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Irene
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29.09.2008, 18:11 / 1 x geändert
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Die Muata und´s Kreiz (Tiroler Mundart)
A Kreiz
hats kriagd im Kriag
fürs Kindakriagn
d´Muata
Gschmerzt
hats ihr allweil
des Kreiz
da Muata.
Unterm Kreiz
hats bet´
zua Schmerznsmuata -
d´Muata.
Eingschlafn is´füa immer
- in d´ Händ´
a Kreiz -
d´Muata.
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ear
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Sei gegruesst, Irene.
Die Schlichtheit deines Gedichtes im Dialekt hat mich angesprochen.
Geh ich recht in der Annahme, dass der Gegensatz des Mutterkreuzes und des echten Kreuzes deiner Mutter viele Schmerzen bereitete?
Soweit ich es erinnern kann, ging es um arische kinderreiche Familien. Das Mutterkreuz war gedacht als “Auszeichnung”, aber im Grunde erniedrigte es eine Mutter zur Gebaererin.
Deine Mutter starb unter in Schmerzen, aber mit dem echten Kreuz.
Ich wuenschte, ich koennte dir diese Zeilen auf Plattdeutsch schreiben, leider kann ich es nur lesend verstehen, ear.

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augustine
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Das hätt' ich nicht gedacht, Irene, dass sich zu meinen Berolinensien nochmal was anderes Dialektales gesellen würde.
Meine drei Versuche waren natürlich zuerst hochdeutsch. Das Interessanteste damit hab' ich allein erlebt: dass nämlich eigentlich alles im Dialekt anders formuliert werden musste.
Drum also die Frage: hast du das ähnlich erlebt? Eher denk' ich nicht, denn dein Dialekt ist sicher im Alltag immer gegenwärtig und nicht als minder angesehen wie das Berlinische, das ja wirklich nicht schön, aber treffend und geistreich ist, wenn's die Richtigen sprechen.
Grüße aus dem Flachland. augustine

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Irene²
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30.09.2008, 07:43 / 1 x geändert
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Hallo!
Danke für eure Notizen zu meinem Gedicht.
Ich wollte darin ausdrücken, wie sich das Kreuz - als vielschichtiges Symbol für Aufopferung, Schmerzen, Vergebung, aber auch Glaubenshoffnung und Erlösung - vielgestaltig durch das Leben eines Menschen ziehen kann.
Ich selbst bin ja nicht wirklich religiös, aber gerade hier in Tirol ist der Katholizissmus gerade in der älteren Generation ein sehr tiefverwurzeltes Element im Leben, das die Menschen und ihre Lebenswelt formt.
Es stimmt, daß hier in Tirol der Dialekt allgegenwärtig ist - es klingt komisch, wenn jemand nicht in der Mundart spricht. Dennoch fühlt es sich immer etwas eigenartig an, in der Mundart zu schreiben, da die gewohnte Schriftsprache ja das Hochdeutsche ist. Ich könnte keinen Mundarttext zuerst in Hochsprache vorbereiten, weil er nicht wirklich gut zu übersetzen wäre, so unterschiedlich sind die Sprachmelodien von Hochsprache und Dialekt, daher entstehen meine Mundartgedichte immer eher aus dem Stehgreif - ich hangle mich dabei wie Tarzan an der Sprachmelodie entlang...mit Reizwörtern (hier: Muata, Kreiz) als Lianen :-).
Zu diesem Text habe ich einmal eine Audioaufnahme gemacht - ich muß mal sehen, ob ich sie finde, dann poste ich später noch die Linkadresse zum Reinhören.
Liebe Grüße
Irene
edit: hier die Audiodatei: http://www.ironirene.com/muata3.wav

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augustine
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Ist sehr, sehr schön, wie du dein Gedicht sprichst! augustine

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ear
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Liebe Irene, das dunkle Timbre deiner Stimme und
die bewusst gesetzten Pausen
geben jedem Wort monumentales Gewicht.
Danke, ear.

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windflug
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Liebe Irene,
auch mir gefällt dein Mundart-Gedicht sehr gut. Das karge Wortmaterial passt wunderbar zum Inhalt. Durch die Beschränkung auf die immer gleichen Worte öffnet sich für mich eine Welt, die fremd und gleichzeitig vertraut wirkt.
Gesprochen verstärkt sich einerseits diese Fremdheit, da ich den Dialekt beim Hören schwerer verstehe als beim Lesen, andererseits folge ich gern der Sprachmelodie und höre dann einfach mehrmals.
Es ist schön, dass du hier schreibst. Auf mehr freut sich
windflug

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zuppanova
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grüss euch, Irene und alle.
hmm, auf die gefahr hin, dass ich mich in die nesseln setze, muss ich doch etwas anmerken, was mich stört an diesem text.
es ist ja so, dass die "machart" einfach zu erkennen ist (das meine ich überhaupt nicht abwertend; oft ist ein "einfaches", gekonnt umgesetztes konstruktionsprinzip bei texten sehr wertvoll): eine person, nämlich d’ Muata (fast schon allegorisch zu lesen - fast ...) wird porträtiert, charakterisiert, um-malt mit dem Kreuz, das sie trägt (in mehrerlei hinsicht). kreuz: dies ein wort mit einem reichen semantischen feld religiös-mythischen ursprungs, schließt ein auch oder v.a. das bild des christlichen glaubens-kreuzes, von den nazis missbräuchlich zum mutter-kreuz gemacht.
nun arbeitet der text sehr stark mit diesem oben beschriebenen semantischen feld, bewegt sich darum herum - außer im zweiten päckchen: da kommt plötzlich ein ganz anderes bedeutungsfeld herein, nämlich das kreuz als (mundartlicher) begriff für wirbelsäule, rückgrat; das religiöse wort-sinn-feld wird verlassen, unvermittelt, unvorbereitet wird übergewechselt in ein völlig anderes - dies ist eine technik, welche man gut benutzen kann, um zu parodieren, um komik zu erzeugen, was ja aber hier keinesfalls gewollt ist; dennoch liegt dieser effekt einer (hier unfreiwilligen) komik für mich etwas in der luft bzw. im gedicht, zumal es auch der einzige derartige wortfeld-wechsel ist.
da sehe ich eine schwachstelle, die mir, wenn es mein text wäre, wahrscheinlich keine ruhe ließe.
ansonsten: ja.
lg, zuppa.

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augustine
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01.10.2008, 16:20 / 1 x geändert
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Da muss mal ich dir widersprechen, zuppa:
auch das erste "Päckchen" enthält ja nicht 'Kreuz' als religiösen Begriff, sondern es geht ums so genannte Mutterkreuz der Nazis (ab 4 Kindern); dann dadurch das Kreuz mit dem Kreuz der Wirbelsäule, wie du weißt; dann erst die religiöse Bedeutung von Kreuz; man könnte also sagen: in der zweiten Hälfte des Textes, der mir wirklich gut gefällt (weil das Einfache so schwer ist), kommt die religiöse Bedeutung des christlichen Kreuzes ins 'Bild'. (Das ist im Übrigen auch eine gewordene; die Kreuzigung war im Römischen Reich die offizielle Tötungsart für politische Verbrecher oder die man dafür halten wollte ...)
Nix für ungut und trotzdem einen herzlichen Gruß - augustine

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zuppanova
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ja, den zusammenhang und inneren ablauf des textes, so wie du ihn beschreibst, augustine, hab ich schon hergestellt, das ist stimmig - dennoch, trotz der brücke ("verleihung des mutterkreuzes" / "schmerzen im kreuz vom kinder kriegen") bleibt für mich ein gewisser (im wahrsten sinne des wortes) komischer beigeschmack im zweiten paket. aber es mag eine persönliche sache sein, und es ist nicht weiter wichtig, den focus darauf zu legen.
lg, zuppa.
ps:
das "mutterkreuz" ist für mich nicht ohne zusammenhang (semantisch) zum religiösen kreuz (bzw. dem, was noch hinter der christlichen konnotierung steht, s. dein hinweis): allein schon vom "bild" (link) her ist die anspielung auf das christliche symbol genuin gegeben (eine art "pervertierung" des alten symbols halt; sicher auf tieferer ebene nicht zufällig); beim "kreuz"="wirbelsäule" fehlt dieser zusammenhang für mein verständnis zunächst völlig, muss also im text erst einmal über die gedankenbrücke "kinderkriegen-kreuzschmerzen" vom leser erschlossen und aufgebaut werden; so meinte ich es, und insofern ist das zweite päckchen für mich tatsächlich anders in der wortfeld-qualität als die drei anderen.

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augustine
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Ja, zuppa, danke für die Anschauung.
Wenn man jetzt noch hinzunimmt, was unter "Eisernem Kreuz" zu finden ist und auch unter "Hakenkreuz", dann sieht man eindrücklich, dass das "Mutterkreuz" eine 'Gestaltung' aus christlichem und Eisernem und Hakenkreuz ist, also außerchristlich-religiös (das Hakenkreuz eigentlich ja ein Sonnenrad), christlich-religiös und militärisch. Reichlich viel Bedeutsamkeit, nicht?
augustine mit Grüßen an alle, die sich die Auseinandersetzung mit solcher Emblematik zumuten möchten.

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zuppanova
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die verbindung nazi-mutterkreuz und christliches symbol hat auch noch folgende bedeutsamkeit: beides signaturen von systemen, welche, eines wie das andere, "die frau" instrumentalisiert und auf die rolle der gebärerin festgelegt bzw. zur gebärmaschine degradiert haben.
(das ist jetzt sehrsehrsehr verkürzt formuliert, ich weiß; aber zu weiterem und tieferem ausschweifen langt grad die zeit nicht. wollt's als gedankensplitter dazu tun.)
zuppa, die eilige.

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Jolante
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Auch auf die Gefahr hin, mich allseits unbeliebt zu machen, will ich etwas anmerken. Das Gedicht gefällt mir in Form und Klang, wenig aber in seiner Aussage. Für mich besteht das Problem darin, dass es Klischees bedient und ein Mutterbild heraufbeschwört, das ich gelinde gesagt als kitschig empfinde, wobei mir das Lesen noch erträglicher ist als das Hören.
Nix für ungut, Irene,
und Abendgrüße in die Runde
Jolante

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Irene²
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01.10.2008, 23:21 / 3 x geändert
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Hallo!
Liebe Jolante - daß es in deinen Augen ein kitschig-anmutendes Mutterbild zeichnet, kann ich dir nicht wirklich übelnehmen. Die beschriebene Mutter könnte durchaus einem Bergbauerndrama entspringen, dennoch gab und gibt es solche Figuren in der Realität ebenso: eine Frau, die gewollt oder ungewollt viele Kinder geboren hat (die sie möglicherweise ohne einen Vater, der dem Krieg zum Opfer fiel, aufzog), stets ein hartes, arbeitsreiches und schmerzvolles Leben hatte - getragen wird sie von tiefer Religiosität. Erst im Sterben bringt ihr das Kreuz, das ihr Leben begleitete, die Erlösung, welche im katholischen Glauben vordergründigster Gehalt dieses Symboles ist. Eine tatsächlich fremd anmutende Figur, welche vielleicht einer aussterbenden Art angehört?
@zuppanova: ich finde es interessant, daß dieses körperlich-werden im zweiten Absatz doch so irritiert. Über diese Betrachtung muß ich auf jeden Fall noch einmal nachdenken.
Liebe Grüße und danke für euer Interesse an meinem Text.
Irene

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kirmesbollo
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Guten Morgen Irene.
Ich kann den bisherigen Beiträgen zu Deinem Gedicht kaum etwas hinzufügen, da es für mich einfach „funktioniert“. Betrachtet man dies Frauenbild, welches da gezeichnet wird isoliert, kann es sicher kitschig anmuten, finde ich verständlich. Doch vor dem Hintergrund der vielen Mütter, die tatsächlich ein solches Leben gelebt haben, gibt es vielfältige Wirkungen, die dieses haben kann. Für mich ist Dein Gedicht, welches ein ereignisreiches Leben in wenigen Zeilen herunterbricht, leicht distanziert, ja fast dokumentarisch, eher ein tragisches Stück. Die Tragik wohnt für mich in den Etappen, die die Mutter hier auf ihrem Lebensweg durchläuft.
Das Kreuz für das „Kinder kriegen“, hier in Allianz mit dem Krieg, eine eher militärische Auszeichnung für einen „eher menschlichen Vorgang“. Dann, und das ist für mich die einzige (beinahe) Schwachstelle des Textes, das Kreuz (Rückrat), dass ihr schmerzt, durch schwere Arbeit, Kinder austragen etc. Nein, eine Schwachstelle ist es eigentlich nicht, denn so haben sich zahllose Biographien dieser Zeit präsentiert, harte Arbeit, Demut, Leben für die Förderung der „Wehrkraft“ der Heimat, Selbstlosigkeit, ja kritiklose Hinnahme ihrer Rolle in der Geschichte, also: STORNO, definitiv keine Schwachstelle, das Bild ist stimmig im Kontext. Mag sein, dass ich mich durch eine vorhergehende Kritik in diesem Eindruck habe beeinflussen lassen, aber nun finde ich es eher zwingend, dass diese Symbolik auch die Wirbelsäule streift. Danach dann das Gebet zur Mutter des Schmerzes höchstpersönlich, die der Muata ein solches Leben in ihrer Religiosität erträglich macht. Zuletzt bietet ihr das Kreuz dann selbst im Tod noch Trost. Die Symbolik des Kreuzes zieht sich konsequent durch die Zeilen und beeinflusst ein ganzes Leben, in dem dieses Symbol einen größeren Stellenwert einnimmt, als die Mutter, die es gelebt hat. Das ist tieftraurig, erzählt mir ein, von Verzicht und Fremdbestimmung geprägtes Drama um Selbstaufopferung und Fremdbestimmung. Ich finde, da ist Dir ein großer Wurf gelungen. Der Text ist dicht wie Plutonium, weder zu plakativ, noch zu kryptisch, er hat Melodie und vermag den Leser / die Leserin lange gedanklich zu fesseln.
Gruß & Kompliment vom kirmesbollo

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Irene²
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Danke...das tut sehr gut.

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