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      Liese



-

   31.05.2008, 22:39



-

 

      zuppanova



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   02.06.2008, 11:52



Grüss Dich Liese.

Nur kurz angemerkt:

Dein Text, 26 Zeilen in fünf Strophenpäckchen gefasst, beschreibt (das ist zumindest meine Lesart) Erinnerungsprozesse, Nachdenken über Vergangenes, auch den Kampf mit bzw. die Bewältigung(smöglichkeiten) für schmerzliche(n) oder unangenehme(n) Erfahrungen. Dieses Geschehen wird, von einem lyr. Ich geschildert, 24 Zeilen lang bildhaft umkreist, im fünften Paket gibt das lyr. Ich dann ein kurzes, zweizeiliges Resümee in Imperativform (hierzu auch gleich eine Frage - warum "sieh nicht nach unten"? balanciert das lyrische Ich auf einem Seil über den Fluss? steht es hoch oben am Steilufer oder auf einer Brücke und schaut hinab? befindet es sich auf einem Schiff und sieht in die Wellen? ich finde hier den Bezug zu den vorangehenden Bildern nicht), wobei es (so vermute ich), mit dem lyrischen Du zugleich sich selbst sowie auch den Leser ansprechen möchte.

Für die Beschreibung der reflektierenden Auseinandersetzung mit Vergangenem (vgl. auch Titel - wenn das gestern aufstöhnt) verwendest Du v.a. den Bildbereich des Flusses (das Leben ist ein Fluss, in den der Mensch taucht, Erfahrungen sind wie ein ununterbrochener, sich stetig verändernder Fluss ...) und die Metapher des "Blickens" (fester Blick, mein Blick ist immer da, sieh nicht nach unten usw.), außerdem taucht im dritten Paket (also in der Mitte des Gedichtes, an zentraler Stelle) ziemlich unvermittelt und unverknüpft (zumindest empfinde ich es so) mit den anderen Bildbereichen ein weiterer Bereich auf, nämlich "Worte" (sind es die rohen Worte, die jemand einmal an das lyrische Ich richtete?).

Nun finde ich die Art und Weise, wie Du diese Bildbereiche ausgestaltest, sehr problematisch - entschuldige, dass ich es so unverblümt ausspreche, aber ich denke, dass die Bildführung nicht gelungen ist. Auf mich wirken die sprachlichen Zusammenhänge, die Du in dem Text aufbaust, nicht stimmig und stellenweise fast albern. Vielleicht kannst Du nachvollziehen, was ich meine, wenn ich einige Fragen dazu hinschreibe.
Geht das - ein Fluss, der die Luft nicht anhält und mit seinem Wellenspiel jemandem zuprostet? Unter der Spannung (welcher? wer ist gespannt? der Fluss? warum? wo kommt die Spannung denn her? kann ein Fluss gespannt sein? oder ist eigentlich die Spannung des lyrischen Ich gemeint?) wartet ein nix (das Nichts sagt nichts - gut, gemeint ist wohl so etwas wie eine innere Leere oder Ratlosigkeit oder tiefe Depression des lyrischen Ich, aber die Formulierung ist sehr abgegriffen, ohne Sprachkraft - warum soll da ein Nichts sein unter der Spannung, das Nichts ist ja nicht wirklich "Nichts", sondern gefülltes, drängendes, womöglich quälendes Erlebtes - oder handelt es sich um eine Nixe, einen Nöck? das passte zwar zum Fluss, wäre aber in einem so abstrakten Text eine sonderbare Konkretion ...?). Wie auch immer, ein(e?) ominös wartendes (oder wartende/r) nix packt das lyrische Du (eigentlich das lyrische Ich, oder?) und zwar "wie ein schwarzes Loch". Ein nix packt Dich wie ein schwarzes Loch - das ist eine Sprachverballhornung. Kann einen denn irgendetwas wie ein schwarzes Loch packen? Kann ein schwarzes Loch denn irgendwen oder irgendwas "packen"? Das geht doch gar nicht, jedenfalls kann ich es mir nicht vorstellen - oder wenn, dann sehe ich einen Comic; das schwarze Loch, gezeichnet als hysterisches Grapschmonster mit Riesenhänden, rennt hinter einem dusselig davonstolpernden Protagonisten her, und in der Sprechblase steht: "Uuuuaaaaahhhh!!!" - also, das geht für mich ins Komische, Groteske.
Aber weiter im Text, nun kommt noch mehr:
Es dörren rohe Worte, und zwar dörren sie, indem sie auf der Leine im Auge (wessen? des Betrachters? des lyrischen Ich? des nix? des Flusses? möglich ist alles ...) hängen, und darum (darum herum, also um die im Auge an der Leine hängenden dörrenden rohen Worte herum? oder deshalb, also darum, weil die Worte da dörren auf der Leine im Auge hängend?) stürmt es ... oder stürmt es im Auge, das da um die Leine mit den Worten herum ist ... oder stürmt es im Auge, weil die Worte an der Leine hängen? Die Bezüge sind unklar. Sinnig wird dieser Teil nicht für mich, wie ich's auch wende und drehe.

Ich weiß nicht, ob Du, Liese, nachvollziehen kannst, dass die Sprache an diesen Stellen in ihrer Bildhaftigkeit völlig verrutscht ist? Über den Blick, der "sich als Brücke versteht", ließe sich Ähnliches sagen - kann ein Blick sich als Brücke verstehen? Ich finde, das funktioniert nicht als Vergleich, als Metapher. Dann: Kann ein Blick "in einer anderen Haut sein" - gemeint ist mit dieser verdrehten Formulierung wohl, dass das lyrische Ich sich manchmal in die Situation, die Position eines Gegenübers versetzen kann, aus dessen Augen schauen kann?

So, nun hoff ich, Du bist mir nicht gram, aber ich tue mich sehr schwer mit diesem Text, wüßte auch nicht, da er mir so grundlegend verquer vorkommt auf der Bildebene, was ich vorschlagen sollte, um etwas zu verbessern. Ich denke, da müssten tatsächlich ganz neue Bildbezüge gefunden werden, die in sich stimmig sind und auch untereinander im Zusammenhang stehen, also auseinander hervor-, ineinander übergehen.

Noch einmal die Bitte: Sieh mir die offenen und, ich weiß, sehr kritischen Worte nach.

LG, zuppa.

 

      Liese²



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   02.06.2008, 17:54



Hallo zuppanova,

ich bin dir nicht gram. Warum sollte ich auch?
Vielen Dank für deine intensive Auseinandersetzung mit meinem Text.

Um wenigstens erstmal auf eine deiner Fragen zu antworten
"hierzu auch gleich eine Frage - warum "sieh nicht nach unten"? balanciert das lyrische Ich auf einem Seil über den Fluss? steht es hoch oben am Steilufer oder auf einer Brücke und schaut hinab? "
Es steht in der Tat auf einer Brücke. Unter der Brücke wohnt der Nix. Es soll hinunter schauen. Er will es locken und holen.
Du gibst mir hier viel Nachdenkstoff. Das muss ich erstmal sacken lassen.
Für mich fühlt sich Lyrik nicht immer so anfassbar an, wie du es hier erwartest.
Ob zum Beispiel ein Fluss aufhören kann zu atmen? Für mich kann er das ganz klar. Auch hat Wasser eine Spannung. Eine Brücke spannt sich über einen Fluss. Genausogut kann das LyrIch gespannt sein, oder auch das LyrDu. Das mag ich an Gedichten, wenn man mehrere Richtungen einschlagen kann.

Vielleicht bin ich hier mit meinen lyrischen Ergüssen doch irgendwie verkehrt.

Lieben Gruß
Liese

 

      zuppanova



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   02.06.2008, 20:50



" Das mag ich an Gedichten, wenn man mehrere Richtungen einschlagen kann."

Ja, ich denke, ich versteh, was Du meinst, Liese. Du sprichst wohl hiermit die Mehrschichtigkeit, Mehrdeutigkeit an, die ein Text haben soll, haben muss, um interessant zu sein, diese Freiräume, die dem Leser eingeräumt werden müssen, die rezeptionalen Leerstellen, welche der Leser mit seiner Phantasie füllen und beleben kann. Dies zu erreichen - ist ein Balanceakt. Die Gefahr ist, dass man (als Autor/in) zu viel oder zu wenig des Guten tut. Wenn alles festgelegt, konkretisiert, unverdichtet, direkt ist am Text, dann ist er langweilig, prosaisch. Sind die Verbindungen der Bilder aber zu locker, die Gelenke zu schwach, die Bezugsmöglichkeiten allzu unstrukturiert und beliebig, so ist der Text disparat, ohne Führung, zerfällt, wird ungeschmeidig und insofern dann auch wieder langweilig. Die Sprache ist dann nicht aufgeladen, nicht kraftvoll, anders formuliert: Der Text hat dem Leser nichts zu sagen, weckt keine Resonanz.

Ein wenig ergeht es mir mit Deinem Text so: Er ist aus Teilen aufgebaut, die (für mein Gefühl) nicht recht zusammenspielen (oder auch nicht recht "gegeneinander", denn Oppositionen in einem Text sind auch "Gelenke"), sie baumeln leblos nebeneinander her, und als Leserin muss ich ständig überlegen wie was zusammengehören könnte, es "fügt" sich mir nicht und verleidet mir insofern das Lesen, ich kann nicht eintauchen.
Schau, wenn ich darf, möchte ich Dich auf einen Text hinweisen (link), bei dem die Worte zerhackt sind, der also vordergründig kaum "Anfassbares" bietet, andererseits aber doch wirkt, weil er scheint's eine Suggestivkraft hat, einen inneren Schwung oder Takt, der Leser mitnehmen kann, aufspringen läßt, zum Denken oder Bohren oder Gegenreden einladet.
Auch dieser Text (link) läßt sich aus verschiedenen Blickwinkeln lesen, besitzt eine Interpretationsoffenheit und doch zugleich so etwas wie ein "Rückgrat". (Hoff nur, niemand nimmt mir die Verlinkungen übel.)

Vielleicht wirkt das ganz arrogant und dominant, was ich hingeschrieben hab, aber: Es soll einfach ein Versuch sein, Dir zu antworten bzw. mich verständlich zu machen, mein Verständnis von einem "guten" oder "starken" Text zu umschreiben.

Und dann ist es ja so auch noch: Ich bin nur eine einzige Stimme und teile nur meine subjektive Meinung mit. Ich bin ja keine Norm.
Andere Leser/innen mögen wiederum Deinen Text ganz anders auffassen als ich und ihn ganz anders empfinden.

LG, zuppa.

 

      Liese²



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   02.06.2008, 21:14



Hallo zuppanova,

ich verstehe was du mir sagen möchtest.
Mein Blick fällt gerade durch deine Haut. :)
Dank der zwei Links weiß ich nun, wie für dich ein "starker" Text aussehen kann.
Nun weiß ich aber nicht - ist mein Text schwach, weil er "handwerkliche" Fehler hat, oder weil er nicht in deine persönliche Schublade eines "guten" Textes passt.
Sicher ist ein Verdichtetes nicht der Lese wert, wenn man es erst komplett erklären muss. Deshalb werde ich diesen Text auch noch einmal überdenken. Für mich ist er eigentlich durchschaubar, aber das ist so ein Problem von mir, immer vorauszusetzten, dass mein Leser um meine Ecken denkt.
Danke nochmals!

Liese grüßt

 

      zuppanova



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   03.06.2008, 00:10



Ha - ! Liese, die Frage nach der Schublade (warum ist für eine/n Lesende/n ein Text "stark" oder "schwach"), das ist eine gute und sehr berechtigte Frage, eine der Fragen, wenn es um "Beurteilen" (das ist ein hartes Wort, aber ich hab kein besseres) von Texten geht, und es gefällt mir, dass Du die Sache so auf den Punkt bringst. Eigentlich hat diese Frage eine große Schwester, nämlich Was ist Literatur? Wann ist ein Text "literarisch wertvoll" - und warum?, aber diese große Schwester lass ich mal in der Ecke stehen, es genügt zu wissen, dass sie existiert; ich konzentriere mich also auf die etwas kleinere Frage und versuche eine spontane Antwort, indem ich ein Bild entwerfe; anders kann ich es nicht.

Ich denk es mir etwa so:
Es läßt sich nicht verleugnen, dass jeder Leser beim Lesen in seiner ganz persönlichen Schublade - oder sagen wir, in seinem Kasterl - sitzt, und entweder passt ihm ein Text und er zieht ihn zu sich hinein - oder nicht. Aber die Kasterln sind verschieden. Sie sind aus vielerlei Hölzern gebaut, die heißen meinetwegen: Sozialisation des Lesers, Wertesystem der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, Bildungshorizont, persönliches Wissen, Erfahrung im Umgang mit Texten, Belesenheit, Sprachgefühl, aber auch: Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen, persönliches Temperament, Prägung durch ganz bestimmte Stilrichtungen und Schulen, individuelle Geschmackseichung, Lebenserfahrung, Überblick und Einblick und Einfühlungsvermögen in "fremde" Erfahrungsbereiche, Möglichkeiten der Selbstreflexion, Möglichkeiten der Analogiebildung, eigene Schreiberfahrung - klingt wahrscheinlich alles ganz furchtbar ... es könnte so sein, dass manche Kasterln eng und dunkel sind, der Deckel ist zu und der Leser sitzt drin und schaut nie heraus, und das einzige, was er in seinem Gehäuse liegen hat, ist ein Stapel Jerry-Cotton-Hefte (oder die gesammelten "Klassiker", den "Kanon"), ein anderer hat seinen Deckel aufgeklappt und wedelt mit der Odyssee, dem Tod in Venedig, den Feuchtgebieten und der Scheibenwelt herum, während er ein Gedicht von Tom de Toys rezitiert und sich von der Werbung, die in seinem Kasterl-Radio grad läuft, zu einem Werk inspirieren läßt ... ein dritter hat vielleicht den Deckel offen, sieht aber trotzdem nix als den eigenen Nabel, weil er halbblind ist und keine Brille aufsetzen mag ...

Wie Deine Texte wirken, erfährst Du also wahrscheinlich aus einer Summe von Rückmeldungen verschiedener Leute, das ergibt dann eine Art Spiegel. Und wahrscheinlich kann man so allgemein sagen, dass Fremde Deinen Text unbefangener und direkter spiegeln als Deine Freunde, und dass Leute, die viel und viel Verschiedenes lesen und kennen, oft auch die besseren Text-Spiegler sind. Aber ganz sicher ist nie etwas. Jetzt ist es schon wieder so spät, und ich sag: Gute Nacht mit Grüßen.

zuppa.

 

      Liese²



RE: wenn das gestern aufstöhnt

   03.06.2008, 07:47



Ja - liebe zuppa - das wird so sein.

Ich packe deine Kritik zum Text in die Summe, und schau mal, was dabei rum kommt.

Lieben Gruß
Birute




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