| |
|
Vladimir
|
21.05.2008, 11:32 / 2 x geändert
|
|
Klassenfahrt
Ich mache mir Toast für den Strand: zweimal
Schoko, einmal Birnen-Dattel, einmal
Erdnussbutter-Marmelade. Das Gras
schneidet den Wind, ich lasse zurück: Zimmer-
genossen, die meinen uralten, wertvollen, meinen PC
besudelt haben über Nacht - ich hab noch
Stolz - unten in der Hack-
ordnung tret ich aus ihr ins
freiere. Keiner im Lager erkundigt sich mehr
nach dem Ergehen der
Vatertodzerrütteten - man will sich
nicht aufdrängen. Auf dem Deichweg:
gefleckte Spaziergänger. Weiter noch durch
Kunstsand - wieder ins Gras, ins
Kühle, das Watt
bietet seine schillernde Ebene feil - kaum noch
was wert, nahe Flut. Hier
wieder atmen? Und wenn
sie mich fänden und über mich ihre Ordnung gestülpt würde - hier
- ich könnte nur fluchen: ihr Hurensöhne verpisst euch!
Jetzt, außen, noch: ein wenig
Singen: die
primitiven Umrisse des Leids dieses
Mädchens - der Wind
bläst, nimmts. Die Wolkendecke spielt horizontweit
ihre Fantasie aus
Grau und Weiß.

|  |
augustine
|
Hallo, Vladimir -
ein Gedicht von dir, zu dem ich gleich was schreibe - hab' fast das Gefühl, du fühlst dich dann missverstanden.
Es kommen so Bilder von Sylt herauf, sogar genauere: Puan Klent.
DU schreibst doch nicht biographistisch. Und doch:
Da ist ein lyrisches Ich, ein Junge, unten in der Hackordnung seiner Klasse (zu klug für die Masse, muss aber mit, das ist so üblich, reist mit liebevoll selbst verspottetem PC (laptop?) - na! Den mal begießen. (Früher nähte man die Ärmel von Schlafanzügen zu, haha)
Das Ich rettet sich mit Süßem aus der Welt der "Zimmer-/genossen" drinnen ins Freie in Wind und Watt.
Ihn lässt man nicht allein. Die andere, das Mädchen, dessen Vater gestorben ist (tu noch ein 'r' mehr dazu), das es brauchte, nicht allein gelassen zu werden, die lässt man allein, versteckt seine Unfähigkeit hinter einem Spruch.
Boshaftigkeit dumpfer gleich machen wollender, auch hilfloser pubertärer "Ordnung".
Klingt, wie wenn's früher schon geschrieben sein könnte, das Gedicht, und jetzt bearbeitet. Vielleicht ein Beitrag zu zuppas Anregung, frühes Eigenes herzuzeigen? Aber auch da: lieber allein.
Fragt sich und dich
augustine

|  |
Vladimir²
|
Hallo augustine,
nein, es steht nicht in diesem Zusammenhang. Aufgefallen ist er mir natürlich auch, aber das Gedicht ist ganz frisch.
Und autobiographistisch? Nein und ja. Im ganzen nein, in Details ja.
Dass du meinst es wär früher geschrieben - hat mich zunächst verwundert. Aber dann: galt es ja auch, die Sprache irgendwo dem Sprecher anzupassen. Insofern vielleicht nicht nur negativ.
Ansonsten will ich gar nicht viel sagen. Die Situation hast du ganz richtig erfasst. Ich frag mich, was du dabei fühlst?
Liebe Güße,
Vladimir

|  |
augustine
|
21.05.2008, 19:56 / 1 x geändert
|
|
Was ich fühle?
Du setzt ein Fragezeichen, meinst also wohl mich und nicht dich. Ich fühle: Verwunderung. Verwunderung, dass du eine Situation zusammengesetzt hast, die soviel 'jünger' ist als du, der du doch so viel 'älter' bist als du. Neugier, was dich dazu veranlasst haben könnte. Und (da ich deine Zurückhaltung in beinahe allem, das an Privates rührt oder rühren könnte, ja kenne) die Erwartung, dass du dich trotz deiner Frage nach dem, was ich fühle, doch nicht weiter erklärst.
Vielleicht noch: ein bisschen Fröhlichkeit, dass dir auch ein leichterer Ton gelingt. Vielleicht musstest du 'dich' dazu jünger machen? (Mein Gott, verzeih, das ist schon wieder psychologisiert.)
Nun, irgendetwas wirst du doch sagen, denkt sich augustine
Nachtrag: Du hast das hier vmtl. schon gelesen, Vladimir; ich hatte aber vorhin deinen Beitrag von gestern abend noch nicht gelesen. Hätte ich, dann hätte ich etwas anders noch geschrieben.
a.

|  |
Vladimir²
|
Gut, dann weiß ich jetzt nicht so recht, wieviel von deiner Frage im andern Faden schon beantwortet wurde...
Trotzdem nochmal: verwundern sollte es dich nicht, wenn ich so ein "jüngeres" Thema bemühe; denn wenn ich es sonst nicht tue, dann nicht, weil ich es aus welchen Gründen auch immer ablehnen würde oder unwürdig fände, sondern weil es mir einfach noch nicht gelingt, den richtigen Ausdruck zu finden. Ich hab mal versucht, ein Theaterstück zu schreiben, das diesen Balanceakt schaffen sollte - ermutigt und angetrieben von Blumfelds Ich-Maschine. Glaub nicht, dass es mir gelungen ist, oder weiß es zumindest nicht - vermutlich war meine "Jugend" oder Pubertät in solcherlei Hinsicht dann doch zu harmlos.
Insofern bin ich über das Gedicht hier auch besonders froh - da kam mir auf einmal etwas in die Feder. Auslöser war ein Traum. Die Landschaft ist aus der Erinnerung - ich war da bei Wilhelmshaven mal auf Stufenfahrt. Der Traum ist z.T. auch Erinnerung, und so verschränkt sich das ganze.
Diese Fahrt jedenfalls (und zum Deich gegangen bin ich wirklich mit der Gitarre und hab da gespielt und gesungen) gehört zu den intensivsten Eindrücken, die ich so hatte, und hatte noch kein Wörtchen auf seine Seite ziehen können.
Und leicht? findest du den Ton leicht? Oder nur den Ton?
In der Hoffnung, deine Erwartung widerlegt zu haben,
Vladimir

|  |
augustine
|
22.05.2008, 13:13 / 3 x geändert
|
|
Ich mache mir Toast für den Strand: zweimal
Schoko, einmal Birnen-Dattel, einmal
Erdnussbutter-Marmelade.Das Gras
schneidet den Wind, ich lasse zurück: Zimmer-
genossen, die meinen uralten, wertvollen, meinen PC
besudelt haben über Nacht - ich hab noch
Stolz - unten in der Hack-
ordnung tret ich aus ihr ins
freiere. Keiner im Lager erkundigt sich mehr
nach dem Ergehen der
Vatertodzerrütteten - man will sich
nicht aufdrängen. Auf dem Deichweg:
gefleckte Spaziergänger. Weiter noch durch
Kunstsand - wieder ins Gras, ins
Kühle, das Watt
bietet seine schillernde Ebene feil - kaum noch
was wert, nahe Flut. Hier
wieder atmen? Und wenn
sie mich fänden und über mich ihre Ordnung gestülpt würde - hier
- ich könnte nur fluchen: ihr Hurensöhne verpisst euch!
Jetzt, außen, noch: ein wenig
Singen: die
primitiven Umrisse des Leids dieses
Mädchens - der Wind
bläst, nimmts. Die Wolkendecke spielt horizontweit
ihre Fantasie aus
Grau und Weiß.
Ich hab's mal mit Farben versucht. Leicht und schön im Ton finde ich nur die rot markierten Stellen. 'Leicht' finde ich das Ganze, weil es gedanklich einfach zugänglich ist. Anderes finde ich sprachlich zu eckig, das betrifft offenbar immer Stellen, wo es um 'Handlung' geht. Nicht alle, aber viele.
Daher könnte ich auch sagen: das Epische ist nicht lyrisch (wie auch?); als das eigentlich lyrisch Schöne empfinde ich die rot gefärbten Stellen.
Das könnte man noch ausführlicher durchgehen, d.h. ich mich zu einzelnen Stellen genauer äußern. Aber du musst in Reisevorbereitungen stecken. ROM! Kennte ich dich in der wirklichen Wirklichkeit, würde ich sagen: bring mir einen Stein mit.
Erst eben vor diesem Schreiben stieg mir zurück ins Bewusstsein, was mich angerührt hat: das Watt und seine spiegelnde sanfte Fläche: ich bin mal, so lange es möglich war, im auflaufenden Wasser gegangen, immer mehr aus der Zeit (Zeit!) gehoben und eine Weile in einem seligen All-Einheits-Gefühl...
Und ich habe auch mal am Watt gespielt (Flöte gespielt), eine Art Selbstvergewisserung vor einem erotischen Spiel, das ich danach gespielt habe.
Grüße von augustine

|  |
Vladimir²
|
23.05.2008, 08:56 / 4 x geändert
|
|
Hallo noch einmal am Abreisemorgen.
Damit das hier noch gewürdigt wird:
Aber hattest du auch noch blau markiert? Das seh ich im Gedicht nicht, nur im Kommentar.
Jedenfalls:
Ja, natürlich, dieses lyrisch Schöne soll ja auch nur diese Stellen betreffen: nur da erlebt es das lyrische Ich und erst in diesem Kontrast mit dem Hintergrund, aus dem er kommt, und der noch mitschwingt, soll es wirken und bekommt es seine Färbung.
Und aber - und damit verrat ich vielleicht, was für mich das Geheimnis und Zentrum des Gedichts ist - hoffnungsvoll, nämlich eben in diesem lyrischen Ton, also in der Gesamtbewegung vom Engen ins Freie, endet das ganze nur, weil das, was er da singt, nicht seins ist, sonders des Mädchens. Erst da wird er frei.
Also diese Beziehung ist denk ich das wichtigste.
Ansonsten: ja, das Watt: schreib du doch auch ein Wattgedicht! Mich hat es auf eine Art tief beeindruckt. Einfach zu erleben wie jeden Tag zweimal aus einer weiten Fläche Matsch einfach Meer wird - ein ganz komisches Gefühl. Man glaubt irgendetwas (Dativ) ganz nah zu sein. Aber du siehst: das ist eine schlechte Beschreibung!
So, damit verabschiede ich erstmal für knapp vier Wochen aus diesem Forum - falls nichts dazwischenkommt. Vielleicht entsteht ja das ein oder andere Gedicht unterwegs - vielleicht auch nicht.
Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!...
Es grüßt,
Vladimir

|  |
jottel
|
hallo vladimir,
müsste es nicht 'ins / Freiere' sein?
nun, es gefällt mir, sehr sogar, liegt vielleicht daran, dass ich nicht nur deiche und das meer liebe, sondern auch szenisches, bildreiches und so manches naturgedicht. dies kommt hier alles zusammen, feine stellen, die mich mitnehmen, gibt es auch. die - ich weiß nicht, ob man dies so sagt oder sagen kann - lyrische immersion funktioniert.
nur zwei dinge stören mich beim lesen: 1. den titel finde ich als betrug. d.h. er sagt einem zu viel im voraus, bleibt dadurch aber nicht unbedingt wichtig. natürlich kann man klasse auf vielerlei arten lesen, dementsprechend auch klassenfahrt, doch liegt darauf weniger der schwerpunkt. wenn doch, dann ergibt sich das auch aus dem text. 2. der doppelte genitiv: 'die primitiven umrisse des leids dieses / mädchens'. vielleicht einfach das s bei mädchen streichen.
gruß. jl.

|  |
augustine
|
Seit einigen Tagen sehe ich, dass du wieder da bist, Vladimir, wahrscheinlich noch längst nicht wirklich.
Du bist beim Abschied des Alban-Berg-Quartetts gewesen, stelle ich mir vor. Und in der Nacht auf Sonnabend gab's das C-Dur-Quintett von Schubert auch im Radio (leider dieselbe Aufnahme, die ich auch habe), und ich hörte, bis leise schon der längste Tag begann.
Eine Welt zwar bist du, o Rom! Doch ohne die Liebe
wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
Grüße. augustine

|  |
Vladimir²
|
...und schon wieder weg, gleich, nach New York, dann New England, Montreal, Vermont, drei Wochen... Solches zu hören hatt ich auch gar keine Zeit (ebensowenig, wie hier näher neues durchzulesen und zu antworten, deshalb auch erstmal nichts von meinen Romsachen) - Abifestivitäten etc. Und ja: diese Verse waren da! Ohne sie hätte ich wohl zum Abiball keine Elegie geschrieben. Was mich nach Amerika begleitet? Im Geiste vielleicht Nabokov. Ansonsten - da dann recht unpassend - der für mich zweite Homer-Teil, Illias (mit dem 24. Gesang der Odyssee kam ich in Rom an), und Musil.
And from the inside, too, I'd duplicate
Myself, my lamp, an apple on a plate:
Uncurtaining the night, I'd let dark glass
Hang all the furniture above the grass,
And how delightful when a fall of snow
Covered my glimpse of lawn and reached up so
As to make chair and bed exactly stand
Upon that snow, out in that crystal land!
Liebe Grüße,
Vladimir

|  |
|
|