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ear
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Mein Schwiegervater Douglas hat die spontane Idee, in die Stadt zu fahren. Sein Ziel ist, einen Laden zu finden, der 'Ye olde sweetie-Shoppe' heisst. Ipswich ist die groesste Stadt in Suffolk, aber er hat keine Ahnung, wo er suchen soll, denn jahrelang hat er seine Schwaeche fuer Suesssigkeiten aus Gesundheitsgruenden unterdrueckt. Er kaempft und entscheidet: “Was soll's, ich bin nun 97, meine Zaehne sind sowieso schlecht..”.
Er geht zum Polizei-Praesidium und wird hoeflich gefragt, wie sie ihm helfen koennten: “Ich brauche einen Stuhl und eine Tasse starken Tee mit Milch.”
Douglas hat, trotz seines Alters, eine beherrschende Stimme. Der Beamte laechelt ihn an. “Wie nett, einmal etwas Positives und Erfuellbares.” Er gibt per Handy durch, er brauche zwei Dinge, einen Stuhl und eine Tasse starken Tee mit Milch, nicht fuer mich, fuer einen alten Mann. Nein, keinen Becher.”
Douglas hat es ueberhoert und tritt dichter an den Schalter.”Ich bin nicht alt, kann noch hoeren, ich wohne ganz allein, koche, wasche und habe gerade meinen Rasen geschnitten. Meine Beine sind muede”, seine Stimme wird etwas kraechzend und stockender, “ich brauche dringend einen Stuhl”.
Es dauert dann aber doch noch ein paar Minuten, bis eine Polizistin die gewuenschten Dinge bringt.
Douglas nimmt Platz und schluerft voller Behagen den Tee. “
Seine Beine streckt er weit von sich und sieht den Beamten mit einem entspannteren Ausdruck an.
Dieser, ein Mann mitte fuenfzig vermutlich, wartet geduldig. Dann wiederholt er die Frage, wie er ihm helfen koenne.
Douglas zieht einen kleinen, etwas zerknitterten Zettel hinten aus seiner Hosentasche und sagt; Ich suche den 'Ye olde sweetie Shoppe'. Ich brauche Toffies verschiedener Art, Caramelbonbons und Schokolade mit Chillie und hohem Cocoa-Anteil . Wo ist der Laden?”
Fuer eine solch ausgefallenene Frage braucht der Beamte eine laengere Pause. Douglas stellt die leere Tasse befriedigt auf den Boden und wartet.
Weitere Kunden sind laengst an anderen Schaltern bedient worden.
“ Der Laden ist nicht weit von hier, vielleicht fuenf Minuten zu Fuss. Sie kennen natuerlich Ipswich genau, nach ihrem Alter zu urteilen- , aber in Anbetracht ihrer Jahre und um Ihnen wirklich schnell zu helfen, werde ich Ihnen eine Begleitperson herbeirufen.”
Erneutes dienstliches Gespraech und Erlaeuterung der speziellen Aufgabe. Eine junge Polizistin erscheint, welche die Tasse aufhebt und dem Beamten ueberreicht. Sie will Douglas helfen beim Aufstehen,..... aber, wie um Jahre verjuengt, springt Douglas auf, stellt sich kurz vor und bittet die Polizistin, sich bei ihm einzuhaken.
Er dreht sich noch einmal um, zeigt dem netten Beamten ein zwinkerndes Laecheln und verlaesst stolz das Polizei-Praesidium.
Als er eine Stunde spaeter wieder zu Hause eintrifft, hoeren wir am Telephon seinen freudigen Bericht ueber die reizende Polizistin Emma und ja, mit ihrer Hilf sei alles so nett gewesen. Er habe etliche Suessigkeiten gefunden und ihr auch einen kleinen Wunsch erfuellt. Nein, das sei keine Bestechung.
Sie habe ihn auch noch bis zur Bushaltestelle gebracht.

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Gretchen
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Hei ear,
das ist eine hübsche Tagebucheintragung mit anekdotischem Charakter. Dein Schwiegervater scheint eine besondere Persönlichkeit zu sein, er läßt sich jedenfalls von bürokratischen Autoritäten nicht einschüchtern und bringt seine Bedürfnisse offenbar auf eine gewisse unwiderstehliche Art zum Ausdruck, so dass er auch genau das bekommt, was er braucht. Ob ich so alt werden möchte, weiß ich gar nicht, aber wenn schon, dann möglichst vital, wie er. Ich hoffe, er hat die Süssigkeiten genossen.
Morgengrüße von Gretchen.

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Jolante
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25.06.2008, 11:40 / 1 x geändert
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Liebe ear,
dieser Text entspricht nach meinem Verständnis eher einer wunderbar komischen Kurzgeschichte als einer Tagebucheintragung. Sie ist so lebendig geschrieben, warmherzig im Ton und inhaltlich schön skurril. Die Szene, die du schilderst, läuft in meinem Kopf wie ein Kurzfilm ab. Ich sehe ihn vor mir, deinen kauzigen alten Schwiegervater und die etwas konsternierten, aber hilfsbereiten Polizisten. Dass die Polizistin für ihre freundliche Begleitung von dem pfiiffigen Alten mit einer Süßigkeit belohnt wird, ist eine gelungene Schlusspointe.
Schön !
Es grüßt
Jolante

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Freiheit
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25.06.2008, 16:09 / 1 x geändert
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Danke für diese Notiz. Reaktionspole wurden bei mir
aktiviert: einerseits Bewunderung vor dem Mut und der
Durchsetzungskraft in diesem biblischen Alter, aber
auch die Frage einer "Selbstbedienung" der Mitmenschen.
Werdet wieder wie die Kinder?
Schön ist: er hatte Freude und schenkte wie ein Kind!

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rollerball
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25.06.2008, 17:58 / 1 x geändert
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Dear ear,
eine hübsche Anekdote, die zum Schmunzeln bringt und die Angst vor dem Alt-Werden mildert. Wohl dem, der das Leben bis zuletzt so genießen kann und wieder zum glücklich-unbeschwerten Kind wird und so den Kreislauf würdig vollendet ...

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ear²
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Hei Gretchen, er genoss es so sehr, dass er gestern erneut in der Stadt war, um Nachschub zu holen. Doch diesmal ohne Unterstuetzung der netten Polizistin Emma.
Liebe Jolante, du hast etwas Wichtiges angesprochen, was generell gilt fuer die Englaender: ihre Gleichgueltigkeit aller Autoritaet gegenueber.
Ich sehe mit Freuden deinen Namen wieder , liebe Freiheit.
Sein egozentrisches Auftreten versetzt uns manchmal in Verlegenheit. Er sieht es als selbstverstaendlich an, wenn ihm geholfen wird.
Hohes Alter, wenn der Koerper und der Geist mitspielen scheint erstrebenswert zu sein, aber es geht nur scheinbar gut.
Seine Freunde und Geschwister sind lange verstorben, er ist der letzte Ueberlebende. Niemand begruesst ihn im Hause, er kann niemandem direkt seine Erlebnisse mitteilen. Zwar sind Tochter und Sohn da mit ihren Familien, aber sie kommen kurz, bleiben unter Zeitdruck und verlassen ihn : die Einsamkeit ist der wirkliche Feind.
Wenn diese kleine Anekdote etwas dazu verhilft, die Angst vor dem Altwerden zu mildern, dann hat sie ihren Zweck erfuellt. Danke rollerball.
Ein Altersheim waere keine Loesung fuer ihn. Im Grunde wuenschte ich ihm weitere Jahre in relativer Unabhaengigkeit, bis er abgerufen wird. Wann immer es geschehen wird, er hat ein volles Leben gehabt.

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