augustine
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24.06.2008, 18:18 / 1 x geändert
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Ja, noch eine Heimsuchung, diesmal als Buchanzeige.
Sprachlich von jener Art Einfachheit, die erkennen lässt, dass jedes einzelne Wort immer wieder auf der Waage gelegen hat, also alles andere als etwa simpel.
Es ist die Geschichte eines Havel-Grundstücks in Potsdam, zugleich und vor allem ein Stück deutsche Geschichte, mit einem Rückblick ins 17. Jh. und dem Ende nach der "Wende". Die Autorin benutzt Märchen-Elemente wie die einfache Sprache, Wiederholungen von Sätzen, Motiven - und die Figur eines wie selber zeitlos durch die Geschichte gehenden Gärtners. Nur gegen den Schluss hin (die spezifische Rechtsproblematik, die entstand, nachdem in der DDR Häuser gekauft werden konnten, Grundstücke aber nicht, und die Alt-Eigentümer-Problematik), obwohl nicht etwa nun juristisch, wird es für mein Empfinden etwas schwächer.
Am meisten hat mich beeindruckt - die Vergewaltigungsszene; das ist der Hauptteil des Kapitels "Der Rotarmist", 1945 also, geschrieben nicht aus der Sicht des Opfers, sondern dieses jungen Soldaten, der aber schon Major ist, der aus einem zerstörten Land in das Land der Zerstörer kommt und sieht, was alles die Besiegten noch immer haben. (So wie Aischylos, der Grieche, Die Perser aus deren Sicht schrieb.)
Ich muss abschreiben, aber ich möchte das Folgende abschreiben:
Der Rotarmist drängt sich mit dem ins Dunkel gerichteten Revolver zwischen den Kleidern nach hinten, bis er auf einen Körper stößt, der stumm Gegenwehr zu leisten beginnt, als er nach ihm greift. Vor dem Krieg war der Rotarmist noch ein Kind, und während des Krieges hat er sich für die Benutzung von Frauen nie interessiert, aber hier, während er den Revolver wieder einsteckt, um mit beiden Händen festhalten zu können, was sich unter seinem Griff windet, ist er so damit beschäftigt, zu packen und zu halten, und durch das Packen und Halten so zur Nähe gezwungen, daß er noch bevor er denken kann, was er tut, im Dunkeln die warmen Brüste einer Frau berührt, die sich noch immer wehrt, und ihn durch ihre Wehr zu sich hintreibt, dann spürt er ihre Haare auf seinem Gesicht, und schließlich, als er sie in die hinterste Ecke drängt, und sie ihm in den Arm beißt, und er die Arme auf den Rücken verdreht, streift ihn der Geruch nach Kampfer und Pfefferminz, dieser Geruch nach Krankheiten, die man im Bett ausliegt, dieser Geruch nach Reife und Frieden.
Da wird er ruhig, und ruhig beginnt er, die Lippen zu küssen, die er nicht sehen kann, er, der noch nie jemanden auf den Mund geküßt hat, küßt diesen mit großer Wahrscheinlichkeit deutschen Mund, der voll ist und vielleicht ein wenig welk, aber das kann er nicht einschätzen, weil er noch nie jemanden auf den Mund geküßt hat, dann gibt er die Arme frei und streicht der Frau über den Kopf, wie um sie zu trösten, und dann weiß er nicht mehr weiter, obgleich er schon oft gesehen hat, was seine Männer in vergleichbaren Situationen getan haben. Mama, sagt er, ohne zu wissen, was er sagt, so dunkel ist es, daß man nicht einmal seine eigenen Worte sehen kann, da stößt sie ihn von sich, er stolpert, fällt hin, sie tritt nach ihm, er versucht, sie wieder zu halten, umfaßt dabei ihre Knie, da steht sie still, dann zieht sie langsam ihr Kleid ein wenig nach oben, er legt seine Stirn an ihren Leib, unter dem Kleid scheint sie nackt zu sein, er zieht den Geruch nach Leben, der aus dem krausen Haar dringt, tief ein. [..](S.99f)
augustine
J.E., Heimsuchung, € 17,95

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