Vladimir
|
Mir ist gestern die Idee gekommen, dass man seinen Selbstmord teilweise zumindest dadurch erklären könnte, dass die verneinende Kraft, die sowohl in Lotte als auch in Albert zwar da ist, sich aber bis zum Ende nie so klar artikuliert, dass sie Werther als "Nein" wirklich gegenüberstehen könnte, von ihm, der diese Entscheidung aber brauchte, da sein Leben in dem Moment nunmal seine Liebe war, in sich hineingenommen worden war.
Der Druck, der von seiner Liebe ausging, wurde nie richtig zurückgewiesen und nicht in vollem Umfang angenommen (er ging bei ihnen ein und aus etc.).
Dem "Nein", das einfach aufgrund der Konvention von Anfang an in der Luft lag, leistet er folge, wenn er wegzieht und diesen merkwürdigen Beamtenposten annimmt. Aber er glaubt zu wenig an solche Konventionen, ist zu sehr Stürmer und Dränger, um nicht dem wenigen "Ja", das von Lotte doch trotz allem ausgeht, zu folgen, und sich mit nicht weniger als einem "Nein" ihrer oder Alberts Seite zufriedenzugeben.
Trotzdem fühlt er dieses "Nein" natürlich, und die Unbedingtheit seiner Liebe fordert eine Manifestierung entweder auf der einen oder der anderen Seite - er behält Lotte das "Ja" vor und übt die Kraft der Verneinung in sich selbst - dadruch wird die Schwebe weiter ermöglicht - er hält sich soweit es geht zurück und fordert keine Klärung.
Als Albert schließlich über die selbst zerrissene Lotte (da offenbart sich sein ganzes falsches Mitleid) das doch entscheidende "Nein" nur antippt, wieder nur in Verbindung mit dem "doch" der weinenden Lotte - da es also vorrausgesetzt aber wieder nicht ausgeführt wird (Begegnung Albert - Werther: Lass meine Frau in Ruhe, wenn du sie noch einmal besuchst, fordere ich dich zum Duell ... ), aber die Liebe ohne diesen Widerstand nicht auskommt und ohne ihn durchbrennen würde (das will Werther nicht - sie so verletzen), vollstreckt er es an sich selbst.
Nicht dass er so ganz Liebe ist, bringt ihn dann um; sondern, dass er durch sein ganz Liebe sein gezwungen war, den Widerstand gegen sich, den die beiden anderen nicht aufgebracht haben, selber zu verkörpern.

|  |