Marokko 2008 · yupag · ·


Reiseberichte · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Solveig

Talvolta le poesie sono

Zwei Gedichte

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Mein Buchhändler

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage

Der Musik Laden Faden II

Hausarbeit

Die grauen Herren, ich sagte "nein"?

Kommt ein Pfarrer


 

      yupag



Marokko 2008

   19.06.2008, 11:07



Schnee in Casablanca

Nein, es schneit nicht in Casablanca. Es mag dort anderen Schnee geben, aber das weiß ich nicht. Dennoch lag es am Schnee, dass wir Casa, wie die Marokkaner sagen, mit deutlicher Verspätung erreichten, am Schnee, der in Frankfurt den Flugplan durcheinander brachte. Als wir ankamen, war es zu spät für eine Stadtrundfahrt, aber unser Führer Redouan tröstete uns, es gäbe hier ohnehin nichts interessantes zu sehen, mit Ausnahme der zweitgrößten Moschee der Welt und die würden wir später besichtigen. Ansonsten sei Casa im Ausland nur durch den legendären Film bekannt, der zwar zum Teil in Marokko gedreht wurde, jedoch nicht hier, sondern in Tanger. Für Marokko ist die 5 Millionenstadt ein wichtiger Hafen und der bedeutendste Industriestandort. Hier werden die höchsten Löhne bezahlt und als Folge davon sind die Lebenshaltungskosten am höchsten. Dass die Stadt aber durchaus interessante Seiten hat, sahen wir am Ende unserer Reise, als wir doch noch die Stadtbesichtigung machten und sogar ein paar Stunden zur freien Verfügung zugebilligt bekamen. Wir fuhren durch schöne breite Straßen, zum Teil Palmenallee und sahen einige auffälligen Bauwerke, bei denen sich Jugendstil und Orient abwechselten, manche neu, modern, schön restauriert, andere dem Verfall sehr nahe. Ein gewaltiger Komplex, von sehr hohen Mauern umgeben ist die Villa des saudischen Königshauses mit privater Moschee, die laut Redouan großzügigerweise auch den einheimischen Gläubigen zum Gebet offen steht. Von der Corniche, der Küstenstraße, aus, war es möglich einen Blick auf das Meer und die Strände werfen, mehr allerdings nicht, da die Strände hier Privatclubs gehört, die Eintrittsgebühren verlangen. Gegen eine sehr hohe Eintrittsgebühr darf man auch als Ungläubiger das Weltwunder Hassan-II-Moschee betreten, eine große Ausnahme in Marokko, da alle Moscheen für Nicht-Moslem tabu sind und die Menschen sehr genau darauf achten, dass dies Tabu nicht verletzt wird. Dieser gewaltige, neue Bau liegt auf einer künstlichen Landzunge, ragt in das Meer hinein und wird deshalb die schwimmende Moschee genannt. Ihre Inneneinrichtung und die aufwändigen Ornamente haben die besten Handwerker Marokkos in sechs jähriger Tag- und Nachtarbeit erschaffen. Mehrfach betonte Redouan, dass hier 25000 Gläubige gleichzeitig beten können, dass sich ein gewaltiges Schiebedach in nur 5 Minuten automatisch öffnen lässt und dass das höchste Minarett der Welt beim Ruf des Muezzin einen Laserstrahl nach Mekka sendet. Die Moschee, die eine halbe Milliarde Euro gekostet haben soll, wurde angeblich vom Volk dem König zum 60. Geburtstag geschenkt. Die Spenden wurden von Beamten im ganzen Land eingetrieben. Mir ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, was man für dieses Geld an sozialen Einrichtungen oder Wohnungsbau hätte bauen können. Die Straßen um das Hotel herum waren nicht gerade sauber und einige Leute hatten sich für die Nacht auf den Bürgersteigen niedergelassen. Vielleicht haben manche einen ähnlichen Gedanken in ihren Träumen.


Macht hinter Mauern

In Rabat, der Hauptstadt des Landes, hatten wir als geführte Gruppen das Privileg durch das Palasttor in den Hof des königlichen Palastes fahren und uns auf etwa 50 Meter dem Haupteingang nähern zu dürfen. Einzelreisende können davon nur träumen. Der Platz ist groß, sehr sauber, fast steril, sehr öde und fast menschenleer bis auf die Wache und die königlichen Diener, die mit weißen Jelabias und rotem Fez hin und wieder den Eingang passierten. Wie so oft und nicht nur in diesem Land hat sich die Macht hinter hohen Mauern verschanzt und sich gut gegen die abgeschirmt, von denen sie sie bekommen oder genommen hat. Ebenfalls hinter Mauern, malerisch an einen Hang gebettet und für Ungläubige tabu, dehnt sich der Hauptfriedhof aus und seine Liegeplätze mit Blick auf das Meer sind heiß begehrt, so heiß, wie es die Liegeplätze der Yachten sein werden, wenn der pompöse Yachthafen, der einen Steinwurf weit entfernt ist, erst einmal fertig gestellt ist. Eine Investition, die die Marokkaner bestimmt dringend brauchen. Seltsamerweise und anders als Moscheen und Friedhöfe ist das Mausoleum von Mohammed V für die Giaur frei zugänglich. Es ist ein Prunkbau auf dem Gelände einer unvollendeten Moschee, die alle anderen in den Schatten gestellt hätte, wenn, ja wenn die Macht ausgereicht hätte, um sie zu vollenden. Weitaus sympathischer und schöner war die Chella, die Totenstadt der Meriniden und das nicht nur wegen der zahlreichen Störche und Reiher auf den Bäumen oder wegen der Quelle mit den heiligen Aalen, die von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch mit gekochten Eiern gefüttert werden, sondern wegen des sichtbaren Beweises, dass auch die größten und festesten Mauern eines Tages nur noch malerische Ruinen sind. Ruinen, wie sie in der Römerstadt Volubilis, der größte Siedlung zu Beginn der Zeitenwende im westlichen Afrika, zu besichtigen sind. Säulen und Mosaike aber nur wenige Mauern haben die zwei Jahrtausende überstanden. Mauern sieht man dafür wieder im Zentrum der alten Königsstadt Meknes. Die Zufahrt in die Altstadt ist eine lange, schmale Straße, die auf der einen Seite von der Palastmauer, auf der anderen Seite von der Stadtmauer begrenzt wird. Aber auch die höchsten und längsten Mauern bieten keine Gewähr für die Bewahrung der Macht. Auch in Marokko haben sich die Dynastien abgewechselt und für ein halbes Jahrhundert war es sogar eine französische Kolonie. Die Langzeitwirkung dieser Phase ist für den Besucher durchaus positiv, man kommt mit Französisch gut durchs Land und es gibt überall frische Baguettes.


Die schöne Malika

In einer seiner Erzählungen aus Marokko beschreibt Paul Bowles die Geschichte der schönen Malika. Sie ist blutjung, hat die Augen einer Gazelle und den Hals einer Lilie. Alle Männer drehen sich nach ihr um und sie weiß, dass sie schön ist. Es gibt in der Tat schöne Frauen in Marokko, oftmals ist ihre Schönheit aber mehr zu ahnen als zu sehen, versteckt unter Kopftüchern und kittelschürzenartigen Gewändern, oftmals schwarz, manchmal auch richtig bonbonfarben. Ältere Frauen tragen nicht selten einen Schleier vor dem Gesicht. Fotografieren lassen sich die wenigsten Frauen. Schon wenn sie eine Kamera von weitem sehen, drehen sie sich ab. Einige schöne Malikas im Suk von Fes ließen sich jedoch willig fotografieren, die Kleider- und Schaufensterpuppen, die so ganz anders aussehen, als ihre geleckten und gestylten Schwestern bei uns. Sie sind orientalischer, exotischer und rührend kitschig. In den engen, verwinkelten Gassen des Suk-Labyrinths bewegen sich nur Fußgänger, Lastenträger, Esel und Maultiere, deren Treiber mit dem Ruf „ballak“ oder „attention“ sich freie Bahn verschaffen. Die Gassen sind immer auf ein bestimmtes Handwerk oder Gewerbe ausgerichtet. Die Schmiede haben ihre Verschläge neben den Tuchhändlern, die Tischler neben den Lampenherstellern. Es gibt Schmuckgeschäfte, Schneider und Hersteller maßgeschneiderter Lederjacken. Das Leder wird im Suk gegerbt und gefärbt. Man sieht die Arbeiter von einer Terrasse aus, vor der Nase ein paar Pfefferminzblätter gegen den Gestank. Sie stehen bis zu den Knien in Bottichen mit farbiger, ätzender Brühe und kneten und walken das Leder. Dieser Beruf ist unendlich mühsam und gefährlich und es erfordert die Konstitution eines Kamels, um ihn ein paar Jahre ausüben zu können. Als Tourist wird man anschließend unweigerlich in die Schauräume zwangsgeführt und man kann sein Geschick im Handeln und Feilschen erproben, eine Kunst, die wir zum Glück in unserem Alltag nicht benötigen. Aber im Urlaub macht es Spaß, wenn am Ende beide zufrieden sind, der Sukkie, weil er mal wieder einem Touri viel zu viel abgeknüpft hat und der Touri, weil er den Sukkie durch hinhaltenden Widerstand an die Schmerzgrenze getrieben hat. In der Gruppe kann man aber dieses Erfolgserlebnis kaum erreichen. Man wird regelrecht durch die engen Gassen getrieben. Die Angst der Führer, jemanden zu verlieren ist augenscheinlich groß. Voran als Schäfer der kleine Mohammed, ein älterer Herr mit weißem Kapuzenmantel und roter Marokkofahne in der Hand. Er muss ein bekannter, verehrter Mann sein, weil ihm ab und zu von einem Bekannten die Stirn geküsst wird. Am Ende sein Hütehund, ein etwas vierschrötig aussehender Geselle, der die Herde antreibt, zusammen hält und verlorene Schafe zurückbringt. Im Hof der wunderschönen Medrese, der alten Koranschule, standen dann Herr und Helfer und hielten sich lange, lange und sehr innig die Hand. Anstelle des Mittagessens mit der Gruppe in einem romantischen Exklusivrestaurant zog ich es vor mit einem Taxi zum Friedhof zu fahren. Der Taxifahrer war unzufrieden, weil der Weg recht kurz war. Er wollte mich gleich wieder weg bringen und warnte mich eindringlich davor, allein an diesem einsamen Ort zu bleiben. Ich habe es dennoch gewagt und bin durch einen schönen Blick auf die Altstadt und den Anblick vieler Gräber entschädigt worden. Statt eines Räubers kam ein Friedhofarbeiter auf mich zu und küsste mir, ehe ich mich versah, die Hand. Die Gruppe fand ich wieder auf den Champs Elysées von Fes, der Prachtstrasse die entweder Boulevard Hassan II oder Mohammed V heißt, wie alle Prachtstraßen in Marokko. Die Palmen sind schön und der Springbrunnen ist schön, aber die elyseischen Felder sind mir schon deshalb lieber, weil man dort problemlos ein überteuertes Bier trinken kann, anstelle des preiswerten süßen Pfefferminztees.


Die Himmel über der Wüste

Beim Abstieg vom Hohen Atlas in die Oase Erfoud, wurde das Licht zusehends fahler und der Himmel trübte sich auf eine Weise ein, die für uns recht eigenartig war. Die Sonne schien wie durch Wolken, aber es waren gar keine Wolken da. Im Laufe des Nachmittags wurde das Licht immer trüber und es lag zunehmend Staub und Sand in der Luft. Als wir in Erfoud ankamen, tobte ein heftiger Sandsturm, schon seit mehreren Tagen. Die Sicht war stark eingeschränkt, die Palmen bogen sich im Sturm und es war verwunderlich, dass die vielen roten Blüten der Büsche von diesem Reibeisen nicht alle geköpft wurden. Auf dem kurzen Weg vom Bus zum Hoteleingang waren wir voll mit Sand. Durch die Türritzen in den Zimmern der Bungalows wehte der Sand und wenn man die Dusche verließ, bekam man braune Füße und hinterließ herrliche Fußspuren auf den Fliesen. Die vorgesehene Fahrt zu den höchsten Sanddünen Marokkos, um dort den Sonnenuntergang zu erleben, fiel buchstäblich in den Sand. Selbst der Versuch mit dem Bus eine nah gelegene Fabrik zu erreichen, in der ziemlich kitschig wirkende Tischplatten und Waschbecken aus Steinen mit eingelegten Fossilien hergestellt werden, scheiterte daran, dass vor dem Bus ein Auto im Sand stecken blieb und der Busfahrer daraufhin umdreht. Dieser Himmel über der Wüste war eine tobende, heulende, alles verschlingende, braune Masse. Daher konnten wir unser Glück kaum fassen, als sich in der Nacht der Sturm legte und wir um vier Uhr früh mit den Jeeps dem Sonnenaufgang entgegen fuhren. Kein Toben und Brausen in der Luft, nur friedliche Stille. Aus dem tiefen Schwarz der Nacht entstand langsam ein samtenes Blau. Die Umrisse der Dünen, die anfangs mehr zu ahnen als zu sehen waren, traten deutlicher hervor. Einige aus der Gruppe ritten auf Kamelen zu den Dünen, andere gingen zu Fuß, begleitet von blaugewandeten Tuaregs, die natürlich keine waren, sondern Berber aus einer nahegelegenen Ortschaft. Als sich die Sonne weiter dem Horizont näherte, wurden nicht nur die Kämme der Dünen und die Silhouetten der Kamele immer deutlicher, im goldenen Licht des frühen Morgens, sah man in dem von dem langen Sturm glatt gefegten Sand die Spuren von Wüstenmäusen und Scarabäuskäfern. Und wenn man seinen Blick gen Himmel hob, sah man auch die zahlreichen Touristen, die auf allen umliegenden Dünen saßen oder standen und die aufgehende Sonne fotografierten. Aber auch sie konnten das Erlebnis dieses Himmels über der Wüste, diesen kurzen Moment zwischen tiefer, dunkler Nacht und heißem, gleißenden Tag nicht beeinträchtigen. Ebenso wenig, wie die selbstlosen Tuaregführer, die sich so rührend um uns gekümmert hatten und deren Hand wir manchmal gern am steilen Dünenkamm ergriffen hatten. Sie wollten uns am Ende der Führung unbedingt ihre Fossilien verkaufen und wurden äußerst ungehalten, als die meisten aus der Gruppe ihnen klarmachen mussten, dass sie ihr Geld im Hotel gelassen hatten.


Schrille Triller in Ouarzazate

Ouarzazate ist das Mollywood von Marokko, die Stadt mit der größten Filmproduktion für Orient- und Wüstenschinken. Man sieht außerhalb der Stadt die großen Hallen der Filmstudios. Vor einer stand ein riesiger vergoldeter Plastikpharao und ließ ahnen, welche Film hier gedreht werden. Die Kasba Ait ben Haddou, eine der südmarokkanischen Wohnburgen aus Lehm, wurde für die Filme und die Touristen rekonstruiert und renoviert. Sie liegt sehr schön und malerisch an einem Fluss, wenn auch eine deutliche Spur zu perfekt und es ist nicht verwunderlich, dass sie ausschließlich von Touristen und Souvenierhändlern bevölkert wird. Geführt wurden wir durch dieses maghrebinische Neuschwanstein von dem fast neunzigjährigen, fast zahnlosen Mohammed, der in fast fehlerfreiem Deutsch seine Späßchen machte und seine Erklärungen ablieferte. Er hüpfte wie eine Gazelle umher und spurtete den Berg hinauf. Ich bestellte mir in einem winzigen Restaurant eine Pizza und Achmed der Chefkoch und Oberkellner zeigt mir stolz seine Sammlung von Fotos, die er von zufriedenen Kunden aus aller Welt zugeschickt bekommen hat, darunter auch ein T-Shirt mit einer lustigen Gruppe und er in der Mitte. Er will unbedingt, dass ich auch ein Bild mache, sogar ohne dass ich bezahlen muss. Er stellt sich in Positur, stramm und mit unbewegtem Gesicht wie ein königlicher Gardesoldat. Der Versuch ihn zum Lächeln zu bringen ist selbst ein Lachen wert. Auch die Kasba im Zentrum von Ouarzazate ist schön renoviert, sie wirkt aber irgendwie authentischer. Die Fenster im ersten Stock befinden sich auf Fußbodenhöhe, damit die 4 Frauen des Paschas Tahmi El Glaoui bequem das Geschehen auf der Straße verfolgen konnten. Wir sahen vor der Kasba eine große Bühne und auf der gegenüberliegenden Tribüne warteten schon die ersten Besucher des großen Folklorefestivals auf die Vorstellung am Abend. Das Festival ist nach der bekanntesten lokalen Volkstanzgruppe Ahwach benannt, für mich als Eselsbrücke und weil es sich von der Aussprache so anhörte Abwasch. Was die dann aber am späten Abend vor mehreren tausend Besuchern boten, war kein Abwasch, sondern eine mitreißende Schau. Der Platz war proppenvoll, es gab kaum ein vor und zurück. Genervt verließ ich den Hexenkessel, um in aller Ruhe ein ausführliches Kaufgespräch mit einem jungen Schmuckhändler zu beginnen, das auch ohne den üblichen Tee zur beiderseitigen Zufriedenheit endete. In der Zwischenzeit war es fast Mitternacht, das Gedränge etwas weniger und ich ergatterte einen ganz passablen Stehplatz. Dieser wurde allerdings am nächsten Abend von einem 1-A Logenplatz übertroffen. Mit dem Touristenbonus und unter Umgehung einiger Sperren gelangten ich und meine Begleitung in die erste Reihe und konnten auf einem Teppich sitzend das Geschehen auf der Bühne hautnah erleben. Neben verschiedenen Berbergruppen trat auch eine moderne Popband aus Agadir auf. Ein älterer Mann mit Brille und zebragestreiftem Umhang hampelte auf der Bühne umher und heizte die Stimmung mächtig an. Am beeindruckendsten war aber die Abwaschgruppe. Etwa 40 Frauen wurden von einer Leadsängerin, die ohne Pause ein Stück nach dem anderen anstimmte, angetrieben. Sie umrundeten in einer Art Sprungschritt etwa ein Dutzend Männern, die mit Pauken und Tamburinen den Rhythmus vorgaben. Die Frauen stießen von Zeit zu Zeit schrille Triller aus und die Masse der Zuschauer stimmte immer wieder ein. Die Masse riss die Arme hoch, tanzte, drehte sich und war am Schluss, als eine Art Supersong oder Ohrwurm angestimmt wurde, nicht mehr zu bremsen, außer Rand und Band. Viel stiegen auf die Stühle, andere stürmten auf die Bühne. Die Sängerinnen und die Trommler hatten ihrerseits die Bühne verlassen und alle lagen sich in den Armen und schunkelten auf marokkanisch. Unsere Logenplätze waren nichts mehr wert und wir tauchten ebenfalls ein, in diesen großartigen Showdown mit dem der Abend endete.



Von Schlucht total zu total schlecht

In Tenhire leben Tuaregs. Man erkennt sie als Tourist üblicherweise nicht, weil sie weder die typischen indigoblauen Gewänder tragen noch die Gesichtshaut zum Schutz gegen Sonne und Mücken blau gefärbt haben. Und sie treiben auch keine Kamele mehr durch die Wüste, weil sie dauernd an ihren Laptops zu tun haben oder die Handys eifrig benutzen. Die heutigen Tuareg sind Großhändler, die von den Berbern Schmuck und Teppiche billig einkaufen und an die Geschäftsleute in Marrakesch und Casablanca weiter verkaufen. Logisch, dass bei den Tuareg billiger und besser eingekauft werden kann, als in den fernen Großstädten. Logisch dass die Gruppe ihren Bedarf an Teppichen hier deckte. Allerdings unlogisch für mich, ich brauche keinen Teppich und gehe stattdessen durch den Ort, zu den Metzgern, die Rinderköpfe und Schafsfüße auf den Tresen oder den Fußboden gelegt haben, umrahmt von Ziegenköpfen, Gedärmen, Mägen, Hoden und anderen leckeren Dingen, zu den Tischlern, die Holzberge vor ihren Geschäften liegen haben und zu den Schlossern, die auf der Straße Türrahmen schweißen. Einer der Schlosser bittet mich um ein Foto und schreibt mir etwas mühsam seine Adresse auf. Zur vereinbarten Abfahrtszeit gehe ich der Gruppe entgegen, die immer noch im Teppichladen herumfeilscht. Ich gehe hinein – und zusammen mit den anderen und mit einem schönen rot-weißen, professionell zusammengerollten Berberteppich wieder hinaus. Der Bus bringt uns zur Todraschlucht. Hohe Berge links und rechts, in der Mitte der Fluss, der das ganze Jahr über Wasser aus dem Atlasgebirge in die Wüste bringt. Es ist Sonntag und viele Einheimische vergnügen und entspannen sich im angenehmen Dauerschatten. Eine Musikgruppe zieht durch das Tal, im Fluss werden Teppiche gewaschen und mindestens fünf Schulklassen haben sich in Reihe aufgestellt und warten auf den Abmarsch. Als ich ein Bild von dieser Szene mache, hebt ein Mädchen demonstrativ einen Stein auf, ohne ihn jedoch zu werfen. Das Fotografieren von Frauen ist eine Sache für sich, in diesem Land. Als wir diese „Schlucht total“ verlassen, verändert sich unsere Situation nach einigen Kilometern in „total schlecht“, als der Motor des Busses stottert und stehen bleibt. Alle Versuche des Fahrers ihn zur Weiterfahrt zu bewegen scheitern und auch der Mechaniker, der sehr rasch eintrifft ist machtlos. Redouan hat per Handy Taxis geordert. Fünf alte Mercedes Diesel, die Standardtaxis für den mittelweiten Reiseverkehr in Marokko, bringen uns die restlichen 120 Kilometer nach Ouarzazate zurück. Eine schöne Fahrt in eine friedliche Abendstimmung, eine Wüstenlandschaft im warmen Licht, herrliche Wolken und der Beginn einer orientalischen Nacht. Es war schön und richtig, den Blick auf dieses Szenarium zu richten, weil der Blick zum Fahrer, einen grausen ließ. Einige waren total übermüdet und drohten einzuschlafen, der kleine Konvoi schlich am Ende der Reise nur noch lahm dahin, statt zügig zu fahren. Zum Glück kamen aber alle wohl behalten im Hotel an. Insofern hat der Ausflug zur Schlucht total dann doch nicht total schlecht geendet.


Via Mala zum bösen Pascha

Zur französischen Kolonialzeit war der mächtigste Mann im Süden Marokkos der Pascha Tahmi El Glaoui. Er paktierte mit den Franzosen, stellte ihnen seine Privatarmee zur Verfügung und spielte für sie den Büttel. Er war ein im Volk unbeliebter, böser Pascha, wie Redouan mehrfach betonte. Unter ihm wurde geraubt, geplündert, gefoltert und sogar der Sklavenhandel lebte wieder auf. Die Franzosen waren jedoch mit ihm zufrieden und sicherten ihm die Macht, da seine Schergen jeden Widerstand im Volk brutal niederknüppelten. Seine Stammburg, die Kasba Telouet, auf halbem Weg zwischen Ouarzazate und Marrakesch gelegen, ließ er prächtig ausbauen und feierte dort rauschende Feste mit der high society. Nach dem Abzug der Franzosen zerbrach die Macht des El Glaoui und seine Kasbas zerfielen. Telouet liegt hoch in den Bergen und der Weg dahin durch ein enges Tal war äußerst schön, mit farbigen steilen Felswänden und einem schmalen grünen Band in der Mitte. Die Straße war aber auch äußerst schlecht und eine Herausforderung für die Geländewagen. Als wir an einer besonders unübersichtlichen und schmalen Stelle auf Gegenverkehr stießen, ausnahmslos Toyotas mit Touristen, musste der Fahrer sein ganzes Können beweisen. Er ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen und schaffte es in wahrer Zentimeterarbeit, zwischen der steilen Felswand rechts und dem Abgrund von zwei- dreihundert Metern links, an dem anderen Wagen vorbeizukommen. Die Ruine der Kasba, die bewusst nicht renoviert wird, liegt in einem schönen, flachen Tal. Zum Teil stehen nur noch die Lehmmauern und die Reste der Türmen. Das zentrale Gebäude ist aber noch relativ gut erhalten. Prächtige Stuckarbeiten und Mosaiken, geschnitzte Türen und sogar noch Seidenteppiche an den Wänden künden davon, welch illustre Gesellschaft einst hier hauste und sich ein Stelldichein gab. Telouet ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie unglaublicher Reichtum und Luxus in kurzer Zeit verfallen kann, wenn die Macht, die sich auf Gewehrläufe stützt, dahin ist.



Zwei mal drei Atlanten

Atlas Nummer eins nahm im Kampf der Titanen gegen die Götter teil und wurde von Zeus dazu verdammt, den Himmel, nach anderer Überlieferung die Erde, für alle Zeiten auf seinen Schultern zu tragen. Er stand mit einem Fuß auf dem Atlas Nummer zwei, dem großen Gebirge, das Marokko in eine Nord- und Südhälfte teilt. Dies kann man im Atlas Nummer drei, der wahlweise Diercke, Meyer oder Bertelsmann heißt, ausführlich studieren. Dort sieht man, dass der marokkanische Atlas wiederum in dreifacher Ausfertigung vorliegt: als kleiner, mittlerer und großer Atlas. Der mittlere Atlas erinnert etwas vage an den Schwarzwald. Das wäre noch deutlicher, wenn es dort Tannen statt Zedern gäbe. Die bekanntesten Skistationen (!) und Erholungsorte Marokkos finden sich hier und es wäre keine Überraschung, wenn man in einem der chicen Restaurants Schwarzwälder Torte angeboten bekäme, möglicherweise auch Schwarzwälder Kirsch, sicher jedoch keinen Schwarzwälder Schinken. Der hohe Atlas ist ein imposantes Gebirge mit tiefen Schluchten und folgerichtig auch mit großen Höhen. Die Straßen winden sich endlos den Berg hinauf und die schweren Laster fahren bergauf wie bergab mit höchsten 5 Kilometer in der Stunde. Sehr nervig, wenn der Bus hinterher kriechen muss. Auf dem Pass und an anderen exponierten Aussichtsstellen haben Händler ihre Stände aufgebaut und bieten die schönsten Mineralien und Fossilien an. Um uns vor einem Kaufrausch zu bewahren, blieb der Bus nur eine Minute stehen, gerade genug Zeit, um das Schild mit dem witzigen Passnamen Tizi-n-Tichka aufzunehmen. Am schönsten ist der mittlere oder Antiatlas. Er ist richtig kahl, braun, grau, wüstenhaft. Die Berge haben so gut wie keine Vegetation, sind aber dennoch wegen der geologischen Ablagerungen, Falten und Verwerfungen hochinteressant. Unsere Aufmerksamkeit galt aber nicht nur der Natur, sondern auch den beflaggten Straßen und Ortschaften. Der König von Marokko geruhte an selbigem Tag dieselbe Region zu besuchen wie wir. Wir sahen ihn zwar nicht, dafür aber die Menschen, die Fähnchen schwenkend am Straßenrand warteten und die Flotte schwerer Motorräder und Jeeps seiner Leibwache und mehrere Ambulanzwagen. Vor einem Gebäude standen einige dicke, schwarze, protzige Mercedes-Limousinen. Das war wohl der Moment, wo wir seiner Majestät am dichtesten auf die Pelle gerückt waren. Mohammed VI hat sich offensichtlich Harun al Raschid zum Vorbild genommen. Er reist zwar nicht anonym wie der berühmte Kalif von Bagdad, aber durchaus vergleichbar durch das Land, um Missstände aufzuspüren und umgehend zu beheben. Angeblich hat er, als er in einem Krankenhaus den Chefarzt nicht vor fand und man ihm sagte, er sei Golf spielen, diesen umgehend gefeuert. Er ist gefürchtet, dieser König, er verbreitet bei einigen seiner Landeskinder gehörig Angst und Schrecken. Uns hätte er vermutlich huldvoll zugelächelt, wenn er geruht hätte, uns überhaupt wahr zu nehmen. Sind wir es doch, die ihm die Euros und den Mercedes und die BMW-Motorräder ins Land bringen.

Die Augen von Marrakesch

Nicht nur die Stimmen von Marrakesch, die Elias Canetti verewigt hat, auch die Augen von Marrakesch sind erwähnenswert. Auf dem berühmten Platz der Getöteten, dem Jamaa al Fna, bieten Märchenerzähler, Wahrsagerinnen, Hennamalerinnen, Orangenauspresser, Dattelverkäufer, Schneckensuppenköche, professionelle Glücksspieler und zahlreiche Gaukler ihre Dienste an. Schlangenbeschwörer wollen einem unbedingt eine Schlange um den Hals legen und feuern ihre hoch aufgerichteten, zischenden Kobras an. Affenbesitzer meinen, dass sich jeder freut, der einen Affen auf die Schulte gesetzt bekommt und die malerischen Wasserverkäufer aus dem Rif-Gebirge wollen den Touristen garantiert kein Wasser verkaufen. Aber alle wollen für ihre strapaziösen Dienstleistungen adäquat entlohnt werden, möglichst in Euro. Das gilt auch für die weiß gekleidete Trommlergruppe, die voll Inbrunst ihre Instrumente malträtieren und wild tanzen. Sie werden zur Gaudi des Publikums von ihrem Anführer, einem älteren Mann, mit einem Lederriemen heftig auf den Rücken und den Hintern geschlagen. Daneben schlagen andere Akrobaten pausenlos Saltos und bilden lebende Türme. In einer Bauchtanzgruppe werben drei Suleikas in malerischen Wüstentrachten um Aufmerksamkeit, indem sie verführerisch mit den Hüften und dem Po wackeln und mit ihren tiefen Blicken alle sinnlichen Freuden des Orients verheißen. Nur ihre schön bemalten Augen sind zu sehen, der Kopf ist von einem farbenfrohen Kopftuch mit Goldmünzen, der Rest des Gesichtes von einem schwarzen Schleier bedeckt. Wie alle Gaukler sehen diese Augen aber vor allem, ob man seinen Obolus entrichtet hat, besonders wenn man die Kamera zückt. Die eine Suleika machte mir mit ihrer angenehmen Stimme klar, dass das Recht am Bild immer wieder erneuert werden muss. Nur das wichtigste beim Bauchtanz, den schön geformten, nicht zu mageren Bauch, die üppigen Hüften und die noch üppigeren, wogenden Brüste sah man nicht. Bei Allah - Suleika, Fatima, Aischa, wie schön eure Augen auch sind, mit diesen Attributen könnt ihr nicht protzen, weil ihr in Wahrheit Mohammed, Ali und Achmed heißt. Es sind aber nicht nur die sinnlichen Augen, die einen in Marrakesch ständig anschauen. Fast überall, nicht nur auf dem Jamaa al Fna, wird man beobachtet. Mir kam es vor, als ob ganz Marrakesch nur mich im Visier hatte und wissen wollte, ob ich mich anschickte ein Foto zu machen, um mir dann entweder klar zu machen, dass ich Dirhams an das Objekt meiner Gier zu entrichtet habe oder um mir zu bedeuten, dass dieses spezielle Motiv absolut nicht aufgenommen werden darf. Verbotene Objekte sind Friedhöfe und Innenräume von Moscheen, die man ohnehin nicht betreten darf. Mal verboten, mal zahlungspflichtig sind generell Menschen, vor allem Frauen. Aber trotz der tausend Augen ist Marrakesch eine schöne und interessante Stadt, nicht nur die Altstadt mit ihren Gassen und den Suks, nicht nur die langen Stadtmauern, die prächtigen Stadttore, die eindrucksvolle Medresa, die bedeutenden Moscheen, die wunderschönen, reich geschmückten Gräber der Saadierkönige oder der alte Königspalast, auch die Neustadt, die nicht von Touristen beherrscht wird, ist sehenswert. Ein besonderer Platz in der Neustadt ist allerdings fest in der Hand der Touristen, der Majorellegarten, ein Kleinod mit vielen Pflanzen und tiefblau gefärbten Mauern. Bänke im Schatten exotischer Bäume laden zum Verweilen und Entspannen ein, Brunnen plätschern leise und sanfte Musik im Äther schickt einen in die tausend und erste Nacht.



Bilder zu der Reise sind unter www.yupag-fotoart.de zu sehen

 

      Elise



RE: Marokko 2008

   19.06.2008, 23:50



Guten Abend, yupag -

es ist so, dass ich persönlich sehr gerne Reiseberichte lese - und zwar eben nicht so sehr die, die es zu kaufen gibt, die geschrieben wurden, weil jemand den Anspruch hatte bzw. aus irgendwelchen Gründen die Notwendigkeit sah, einen Ort auf der Welt zu einem Buch mit möglichst guten Verkaufschancen zu machen, sondern ich mag Aufzeichnungen von Menschen, die - warum auch immer - eine Stadt, ein Land er-fahren (im Wortsinn) haben, und das Bedürfnis verspürten, für sich, vielleicht auch für andere, Eindrücke und Erlebtes festzuhalten. Solch ein Impuls mag mir gefallen.
Vorliegende Impressionen und Szen(eri)en nehme ich in diesem Sinne und verstehe sie u.a. auch als gut lesbaren Versuch, die während der Reise individuell erlebte Atmosphäre mit Geschichtlichem zu verbinden, also so etwas wie "persönliche Schnappschüsse in historischem Ambiente" anzubieten, das große Ganze in Details abzubilden.

Mir gefiele eine Jahreszahl, Marokko ???? - oh, eben sehe ich: Marokko 2008. Hast Du editiert oder übersah ich vorhin die 2008 ?
Wünschen würde ich mir, dass Du Deine Texte stärker gliedern könntest (Abschnitte) - sie stehen wie Blöcke da. Das mag bewusst so gewollt sein, aber die Texte haben dadurch für mein Empfinden eine wenig einladende Optik, das Lesen wird erschwert.

Mit Grüßen, Elise.

 

      yupag²



RE: Marokko 2008

   20.06.2008, 09:50



Hallo Elise!
Vielen Dank für den Hinweis, die Texte mehr zu gliedern. Ich habe sie erst mal so genommen, wie ich sie geschrieben hatte, um einfach mal zu sehen, was in diesem Forum passiert (ich bin ganz neu hier). Es ist ja auch der Sinn eines solchen Forums, dass man Anregungen und Verbesserungsvorschläge gekommt. Gruß yupag

 

      Marcel Frank



RE: Marokko 2008

   20.06.2008, 18:33



@yupag:

Die "langen Absätze" sind so rund + in sich geschlossen, dass es vermutlich niemanden verstören würde, wenn Du sie einzeln "postetest". Also z.B.:

Schnee in Casablanca - Marokko - 1/56
Macht hinter Mauern - Marokko - 2/56
Die schöne Malika - Marokko - 3/56

Vielleicht peu à peu, um das "listing" in/unter "Neue Beiträge" (s. linke Navigationsleiste) nicht zu vereinseitigen. 6-7 neue "threads" nach o.g. Muster verträgt es bestimmt, die weiteren dann alle 1-2 Tage, "das passt" & würde Dich locker für zwei Wochen (& mutmaßlich + gern darüber hinaus) an dieses Forum binden, was - da bin ich sehr optimistisch - die große Mehrheit

begrüßen

würde ! Eine Besprechung würde sich durch das "Freistellen" zudem vereinfachen. Noch: Wenn man so gute, an der Schnur gezogene Texte hinlegt, hat man - glaube ich - auch ein Recht darauf, "erstmal zu gucken, was passiert". Du kannst Deinen Text also gern "splitten" + "editieren" + Dich am Link "Neues Thema erstellen ... (in: Reiseberichte)" mehrfach hintereinander (s.o.) üben. Ich schätze, Kommentare folgen dann auf dem Fuß ...

Frohes Schaffen !

m




Views heute: 2.841 | Views gestern: 3.674 | Views gesamt: 5.475.536