichtiges Detail.
- Hauptbildfeld ist das Haus (Haus - Zuhause - Raum - Hallen - Keller - Wintergärten - wohnen). Haus ist vielschichtig: kann für den Körper stehen, natürlich auch für die Herkunft, für die Biografie, für die Identität einer Person; davon könnte man eine Assoziationslinie ziehen zum körperlosen und anonymen Dasein im Netz, welches ermöglicht, sich kompensierend mit jedem beliebigen Körper bzw. einer frei gewählten Wunschidentität auszustatten -> das nur so als Anreißer, führ ich nicht weiter aus ...
- Kein "Ich" spricht im Text; ein/e anonyme/r Sprecher/in berichtet -> daraus begründet sich (für mich) die Vergangenheitsform -> es ist ein Bericht, eine kurze, auf Essenz eingedampfte (ich könnt auch sagen: "ver-dicht-ete") Reportage über ein Leben, wie eine Nachricht oder Mitteilung, die verlesen wird.
- Passend zum distanzierten "Bericht" ist der knappe Stil mit kurzen (teils unvollständigen [Subjekt fehlt]) Sätzen.
- Das "distanzierte Sprechen" arbeitet aus dem Formalen dem Inhaltlichen zu.
Hast du gut gemacht, kirmesbollo, findet auch
die zuppa.

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Jolante
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Ein Gedicht, das mir in seinem Gehalt und und seiner Gestalt ausnehmend gut gefällt. Dazu gesellen sich Kommentare, denen ich, selbst wenn ich könnte, nichts mehr hinzuzufügen hätte. Genug Stoff also zum Innehalten, Nachdenken, Weiterspinnen. Gute Texte und gute Lesarten, das kommt nicht immer so glücklich zusammen.
In den Sonntag
grüßt Jolante

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Gretchen
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"… es ist ein Bericht, eine kurze, auf Essenz eingedampfte […] Reportage über ein Leben, wie eine Nachricht oder Mitteilung, die verlesen wird ..." sagt zuppa. stimmt auch alles, geh ich mit. und finde aber, dass man genausogut sagen kann: es ist ein märchen. ein echtes einundzwanzigstesjahrhundertmärchen, unter dem direkt stehen könnte:
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …
(wollt ich noch angemerkt haben ... entschuldigung ...]

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