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Jolante
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14.07.2008, 21:57 / 9 x geändert
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An unserem letzten Tag in Weimar besuchte ich mit Robert den Jakobsfriedhof. Auf der Steinplatte einer efeuumrankten Grabstätte lasen wir Goethes berühmte Inschrift: "Du versuchst, oh Sonne, vergebens durch die düstren Wolken zu scheinen. Der ganze Gewinn meines Lebens ist, ihren Verlust zu beweinen." - Ein ergreifender Spruch, aber eben doch nur ein Spruch.
Wir streckten unsere Gesichter der Sonne entgegen, die es heute vielleicht uns zuliebe versucht hatte, durch die düstren Wolken zu scheinen. Eine nicht mehr ganz junge, gut aussehende Frau sowie zwei sehr alte Damen (Erbtanten?) stellten sich vor die Grabstätte und unterhielten sich in einem der Würde des Ortes angemessenen, gedämpften Tonfall. Die wenigen Wortfetzen, die an unser Ohr drangen, trieften vor bildungsbürgerlicher Beflissenheit. Doch es kam Bewegung in die Szene. Zu der damischen Gruppe gesellte sich ein hochgewachsener Mann, wohl der Gatte der jüngeren Frau. Er spielte sichtlich gelangweilt mit seinem Stern-Schlüsselbund. Das lange weiße Haar fiel ihm weichgespült auf die Schultern, zu abgewetzten Jeans trug er ein Jackett aus edlem Tuch, und, was mich nicht verwunderte, am Handgelenk eine protzige Uhr. Ungeduldig schaute er sich nach allen Seiten um, entdeckte aber wohl nichts, was seinem Jagdinstinkt Auftrieb gab, ... oder doch? Mit einer heftigen Bewegung griff er in den Strauch wilder Rosen im benachbarten Grab, riss und zerrte so lange, bis ein Stiel seufzend brach. Ich wünschte von Herzen, dass Goethes Röslein sich wehren und den wilden Knaben stechen möge, aber wie so viele Angeber hatte auch dieser Glück, und das Röslein ergab sich kampflos. Mit einer herrischen Geste schleuderte er es auf die Grabplatte der Christiane von Goethe, geborene Vulpius. Die Damen, noch immer ins Gespräch vertieft, ignorierten ihn und gingen leise plaudernd weiter. Er folgte ihnen mit Abstand.
Später, auf dem Weg zu Goethes Gartenhaus trafen wir ihn wieder. Er sah unzufrieden aus. Das weiße Haar flatterte im Wind und seine Finger ließen den Stern-Schlüsselbund kreisen. Als wir am Gartenhaus ankamen, saß die jüngere Frau mit den beiden alten Damen auf einer Bank, mit gedämpfter Stimme über Goethe plaudernd. Hin und wieder warf sie mit Schwung ihr langes blondes Haar zurück, und ihr goldnes Geschmeide blitzte im Abendsonnenschein. "Hat Heine auch Spuren hinterlassen in Weimar?", fragte ich Robert, doch der war schon weitergegangen. Er spielte mit dem Autoschlüssel.

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windflug
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Liebe Jolante,
schön, dich wieder einmal hier zu lesen. An deinem Reisebericht habe ich großes Vergnügen, besonders natürlich an der Episode mit dem wilden weißhaarigen "Knaben". Die Beschreibung ist köstlich zu lesen, die Ablehnung allen aufschneiderischen Gehabes ein Motiv, das ich auch aus anderen deiner Texte kenne und sehr sympathisch finde.
Ich kenne Weimar nicht, aber dein Text macht Lust darauf es kennen zu lernen.
Liebe Grüße
windflug

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yupag
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Hallo Jolante!
Schön, deine Beobachtungen in Weimar. Du schreibst von dem Abreisetag, d.h. du warst länger in Weimar, aber dein Beitrag betrifft nur den letzten Tag. Für mich ist Weimar einerseits natürlich die Hochburg der Klassik (damit wird schon fast zu sehr und zu penetrant geworben, aber sei es drum), die Stadt des Bauhaus und der Gründung der Weimarer Republik und es gibt auch sehr schöne Gebäude und Straßen, andererseits ist Weimar aber auch untrennbar verbunden mit Buchenwald und, was schlimmer ist, mit einer heute nicht mehr sehr rühmlichen Einstellung zum Nationalsozialismus, d.h. die Stadt war wohl ziemlich pro gewesen, damals. Eine Stadt, in der nationalistische, konservative Elemente das Sagen hatten. Aber das ist Vergangenheit. Geärgert habe ich mich allerdings sehr über den Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, den hätte man meiner Meinung nach verhindern können, wenn man die marode Elektrik rechtzeitig erneuert hätte.
Aber ingsgesamt ist Weimar natürlich schon ein Schmuckstück, so wie Heidelberg oder Rothenburg oder andere klassische Orte.
Gruß yupag

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augustine
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16.07.2008, 23:38 / 1 x geändert
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Liebe Jolante,
wie schön, dass du dir eine Episode herausgesucht hast trotz der vielen Goethe- und anderen Spuren, auf denen ihr gewandelt seid.
Dabei würde ich das Abreise-Einpacken und Am-Ende den-richtigen-Wagen-finden, wenn ich das sagen darf, ersatzlos streichen. Das ist so ein Rest vom Reisebericht-Rapport-Stil,den du ja sonst mit gutem Instinkt vermieden hast.
Im Mittelpunkt steht dieser etwas überjugendliche topgestylte ältere Herr, der eben das nicht sein will, wie es scheint, und auf sehr eigenartige Weise Blumen auf Christianes Grab schleudert; eigentlich hätte sogar das als Episode genügt. Sie ist mit schönen jolantischen Spitzen erzählt. Und doch hab' ich ein bisschen was zu kritteln:
"goldene Uhr" hätte gereicht
"Stern-Schlüsselbund" auch;
das Jackett "lässig", der Schwung der Damenhaare "elegant", ihr Armband "schwer" golden - das sind so stereotype Versatzstücke, die du nicht nötig hast
Nimm dies bitte nicht übel
deiner augustine
PS: Nebenbemerkung von einer, die auch gerade in Weimar war: Dieser Goethe-Spruch auf Christianes Grab erscheint mir ganz und gar verlogen von einem, der es vermieden hat, seiner sterbenden Frau auch nur geringst beizustehen; vielmehr bleibt er im Bett und nimmt weder an der Trauerfeier noch an der Beisetzung teil. Ja, er hatte diese Todes-Angst. Es wussten auch alle. Frau von Stein hatte die Rücksicht, vor ihrem Tod zu verfügen, dass der Trauerkondukt mit ihrer Leiche nicht am Frauenplan an Goethes Haus vorbeigetragen würde; so geschah es auch. - Wie es Goethe auf sich nahm, freiwillig doch, Schillers (vermeintlichen) Schädel einige Monate bei sich aufzubewahren, ist mir trotz Albrecht Schönes wunderbarem Buch (Schillers Schädel) ein Rätsel geblieben.
Aber dieser Grabspruch: doch nicht mehr als ein Gelegenheitsgedicht, wie sie ihm so leicht von der Hand gingen und wie die
Weimarer Gesellschaft es so oder ähnlich erwartete!

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zuppanova
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Jolante, grüsse dich,
hab mich gefreut, beim flug über’s forum von dir zu lesen.
hab dich schon vermisst gehabt, und dein weimarerianisches
textsouvenir erklärt nun, wo du stecktest: dem guten goethe nach-
gewandelt und dabei zeitgenossen untersucht (wahrscheinlich nicht nur
die, welche hier im text vorkommen) ... ich denk, wir könnten uns einmal treffen,
an einem irgend-ort, und jede hat ihren notizblock und stift und schaut, wer so
vorbei kommt, und hernach vergleichen wir dann, wen und was jede
"buchstäblich" festgehalten und abgebildet hat. dies genösse
die zuppa.

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augustine
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Etwas gibt's ja immerhin (d.h.bloß: ich kenne), yupag, das die Themen verbindet, die du berechtigterweise verbunden hast:
1) Dieter Kühn, Schillers Schreibtisch in Buchenwald ftb 17300, ffm 2007, €9,95 (ISBN - für mf - 978-3-596-17300-6]. Hab' ich in Weimar gelesen, gegenüber von Eckermanns Haus, aus dem der fröhliche ialienische Küchenlärm bis mitternachts kam; schon eigenartige Gefühle, wenn der echte, über den Krieg gekommene Schiller-Schreibtisch keine 200 m weit steht ...
2) Dann hab' ich gestern erwähnt:
Albrecht Schöne, Schillers Schädel, München ²2002, (ISBN - für mf - 3-406-48689-4), gibt's inzwischen, glaube ich, auch als tb. Ein Germanist (nicht irgendeiner) als Kriminologe, der Goethes Gedicht zu Schillers Schädel Im ernsten Beinhaus war's interpretiert (doch nicht recht hat, wie inzwischen erwiesen ist, aber nicht überholt ist)
Und sonst: Es gibt einen Weg vom Schloss Ettersburg nach Buchenwald, oben am Hang des Ettersberges; den sollte man gehen.
augustine

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Jolante²
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19.07.2008, 12:40 / 1 x geändert
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Ihr Lieben - windflug, augustine, yupag und zuppanova,
ich habe mich über euer Interesse an meinem jüngsten Text sehr gefreut. Von Übelnehmen kann keine Rede sein, liebe augustine, ganz im Gegenteil. Ich bin dir dankbar für deine kritischen Anmerkungen, durch die ich mich in meinen eigenen Zweifeln bestätigt sah. Ich habe deine Anregungen aufgegriffen und mich ganz auf die Episode beschränkt. Einen neuen Schluss gibt es auch. Jetzt gleicht der Text eher einer Kurzgeschichte als einem Reisebericht. Aber so soll es sein. Für mich jedenfalls fühlt er sich jetzt viel besser an.
Angeregte Grüße
von Jolante

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lost
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Jolante,
die Veränderungen bekommen dem Text sehr gut, finde ich. schön, wie der Schluss der Geschichte (durch Roberts Spielen mit dem Schlüssel) dem Leser noch, kurz bevor er entlassen wird, neue Spuren legt und den intimen Lebensbereich der Erzählerin untergründig verknüpft mit den unbekannten Grabbesuchern, die sie beobachtet. und auch Heine hat einen sehr gekonnt platzierten Auftritt.
eine rund erzählte, feine Reiseimpression.
regards, lost.

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augustine
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Hallo, liebe Jolante - da bin jetzt ich mal in der angenehmen Situation, mich einfach meinem Vor-Schreiber anschließen zu können; ja, das ist fein geworden so!
Und wie schön, dass du es selber empfindest: weniger (an Text) kann mehr sein (an Gehalt).
Liebe Grüße von augustine

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Jolante²
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lost und augustine,
wie habe ich mich gefreut über eure positiven Anmerkungen zu meiner
Textveränderung. Ich fühlte mich sogleich ermutigt, eine weitere Spur aufzunehmen und etwas über ein Punker-Pärchen in W. zu schreiben. Der kleine Text ist aber nach meiner subjektiven + objektiven? Meinung nicht reif fürs Zurschaustellen. Ihr seht, die Qualitätsdiskussion im Forum hinterlässt auch bei mir ihre Spuren.
Es grüßt Jolante

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yupag
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Hallo Yolante, mich würde das Punkerpärchen in Weimar mehr interessieren als Goethe und Schiller. Stell doch den Text ein, wenn du meinst, dass er als Grundlage für eine Weiterentwicklung dienen kann.
Gruß yupag

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