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      Jolante



Spiegel

   08.06.2008, 14:23



Beim ersten Blick
In den Spiegel lese ich:
Vierjährige / von Grabstein / erschlagen.

Beim zweiten Blick
In den Spiegel sehe ich:
Kein / neues / graues Haar.

Froh zu sein /
Bedarf es wenig.

 

      zuppanova



RE: Spiegel

   09.06.2008, 16:00



serv.s Jolante.

drei quicke, blank polierte Sinneinheitenpäckchen seh ich hier, nämlich:

  • einz und zwei: der Blick in den "Spiegel", wobei sehr geschickt zwei Bedeutungsebenen aufgerufen werden, formal unterstützt/betont durch den sprachlich analogen Aufbau;

  • drei: die trockene, ganz und gar jolanthisch anmutende Schlussfolgerung (Synthese);


was mir gefällt:
  • es ist kurz und knapp, dennoch kann man nicht sagen, da passiere nichts im Text, im Gegenteil, mindestens ein (wenn nicht zwei) Leben steckt da drin;

  • es ist strukturiert, geformt und prägnant;

  • hinzu kommt das Spiel mit dem Sprachmaterial: in einen Spiegel kann man schauen, in dem "Spiegel" kann man lesen;

  • das vierjährige Mädchen und das Ich des Textes: die sind für mich eng verwandt, soll heißen, die vom Grabstein erschlagene Vierjährige könnte auch die gealterte Sprecherin sein, welche in den Spiegel blickend in ihrem eigenen Gesicht "liest" und sieht, wie das Kind, das Mädchen, das sie einst war, eingeholt wird vom Verfall, von Grab und Tod, von der Zeit - andererseits ist -->

  • Vierjährige / von Grabstein / erschlagen ja eine Schlagzeile, und analog dazu steht: Kein / neues / graues Haar --> so etwas finde ich feinsinnig, denn das Süffisante, das in dieser Analogiebildung (ver)steckt (ist), kann selbstironisch auf das Ich des Textes bezogen werden, aber genau so gut könnte es eine kleine medien(konsumenten)kritische Attacke sein;

  • der (selbst?)ironisch-melancholische, zitatgestützte Seufzer der Sprecherin am Schluss - auch hier kann man sich aussuchen, auf wen eigentlich die Ironie gemünzt ist: auf die Sprecherin selbst, die nicht altern möchte? oder auf all jene schlagzeilengeilen Nachrichtenkonsumenten, die in ihrer abgestumpften Lebenslangeweile sogar von einer umgekommenen Vierjährigen froh gemacht werden? --- ha!, da sind zwei Ebenen wirklich geschickt ineinandergeführt;


lg von der auf ihrem Nachmittagsrundflug spontan lesend
quickiehaft angetan applaudierenden zuppa.

 

      augustine



RE: Spiegel

   09.06.2008, 23:03 / 1 x geändert



Und hier nun umgekehrt: das Gedicht von Jolante, der erste Kommentar von zuppa (und beides soll 'quick' entstanden sein??). In dem steht eigentlich schon alles.
Und trotz dem habe ich zwei Fragen:
* die Zeitungsschlagzeile im Spiegel liest sich doch - spiegelverkehrt; wie deuten?
* den Schluss kann man vielleicht auch lesen: das ist 'spiegelverkehrt': erfreut zu sein durch die Feststellung, einem selbst fehle nichts Wesentliches - was wäre auch 'ein graues Haar' mehr? -, man habe doch vielmehr Anlass, sich, weil froh, als König(in) zu fühlen -- Melancholien sind Luxus angesichts des Todes eines Kindes --- ach, ich stolpere ...

mir kommt's auch vor, als hätten die beiden Texte einen Zusammenhang: die berechtigte Zukunftssorge, benannt durch zwei (unterschiedlich gewichtige) Erwähnungen: das die Umgebung lärmverschmutzende ferngesteuerte (!) hochtechnische Boot auf dem See - den Tod des kleinen Kindes noch ausgerechnet durch einen umfallenden (nicht gesicherten) Grabstein ...

Grüße euch beiden von augustine

 

      zuppanova



RE: Spiegel

   10.06.2008, 00:07



nur kurz noch, was mir zu deinen beiden Fragen einfällt, augustine:

1.
den "ersten Blick in den Spiegel", so dachte ich mir, könnte man auch als frühmorgendliche Zeitungslektüre deuten: im Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" eine Schlagzeile lesen - nicht spiegelverkehrt also, sondern ganz direkt --- diese Doppel-Deutigkeit des Wortes "Spiegel", mit der (so kommt es mir vor) das Gedicht spielt, gefiel/gefällt mir gut.

2.
"den Schluss kann man vielleicht auch lesen: das ist 'spiegelverkehrt': erfreut zu sein durch die Feststellung, einem selbst fehle nichts Wesentliches - was wäre auch 'ein graues Haar' mehr? ..."
was du schreibst, augustine, leuchtet zumindest mir als mögliche lesart sofort ein.

lg, zuppa.

 

      Elise



RE: Spiegel

   10.06.2008, 08:37



Guten Morgen -

dies kurze Gedicht könnte ein Versuch sein, sich dem Umgang mit "Leid" zu nähern - dem Leiden der anderen beim ersten Blick in den Spiegel auf das zur ikonenhaften Schlagzeile geronnene fremde Schicksal (das vom Grabstein erschlagene Kind), dann die Betrachtung des eigenen, am eigenen Leib erfahrenen Leid(en) des Alterns, wobei im Bild des "grauen Haars" implizit ja möglicherweise eine Menge selbst erlebtes Schicksal aufgerufen ist. Zum Schluss dann der Versuch, das Leiden der anderen und das eigene in Beziehung zu setzen, eine Gewichtung zu finden, eine Position.

Erstaunlich und positiv finde ich, mit wie wenig Larmoyanz die Frage nach dem Leid(en) angestoßen wird, das Gedicht kommt ganz ohne Tränenmeer aus, keine gefühlslastigen Mitleidsbekenntnisse, und auch kein Bedrängen des Lesers, nein, der darf selbst nachdenken.

Dieses Quickie ist Dir, Jolante, gut gelungen,
findet Elise.

 

      augustine



Peter Rühmkorf tot

   10.06.2008, 17:37 / 3 x geändert



Peter Rühmkorf

Rückblickend mein eigenes Leben . . .

Rückblickend mein eigenes Leben
fast noch die günstigste Lösung.
Und dann willst du bald nur noch mit deinem Fischmann
und der Gemüsefrau soweit zurechtkommen,
daß sie dir nicht unentwegt angegangenen Dorsch
und verstockte Radieschen andrehn -
Mit sonem stillen Stubengelehrten
kann man natürlich manches machen.
Von einer gewissen Gleichgültigkeitswarte aus
ließe sich vielleicht sogar noch
über diesen und jenen Lichtblick verhandeln:
eine bindfadenblonde Rose im Zugwind,
die es zu stützen gilt;
und du tust dich statt mit deinen Altersbeschwerden
ausnahmsweise mal
als großer Wohltäterätäter hervor.
Über den Grabesrand weg läßt sich ohnehin
nur schwer spekulieren.
Keine Mörsergranaten ins Brautbett, schon einmal gut.
Keine Tretminen in den Blumenrabatten, und auch das!
Keine Herzattacke ohne den Beistand von deinem
Lieblingskardiologen
Und der BARMER ERSATZKASSE,
Und wenn du morgens wieder mal dunkeltrunken deinen Rattenbau erreichst,
gratuliere, ah, im Kühlschrank brennt noch Licht.
Manches hält man natürlich nur aus, wenn man weiß,
daß man sich bereits auf der Rückfahrt befindet.
Die Haare lichter.
Stimme leiser.
Und auch die Schlaganfälle knattern nur so um dich rum,
daß du glaubst, in deiner lokalen Galaxis
wär bereits Weltuntergang angesagt.
Man nur gut, daß kein Ehrgeiz dich treibt,
von jedem Stück Lokuspapier
einen Durchschlag hinterlassen zu müssen.
Am schwierigsten bei solcher Lage der Dinge
Immer noch ein für Außenstehende
alles begleichendes Schlußwort.
Sage beim Abschiednehmen gern einfach
"Halten Sie die Stellung",
was im Allgemeinen begrüßt wird -
O b w o h l S i e ?
D i e S t e l l u n g ?
H a l t e n ?
Wo die Erde bereits wie ein durchgedrehter Brainburger
durch die große kapitalistische Imbißstube saust,
rasend,
rotierend,
dem Selbstverzehr entgegen,
bis der letzte Biß und der letzte Schiß in einem Reim
zusammenfallen
und die Führung endgültig an die Kakerlaken übergeht . . .

(SZ vom 10.6.2008)

Edit:
Ich meine ja bei den beiden letzten Texten von Jolante und zuppa hier Verbindungen zu sehen; die habe ich jetzt mal verblaut. a.

Ich halt das für eine private Kopie, hierher versendet. Und du, Elise?

 

      Jolante²



RE: Spiegel

   16.06.2008, 19:06



Als mir beim morgendlichen Blick in das Magazin "Der Spiegel" die besagte Schlagzeile ins Auge sprang, glich dies einer plötzlichen Inspiration. Die Meldung traf mich tatsächlich wie ein Schlag und es bestürmten mich viele Gefühle und Gedanken, die geordnet und verdichtet werden wollten. So ist innerhalb weniger Minuten dieses Quickie entstanden, das -um im Bild zu bleiben- wahrscheinlich einigen emsigen Spiegelneuronen zu verdanken ist.
Eure Kommentare, zuppa und Elise, haben mich froh gemacht, denn ihr habt alles verstanden. - Auch dir, augustine, danke ich für die intensive Beschäftigung mit dem kleinen Text. An Spiegelverkehrtes habe ich nicht gedacht und der Schlussvers ist natürlich ironisch gemeint. Einen Sinnzusammenhang mit zuppas See-Gedicht kann ich bisher nicht erkennen, auch nicht den mit den gemarkerten Stellen im Rühmkorf-Text. Vielleicht hilfst du mir ein wenig auf die Sprünge. Darüber würde sich freuen

Jolante




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