Wilhelm Kunze- Hermann Hesse · ear · ·


Lektüren · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Dichte Reime

Texte zitieren auf literature-online.de

Poesiefeldambulanz

welt

Kipp-Phänomene: Brillante Rhetorik

Reise durch lit-on

Mein Buchhändler

Zwei Gedichte

Enjambements in Heyms Berlin III

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Ein Dogma

Distanz

in die nacht


 

      ear



Wilhelm Kunze- Hermann Hesse

   20.06.2008, 09:23 / 2 x geändert



Ein paar Vermutungen, warum Hermann Hesse sich nach einer Korrespondenz von zehn Jahren plötzlich von Wilhelm Kunze trennte.

Der Nürnberger Schriftsteller und Dichter Wilhelm Kunze setzte sich als 18jähriger für Hermann Hesse ein. Hesse reagiert mit Freundschaft, die 10 Jahre dauern sollte.
Als Wilhelm Kunze seinen expressionistischen Roman “Die Angstmühle” veröffentlichte, kam es zum Abbruch ihrer Korrespondenz.

Gewiss sah Kunze in Hesse einen reifen Freund und anerkannten Dichter, dessen Korrespondenz, wie mit Heinrich Mann, ihn stärkte und förderte. Er war sich seiner Sendung als Dichter bewusst.

Wilhelm Kunze (1902-1939) stand auf der Liste der unerwünschten Dichter. Ihm wurde die Möglichkeit der Veröffentlichung von Werken genommen, nur das Minimum an journalistischer Tätigkeit sicherte ihm ein karges Überleben. Hinzu kam eine sehr labile Gesundheit, die seine letzten Jahre, er starb ja im 36. Lebensjahr, belasteten.

Der Roman “Die Angstmühle” enthält Kunzes Gedanken über die Vereinsamung des Menschen: weil keiner etwas vom Nachbarn weiss. Auserwählte Menschen , wie Georg Angel und Fanni, tragen die Fackel weiter. Man ahnt nicht, ob Stefan es schaffen wird. Stefan ist ein getreues Abbild Kunzes, so manche Einzelheiten erkenne ich fast wortgetreu aus den Briefen an meine Mutter.
Kunze sieht in Deutschland den Beamtenstaat, der ihm zum Verhängnis wird und den Untergang bedeuten könnte. Die Jugend muss daraus lernen, denn eine Masse kann es nicht. Nur Einzelne können etwas bewirken.

Georg Angel weist zurück auf die Französische Revolution. Selbst Schiller und Goethe muss man dadurch verstehen lernen. Die lange Gegenrevolution in Deutschland zeigt, dass Geist und Freiheit bewusst unterdrückt werden und dass sich das Volk in die Dunkelheit führen lässt.
Stefan weiss, “die Alten bemühen sich, das Bestehende am Leben zu halten, obwohl es untergehen will.” (Seite 61). Fanni steht drüber, sie mahnt, auch die Jugend bliebe nicht ewig jung und dass es bereits Überläufer zu den Alten gäbe.
Menschen gewöhnen sich an eine verzerrte Zeit. Es ist die Jugend, die an dem Verfall leidet. Der Einzelne steht gegen die ganze Welt und viele Junge zerbrechen daran (S.69).
“Wir müssen den Grund für eine neue Welt ausheben.” Diese Idee hat Kunze im Roman “Das Salz der Erde “ verwirklicht mit Christiane und den tatkräftigen Männern um sie. Hier ist es Fanni, die in die Natur flüchtet und ihren Garten, die Erde pflegen will.
Hermann Hesse muss sich verletzt gefühlt haben, wenn Kunze schrieb:
“Die alten Wahrheiten haben für uns keine Kraft mehr. Vor unseren Augen habt ihr sie ad absurdum geführt. Ihr habt vielleicht noch geglaubt. Wir haben nicht einmal mehr den Glauben”(S.69).
Das Schicksal der Jugend liegt darin, ob es ihr gelingt, einen neuen Glauben zu finden. Nach der schweren Krankheit und Genesung Stefans, am Ende des Romanes, schliesst Kunze mit der Anrufung der Jungfrau Maria. Er selbst fand einen starken Glauben, welcher in seinen Gedichten zum Tragen kam.
Georg Angel begleitet Stefan nur kurze Zeit, sein Weggang bleibt verworren. Ähnlich wie im “Salz der Erde”, als Sebastian den alten Lehrer durch Alter und Tod verliert,bleibt Stefan ohne den Lehrmeister, Georg Angel. Ob Stefan den Weg allein erfolgreich beenden kann,bleibt offen.
Hier kann Stefan genesen, das 'Ave Maria' bestätigt eine positive Wendung, während Sebastian im “Salz der Erde” stirbt, ohne Pendersen bekehrt zu haben.
Doch die Frauen sind stark: Fanni hier, Christiane dort.
Das Beispiel eines nicht bestandenen Abiturs, das mit dem Selbstmord eines jungen Mannes endet,
wird polemisch von Kunze abgetan als Nicht-Eingestehen der Eigenschuld des Direktors (S. 71) .
“Das Neue, auf das wir warten und das in uns selber zum Licht drängt, wird auf der ganzen Linie bekämpft. Es ist offener Mord der alten Generation, die in der neuen nicht das Neue gelten lassen will”(S. 79).
Man solle die Wissenschaft anzweifeln, dann zu denken beginnen, frei-sein und Mensch werden.
Es folgt ein langer Diskurs über die Notwendigkeit einer Abschaffung der Todesstrafe. Auch geht es um die fehlenden Menschenrechte für anormale Menschen(S. 80-81). Eine Diskussion über das, was man 'normal' nennt schliesst sich an.
Fanni ist zur Natur zurückgekehrt, als einem Weg zu sich selbst(S.82). Ansehen und Titel gelten nicht mehr für die Jungen, sie gehen durch Leiden hindurch, doch auch Leiden sind positiv. Die Generation hat ihren Wert dadurch erhalten und kann so wirken. Schmerz kann zur Liebe werden.
In Fanni sieht Stefan die legendenhafte Gestalt, die aus der Vergangenheit zu ihm spricht. Schöner und leuchtender, je weiter sie in die Vergangenheit entrückt. Fanni ist die Ewigkeit in ihm. Sie wird auf seinen Wegen leuchten, wird ihm zuschauen mit prüfenden Augen. Fanni wird einen Sohn gebären(S.84). Kunze wollte A.S. ein Denkmal setzen in vielen seiner Charaktere.

Es folgt eine Abhandlung über die Ehe(S.92).
Stefan sieht in Fanni den guten Engel. Eine Scheu hält ihn zurück, sie wiederzusehen. Er will die Illusion nicht zerstören(S. 99). Solche Illusionen gelten nur dem Menschen selbst, andere würden sie verlachen(99). Er spürt, dass während der Nacht Christoph geboren wurde.
Stefan verachtet seine Jugend. Er würde gern alt sein, sieht seine Arme gebunden(100).
Das Schreibverbot für Kunze liess ihm kaum genug für ein bescheidenes Leben.
Kunze spricht von der Macht des Todes. “Man müsste in diesem Pakt zusammenstehen! Aber ach, die Alten fürchten den Tod und hassen ihn. Aus Angst wollen sie lange leben. Aus Angst suchen sie ihn zu überlisten; ihre List nennen sie Kultur. Daher die Zerstörung(S.101).
Jugend fürchtet keinen Tod. Die Alten “tragen Schuld “für die Überstürzung.

Eindrucksvoll beschreibt Kunze den fiebernden Angsttraum Stefans(109-111).
Das 'Ave Maria' könnte der Hinweis auf weitere positive Entwicklung Stefans in Richtung auf seinen neuen Glauben sein.
Hesse als reifer Dichter und alter Mann, war verärgert. Man kann es verstehen. Ihm fehlte das Sich- Hineinversetzen in eine Generation, die zwischen zwei Weltkriegen aufwuchs und der jede freie Entwicklung genommen war.
Hesse war der anerkannte Dichter, der vom jungen Kunze in mehreren Artikeln unterstützt und gefeiert wurde. Hesse litt nicht unter der politischen Entwicklung. Leider fehlte ihm das wirklich menschliche Verstehen für Kunze, der seelisch und körperlich immer mehr verkümmerte.
Wolfgang Adams Neu-Veröffentlichung der “Angstmühle” im Igel-Verlag, Literatur. “Das kurze Leben des Nürnberger Dichters Wilhelm Kunze”, “Hermann Hesse Wilhelm Kunze Briefwechsel 1920-1930” und 13 Essays Wilhelm Kunzes über Hermann Hesse “Der Tod des Dietrich Grabbe” (Novelle) und “Das Salz der Erde” (Roman)
Dr. Wolfgang Adam und dem Igel-Verlag gebührt Dank für die Neu-Entdeckung Wilhelm Kunzes, dessen 70. Todestag sich 2009 jaehren wird.

 

      Freiheit



RE: Wilhelm Kunze- Hermann Hesse

   20.06.2008, 15:36 / 2 x geändert



Danke dir und Dr. Adam dafür, W. Kunzes Werke einer breiteren
Öffentlichkeit vorzustellen, er hat es verdient. Mit Begeisterung
las ich den Briefwechsel Kunze - Hesse, tief, sehr tief das Buch
"Das kurze Leben...", berührend seine Werke und die Novelle.

Ja, warum hat Hesse nach 10 Jahren abrupt den Kontakt zu
Kunze abgebrochen? Er bezog sich auf die Ablehnung des
Buches "Die Angstmühle", aber war das der wirkliche " Grund"?
Vor ein paar Wochen besuchte ich in Calw das Hesse-Museum,
es ist einen Besuch wert. Und suchte Hinweise auf den jahre-
langen Briefwechsel mit W. Kunze, oder eine Notiz zu deren
Begegnung in Nürnberg - nichts! Als wenn es diese Beziehung
nicht gegeben hätte. Ob die "Nachlaßverwalter" diese überhaupt
kennen? Ob Hesse alles vernichtet hatte? Es bleibt offen. Dann
interessierte mich die Fragen der Parallelen und diese gibt es
von Anfang an...beide lehnten sich gegen das Elternhaus
auf, beide hatten eine schwierige Kindheit, Kunze wurde herz-
krank, Hesses Eltern lieferten ihn in eine Nervenheilanstalt
ein (dort enstand ja auch der berühmte Brief an seinen Vater,
eine einzigartige "Abrechnung"). Beide absolvierten später
eine Buchhandelslehre und wurden selbständige Autoren,
beide suchten die fehlende Liebe.
Letzlich suchte Kunze diese "seelisch" auch bei Hesse...
Dieser, beruflich von Erfolg gesegnet, privat menschenscheu
und einzelgängerisch, lies sich zunehmend gerne darauf ein,
es schmeichelte ja auch seiner Eitelkeit. Dann der Bruch:
Kunze rechnet in seinem neuen Werk "Die Angstmühle" mit
Hesses Generation ab! Wie erdreistet er sich! Hesse sah sein
Spiegelbild, in Kunze und in seinem Werk und reagierte genauso
hart wie damals sein Vater bei ihm: Projektion? Übertragung?
Später wird er weiter gereift sicher oft an W. Kunze gedacht
haben, er kondolierte ja auch seiner Frau in persönlicher Art
und Weise. Zu spät. Beide waren groß und klein zugleich.
Wie im richtigen Leben.

 

      augustine



RE: Wilhelm Kunze- Hermann Hesse

   20.06.2008, 17:08



Vor ein paar Wochen besuchte ich in Calw das Hesse-Museum,
es ist einen Besuch wert. Und suchte Hinweise auf den jahre-
langen Briefwechsel mit W. Kunze, oder eine Notiz zu deren
Begegnung in Nürnberg - nichts!

Hallo, Freiheit. Du setzt dich für Wilhelm Kunze ein; daran möchte ich mich nicht beteiligen.

Nur: Das oben Zitierte stimmt nicht, wie du leicht sehen kannst, wenn du beim Hesse-Museum Calw den Namen eingibst; das habe ich vor einigen Minuten getan.
Als ich vor 3 Jahren dort und in Gaienhofen war, habe ich anderes mitgenommen, allerdings nach Kunze auch nicht gesucht.

Sei gegrüßt! augustine

 

      ear²



RE: Wilhelm Kunze- Hermann Hesse

   20.06.2008, 22:33



Hallo Freiheit und augustine!
Meine Ueberraschung haette nicht groesser sein koennen. Ich erwartete keinerlei Kommentar. Moechte mich bei euch bedanken.
Ich selbst kenne das Hesse-Museum in Calw leider nicht, war deshalb sehr dankbar fuer deinen Hinweis, augustine. Ich habe nun daraufhin die erwaehnten Buecher unter 'Kunze- Hesse' angezeigt gesehen und konnte einen Rundgang mit Photographien und guten Erklaerungen im Hesse-Museum machen.
Hallo, Freiheit, mir scheint, dass du uns mit deiner Kenntnis eventuell mehr mitteilen koenntest.
Bist du in Nuernberg oder Umgebung ansaessig? Die Parallelen, welche du anfuehrst, sind wirklich auffallend. Hesse war bestimmt fuer Kunze der fehlende, weil sehr frueh verstorbene, Vaterersatz.
Sah sich Hesse gespiegelt, ich bin mir nicht sicher. Sei gegruesst.




Views heute: 1.526 | Views gestern: 6.126 | Views gesamt: 5.495.590