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Jolante
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08.09.2008, 17:41 / 2 x geändert
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zerstoßene worte
wollen nicht zergehen
auf gelähmter zunge
deine kälte auftaun
in schweigeminuten
eisblumen ausspucken
als stummes gedenken
an deinen fernen lenz

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windflug
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Liebe Jolante,
ein bedrückender Text, dessen Bilder ich als sehr stimmig empfinde. Die kurzen, zum Teil unvollständigen Sätze atmen Kälte und Verlust. Trauer wird als Starre, als Verstummen fühlbar. Gleichzeitig schaffst du aber durch die Verbindung zum Erinnern (Eisblumen - Lenz) am Ende doch noch einen Anklang an etwas Wärmeres. Das Gedenken an das, was die geliebte Person einmal war, bringt einen Hauch von Schönheit in das Entsetzen, auch wenn die Eisblumen ausgespuckt werden.
Es ist gut auch solche Texte hier lesen zu dürfen
findet windflug

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ear
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10.09.2008, 12:01 / 1 x geändert
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Liebe Jolante,
Der Titel deines kurzen Gedichtes “Eiszeit” koennte bedeuten, dass sie nur einen gewissen Zeitraum umfasst, dass Eisblumen vielleicht von einem, in weiter Ferne liegenden, Lenz abgeloest werden koennten.
So sehe ich, trotz der Trostlosigkeit, einen Hoffnungsschimmer.
Zerstossene Worte: aber etwas blieb, die Buchstaben, oder zumindest der Nachklang; denn sie verwehren das Vergehen und hoffen, trotz Laehmung, auf erneute Waerme.
Die Minuten des Schweigens erzeugen, ungewollt kunstvoll geformte Eisblumen, in Erinnerung an einen lang zurueckliegenden Fruehling mit echtern Blumen.
Der Titel 'Eiszeit' koennte auch bedeuten, dass diese nur eine gewisse Zeit dauert,aber unzerstoerbare Spuren hinterlaesst.

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augustine
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19.09.2008, 01:49 / 2 x geändert
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Du hast keine gliedernden Satzzeichen gesetzt, liebe Jolante, in diesem kurzen Text, der mir umso rätselhafter erscheint, je öfter ich ihn nun schon gelesen habe.
Damit lässt du die Möglichkeit offen, ihn als einen Satz zu lesen:
die zerstoßenen Worte "wollen nicht":
*"zergehen/auf gelähmter zunge"
* wollen nicht jemandes Kälte auftauen
* wollen Eisblumen [endlich) ausspucken (bis Schluss)
Diese Worte, die das schreibende Ich (enthalten darin, dass ein Du angeredet wird) bei diesem Du 'zerstoßen' glaubte, glaubte zerstoßen zu haben; Worte, die es hat zurücknehmen wollen, also wohl kränkende, verletzende, das Gegenüber verfehlende Worte - diese Worte ZERgehen nicht unter dem ZERstoßenwerden, das also vielleicht zu gewaltsam war; die Zunge des/der anderen bleibt gelähmt, kalt und kann das (ich denke mir: verzeihende) Wort nicht aussprechen, die Eisblumen nicht ausspucken, die aus einem fernen (zurückliegenden) Lenz geblieben sind (er muss zurückliegen, weil man nur eines Erlebens gedenken kann, das zurückliegt). Allerdings bin ich bei dieser letzten Stelle unsicher, würde da eher einen fernen Lenz vermuten.
Eine vom schreibenden Ich versuchte Versöhnung nach langer Zeit, die nicht gelang,
fragte sich und dich: augustine -
ehe sie bemerkte, dass der verstörende Text unter "Tod" steht. Dann allerdings kriegen die
gelähmte zunge,
die kälte,
die schweigeminuten,
die eisblumen,
das stumme gedenken
noch einen anderen Sinn: den des Abschieds von einem Toten - mit dem die Versöhnung nicht gelang. So?
a.

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Jolante²
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24.09.2008, 13:17 / 3 x geändert
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Liebe windflug, ear, augustine,
über eure Resonanz auf mein Gedicht habe ich mich sehr gefreut. Jede von euch hat es nach eigenem Verständnis interpretiert, und ich habe viel Übereinstimmung dabei festgestellt.
Die Initialzündung zu diesem Gedicht erhielt ich durch die Lektüre der Novelle "Schweigeminute" von Siegfried Lenz, die mich sehr beeindruckt hat. Was ich dann aber geschrieben habe, hat sehr viel mit dem Inhalt meiner Kurzgeschichte "Zeit zu gehen" zu tun, deren Veröffentlichung in diesem Forum sich gerade gejährt hat. Leider beherrsche ich nicht die Technik des Verlinkens, aber wer nachlesen will, kann dies unter der Rubrik "Kurzgeschichten" tun. Hier geht es in der Tat um den Abschied von einer Toten, mit der zu Lebzeiten die Versöhnung nicht gelang. Dass ich die Worte "Schweigeminuten" und "Lenz" (statt Frühling) in dem Gedicht verwendet habe, war eine kleine Hommage an Siegfried Lenz, dessen Novelle mich zu Reflexionen über Kälte und Sprachlosigkeit im Angesicht des Todes angeregt hat. Dass jede Zeile dieselbe Anzahl von Silben aufweist, war beabsichtigt, um das Monotone zu verstärken. - Ich danke euch für einfühlsames Lesen.
Jolante

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