Fatalitäten - EM 2008 · yupag · ·


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      yupag



Fatalitäten - EM 2008

   23.06.2008, 22:42



Er liebte Fußball, von ganzem Herzen und aus ganzer Seele. Nicht, dass er selber spielen würde, nein, das hatte er noch nie gemacht oder dass er in ein Stadion oder auf einen Fußballplatz gehen würde, das war viel zu aufwändig. Ihm reichte ein Premiere- und ein Kickerabo um seiner Leidenschaft nachzugehen. Die Übertragungen von Bundesliga, UEFA-Pokal oder Championsleague waren heilig und am allerheiligsten waren Welt- und Europameisterschaften. Er setze sich in seinen bequemen Sessel, vor sich den großen Flachbildschirm und neben sich eine Batterie Bierdosen, billige Sorten von Aldi, irgendwo musste ja gespart werden. Bier war wichtig, um Tore und Siege zu feiern und Niederlagen zu betrauern, da kamen dann pro Tag schon einige Biere zusammen. Er war Experte, einsam und Spitze. Er kannte die Aufstellung der Nationalmannschaft von Färör genauso wie den aktuellen Tabellenplatz von Kleinkleckersdorf in der C-Klasse oder die aktuelle Form von, sagen wir mal Poldi und Schweini. Wenn keine direkten Übertragungen stattfanden, griff er auf sein wohl sortiertes Viedeoarchiv unvergesslicher Spiele zurück oder las in den letztjährigen, gesammelten Ausgaben des Kickers. Er war auch ohne Geldverdienarbeit voll beschäftigt, er liebte dieses Leben, ihm war nie langweilig.

Das konnte man von ihr nicht sagen. Sie hatte keine Ahnung von Fußball und keine Lust, die Ahnung zu verbessern. Sie kannten sich zwar schon länger, aber sie war erst kürzlich zu ihm gezogen, weil sie ihre Stelle verloren hatte und ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte. Sie mochte ihn ganz gern, er konnte charmant und nett sein, wenn ihn nicht sein Fußballfimmel beherrschte. Aber wehe sie störte ihn „bei seiner Arbeit“, dann wurde er verbiestert und grantig. Wenn sie versuchte, ihn durch Worte und Werke abzulenken, wurde er ungehalten und fuchsteufelswild. Wenn sie Anlehnung suchte, reagierte er ablehnend und wenn ihr, wie so oft, nach schmusen oder kuscheln zu Mute war, wollte er in Ruhe glotzen. Nur wenn er durch einen blendenden Sieg in Euphorie geriet, ging er auch auf ihre Wünsche ein, ansonsten galt für ihn die Devise „kurz Liebe machen und sich dann wieder den wichtigen Dingen zuwenden“. Dieses einseitige Verhalten hatte sie nicht erwartet, sie war enttäuscht und frustriert und sie sagte ihm, dass sie sich total etwas anderes vorgestellt hätte als einen Mann, der immer nur Fußball glotzte. Weil sie keine Arbeit, keine Hobbys, keine Ideen und auch sonst nichts zu tun hatte, war ihr meistens langweilig. Zu allem Kummer hatte auch noch ihre beste Freundin geheiratet und war verzogen. Am schönsten für ihn und am schlimmsten für sie war die EM 2008. Jeden Tag wurde ein Spiel übertragen und die Sender blähten die Fußballzeit mit sinnlosen Vor- und Rückblicken oder schwachsinnigen Expertendiskussionen auf eine fast schon unanständige Weise aus. Fußball jeden Tag und wenn Verlängerungen und Elfmeterschießen angesagt waren, bis spät in die Nacht. Für ihn der Himmel, für sie die Hölle.

Wenn sie das Gejohle aus der Glotze nicht mehr hören konnte, ging sie auf den Balkon. Sie blickte dann auf einige Hochhäuser und das, was sie dort hinter den Fenstern und auf den Balkonen beobachten konnte, war interessanter als jedes Fernsehprogramm. Sie hatte sich extra ein kleines Fernglas gekauft und Balkongucken war ihr liebster Zeitvertreib geworden. Aber jetzt bei der EM sah sie nur Flaggen von den Balkonen hängen und flimmernde Mattscheiben im Wohnzimmer. Das Angebot an Ablenkung an den hellen, lauen Sommerabenden war sehr reduziert. Auf dem Balkon eines der Nachbarhäuser sah sie schon beim ersten Vorrundenspiel einen jungen Mann, der anscheinend auch keinen Bock auf Fußball hatte. Während aus den anderen Wohnungen die selben, synchronen Jubel- oder Schmerzensschreie drangen, saß er da und las ein Buch. Er schien allein zu sein, sie sah keinen anderen Menschen in seiner Wohnung. Weil sie ganz gut aussah und ihr Aussehen auch gut zur Geltung bringen konnte, weil sie oft und lang auf ihrem Balkon stand und weil sie sehr intensiv, ja fast sehnsüchtig zu dem jungen Mann hinüberblickte, blieb es nicht aus, dass sie erst seine Aufmerksamkeit und dann sein Interesse erregte. Für einen verbalen Austausch war die Entfernung zu groß, aber beide waren erfinderisch. Durch Zeichen und Gesten kam eine Verständigung zustande. Zur Begrüßung winkten sie, dann gab es ein paar pantomimische Einlagen, dann stellten sie fest, wie lange das Spiel noch gehen und sie auf dem Balkon bleiben könne und beim Abschied gaben sie sich das Versprechen, am nächsten Abend wieder zu kommen. Beim letzten Vorrundenspiel leckte er an einem imaginären Eis. Sie missverstand die Geste zunächst sehr gründlich, dabei versuchte er nur, ihr klarzumachen, dass er sie in der nahegelegenen Eisdiele treffen wollte. Als sie das beim besten Willen nicht kapierte, ging er in seine Wohnung und kam mit einem Zeichenkarton wieder, darauf stand „in 10 min im Venezia“.

Sie nickte heftig und sagte ihrem Freund, dass sie bis zum Spielende ausgehen wolle, weil der dauernde Fußball sie „echt total nerven“ würde. Sie fürchtete ein bisschen, das er ihr das rundweg verbieten würde, so wie manches andere, aber er war richtig froh, weil er so mehr Ruhe hatte und ihrem Genörgel nicht mehr ausgesetzt war. Er willigte sofort ein und gab ihr sogar ein paar Euro. Die Abende in der Eisdiele waren zu schön, der Nachbar war zu nett und, wie sie meinte „ total und unbedingt seelenverwandt“. Sie begann die Viertel- und Halbfinale zu lieben und war traurig, als sie daran dachte, dass mit dem Finale alles vorbei sei. Daher fasste sie sich ein Herz und fragte ihn beim zweiten Halbfinale, ob er sie möge und ob sie zu ihm ziehen könne. Es war wie im Märchen, er hatte sich in sie verliebt und sagte ja.

Noch vor Ende des Endspiels ging sie nach hause. Deutschland führte sehr lange, dann fiel der Ausgleich und es kam zur Verlängerung und dann zum Elfmeterschießen. Er saß fiebernd vor dem Fernseher, die Spannung hatte ihn total vereinnahmt. Sie betrat die Wohnung, ohne dass er es merkte, sie packte ihre paar Sachen in einen Koffer, ohne dass ihm das sonderlich auffiel und sie ging aus der Wohnung und er merkte wieder nichts. Sie ging, ohne ein Wort, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Deutschland verlor und er brauchte noch ein paar Bier, um über den Schock hinweg zu kommen. Dann legte er sich zutiefst deprimiert in sein Bett, um seinen Frust zu vergessen und seinen Rausch auszuschlafen. Erst als er am nächsten Morgen mit einem mächtigen Kater aufwachte, stellte er fest, dass sie nicht mehr da war, dass sie ihn verlassen hatte. Er war sehr traurig und bedauerte im Nachhinein sein Verhalten, aber es war zu spät.

Als er sich an einem der folgenden, nun fußballfreien Tage auf seinen Balkon setzte und die Nachbarschaft beobachtete, sah er sie. Sie stand auf einem Balkon und schaute auf einen jungen Mann, der auf einem Stuhl saß und ein Buch las. Erst wollte er schreien und winken, dann beschloss er, zunächst einmal abzuwarten und zu beobachteten. Er sah, wie sie im Laufe der Zeit immer ärgerlicher und dann richtig wütend wurde. Ihm war klar, dass sie sich langweilte und er wusste, dass sie sich etwas anderes vorgestellt hatte, als einen Mann, der immer nur Bücher las und neue Hoffnung keimte in ihm auf.

 

      Jolante



RE: Fatalitäten - EM 2008

   24.06.2008, 12:13



Lieber Udo,

ich nenne dich einfach mal so, weil ich deine web-site besucht und diesen Namen gefunden habe. Außer den Reiseberichten habe ich deine Beiträge inzwischen alle gerne gelesen, und dieser gefiel mir am besten. Du hast den Text spannend aufgebaut und gut formuliert. Die Charakteristik der Protagonisten ist dir gelungen, als Leserin fühle ich mich mitgenommen bis zu dem überraschenden Schluss als Krönung dieser hintergründigen Beziehungsgeschichte. Wie schon in Belle de Jour gibt es voyeuristische Ein- und Ausblicke, die, um es sprichwörtlich zu sagen, auch "tief blicken lassen".

Es grüßt
Jolante

 

      yupag²



RE: Fatalitäten - EM 2008

   24.06.2008, 19:49



Hallo Yolante!
Du bist glaube ich der erste Mensch auf dieser Welt, der sowohl meine Homepage besucht als auch meine Berichte gelesen und (hoffentlich einige meiner Bilder angsehen) hat. Vielen Dank. Ich würde mich freuen, wenn Du von Zeit zu Zeit mal wieder hineinschaust, ich werde immer mal was Neues reinstellen. Dein Hinweis zum Voyerismus mag stimmen, es ist aber nun mal so, dass die Gebiete Sex, Erotik, fatale Situationen und Wendungen interessanter sind als andere, für mich jedenfalls. Da ist mehr Spannung als in einer lyrischen Naturbeschreibung, die auch schön sein kann. Und spannend sollte eine Geschichte sein, wenn sie langweilig ist, liest man doch von dem Autor keine zweite mehr.
Gruß Udo

 

      ear



RE: Fatalitäten - EM 2008

   25.06.2008, 16:06 / 1 x geändert



Nachdem Jolante mich auf deine website aufmerksam machte und du dich dazu aeussertest, habe ich sie ebenfalls angeschaut und war erfreut ueber deine reiche Themenwahl und Betrachtungen, welche von vielem Reisen bereichert wurden.
Zu deiner Kurzgeschichte, die Jolante bereits schilderte , moechte ich nur hinzufuegen, wie geschickt du die zweite Enttaeuschung der jungen Frau einbrachtest durch das Woertchen “zu”
(zu schoen, zu nett). Ihrem Charakter entsprechend ist das offene Ende sehr gut gewaehlt.
Mir fallen bei deinen Photographien die oft abgewandten Gesichter und Figuren auf , welche mich an den daenischen Maler Vilhelm Hammershøi erinnern, dessen Symbolik 'Einsamkeit und Abwehr der Welt' bedeutet. Gleiches sehe ich in deiner Erzaehlung mit dem Fehlen einer echten Beziehung zwischen Mann und Frau, die namenlos bleiben.
Lieben Gruss, ear

 

      yupag²



RE: Fatalitäten - EM 2008

   02.07.2008, 22:36



Hallo ear!
Danke schön, dass du dir die Mühe gemacht hast und meine Bilder angeschaut hast. Der Maler Hammershöi sagte mir bisher gar nichts. Ich habe gerade mal nachgesehen, was er so gemacht hat. Sehr interessant, ich kann allerdings so gut wie keinen Bezug zu meinen Bildern feststellen, werde mich aber mal anregen lassen. Noch ein Wort zu meinen Erzählungen. Ich möchte sie bewußt im Unbestimmten ansiedeln, daher keine Namen, kaum Angaben zum Ort und zur Zeit. Sie sollen auch recht kurz sein, weil ich versuchen will, nur das Notwendigste zu sagen, nur das, was für eine Geschichte wichtig ist und alles Überflüssige weg zu lassen. Und ich werde mich bemühen, immer einen Bezug zu Bildern herzustellen, die man in diesem Forum aber nicht zeigen kann. In Fotoforen kann man wiederum keine Texte bringen. Vielleicht gibt es eines, wo beides geht, ich habe es aber noch nicht gefunden. Ich bin aber bis jetz von diesem Forum ganz angetan und freue mich auf weitere Diskussionen. Gruß yupag

 

      zuppanova



RE: Fatalitäten - EM 2008

   03.07.2008, 00:03



grüß dich, yupag.

im vorbeiflug nur rasch eine anmerkung zum von dir angesprochenen thema "bilder zeigen".
es gibt immerhin die möglichkeit, in einem text links auf bilder zu setzen, d.h., wenn man auf bestimmte stellen im text klickt, erscheint das "dahinter versteckte" bild oder foto. einige informationen dazu findest du in diesem faden hier (link). vielleicht wäre dies eine möglichkeit für dich, texte und fotos zusammenzubringen. falls du weitere fragen dazu hast, schreib mir eine pn oder schreib die frage in den oben genannten faden.

zu deiner geschichte, ebenfalls nur kurz (es ist schon so spät - für meine verhältnisse):
ich denke, dein text funktioniert. der aufbau ist klar, und es gibt genügend details, so dass im leser bilder entstehen können. gut finde ich die führung zum schluss hin, die leicht skurrilen, schwebenden elemente bei der schilderung der beziehung(en). ich hatte übrigens durch die schilderung der balkon-kontakte ein bild wie von einem hinterhof-balkon-gewirr in den kopf bekommen (auch ein symbol für die problematische kommunikation), das mich weiter dann an lithographien von M.C.Escher (link - so etwa, nur als beispiel) erinnerte.

lg, zuppa - auf dem nachtflug.

ps
und scheue dich nicht, auch texte anderer mitglieder zu kommentieren.

 

      yupag²



RE: Fatalitäten - EM 2008

   03.07.2008, 22:51



Hallo zuppanova!
Vielen Dank für den Hinweis mit den Links zu Bildern. Ich werde mich mal gelegentlich dran machen und das ausprobieren. Die Geschichte vom Fußball ist natürlich als Satire gedacht und wird hoffentlich auch so verstanden, wobei Satiren ja manchmal näher am Leben sind, als man glaubt. Gruß yupag




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