Kafka lesen · Petronius · ·


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      Petronius



Kafka lesen

   07.09.2008, 18:48 / 2 x geändert



...muss man nicht unbedingt.

 

      augustine



Kafka lesen

   17.09.2008, 12:34



Ach, bitte, Petronius: erklär dich mal näher. Wird da noch eine Begründung nachfolgen? Aber der Satz, das Sätzchen (2 x geändert, soviel Sorgfalt hast du dran gewendet!!), steht hier, wie ich sehe, schon über eine Woche so alleine rum, dass ich mich nun doch frage: was soll's? Denn dass einer Kafka nicht mag, nun gut, das gibt's. Dass einer, der erklärtermaßen Lyrik nicht mag, einen der Größten unter den Prosaisten auch nicht mag, finde ich verwunderlich und als Forumsbeitrag zudem von gar keinem Interesse. Aber vielleicht hast du Andeutungen gemacht irgendwo anders, die mir durch Abwesenheit entgangen sind? Ich habe das meiste gelesen, aber nicht alles.
Um freundliche Aufklärung also bittet
augustine

 

      Vladimir



Kafka lesen

   17.09.2008, 19:34



Aber nein, augustine, hier stand etwas! Nur warum nicht mehr, Petronius?

 

      lost



Moos lausche dem Boden - Kafka konkret ...

   17.09.2008, 20:24 / 1 x geändert



Nein, Kafka lesen muss man nicht unbedingt. Es gibt Wichtigeres als "Kafka". Wichtigeres als "lesen". Andererseits, so etwas:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

fordert natürlich heraus. Wie soll man Kafka denn lesen, wenn man ihn liest? Verleitet doch die aufdringliche Gleichnishaftigkeit seiner Texte dazu, sie in Allegorisierungen zu übersetzen, womit dann das Interpretationsmuster für eine Prosaminiatur wie "Die Bäume" beispielsweise festgelegt ist (Parabel!) - der Schnee als Metapher für Trug, Täuschung und Schein; die unklare Beziehung, welche zwischen Stämmen und Boden herrscht, als Bild für das, was an der "Realität" problematisch ist. Aber wird man dadurch diesem kleinen Kafkatext wirklich gerecht? Ist das die "Bedeutung" des Textes?

Es gibt in der Kafka-Rezeption/-Interpretation dieses Postulat, dass man ihn "beim Wort nehmen" müsse, dass man die Aufmerksamkeit nicht so sehr, nicht nur auf das weltanschaulich zu Deutende in seinem Werk richte, sondern auch und vielmehr auf seine sprachlichen Verfahren (wollte Herr Petronius auf Ähnliches hin mit seiner Aussage, man müsse Kafka ganz konkret lesen? Selbstthematisierung der Literatur?) - vielleicht sind die dunklen Baumstämme im Schnee nichts weiter als Symbole einer Condition Humaine der Moderne, schwarze Chiffren auf weißem Papier, Buch(en)staben, i.e. Schrift, Wort, Sprache: das Unhintergehbare, zugleich Unzugängliche, welches aus Kafkas Texten heraus in besonderer Weise kommuniziert mit dem Leser, ihn einerseits hineinzieht in die Imaginationsprozesse des Textes, ihn zum Akteur des Textes, welchen er deutend ergänzen muss, macht, andererseits jedoch eben diesen selben Leser alle Autonomie verlieren lässt an das erzählstrategische Spiel des circulären Textes: Sprache dient nicht (mehr) dazu, jenen Ankerpunkt aufzuspüren, in welchem das Dilemma von Sein und Schein endlich aufgehoben ist, die Sprache ist selbst nichts anderes als eine Bewegung, welche dieses Dilemma umkreist, umtanzt. Kafkas Signatur: Es gibt kein Erzählen hinter dem Erzählen. Es gibt keine Ankerwirklichkeit, aus der sich Bedeutung ableiten ließe.
Das Verwirrende, Faszinierende an Kafka ist vielleicht, dass er dem Leser beständig winkt mit einem Blatt, auf dem der Code steht zum Entschlüsseln des Textes, aber jedesmal, wenn der Leser die Hand ausstreckt, zieht Kafka, zieht der Text das Blatt mit dem Code darauf zurück.

Und so auch Petronius. Zog zurück die Betrachtungen über das Moos und den Boden. Zog zurück auch anderes mehr. Warum? Kein Leser weiß es ... insofern hat dieser Faden tatsächlich ein gewisses kafkaeskes Etwas ...

 

      Petronius²



Kafka lesen

   23.09.2008, 18:14



Ich entschuldige mich für diese Löschung.

Manchmal verspüre eine gewisse Traurigkeit, dies als Antwort auf augustine.

Ich entschuldige mich nochmals für diese Löschung.

Danke für den Kommentar von lost, den ich im Moment allerdings nur zum Teil verstehe. Aber ich werde darauf zurückkommen. Einstweilen werde ich meinen ursprünglichen Text (ohne Änderung) einstellen.

 

      Petronius²



Kafka lesen

   23.09.2008, 18:17



Ich meine:

Wenn man Kafka lesen will, muss man ihn konkret lesen. Das Konkrete hat Arme und Beine, das Abstrakte ist ein schemenhafter Begriff. Man muss das Bild betrachten, das in der nebligen Luft steht wie eine Projektion, und die Vergleiche übersetzen in Wirklichkeit. Man muss die Wirklichkeit so nehmen, als ob sie Stimme hätte und zu uns spräche. Statt unsere Begriffe auf die Wirklichkeit zu legen wie ein Moos sich über den Waldboden legt, spricht der Boden das Moos an und erzählt uns von den Nöten seines Bodenseins.

Wenn sonst der Vergleich eine Flucht vor der Wirklichkeit ist, dasjenige, was gerade jetzt und hier nicht besteht, sondern anderswo, und wo man Linien zieht von diesem Anderen zum Gegenwärtigen, mischt sich bei Kafka der Vergleich in das Gegenwärtige, beschreibt und erklärt es, bis er es ersetzt und dadurch durchsichtig macht.

Wenn etwas flüchtig ist im Halbschlaf der Eile, dann wird von der Eile gesagt, dass sie sich selbst flieht, doch dieser Flucht nur zur Hälfte gewahr wird. Wenn einer die Treppe hinuntereilt wie über eine schiefe Ebene, dann haben sich die horizontalen und vertikalen Linien in die Wahrheit des Abwärts verwandelt. Wenn sich aus der Wand heraus die Tür öffnet, so beschreibt sich der Vorgang des Türöffnens aus seiner eigenen Bewegung heraus. Von Schnelligkeit wird alles ergriffen und fällt in die Ferne. Hier beschreibt sich die Geschwindigkeit als etwas Ergriffenes und Fallendes, sie wird gepackt und ist Opfer, dann rächt sie sich und fällt. Und dass Menschen in der Dämmerung scheinen, wie sie wirklich sind, gibt dem Dieb die Ehre, der im Halblicht die Geldtasche stiehlt, wie denn auch im Darkroom der schwule Mann zu sich selbst kommt oder zu sich selbst zu kommen scheint.

Doch Vorsicht vor den Vergleichen, man darf sie nicht wörtlich nehmen, denn in ihnen lauert dasselbe Nicht wie in der Wirklichkeit selbst, sind sie doch selbst Wirklichkeit, nur eben woanders:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

 

      Petronius²



Kafka lesen

   23.09.2008, 18:31 / 1 x geändert



Doch ich möchte eine Korrektur daran setzen, nur wenige Wíorte geändert: es ist ein "uns" gestrichen und ein "Richtig ist:" angefügt, statt "woanders" "in einem fremden Raum", mehr nicht. Dann wird es der Text, den ich schreiben wollte.

 

      Petronius²



Kafka lesen

   23.09.2008, 18:32 / 1 x geändert



Ich meine:

Wenn man Kafka lesen will, muss man ihn konkret lesen. Das Konkrete hat Arme und Beine, das Abstrakte ist ein schemenhafter Begriff. Man muss das Bild betrachten, das in der nebligen Luft steht wie eine Projektion, und die Vergleiche übersetzen in Wirklichkeit. Man muss die Wirklichkeit so nehmen, als ob sie Stimme hätte und zu uns spräche. Statt unsere Begriffe auf die Wirklichkeit zu legen wie ein Moos sich über den Waldboden legt, spricht der Boden das Moos an und erzählt von den Nöten seines Bodenseins.

Wenn sonst der Vergleich eine Flucht vor der Wirklichkeit ist, dasjenige, was gerade jetzt und hier nicht besteht, sondern anderswo, und wo man Linien zieht von diesem Anderen zum Gegenwärtigen, mischt sich bei Kafka der Vergleich in das Gegenwärtige, beschreibt und erklärt es, bis er es ersetzt und dadurch durchsichtig macht.

Wenn etwas flüchtig ist im Halbschlaf der Eile, dann wird von der Eile gesagt, dass sie sich selbst flieht, doch dieser Flucht nur zur Hälfte gewahr wird. Wenn einer die Treppe hinuntereilt wie über eine schiefe Ebene, dann haben sich die horizontalen und vertikalen Linien in die Wahrheit des Abwärts verwandelt. Wenn sich aus der Wand heraus die Tür öffnet, so beschreibt sich der Vorgang des Türöffnens aus seiner eigenen Bewegung heraus. Von Schnelligkeit wird alles ergriffen und fällt in die Ferne. Hier beschreibt sich die Geschwindigkeit als etwas Ergriffenes und Fallendes, sie wird gepackt und ist Opfer, dann rächt sie sich und fällt. Und dass Menschen in der Dämmerung scheinen, wie sie wirklich sind, gibt dem Dieb die Ehre, der im Halblicht die Geldtasche stiehlt, wie denn auch im Darkroom der schwule Mann zu sich selbst kommt oder zu sich selbst zu kommen scheint.


Richtig ist:

Doch Vorsicht vor den Vergleichen, man darf sie nicht wörtlich nehmen, denn in ihnen lauert dasselbe Nicht wie in der Wirklichkeit selbst, sind sie doch selbst Wirklichkeit, nur eben in einem fremden Raum:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

 

      zuppanova



Fragen

   24.09.2008, 00:07



Petronius, ich finde es gut, dass du deinen Text wieder eingestellt hast. Ich lese ihn als Ab-Bild-ung eines (deines) persönlichen Zugangs zu Kafka, so etwas wie eine Quintessenz der Lektüre seiner Texte. Aber ich verstehe noch nicht alles.

>> Statt unsere Begriffe auf die Wirklichkeit zu legen wie ein Moos sich über den Waldboden legt, spricht der Boden das Moos an und erzählt uns von den Nöten seines Bodenseins. <<

Insbesondere an diesem Satz bleibe ich hängen. Die Schwierigkeit:

Dass "wir" nicht Begriffe auf die Wirklichkeit legen, sondern dieser "direkt", "ohne etwas dazwischen" lauschen sollen --- was bedeutet das bzw. wie kann das gehen? Wie kann ein Mensch die "Wirklichkeit" - was auch immer das sein mag; vielleicht gibt es die ja gar nicht; vielleicht existiert gar keine "Wirklichkeit", vielleicht existieren nur Begriffe, und das, was wir als Wirklichkeit erleben, wird durch unsere Begriffsbildung erst konstituiert? ... aber mal angenommen, es gibt sie, die Wirklichkeit - wie kann dann also Wirklichkeit wahrgenommen werden ohne Begriffe/Begriffsbildung (Sprache? Denken?)? Ich stelle mir Wahrnehmung, die auf mich einstürmt, ohne dass ich eine Chance hätte, sie begrifflich zu ordnen, äußerst beängstigend vor: eine Entkopplung, die ich eher mit schizophrenen Zuständen im akuten psychotischen Schub oder während eines LSD-Trips oder anderweitig provozierten Ekstasen der extremeren Sorte in Verbindung bringe, aber auf (Kafka-)Lektüre nicht so richtig anwenden kann.

Aus dem zweiten Teil des Satzes heraus verstehe ich aber, dass etwa Folgendes gemeint sein dürfte: Kafkas Texte sind der von seinen Nöten berichtende "Boden", und der Leser ist das "Moos", und das Moos soll sich zurückhalten, soll sich nicht gleich auf den Boden legen und ihn abdämpfen in seinem Erzählen, sprich, der Leser soll sich bei der Lektüre von verkrusteten, eingefahrenen Begriffen lösen, diese nicht auf den Text (gleichzusetzen mit der "Wirklichkeit") legen, sondern Kafka eben "neu" und "konkret" lesen, ohne bereits vorgefasste Denk- oder Interpretationsmuster. Ist es so gemeint?

Mir scheint die Verknüpfungslogik zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Satzes nicht zu passen.

lg, zuppa (rasch auf dem Nachtflug notiert).

 

      augustine



Fragen

   24.09.2008, 13:30 / 2 x geändert



Ja, nun ist also dieser Text wieder da, Petronius. Du warst ein wenig traurig - auch hier verstehe ich den Grund nicht wirklich, muss es ja auch nicht und frage dich nicht danach, sage nur erstmal: so sehr ich weiß, dass man sich als Trauriger unwohl in sich fühlt und diesen Zustand sicher gern bald beenden möchte, so sehr fand ich die Mitteilung anrührend.
(Du hättest dann deinen Text etwas weniger umfänglich einstellen können, nicht doppelt, sondern mit einem Editierungshinweis; aber das ist nicht wirklich wichtig.)

Wichtiges haben lost und zuppa schon geschrieben.
Ich mache nur eine grammatische Anmerkung und benutze dazu nochmal den schon zitierten Satz:

>> Statt unsere Begriffe auf die Wirklichkeit zu legen wie ein Moos sich über den Waldboden legt, spricht der Boden das Moos an und erzählt uns von den Nöten seines Bodenseins. <<

Die Logik stimmt auf der untersten Ebene nicht, weil die Grammatik nicht stimmt; der erste Teilsatz bis legt ist, wie alle Konstruktionen mit 'statt zu', 'um zu' und dergleichen ein unvollständiger, der kein eignes Subjekt hat, sondern das des Hauptsatzes ist zugleich auch seins (nennt man Infinitivkonstruktion). Hier also: der Boden. DER sollte also grammatisch unsere Begriffe auf die Wirklichkeit legen. Das erscheint auch bei Kafka sinnlos. Wer sich nun aber um unsere Begriffe kümmert, bleibt in der Luft hängen. Deshalb ist der Satz unlogisch.

Übrigens macht ja auch das einen Teil des ungeheuren Reizes aus, der von Kafka ausgeht: DAS passiert ihm nie. Der Satzbau ist immer perfekt.

Grammatische Grüße! augustine

 

      SimonLore



Kafka lesen

   13.06.2010, 22:41



...aber zu seiner Zeit, da musste man ihn lesen. Und darum kommt man nicht an ihm auch heute nicht vorbei. Er hat der Literatur damals neue Perspektiven eröffnet.

Ich gab einem Bekannten (Informatiker) Kafkas Verwandlung zu Lesen. Seine eloquente und scharfsinnige literaturwissenschafliche Kritik dazu: "Blödes Buch. Da passiert ja gar nichts."
Erst als ich ihm vermittelte, wie revolutionär es seinerzeit gewesen sein musste, dem Leser einfach den Plot und die Lösung vorzuenthalten, und dass er dieses blöde Buch doch mal lesen solle, als sei es die Geschichte eines Menschen, den eine plötzliche Behinderung bettlägrig gemacht hat, konnte er dem ganzen etwas abgewinnen.

Seine Darstellung der Bürokratie, einer ziel- und sinnlosen Maschine, die fast ausschließlich selbstbezüglich existiert, ist heute aktueller denn je.




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