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jottel
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18.05.2008, 15:48 / 1 x geändert
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weinbergwolken, -schnecken
schleichen entlang der schatten gelber straßen
ufer, flucht vor den trauben, terrassen im hinter
grund schwarzgrau vor dem dahinter ein regen
reben dir senkt sich der brustkorb und hebt ab
auf trottoirs, und aufgegebene industrie xenon
im rausch, abgeschirmt ein ich ein anderes mit
hund weiteres auf dem weg übern berg brechen
dich tausend milliarden kubikmeter wasser

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Vladimir
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Hallo jottel,
Eindrücke und Fragen:
Wie können Straßen Schatten werfen? Oder es sind die Schatten gemeint, die daraufgeworfen werden? Vermutlich...
Und: "vor dem reben" und "dahinter ein regen" oder?
Dann die trottoirs - da komm ich mit meiner Bebilderung etwas aus dem Takt: sah mich eben noch in den Weinbergen spazieren und nun in einem Dorf, einer Stadt? Aber warum nicht.
Der Rausch, ist das schon der Regen?
Jetzt also doch der Weg übern Berg.
Aber das "brechen" krieg ich nicht hin. Ist doch eigentlich eine schreckliche Vorstellung, von "tausend millarden kubikemtern wasser" gebrochen zu werden - oder bricht der Sprecher (ist es der Sprecher, dieses du?) das Wasser? So könnt ichs mir eher vorstellen und würds zum abgehobenen Brustkorb passen. Oder ist da ein Stimmungsumschwung?
Gut find ich die Schnecken, auch dies ineinssetzen von Ferne und Nähe.
Dies kurze in der Luft schweben nach "hebt ab".
Die isolierten Regenspaziergänger (auch noch mit Hund!).
Das beieinander von Industrie, Weinberg, Stadt ohne dass einem daran etwas unnatürlich vorkäme - es gehört alles in einen Eindruck.
Den Rhythmus.
Muss da an Daun denken - so hieß das glaub ich, da hab ich mit meiner Familie immer so Weinbergspaziergänge gemacht.
Dankeschön!
Vladimir

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zuppanova
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jottel, grüss dich, jetzt beschreib ich einmal knapp, was mir einfällt zu deinem text:
[1] ich lese den text als eine art notiz, eine skizze oder impression der atmosphäre an einem bestimmten tag in einer womöglich ganz gewissen, konkreten stadt (ich kenne jedoch keine stadt mit weinbergen);
[2] hauptbildelemente sind: die weinberge und der regen (im titel beides verknüpft zu den weinbergwolken), sowie die "schnecken" (ebenfalls erwähnt im titel) in strophe 1, die ich allerdings gleichsetze mit den passanten, welche in strophe 2 beschrieben werden; schnecken, oder allgemeiner, das, was in dieser stadtszenerie an lebewesen unterwegs ist (auch hunde können schnecken sein);
[3] zweimal wird ein "du" angesprochen, jeweils am ende der beiden strophen; ich interpretiere das als selbstgespräch des sprechers/der sprecherin, um über die eigene befindlichkeit zu reflektieren (-> "wie geht es mir innerhalb dieser szenerie?");
[4] der atmosphärische eindruck, den das gedicht transportiert, ist geprägt von trostlosigkeit, isoliertheit, untergangsstimmung, ausgedrückt in formulierungen wie terrassen im hinter / grund schwarzgrau (übrigens hier, in der ersten strophe, ist die "fernwirkung" sprachlich geschickt in dem vor dem dahinter ein regen wiedergegeben, dann folgen die reben in dieser regenszenerie, es ist eine aufzählung), aufgegebene industrie, abgeschirmt ein ich u.a., und für mein gefühl sehr stimmig vermittelt, auf eine ruhige, unaufgeregte, lakonische und dennoch recht eindringliche weise - und mit einer spur humor, sprachhumor darin, wenn es z.b. heißt dir senkt sich der brustkorb und hebt ab // auf trottoirs - das ist ein sehr schöner, hintersinniger übergang von dem "fernblick" in strophe 1 zur "nähe der straße" in strophe 2;
eine schwierigkeit hab ich:
schleichen entlang der schatten gelber straßen - das liest sich für mich ungelenk, wegen der doppelten genitivkonstruktion (ich denke aber - im gegensatz zu Vladimir - dass die schatten der straßen prinzipiell ganz in ordnung sind: es sind ja nicht die schatten gemeint, die sie werfen, sondern die, die auf sie geworfen werden, fallen, nicht wahr? wie heißt dieses hier von die eingesetzte stilmittel, diese art der verkürzung doch gleich? vllt. schau ich's noch nach?). könntest du dir vorstellen, hier zu verändern (wegen dem doppelten genitiv? aber WIE verändern weiß ich auch nicht ... ohmei ...)? vielleicht steckt ja aber auch eine bestimmte intention genau hinter dieser genitivkonstruktion, die ich nur nicht erkenne.
ansonsten: ja, gut verdichteter stil, konsequent und stimmig in den bildern.
lg, zuppa.

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jottel²
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hallo vladimir,
- ja, die schatten gelber straßen, so habe ich mir zumindest das bild gedacht, sind die schatten, die auf die straßen geworfen werden. wie ich bei zuppanova erkennen kann, ist das bild nicht mal so schräg.
- 'dahinter ein regen / reben' kann man wohl und vor allem als aufzählung verstehen. aber deine leseweise wehe ich auch. schick.
- ich wohne in esslingen, einer stadt, die auf einer seite von weinbergen begrenzt wird. wenn ich aus dem fenster sehe, liegen auf der anderen straßenseite die kaskaden der weinberge. für mich ist deswegen das zwar ein kontrast, aber kein abwegiger oder unrealistischer.
- rausch bezieht sich für mich auf den regen, die autos und die spaziergänger. und das nahende wasser vielleicht auch.
- wie meinst du das mit dem: das du bricht das wasser? ich kann das irgendwie nicht herauslesen.
bitteschön. sehr gerne.
hallo zuppanova,
[1] ja, esslingen. nachts, da regnete es und ich spazierte nach einem abend bei nem kumpel zurück zu meiner wohnung. unterwegs begegneten mir einige schnecken. und eine habe ich leider zertreten. aus schuldgefühlen habe ich wohl das gedicht schreiben müssen. aber ich denke nicht, dass das wirklich relevant ist.
jund ja, ich sehe das auch vor allem als notiz, in der die stimmungen bald leicht schwanken, ein leicht inkonsistentes bild ergeben. wobei sich einige elemente durch das gedicht ziehen.
[2] die gleichsetzung gefällt mir. die protagonisten oder statisten flüchten, obwohl sie schleichen, wobei vor dem nahenden druck kein entkommen sein kann.
[3] ich mag es auch in gedichten, wenn lyrisches ich und du zusammenfallen. hier ist es vor allem deswegen gut zu lesen, weil kein ich sich benennt.
[4] dem ist nichts hinzuzufügen. nie hätte ich mein gedicht so betrachten oder analysieren können. dankeschön. - doch ist die stimmung tatsächlich so durchgehend trostlos etc.?
- ich glaube, dieses problem mit dem doppelten genitiv (den ich auch normalerweise nicht ausstehen kann) ist nicht so tragisch und zwar dadurch, weil das 'entlang' kein substantiv ist. aber es könnte weit mehr leute stören und ist vermutlich auch schlechter stil. etwas anderes, das wirkt, fällt mir nicht ein.
grüße. jl.

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augustine
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23.05.2008, 20:13 / 1 x geändert
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Ich hab' ein bisschen länger gebraucht, Jottel; vielleicht hast du gar nicht erwartet, dass ich antworte.
Mir war aufgefallen, zuerst bei hinter / grund, wo das Enjambement ja eindeutig ist, dass ich nach weiteren suchen könnte, und da lässt sich immerhin auch lesen:
- weinbergwolken, -schnecken // schleichen
- straßen / ufer
- regen / reben [hier allerdings 'stört' das "ein"]
- hebt ab // auf trottoirs
- xenon / im rausch
- ein anderes mit / hund
- brechen / dich
also: durchweg Verbindungen innerhalb der Zeilen und in die nächste hinein; das gefällt mir;
'gelbe' Straßen: konnten (noch) sonnengelb sein oder künstlich nachtbeleuchtet; da ich die Topographie kenne, von Eßlingen, auch von Stuttgart, wo sich Weinbergterrassen bis in den Talkessel hinunter ziehen, haben mich die Straßen bei Weinbergen nicht überrascht;
aber: der Brustkorb senkt sich im Ausatmen; um abzuheben, müsste man doch einatmen;
wie viele 'Ichs' sind denn im Gedicht? (ich hatte mir gedacht: eins mit Schirm; eins mit Hund (freilich: wäre unfreiwillig etwas komisch); und noch eins ('ein weiteres'; schwäbisch), dann der Wolken-Bruch;
der doppelte Genitiv stört mich nicht (vielleicht weil das grammatisch hier einmal ein Objekt ist, dann ein Attribut)
Ansonsten ist ja viel, vielleicht alles gesagt.
Ich schreib dir noch was ab aus:
Gerhard Wolf, Beschreibung eines Zimmers, muss von Ende der 70er Jahre sein, aber ich kannte es bisher nicht; das Zimmer ist das von Bobrowski, das original belassen worden ist (neuerdings sind Farbfotos im Internet); diese Beschreibung ist zugleich und vor allem eine biographische Studie zu B.; also daraus:
Er [B.] beruft sich, noch eben von Zweifeln befallen, ob nicht doch vieles bei ihm zu verschlüsselt erscheine, glücklich auf seine Leser [...] Das Kunstwerk - Gedicht, Prosa - hat die Macht, auch durch dunkle, scheinbar verschlossene Andeutungen das Bewußtsein zu provozieren. Der Leser ist angeregt, die Schatten für sich zu enthüllen - auch er wird produktiv. Eine neue Beziehung zwischen Redendem und Zuhörendem stellt sich her. Der Leser hat zu antworten. (S. 43)
Ich gestehe: das Entschlüsseln z. B. bei B. mache ich mit, ja, einer Art von Liebe; das Entschlüsseln deiner Texte ist mir weiterhin anstrengend; aber du siehst: spät, aber doch.
Sei gegrüßt! augustine
noch: ich meinte erst, du meintest: xenos, der Fremde; sehe aber: es gibt ein chem. Element, das so heißt und wohl mit der aufgegebene[n] industrie zu tun hat; ist das so? a.

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Gretchen
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Hei jottel,
viel Neues werd ich nicht (mehr) beitragen können, wollt mich dennoch hier zu Wort melden. Du fragst
| Zitat: |
| doch ist die stimmung tatsächlich so durchgehend trostlos etc.? |
und ohne nun Dich, zuppa, überfahren zu wollen - ich würd die Stimmung in dem Text nicht so ganz trostlos nennen, sondern eher "verhangen" oder "verschleiert". In mir entsteht ein Bild wie von einer Bühne, die von wolkigen Vorhangschleiern verhüllt ist, welche sich bauschen und blähen und rauschen, man muss sorgfältig lauschen und schauen, was Vorder-, was Hintergrund ist, worum es denn eigentlich geht, also so etwas Bewegtes, Unsicheres drängt sich mir auf, das Wichtigste bleibt verhüllt, verborgen in oder hinter den Wortern und den Bildern, die sie in meinem Kopf evozieren.
Auch lese ich eine Portion Ironie, in dem Enjambement von der ersten zur zweiten Strophe nämlich, da wird vom Sprecher ein großer Atemzug genommen, ein richtiger Anlauf, abheben will er - aufs Trottoir. Das ist eine Stelle, wo ich jedesmal beim Lesen leise lachen muss. Ja, so ist das Leben. Wir Flugbereiten, wir finden uns am Ende doch auf der Straße wieder, zwischen all den anderen Einzelgängern, und was wir tun können, ist: Aufpassen, dass wir keine Weinbergschnecke zertreten - wobei: Das ist schon viel, durchs Leben kommen, ohne anderes Leben zu zertreten. Fast unmöglich ...
Hei, nur so paar Krötchengedanken.
(Kröten laufen immer mal wieder Gefahr, zwar nicht direkt zertreten, aber überfahren zu werden.)
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