Monsterfisch · yupag · ·


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      yupag



Monsterfisch

   25.07.2008, 00:50



Er liebte es, zu angeln. Der Jagdinstinkt, der sich wohl in allen Männern von der Steinzeit bis heute erhalten hat, wollte regelmäßig befriedigt werden. Angeln bot ihm dazu die beste Möglichkeit, besser als auf der Autobahn Kleinwagen zu bedrängen, sich in heiße Liebesaffären zu stürzen oder mit Schlachtgesängen auf den Lippen gegnerische Fans aus Fußballstadien zu jagen. Nein, er war ein Einzelgänger und er genoss es, stundenlang geduldig am Wasser zu stehen, zu warten, bis endlich an der Leine ein leichter Ruck zu spüren war, um diese dann langsam und vorsichtig einzuholen und sich dem Augenblick der Wahrheit zu nähern. Das war der Moment, in dem sich zeigt, was an der Angel hing und in dem er entschied, ob er sein Opfer an Land ziehen und den Triumph des Sieges voll auskosten wollte oder ob er dem Fisch eine Möglichkeit der Flucht einräumte. In diesem Moment war er Herr über Leben und Tod, er verglich sich dann, sehr unpassend und anmaßend, mit einem Torero kurz vor dem Todesstoß. Dabei war gar nicht darauf aus, die Fische zu töten und zum Essen mit nach Hause zu nehmen oder anderen zu schenken. Er achtete sehr darauf, dass sie am Leben blieben, befreite sie vom Angelhaken und setzte sie dann wieder vorsichtig zurück in das Wasser. Aber den Höhepunkt seiner Jagd, einen großen Fisch an Land zu ziehen und einige lange Sekunden in der Hand halten, wollte er voll auskosten.

Das Vergnügen hatte nur einen Haken. Er hatte keinen Angelschein, weil er die Fischerprüfung auch im dritten Anlauf nicht bestanden hatte. Frustriert trat er daraufhin wieder aus dem Angelverein aus, auch weil die Anglerfreunde ihn partout nicht heimlich angeln lassen wollten. Um seiner Leidenschaft trotzdem nachgehen zu können, ging er nachts an den großen Fluss und warf die Schnur an einer abgelegenen, schwer einsehbaren Stelle aus. Dass er das nur allein und im Geheimen machen konnte, gab dem Unternehmen einen zusätzlichen Reiz. Und dass er niemandem etwas von seinem Jagdglück erzählen konnte, war zwar schade, weil das Wichtigste am Angeln das Prahlen mit den Erfolgen ist, aber das nahm er in Kauf.

Er liebte diese Nächte am Fluss, am Ufer sitzend, dem leisen Rauschen des Wassers lauschend und in mondhellen Nächten die spärlichen Lichtreflexe des Mondes auf den vorbeifließenden Wellen betrachtend. Gegen die Kühle der Nacht halfen ihm einige kräftige Schlucke aus der Wodkaflasche. Es war gar nicht so wichtig, dass er nur gelegentlich einen Fisch von bemerkenswerter Größe fing, wichtiger war die Ruhe und das Warten auf den großen Fang, der sich mit etwas Glück sicher einstellen würde.

In einer dieser Nächte traf ihn das Glück mit solcher Macht, dass es sich zu seinem Unglück wandelte. Es war schon spät, besser gesagt, es ging schon auf den Morgen zu und die Wodkaflasche war leer. Er saß auf den Steinen der Uferböschung, döste vor sich hin und hielt die Angelrute ganz locker, als ein heftiger Ruck sie ihm fast aus der Hand riss. Er wusste sofort, dass es ein großer Fisch sein musste und war im Nu hellwach und voll konzentriert. Er fühlte die Größe des Fisches an dem sanften, gleichmäßigen Ziehen, an dem Widerstand, der sich der Leine bot und dann sah er auch, zwar nur schemenhaft im Mondlicht, aber dennoch deutlich, einen riesigen, weißen Bauch aufleuchten.

Er erinnerte sich, vor ein paar Monaten gelesen zu haben, dass es hier im Fuß Welse gäbe, die bis zu zwei Meter lang und fünfzig Kilo schwer werden könnten. Man hatte ein solches Prachtexemplar bei einer Elektrobefischung gefangen, die ein Chemiekonzern zur Überprüfung der Wassergüte durchführte. Ein bekanntes Massenblatt hatte damals von einem Monsterfisch gesprochen. Und es fiel ihm auch „Der alte Mann und das Meer“ ein. Er liebte diese Geschichte und hatte sich so manches Mal vorgestellt, wie er den Kampf mit dem großen Fisch angehen und bestehen würde.

Er stand rasch auf und befestigte die Angel mit einem Karabinerhaken an seinem Gürtel. Dann stellte er sich, ganz dicht am Wasser, auf die großen, nassen Steine der Uferböschung und begann vorsichtig seinen Kampf mit dem Fisch. Zum Glück hatte er eine sehr stabile Angel mit einer dicken Schnur und einem Haken, der für kapitale Hechte und Zander ausgelegt war. Er musste nicht befürchten, dass eines dieser Teile reißen oder kaputt gehen würde. Eine gespannte Erregung ergriff ihn und er begann die Leine immer wieder einzuholen und nachzulassen, einzuholen und nachzulassen. Er wollte den Fisch ermüden und ihn vorsichtig in Richtung Ufer dirigieren, um ihn dann, nach langem Kampf, an Land zu ziehen. Er war erstaunt, wie wenig Widerstand der Fisch ihm anfangs entgegensetzte und dachte bei sich, dass der dumme Fisch offenbar noch gar nicht gemerkt hatte, in welch misslicher Lage er sich befand. Der Angelhaken in seinem Maul schien ihm allenfalls etwas Lästiges zu sein, das er bei Gelegenheit los werden musste.

Die Taktik des Ermüdens und Einholens wäre vielleicht aufgegangen, wenn er in einem Boot gesessen und der Fisch seine Kräfte durch das Mitziehen des Bootes verbraucht hätte. Aber er stand am Ufer und als der Wels endlich so reagierte, wie man es von einem Fisch an der Angel erwartete, nämlich mit mächtigen Schlägen von Flossen und Schwanz davon zu schwimmen, um sich zu befreien und der Gefahr zu entkommen, war der Effekt im wahrsten Sinne des Wortes mitreißend. Er hatte gerade die Schnur etwas eingeholt und die Kurbel festgeklemmt, als ein gewaltiger Ruck ihm die Angel aus der Hand riss und sie mächtig an seinem Gürtel zerrte. Er strauchelte und versuchte sein Gleichgewicht durch einen hektischen Schritt nach hinten wieder zu erlangen, glitt aber dabei auf den nassen Steinen aus und fiel ins Wasser. Der Fisch zog ihn ein paar Meter in Richtung Flussmitte. Die Strömung war an dieser Stelle recht stark und er war ein schlechter Schwimmer, außerdem hatte er Kleidung und Schuhe an, eine Flasche Wodka intus und die Angel zerrte an seinem Gürtel und behinderte ihn. Er konnte noch ein paar Hilfeschreie ausstoßen, aber dann war sein Schicksal besiegelt. Man fand beider Leichen ein paar Tage später, weit flußab, immer noch durch die sehr haltbare Angelschnur miteinander verbunden.

 

      Jolante



RE: Monsterfisch

   25.07.2008, 11:50



Hallo, yupag,

mir gefällt deine Anglergeschichte, obwohl ich schon öfters Erzählungen dieser Art gelesen habe und deshalb dieses Thema nicht mehr ganz so originell finde. Doch w i e du erzählst, das spricht mich an, mit einer Einschränkung: Ich würde die lange Einleitung weglassen und sofort mit Abschnitt 3 "Er liebte diese Nächte am Fluss, ...." beginnen. Die Aussage des Textes wäre konzentrierter und den Lesern würde nicht alles vorgekaut, was sie sich auch selbst denken könnten. Wie gesagt, mein ganz persönlicher Eindruck, vermutlich ohne Vorbildcharakter.

Liebe Grüße
Jolante

 

      yupag²



RE: Monsterfisch

   25.07.2008, 12:51



Hallo Jolante!
Danke für deinen Kommentar und die Sympathie, die du meiner Geschichte entgegenbringst. Es ist bestimmt so, dass alles, was man sich denken kann, schon irgend wann, von irgend wem in irgend einer Form gedacht, geschrieben, veröffentlicht wurde. Daraus den Schluß zu ziehen, dass man gar nichts mehr macht ist genauso falsch, wie Themen zum hunderttausendsten Mal aufzugreifen, die wirklich abgedroschen sind. Vielleicht gibt es einen Mittelweg.
Man könnte natürlich die Einleitung weglassen, aber ich denke, man sollte doch etwas über den Menschen, um den es da geht erfahren. Warum ist er nachts allein am Fluß, warum ist niemand in der Nähe, der ihm helfen kann. Ich denke, das ist wichtig, genauso wie die Motivation, warum er das überhaupt tut.
Gruß Udo




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