Gretchen
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Der Flüsterer
Ostern, Pfingsten, das hatte sie hinter sich gebracht, das war einigermaßen überschaubar gewesen. Schlimm, wirklich schlimm gerieten ihr in diesem Jahr jedoch die Sommerferien. Zu viel Zeit. Freizeit. Bah.
Gott, wie sie ihre Schüler vermisste, die kleinen oder größeren Kämpfe, den ganz speziellen Lärm in den Klassen, die Widerspenstigkeiten, die Ausflüchte, das Herumgedruckse, das Kichern, ach, und dann aber ihre Siege, wenn sie Noten verteilte, doch, immer wieder auch Siege ... und nun ... Ferien. Nichts. Hitze. Schier unerträgliche Augusthitze, Langeweile und abends schweigend neben Hartmut, der nie, wirklich nie etwas auf den Punkt brachte, der sie unruhig machte mit seinen ausschweifenden Elogen über Gott und die Welt, seinem geistlos optimistischen Vor-sich-hin-Philosophieren. Oh, schrecklich - diese sprechblasenschaumigen verbalen Ergüsse, dieses nimmer enden wollende Blubbern, Abend für Abend.
Schrecklich.
Nachts konnte sie nicht schlafen. Sie wälzte sich hin und her im Bett, lange, gepeinigt von Hartmuts kakophonen Atemgeräuschen, erhob sich schließlich und tappte - ohne Licht anzumachen - hinunter in die Küche, um Wasser zu trinken. Und so, während sie von dem mit Eiswürfeln gekühlten Wasser nippte, nachts, von der stummen, heißen Sommerferienlangeweile gestachelt, fiel es ihr endlich auf.
Der Eisschrank. Der Eisschrank flüsterte. Anfangs verstand sie ihn nicht, aber nach und nach hörte sie sich ein, doch, und er sprach nun jede Nacht zu ihr, flüsterte, murmelte, brummte, immer dasselbe, ein Klagelied war es, ein Betteln, ein Flehen. Sie öffnete seine Tür, einen Spalt weit nur, lehnte sich gegen die erleuchtete Öffnung und fühlte die kribbelnde Kälte heraussickern, oh, diese seine wolkige Kälte, die gegen ihr kurzes Nachthemd stieß, darunterkroch, ihren Bauch leckte, flüsternd leckte. Unglaublich. Es war unglaublich, was der Eisschrank ihr zuraunte: Er war hungrig.
Hungrig.
Er wollte Hartmut.
Als die Schule wieder begann, als sie schließlich zurückkehren durfte in die Gärprozesse der Klassenzimmer, in diese Atmosphäre unkalkulierbarer Unruhe, die sie brauchte, um sich aufzuladen, als sie endlich wieder unterrichtete, diesen unauslotbaren, desinteressierten, hämischen, haltlosen, hilflosen, unzuverlässigen Jugendlichen gegenüberstand, war es zu spät. Sie war dem Eisschrank verfallen, seinem allnächtlich sie leckenden Flüstern, dem sie nachgeben würde, ja, oh ja, weil es neue, ungekannte Sensationen versprach, eine andere, abgründigere, tiefere Art von Kitzel - ihr Entschluss stand fest.
Der Eisschrank sollte Hartmut bekommen, in den Weihnachtsferien würde sie es tun, würde ihm Hartmut übergeben, wohlportioniert, um endlich, endlich diesen großen Hunger zu stillen.

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