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Vladimir
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11.08.2008, 17:14 / 3 x geändert
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Wieder dem Schweigen zugefallen.
Wieder die Wolken zählen. Eins
und eins. Und in den Bildern allen
gehören; alle: aber keins
verwandelt. Ihre Firnißblüten
- sie blenden, immer, nur; ein Wüten,
wo mich der Ruf schon tröstete
nach dir... "Da war verschwunden..." Lötete
die Welt dich wirklich ein? Sieh: schwände
mit dir dies Wehen auch - wie wär
ich reich und arm und klein und leer...
Doch all dies Rufen bleibt. Es blende,
meldet des Auge und verrät
was in ihm wüchse, was mich bät'.

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augustine
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Ein erster Antwort-Versuch, Vladimir, zunächst einmal mir klarzumachen im Schreiben, warum ich dies Sonett so, ja, sehr, sehr schön finde (obwohl es die formalen Anforderungen mehrfach nicht erfüllt, aber das soll jetzt nicht mein Thema sein; Silben nachzählen, Reime nochmal unter die Lupe nehmen, auch Reimschemata, Zäsuren, das kannst du selbst).
Einen Zustand, möglicherweise, will das Sonett greifen, der im Wolken zählen (einem Bild für das Schweigen, das mich an Schäfchen zählen erinnert) eine Anschaulichkeit für einen Zustand sucht, der mir ein wenig im Eigenen eingeschlossen erscheint oder sogar regressiv und auch nicht zum ersten Mal da ist. ('Regressiv' ist vielleicht zu stark - ich kam drauf durch eins und eins - vielleicht erste Schritte in einer bis dahin unbekannten Umgebung.).
Die Bilder verstehe ich nicht; es könnten Wolkenbilder sein, wie man sie sieht, wenn man auf dem Rücken liegend in den Himmel sieht, aber auch Wolken auf Bildern, gemalten Bildern, oder auch die Bilder, die man sich vorweg macht von Neuem; allerdings: die gehören nicht allen.
Keines der Bilder verwandelt; das lese ich aktiv: es verwandelt (nicht); verwandelt das Ich derzeit nicht, erreicht es nicht in seinem Schweigen. Die Firnißblüten sprechen für gemalte Bilder. Die blenden, statt zu verwandeln (wie Kunst verwandeln kann), sie stoßen ab, sie wüten (die Formel für die Härte des Abstoßens - "immer, nur" - finde ich sehr gelungen).
Nun erst ein Ich, ein Du: Das Rufen lese ich (jetzt, weil ich auf dieser Spur bin) als: das Rufen eines Ichs nach einem Du in der Kunst, das sonst schon als Ruf getröstet hat, in der erlebten Gewissheit, dass daher Trost käme. Aber etwas (was genau?) ist verschwunden; und wer sagt das?
'einlöten' auch schön; auch sieh: nein, das Ich glaubt nicht, dass die Welt den Zugang zur Kunst verschlossen hat, dass dies Wehen wirklich verschwände; dass es äußerlich/weltlich zwar reich, im Innern aber arm und klein und leer bliebe; über Lötete nicht nur im Strophenenjambement, was ja schon kühn genug wäre, sondern auch am Übergang von den Quartetten zu den Terzetten könnte ich noch was schreiben, aber das lasse ich jetzt.
Nein: das Rufen bleibt. Das Auge/ das Ich ist nur zeitweise geblendet. Es wächst etwas Neues und ruft auch und bittet, nicht als Gegensatz zu dem Ruf verstanden zu werden, der bisher zumeist Trost gegeben hat.
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Nun ist dies Gedicht, Vladimir, ja aus dir entstanden, und also hast du ein Verständnis davon, das ich nicht haben kann. Du brauchtest es nicht aufzuschreiben, du hast ja ein Gedicht geschrieben. Du kannst dich jetzt verstanden, teilweise oder aber gar nicht verstanden fühlen. Vielleicht ist meine Spur falsch gewesen. Vielleicht habe ich aber auch - du weißt, was ich meine - das eine oder andere gesehen, was du nicht bewusst geschrieben hast, was aber in dem Sonett enthalten ist.
Sei gegrüßt. Dies zu schreiben war eine Freude. augustine
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Vladimir²
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Dank dir, augustine. Es tut gut, so gelesen zu werden.
Deswegen nur ganz kurz und bevor ich gleich los muss:
Die Form ist eigentlich nicht die eines klassischen Sonetts (das hast du erkannt), aber auch nicht eine zusammengewürfelte, sondern die der Strophen in Pushkins Eugen Onegin - auch pushkinsches Sonett genannt. Daher also Reimschema, Tetrameter, und Strophenlosikgeit (der Reiz dieses Schemas ist eben gerade, dass es offen lässt, ob man ein englisches oder italienisches Sonett draus macht oder noch ganz was andres).
Dann: "verrät" im dreizehnten Vers - das ist verraten im Sinne von verleugnen! Die Hoffnung, oder zumindest die Wende gegenüber dem Anfang muss also noch woanders gesucht werden. (ich wüsste leider auch nicht, wie ich diese Bedeutung deutlicher hätte machen können)
"Tröstete" ist als Konjunktiv gedacht, aber eigentlich gefällt es mir auch in der Doppeldeutigkeit ganz gut - also Vergangenheit. Wichtig eben nur das: "Jetzt nicht".
"Da war verschwunden...", das ist der Punkt, wo das lyr. Ich auf einmal sich selber hört, wie es das schreibt oder sagt oder erzählt, und dieses schon von außen auf sich gucken führt dann weiter, gibt den nächsten Impuls (da könnte es zur Ruhe kommen - tuts aber nicht). Wichtig ist aber eigentlich nur dies "von außen".
So. Ich will deine Deutung nicht widerlegen - es soll ja alles gelten, was da herauskommen kann aus dem Text, gerade wenn mit so einer Sorgfalt gelesen wird. Also kannst du vielleicht mit diesen wenigen Stubsern daran weiterspinnen?
Es grüßt vor zartem Morgenhimmel,
Vladimir

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