Der grüne Punkt · yupag · ·


Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      yupag



Der grüne Punkt

   01.07.2008, 00:03 / 2 x geändert



Männerphantasien - Der grüne Punkt

In dem schönen Gedicht von der Marie A. beschreibt Bert Brecht, wie er die Erinnerung an eine Frau über viele Jahre nur bewahrte, weil sich ihm das Bild einer flüchtigen Wolke am schönen Sommerhimmel eingeprägt hatte. Auch für ihn gab es eine Marie A. und die Begegnung mit ihr dauerte eine Sekunde, vielleicht auch zwei, länger bestimmt nicht.

Er war dabei ein Café zu betreten, als eine Frau ihrerseits hinaus gehen wollte. Ihre Wege kreuzten sich in dem engen Durchgang der Tür und sie stießen zusammen. Zusammenstoßen ist eigentlich übertrieben, es war nur eine flüchtige, aber dennoch deutliche Berührung. Überrascht durch den Schwung, mit dem er die Tür geöffnet hatte und durch die plötzliche Konfrontation, wollte sie ausweichen und drückte sich dabei einen kurzen Moment lang an ihn.

Der physische Kontakt, der beendet war, bevor er richtig wahrgenommen werden konnte, wurde durch einen leichten, nur schwach wahrnehmbaren, aber dennoch deutlichen Geruch ergänzt. In dem Moment der Berührung roch er sie ganz deutlich. Es war nicht nur der Hauch eines Parfüms, es war der Geruch nach Frau, nach nackter Haut, nach Schweiß. Gerüche können Abneigung, aber auch Aufmerksamkeit erregen und verstärken und genau solch eine Verstärkung empfand er in dem kurzen Moment ihres engen Körperkontaktes.

Zu der Berührung und dem Geruch kam dann noch der Klang ihrer Stimme hinzu, einer Stimme, warm, leicht vibrierend, anregend, die schon eine Botschaft war, ohne dass der Inhalt erkannt oder der Sinn der Worte verstanden werden musste. Er verstand jedoch, was sie in diesem Moment sagte, sie sagte „disculpeme“ - Entschuldingung. Das kurze Wort „disculpeme“, eine der Floskeln, die man oft gebraucht, ohne wirklich zu meinen, was sie aussagen, erhöhte die sinnliche Ausstrahlung dieser Frau um ein Weiteres.

Erst zuletzt nahm er sie auch optisch richtig wahr, nicht nur als Schatten, als diffuse Gestalt, die im Weg stand. Die Position der beiden Körper an diesem ungünstigen Ort und die Umstände des kurzen Aufeinandertreffens waren nicht geeignet, um sie eingehender betrachten zu können. Er war groß, sie viel kleiner und der Abstand war so eng, dass er nur ihren Kopf und Teile ihres Oberkörpers richtig sehen konnte. Von ihrer Kleidung fiel ihm nur eine braune, ziemlich durchsichtige Bluse auf, durch die ein heller BH schimmerte. Die oberen Knöpfe waren offen und er sah den Ansatz ihres Busens. Aber dieses erotische Signal blieb fast unbeachtet, genauso wie ihr Haar, das nur eine diffuse, dunkle Masse zu sein schien. Sein Blick blieb auch nicht an ihrem Gesicht hängen, das sie ihm, nach oben schauend, in diesem kurzen Moment voll zugewandt hatte. Es war eher unauffällig und er konnte sich später nicht einmal mehr erinnern, ob es besonders hübsch war. Auffällig waren nur ihre Augen, faszinierend schöne Augen, mit einem freundlichen, aber auch ein wenig provokativen Ausdruck.

Aber selbst diese Augen, deren Farbe er seltsamerweise später nicht mehr wusste und auch die Botschaft, die er aus ihrem Blick herauszulesen glaubte, hätte er längst vergessen, wenn da nicht ein grüner Punkt gewesen wäre, ein kleiner grüner Punkt am unteren Rand eines ihrer Augen. Er war Teil eines dezenten Make-up, vermutlich eines Lidschattens oder eines Farbstrichs, der die Augen betonen sollte. Vielleicht hatte sie ihn bewusst aufgetragen, eine kleine, raffinierte Irritation oder er war da, weil sie sich etwas nachlässig geschminkt hatte, jedenfalls war der grüne Punkt deutlich sichtbar. Er war für ihn der Höhepunkt ihrer kurzen Beziehung, der Kulminationspunkt, der i-Punkt, der für lange Zeit in seinem Gedächtnis haften blieb und auf den sich seine ganze Erinnerung an dieses marginale Ereignis reduzierte.

Die Begegnung war beendet und blieb ohne Folgen. Beide fanden ihren Weg durch die enge Tür, die Körper glitten aneinander vorbei, der Duft verwehte, das „disculpeme“ verhallte und das Gesicht mit den faszinierenden Augen hatte sich wieder abgewandt. Die Tür wurde geschlossen, er schaute ihr nicht nach und nur der grüne Punkt war ihm geblieben.

 

      augustine



RE: Der grüne Punkt

   03.07.2008, 01:24 / 1 x geändert



Yupag, ich störe mich an folgendem:
Der (auktoriale) Erzähler weiß geradezu ungeheuer viel über eine einzige Sekunde, von der er erzählt. Irgendein "er" hat sie erlebt (aber wie der Erzähler an die Geschichte kam, erfahren wir nicht) und nur den grünen Punkt (naja, erstmal die Gedanken in eine falsche Richtung lenken...) in der Erinnerung behalten.
Er, der Erzähler, weiß von einer kurzen Berührung eines Mannes mit einer Frau in einem Durchgang zu einem Café, einem anmachenden Duft, einer sinnlichen Stimme, einem lockenden Anblick, faszinierenden Augen und eben diesem kleinen grünen Punkt.
Das ist nicht schlecht erzählt. Aber jedes weitere Lesen zeigte mir mehr (vor allem natürlich erotische) Stereotypen. Das wird auch nicht dadurch besser, dass du alle noch extra erläuterst. Und wenn das so ist, wenn alles mit Stereotypen erzählt wird, dann ist die kurze Begegnung eben doch nicht wirklich gut erzählt.
Ein Beispiel: das Parfum ist natürlich "dezent", sie "verströmt" den Geruch, der erinnert den, von dem erzählt wird, an ...; und dann folgt eine allgemeine olfaktorische Erklärung.
Er will in das Café gehen, sie hinaus. Wenn in der einen Sekunde aber all das wahrgenommen wird, was erzählt ist: ja, dann müsste doch ein Grund dafür genannt werden, warum er ihr nicht hinterher geht!
Die Berufung auf Marie A. ist gerade nicht zutreffend, denn diese Erinnerung erzählt ein Ich! Der Erzähler hat selbst erlebt, was er mitteilt (fiktional oder nicht ist dabei egal). Hier aber 'weiß' er so fürchterlich viel, dass jedenfalls ich ihm das nicht glaube.
Ich verhehle auch nicht, dass mir das Wort 'Kitsch' eingefallen ist. Das ist jetzt ein ziemlich hartes Urteil, aber es kann ja dann diskutiert werden.

Grüße von augustine, die auf den einen oder anderen Text wartet, in dem du dich nicht mit deinen beschäftigst.

 

      yupag²



RE: Der grüne Punkt

   03.07.2008, 22:42



Hallo Augustine!
Zunächst vielen Dank, dass du dich gemeldet hast und für deine kritischen Anmerkungen. Ich verstehe nicht ganz, warum man solch eine Geschichte nicht aus der Erzählperspektive eines "er" erzählen kann. Der "er" hat das doch erlebt, daher weiß er, was los war und was er wahrgenommen und gefühlt hat. Ich wollte zwei Dinge erreichen, zum einen die Konzentration des eigentlichen Geschehens auf einen sehr kurzen Zeitraum (eine Sekunde), zum andern deutlich machen, dass diese Begegnung in der Erinnerung wegen einer Nebensächlichkeit, eben dem grünen Punkt geblieben ist. Es sind natürlich erotische Faktoren, die eine Rolle spielen, aber dass das nur Stereotypen sein sollen? Ich werde die Geschichte unter diesem Aspekt noch mal kritisch durchgehen. Ebenso wie der Hinweis auf Kitsch. Das will ich natürlich nicht erreichen. Wo ich dir recht gebe und was vermutlich überflüssig ist, sind die Anmerkungen zur Wirkung von Geruch und Stimme, aber warum soll das nicht sagen. Es klingt vielleicht etwas oberlehrerhaft. Du fragst, warum er nicht hinter ihr gegangen ist. Nun, ich meine das ist der Normalfall im Leben. Ich sehe manch eine schöne Frau in der Fußgängerzone, in einem Geschäft und gehe nicht hinter ihr her, obwohl sie mich einen Moment lang, vielleicht sogar eine ganze Zeit lang, beeindruckt hat. Das fände ich kitschig, wenn sich aus der kurzen Begegnung eine Beziehung ergeben hätte.
Ich weiß, ich weiß, ich soll mich auch zu anderen Texten äußern. Ich kann das aber nur zu einem, der mich anspricht (positiv oder negativ) und da habe ich noch nicht den richtigen gefunden, allerdings auch noch nicht viel gesucht.
Gruß yupag

 

      Petronius



RE: Der grüne Punkt

   28.07.2008, 11:07



In meiner Kritik möchte ich vor allem auf die "Gelehrsamkeit" aufmerksam machen, die auch augustine nebenbei angesprochen hat und dir selbst schon aufgefallen ist.

Das geht los mit dem Brecht-Gedicht: Bei einer solchen Einstimmung hatte ich eigentlich eine Gedichtinterpretation erwartet, keine Kurzgeschichte. Dann die "olfaktorische Komponente". Die klingt richtig gelehrt bzw. belehrend. Ergänzt durch den Satz "Gerüche sind intensive Signale.. usw". Eigentlich überflüssig und störend im Ablauf der Handlung. "Auch die Stimme eines Menschen kann schon eine Botschaft sein..." Auch dieser Satz "verströmt" einen Geruch von Lehrbuch über Lingustik.

Dagegen ist das Thema der Geschichte durchaus spannend: wie sich ein kurzer Moment in eine ganze Welt verwandeln kann, die von einem grünen Punkt zusammengehalten wird. Aber ich würde hier mehr eigene Fantasie erwarten, keine Vorlesung über olfaktorische, optische oder akustische Phänomene. Am gelungensten empfinde ich da auch die Beschreibung ihres Gesichts und ihrer Augen. Hier kommst du langsam "in Fahrt", entwickelst eigene Bilder.

Ich sehe nicht das Problem des "er" wie augustine. Der Erzähler darf durchaus einiges wissen, denken wir mal an den Zauberberg, wo Thomas Mann die allerintimsten Gedanken von Hans Castorp beschreibt, sogar noch darüber hinaus. Allerdings wird hier das "er" unglücklich eingeführt, durch den Anfang der Geschichte mit dem Brecht-Gedicht. Dadurch kommt das "er" unvermittelt ins Spiel, aus einer Gedichtinterpretation wird plötzlich eine Geschichte.

 

      yupag²



RE: Der grüne Punkt

   30.07.2008, 22:54



Danke Petronius, für deine Hinweise. Das mit der Einführung des "er" müsste ich nochmal überdenken. Die Geschichte mit dem Brechtgedicht anfangen zu lassen, fand ich ganz gut, weil ich die Gemeinsamkeit hervorheben möchte. In beiden Fällen ist eine eher nebensächliche Beobachtung der Grund für das spätere Erinnern.
Die olfaktorischen und optischen Anmerkungen können vielleicht weggelassen werden, mal sehen, ich probiere es mal. Es schadet nie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Gruß yupag

 

      augustine



RE: Der grüne Punkt

   31.07.2008, 00:46



Ach ja, "es schadet nie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren"; was ist denn das Wesentliche? und schadet es nicht manchmal doch?
Und ein Gespräch, an dem ich gerne teilnähme, käme nur zustande, wenn du einmal dein Verständnis davon darstelltest. Sonst war's nichts als name-dropping.
augustine

 

      yupag²



RE: Der grüne Punkt

   31.07.2008, 01:18



In diesem Fall ist das Wesentliche die Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau. Eine sehr kurze, aber für ihn intensive und anregende und nachhaltige Begegnung. Wie sie für sie war, bleibt offen, bestimmt längst nicht so nachhaltig, aber ich kann das schlecht beurteilen, weil ich mich nicht so gut in Frauen hineinversetzen kann. Da das Ganze aus Sicht eines Mannes geschrieben wird, ist es in dieser Geschichte,unwesentlich, ob die Frau etwas empfindet und was, das sein könnte. Ich könnte das auch gar nicht glaubwürdig beschreiben.
Unwesentlich sind hier, die, zurecht monierten, Hinweise auf die psychologische Wirkung von Gerüchen und Geräuschen, die einen belehrenden Charakter haben und die ich daher weitgehend weggelassen habe.
In anderen Geschichten stellen natürlich andere Dinge das Wesentliche dar, aber unabhängig von der Art der Erzählung und dem Thema, sollte man nach meiner Auffassung, das was man sagen will, möglichst konzentriert und klar und ohne Geschwafel ausdrücken. Es gilt die richtige Balance zu finden, damit man einerseits die Handlung ausreichend beschreibt, die Stimmung, die Gefühle oder was auch immer, aber andererseits den Leser nicht mit unnötigem Zeug nervt und ihm seine kostbare Zeit klaut. Das gilt m.E. nicht nur für Kurzgeschichten sondern viel mehr noch für Romane, die leider oftmals viel zu viel Unnötiges und Überflüssiges enthalten, aber Romane stehen ja hier nicht zur Diskussion.

Gruß yupag

 

      augustine



RE: Der grüne Punkt

   31.07.2008, 01:49



Falls du sie nicht kennst: schlag sie nach, die Begriffe: Erzählzeit und erzählte Zeit.
Bei deiner Geschichte ist die erstere extrem länger als die andere. So darf einer natürlich erzählen, und es ginge sogar gut und mit allen Sinneseindrücken auch noch - wenn du diese Grundkonstellation des Erzählens vorweg reflektiert hättest; hätte gut ironisch sein können.
Aber: interessiert dich Erzählen überhaupt so weit? (Fotos zu machen ist viel einfacher.)
nochmal a.

 

      yupag²



RE: Der grüne Punkt

   31.07.2008, 10:08



Fotos machen ist nicht unbedingt einfacher. Es kommt darauf an, welche Fotos man macht.
Wenn mich erzählen nicht interessieren würde, wäre ich doch gar nicht in diesem Forum.
Aber auch mit den Texten ist es so wie mit den Fotos, dem einen gefallen sie, der andere lehnt sie ab. Wenn man jemanden kennt, wenn der Autor bekannt, ja berühmt ist, ist das Produkt fast zwangsläufig gut, wenn der Autor unbekannt ist, der Leser bzw. Betrachter ihn nicht kennt, keinen Draht zu ihm hat, keine Beziehung, ist das Produkt kaum einen Blick, kaum ein Wort wert. Geh doch mal in ein Museum und schaue dir Fotos an, die von berühmten Leuten stammen. Sie sind oft nur deshalb "gut", weil sie großformatig sind, in einem bekannten Museum hängen, von irgend jemandem besprochen wurden, einen Trend darstellen oder was auch immer. Dagegen habe ich ja noch nicht mal was, es belegt nur meine These, dass in vielen Fällen die Kriterien für ein "gutes Werk" sehr, sehr subjektiv sind.

Gru ß yupag

 

      augustine



RE: Der grüne Punkt

   02.08.2008, 01:18 / 1 x geändert



Yupag, ich möchte dir dringend empfehlen, den Poesie-und-Leben-Faden ganz und sorgfältig zu lesen.
Dort hast du Beispiele für differenzierte Gedankenführung und -darstellung und Hinweise darauf, welche Fragen man an Texte stellen kann, um ein Urteil zu ihrer Qualität zu finden und zu stützen. Allgemeinplätze taugen nicht zur Argumentation.
augustine

 

      yupag²



RE: Der grüne Punkt

   03.08.2008, 00:00



Danke für den Hinweis. Ich habe versucht, mich einzulesen, kann aber weder mit den Beiträgen der Forumsmitglieder noch mit dem Originaltext von Hofmansthal allzuviel anfangen. Ich denke, um diese Feinheiten richtig zu verstehen und zu würdigen und dann auch noch für das eigene Schaffen etwas zu profitieren, braucht man schon fast ein abgeschlossenes Germanistikstudium. Das habe ich nicht und es liegt auch nicht in meiner Absicht, das nachzuholen. Ich möchte die Gedanken und Geschichten, die ich im Kopf habe, zu Papier (hätte man früher gesagt) bringen und hoffe, dass auch andere daran Gefallen finden. Natürlich möchte ich lernen und besser werden, deshalb bin ich ja auch hier, aber eins ist auch klar, ich schreibe auf der Basis, die ich mir im Laufe des Lebens erworben habe und die ist sicher eine andere, als die deine oder die von dritten. Und noch eine Anmerkung, wenn du meine Argumente als Allgemeinplätze abtust, mag das ja aus deiner Sicht so sein, du hast ja offensichtlich einen hohen Anspruch und legst gerne mal ein Wort auf die Goldwaage. Ich sehe das aber anders. Ich argumentiere so, wie ich es kannn, wie ich es mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Verstand gelernt habe. Den ich natürlich auch bei meinen Texten einsetze. Vielleicht sind sie daher nicht ganz dein Geschmack.
Gruß yupagi




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