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      jürgen h.



Sind alle gegangen

   26.09.2008, 13:21



SIND ALLE gegangen
beginnt das Vermissen
Die Diebe behalten
den Tatort: dich

Vergessen, das hieße
dich totschweigen, wieder
verbrennen. Ich denke
daran, voll Angst

die Tage abzählend
an denen wir eins sind
Zum ersten Mal sterben
wir ohne Wut

(Sept. 07)

 

      lost



Sind alle gegangen

   26.09.2008, 14:45 / 1 x geändert



Die Satzzeichensetzung ist uneinheitlich - manche sind da, andere fehlen. Absicht?

SIND ALLE gegangen, beginnt das Vermissen. Die Diebe behalten den Tatort: dich. Vergessen, das hieße dich totschweigen, wieder verbrennen. Ich denke daran, voll Angst die Tage abzählend, an denen wir eins sind. Zum ersten Mal sterben wir ohne Wut.

 

      augustine



Sind alle gegangen

   26.09.2008, 16:46 / 1 x geändert



lostige Listigkeit, die Sache mit den Satzzeichen? Möglichkeit, den Text als prosaisch auszusetzen?

Denn: Man darf schließlich keine oder nur die Satzzeichen setzen, die man dem Leser zum Verstehen anbietet.
Das hätt' ich nicht moniert. Aber: soll denn nun ein Metrum da sein oder keins, Jürgen?

Einen gelungenen Satz finde ich den: Die Diebe behalten den Tatort:dich. (Als Prosa zitiert, weil ich auf die Gedanken raus will.) Vielleicht war's der Anlass des Schreibens; vielleicht war gerade ein Jahrestag.
Vergessen aber, scheint mir doch, ist nichts Aktives; und warum "totschweigen", warum, dies vor allem, "wieder verbrennen" - da war schon mal was verbrannt? Und wenn, neben den doch unmetaphorischen Wörtern vergessen und totschweigen (oder genauer: darin ist die eigentliche enthaltene Metapher schon erstarrt) verbrennen metaphorisch sein soll (denn realistisch scheidet doch aus), dann weiß ich nicht weiter.
Überhaupt sind (erst) Vermissen und (dann) Vergessen vorweg-genommene Ängste in einer Zeit des 'Eins-Seins'. Dies so genannte (Liebes-) Eins-Sein (es graust mich!) ist doch aber oder meint zu sein gerade dadurch gekennzeichnet, dass die Außenwelt ignoriert wird, dass zwei nur aufeinander zu(zu)leben (meinen); da zählt doch niemand Tage, das geht (für mein Verständnis) psychologisch nicht.
Und dann: sterben, ohne Wut? Wodurch ausgelöst?
augustine - auf andere Lesarten und die Autor-Intention wartend.

 

      lost



Nun ja ...

   26.09.2008, 19:22



... ertappt, augustine. Nicht übel fände ich es, wenn der Autor diesen Text unter "Notizen“ gestellt hätte. Da wäre eine kleine Geschichte dahinter zu sehen*, etwa so:

Ein geliebtes Du ist gestorben; nach der Trauerfeier "sind alle gegangen", und das Sprecher-Ich bleibt zurück mit dem Vermissen, mit Abschiedsschmerz, den Erinnerungen, dem Vergessenwollen und Dochnichtvergessenwollen und so weiter; im "verbrennen" steckte womöglich die Feuerbestattung - der Vorgang des Sterbens bzw. des Bestattens wäre ein Diebstahl, das Du eben der Tatort, die Diebe wären die Flammen - vielleicht; man könnte so lesen.
Dieses "Zum ersten Mal sterben wir ohne Wut“ kennzeichnete so etwas wie ein schicksalannehmendes erstes Zur-Ruhe-Kommen des Sprecher-Ichs, ein Akzeptieren dessen, dass mit dem Du auch dieses "Wir", die Beziehung, sterben wird, wobei allerdings verwirrt, wenn zugleich noch die Tage des Eins-Seins gezählt werden. Dies könnte nun als Hinweis aufgefasst werden, dass der Tod des geliebten Du noch nicht eingetreten ist (s. augustines Lesart), sondern vielmehr Ich und Du des Textes (noch) eins-seiend voller Angst Tage zählend unausweichlich auf diesen Moment des Abschieds zusteuern und das Spr.-Ich vorwegnimmt, wie es sich wohl fühlen wird, sobald die Stunde X wird eingetreten sein.

Nun aber möchte der Text nicht Notiz sein, sondern wird als Gedicht präsentiert, was mir ein wenig hoch gegriffen erscheint.
Fast möchte ich sagen, als "Gedicht“ genommen habe dieser Text nicht sehr viel mehr zu bieten als vage in der Luft hängendes Wortklingeln, bedeutungsschwanger schnaufendes Gemurmel, das durch Anhäufung gewisser press-button-words (vermissen, vergessen, totschweigen, verbrennen, Angst, eins-sein, Wut, sterben) "Tiefe" oder "Empfindung" oder "inneres Ringen" oder "das Menschliche an sich und überhaupt" und dgl. mehr simulieren möchte, aber doch nur disparates Sprachgedümpel bleibt, ratlos ohne rechten Biss die Wörter kauend, latente Gefühligkeit raspelnd, und nach einem unästhetischen, in abgegriffener Wendung gebrauchten Partizip (voll Angst die Tage abzählend - cave participium! das macht sich nur gut, wenn es passt, ohja!) schließlich dem sich abwendenden Leser in einer Geste blässlicher Hoffnung ein schnell aus dem Hut gezaubertes "Wir" hinwerfend. (Letzte Rettung. "Wir" ist immer gut. Da wird doch wohl keiner "nein" sagen!)

Vermutlich formulierte ich zu extrem. Wenn dem so ist, bitte ich a) um Vergebung und b) darum, das granum salis gütigst extrahieren und auf die Zunge sich legen zu wollen.

best, lost.

__________________
* die man bei Gelegenheit einmal ordentlich verdichten könnte ...

 

      jürgen h.²



Nun doch ...

   28.09.2008, 21:45



Ach, ich bedanke mich für die intensive Beschäftigung mit dem Gedicht. Das Metrum sollte den Inhalt verschnüren, so war's gedacht, aber die Korsage passt nicht an jeder Stelle so recht, ich weiß. Ich teile das Unbehagen an Z8-10 und kümmere mich um eine Lösung.

> press-button-words
Das hat was. Als Zwiegespräch angelegt erfüllen die Wörter ihren Zweck.
Zur Interpunktion: Eine Überlegung wert, die Zeilenenden in diesem Fall ausnahmsweise auch zu verschließen, die muss man nicht auch noch vermissen.

Grüße an augustine und lost,
Jürgen




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