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      augustine



Mitte

   22.09.2008, 18:19 / 6 x geändert



MITTE 
 
Vom Spreenweg seit langem geschieden, 
nun für gezählte kostbare Tage 
zurückgekehrt an die Spree, 
wohne ich näher als sonst 
sommerlich quellenden Wolkengetümen 
oder milden Frühherbstschleiern; 
nahe aufgegrabenen fast vergessenen Klosterfundamenten 
hier auf der Insel, 
nah auch babylonischer Wahrheit; 
ganz nah einem Flussarm, 
und auch der Bahn meiner Kindheit 
mit den zaubrischen Namen, so unerklärt damals: 
"Spittelmarkt", "Hausvogteiplatz" 
und ganz einfach, ganz genau: 
"Stadtmitte". 
Hier: in der Mitte zu sein
Unter mir pulst die vielspurige Leipziger Straße 
im Rhythmus der Ampeln 
die warme Septembernacht durch. 
Einst führte sie zu Fannys und Felix' Musik. 
Ich denk' mich dahin, 
aber nahe dem Oktogon erklingt kein Oktett mehr. 
Ach, Sehnsucht nach rückwärts ist widersinnig. 
Sieh aber: Sehnsucht nach meiner Stadt, erfüllbare, 
hab' ich immer 
und nach der Philharmonie, 
ihrem jubelnden Herzen. 
Dort ist sie manchmal gestillt, das ist wahr, 
und, ja, solche Erfüllung ist wirklich doch schon 
größer gewesen als vorher das Sehnen. 
 
(Cöllnisch-Berlinisches,
dort nächstens gedacht) 

 

      zuppanova



Mitte

   24.09.2008, 00:19



augustine, dies ist eine sehr rhythmisierte (daktylische) reiseerzählung, durchgearbeitet (metrum) und sprachlich sorgsam gestaltet.
die MITTE ist - in der mitte des textes, hier pulst die stadt in der gegenwart, davor und danach: erinnerungen an eine kindheit, sehnsüchte, auch erfüllung.
für mich eine sehr gelassene, abgerundete beschreibung des reiseerlebens mit leisen autobiografischen anmerkungen.

lg, zuppa.

 

      Jolante



Mitte

   24.09.2008, 12:14 / 1 x geändert



Ein schönes literarisches Reisebild ist dir, augustine, mit diesem ausdrucksstarken Gedicht gelungen. Das lyr.Ich findet in der Erinnerung an seine Vergangenheit und dem Genießen der Gegenwart in der Stadtmitte Berlins auch seine eigene Mitte. Die Einsicht "Ach, Sehnsucht nach rückwärts ist widersinnig" löst nicht nur leise Melancholie aus, sondern öffnet den Blick auch auf Gegenwärtiges, Substanziielles und Unverbrüchliches, das diese Stadt und besonders die Spreeinsel dem lyr.Ich auch heute noch zu bieten hat. Besonders angesprochen haben mich die Schlussverse "...und, ja, solche Erfüllung ist wirklich doch schon größer gewesen als vorher das Sehnen." Als Leserin fühle ich mich mitgenommen auf eine Reise, die mitten ins Herz dieser Stadt führt, zugleich aber auch einen Blick in die Seele des lyr.Ich`s erlaubt. Dem Gehalt dieses sehr persönlichen Gedichts entspricht auch die zentrierte äußere Gestaltung und ein Rhythmus, der die sanften Töne pulsierend durch alle Verse trägt.

Grüße von Jolante

 

      Gerd



Mitte

   18.11.2008, 21:27



Die erste Zeile dieses feinen Gedichts ist mir doppeldeutig. Dieses "geschieden" erscheint mir als getrennt von einem Lebensentwurf als auch von eben jenem Ort. Das Wertvolle an der Rückkehr liegt mir mit dem Ort verbunden. Das "näher wohnen als sonst" zeigt mir auch mehr gefühlte Nähe, Mitgezogenheit mit Fluss und Wolken. "Mitte" wird unterstrichen mit den "sommerlichen" und gegensätzlichen "Frühherbstschleiern" sowie der "Insel". "nahe ausgegrabenen fast vergessenen" leitet das immer tiefere Erinnern bis in die Kindheit ein, die Fundamente des heutigen Ichs. Das Pergamonmuseum finde ich auf der Insel, doch ist mir die "babylonische Wahrheit" unklar. Liegt hier der Bezug in den kulturellen Wurzeln des Abendlandes, wo auch Babylonier ihre Spuren hinterlassen haben oder der Ausstellungstitel "Mythos und Wahrheit"? Vom Flussarm übergeleitet in die Bahn der Kindheit, finden sich mystische oder magische Worte der Kindheit, die den Ort und auch einen Teil Kindheit selbst dazu haben werden lassen. Gelöst wird die Entrückung durch schlicht verständliches, die Mitte, in jeder Hinsicht. Hier ist der Balancepunkt des so ausgewogenen, fließenden Gedichts. Das Ich hat hier seine Mitte/Gleichgewicht, was es sehr intensiv empfindet, verdeutlicht im ausgestellten „sein“. Gerade noch ganz hier und jetzt, weht das Ich schon hinüber in Erinnerung an Konzerte mit Musik der Geschwister Mendelssohn-Bartholdy. Oktogon heißt heute ein Restaurant am Leipziger Platz. Stand dort oder in der Nähe das Wohnhaus des Geschwisterpaares? Oktett - der Bruder hat ein solches für Streicher geschrieben. Wehmut klingt mit in diesem „Ach“ und dem Erkennen. Doch löst sich das Sehnen auf im Erfüllbaren der Stadt und des Selbst und der gefundenen größeren Erfüllung, als dem was dem Sehnen innewohnte. Sehr versöhnlich ist dieser persönliche Weg in die Mitte, aus dieser heraus und wieder hinein. Ein verwunschenes und wirkliches Stück Selbst und Heimat, das seinen stimmigen Rhythmus durchgängig bewahrt und seinen Leser einatmet mit dem Fluss und sanft wieder entlässt.

Liebe augustine, Danke für diese Reise mit Dir in Deiner Stadt und Mitte.

Grüße aus meiner Stadt in die Deine
Gerd




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