Mein erstes Gedicht · zuppanova · ·


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      zuppanova



Mein erstes Gedicht

   17.05.2008, 15:20



Eine Idee:

Lasst doch mal Eure Anfänge sehen.
Diese frühen Gedichte oder Texte, geschrieben mit acht, zehn oder vierzehn ... Werke, die nicht unbedingt das Gütesiegel „Literarisch besonders wertvoll!“ verdienen, an denen man aber (auch wenn man die Pubertät längst hinter sich gelassen und eine selbstkritische Distanz zu den damaligen Ergüssen gewonnen hat) als Autor/in dann doch irgendwie hängt, weil es sich um kleine biografische Dokumente handelt, weil ein bestimmtes Lebensgefühl, ein spezifischer Erfahrungshintergrund damit verknüpft ist. Oder auch Werke, über die man inzwischen halt hintersinnig schmunzelt, weil man sich wundert, wie man je so unsäglich hat schreiben können.
Neugierig bin ich, neugierig wie sieben Katzen. Und werd selber auch in alten Schachteln krusch’n, hab schon als Kind immer viel auf Zettel geschrieben, kann sein, ich find noch welche ...


LG, zuppa.

 

      Jolante



RE: Mein erstes Gedicht

   18.05.2008, 13:54 / 3 x geändert



Mein erstes Gedicht, ich glaube es im Alter von 10 Jahren geschrieben zu haben, ist mir leider abhanden gekommen. Danach habe ich nach meiner Erinnerung keins mehr geschrieben, bis ich knapp über 30 war. Eine Lesung saarländischer Dichter im Saarbrücker Rathaus, genauer gesagt das erste erfolgreiche Buch von Ludwig Harig "Die saarländische Freude" war damals für mich der Auslöser zu einem eigenen Gedicht, dem bald weitere folgten. Ich will es mutig hier hereinstellen:

Dichterlesung

Von Erkätung kaum genesen
Und erschlafft von Tagesmühen
Bin bei Dichtern ich gewesen,
Deren Werke im Erblühen.

Schnupfend lauschte ich den Worten
Des Poeten, der entzückt
Die verdrängte Saarland-Heimat
In das Herz Europas rückt.

Ludwig Harig las erbaulich,
Er zitierte Kant, Rousseau,
Und dozierte weltanschaulich
Über Kindheit, Haus und Klo.

Lobend sprach er vom Gemüse,
Welches wuchs in Mutters Garten,
Und beim Blick auf Nachbars Füße
Konnte ich es kaum erwarten,
Bis sich löste von der Sohle
Saarländische Heimatscholle.
Klebte da nicht grün und satt
Gar ein feuchtes Eichenblatt?

Ach, ich weiß es nicht bis heute,
Wie sie ist, die er erfunden,
Diese "Saarländische Freude",
Werde ich sie je erkunden ?

Alfred Gulden sprach von Roden.
Weich klang mir sein "Lu mol lo".
Nachbars Klumpen fiel zu Boden,
War ich saarländisch jetzt froh ?

--------

Gespannt auf weitere "erste" Gedichte
grüßt Jolante

 

      zuppanova²



Die Lebensur

   19.05.2008, 13:26



liebe Jolante, danke dir für die prompte positive reaktion und das herzeigen deines gut gereimten frühwerkes. ich war inzwischen im keller und hab dort einiges gefunden, u.a. das hier:

DIE LEBENSUR

ERST NOCH IM BAUCHE DAN EIN
BABY IMMER ZU DAN EIN KIND
MIT VIEL FREUDE DAN NE
JUNGE DAME DIE SER FREUNDLICH
IST DAN EINE GROSE
MUTTER MIT VIELEN STOLLSSEN
KINDERN DAN NE ALTE
OMA DIE SÜSE ENKEL HAT
DAN IM GRABE DROBEN
BEI GOTT


da war ich sieben jahre alt (deswegen großbuchstaben und rechtschreibfehler). mit sechseinhalb bin ich eingeschult worden, schreiben hatte ich mir schon kurz vorher selber beigebracht, mittels einer alten ABC-fibel. sobald ich begriffen hatte, wie die sache funktioniert, fing ich an, "text" zu produzieren und hab im grunde auch nie mehr damit aufgehört. als kind schnitt ich mir oft die weißen randstreifen von der zeitung ab, um schreibpapier zu haben, denn "richtiges" papier wurde mir für mein gekritzel nicht zugestanden. später füllte ich dann mit winzigster schrift ganze hefte.
da ich schon immer eine sammlernatur war, sammelte ich eben auch meine eigenen ergüsse (die zeitungsrandstreifenzettel in einem schuhkarton).

ebenfalls gespannt auf weitere erstlinge (dürfen ja auch zweit- und drittlinge sein)
ist die neugierige
zuppa.

 

      augustine



RE: Die Lebensur

   19.05.2008, 21:59 / 1 x geändert



Ach, zuppa, ach, Jolante und wen's sonst interessieren mag: meine Erstlinge gibt's nicht mehr. Es waren nur zwei und keine Gedichte.
Eins war ein Theaterstück, jawohl, das schrieb ich mit 10 oder 11, zusammen mit Monika Reimann, der Enkelin des KP-Chefs in Westdeutschland, die in meine Klasse ging, am elterlichen Küchentisch in Ostberlin. Die Handlung bestand so etwa darin, dass im Frühling die Sonne die Blumen zu neuem Leben erweckt. Es ist ist aufgeführt worden, 2x sogar, mit mir als Sonne in einem gelben Rock aus Krepppapier. Wahrscheinlich war's irgendeine hommage an den Opa der anderen, jedenfalls eine Auftragsarbeit.
Der Prosa-Erstling war eine Beschreibung des spannenden Umzugs von Ost- nach Westberlin. Da war ich 13. Ich weiß noch, dass dies Schreiben aus eigenem Wunsch einerseits aus dem dringenden Bedürfnis kam, das mir Ungeheuerliche dieses Umzugs (ja, Umzugs) von einem politischen System in ein anderes festzuhalten, und dass ich mich zugleich fast nicht traute. Lesen sollte es um Gottes willen niemand, nur ich wollte es später nachlesen können. - Kennt das jemand auch, dies Hin- und Hergerissensein?
Verloren ist das alles, weil es lange noch, zu lange, bei meinen Eltern lag zusammen mit allen Aufsätzen und den letzten drei Jahren Mathe (nicht weil ich das Fach je geliebt hätte, aber weil ich das Ungeliebte mir selbst erarbeitet und nicht abgeschrieben hatte).
Verloren ist auch die Rede, die ich für meinen Jahrgang zum Abi gehalten habe, gewissermaßen auch ein Erstling.
Sie haben es bei irgendeinem Renovieren einfach weggeworfen, diese meine Eltern, ohne mich zu fragen. Diese Kränkung kann ich heute noch spüren.

Liebe Grüße von augustine

 

      Vladimir



Schwierig schwierig...

   20.05.2008, 23:05 / 1 x geändert



Hallo ihr.
Da hattest du ja eine nette Idee zuppa, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Also mein erstes. Hab da grad nochmal drübergeschaut, über die ersten - ist zum Glück nicht so schwierig, weil ich die eigentlich von Anfang an gesammelt und dann zusammengestellt hab. Aber es tut schon noch weh, da drüberzulesen... nicht unbedingt, weil sie nur schlecht wären - das sind sie natürlich, sondern weil die Zeit, in der sie geschrieben wurden, warum sie geschrieben wurden etc. - das hängt mir doch alles noch am Herzen und ich schäme mich sozusagen für diese Zeit, dass sie jetzt so schlecht ausgedrückt da steht, wofür ich wahrscheinlich ein ganzes Leben bräuchte um es wirklich zu beschreiben. Das soll das Zeugnis sein?!...
In der Grundschule jedenfalls hab ich immer schon Geschichten geschrieben, da ging es eigentlich nur um Flugzeugabstürze - nicht wegen einem Trauma oder so, sondern
einfach weil mich Flugzeuge interessierten (ich habe gewissermaßen den 11.9. prophezeit - bei mir war allerdings grad Feiertag, sodass niemand verletzt wurde).
Also nun, das erste Gedicht, ich mein es wär wirklich das erste.


Die Zeit geht weiter

Die Zeit geht weiter,
Sie trägt uns fort von allen Zeiten
Den schönen, den schrecklichen, den traurigen
Sie fließt immer weiter, und wir mit ihr
Immer im gleichen Tempo
Unaufhaltsam
Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?

Und obwohl ich weiß, dass ich mich hier nicht verteidigen muss, will ich doch sagen, dass (anders als bei vielen, die danach kamen) hier wenigstens ein "echtes" Gefühl oder eine echte Erkenntnis Grundlage war: ich war tatsächlich überrascht von der Erkenntnis, dass man in schlechten Zeiten ja einfach darauf vertrauen kann, dass so ein stetiges Maß an Veränderung vor sich geht, ohne dass man irgendwie aktiv ist, ganz ohne einen, ob man nun denkt die schlechte Zeit höre niemals auf oder dagegen kämpft. Klingt banal, aber wenn man das zum ersten Mal erfährt, ist es doch besonders.

Naja... ihr wisst schon.

Liebe Grüße,
Vladimir


Ps: Eins lasst mich noch sagen: was man so als Pubertätskram gerne abtut und nicht ernst nimmt - man macht damit denk ich doch einen großen Fehler. Denn es ist eigentlich ernst. Aber dieser Ernst, den man erfährt, und der auch eigentlich schon alle Kraft hat, gibt und nimmt, der eben nicht auf die "jungen Seelen" zugeschnitten ist, der ist noch umgeben von vorläufigem, hat noch keine Sprache, ist zwar als Kraft da, kann aber nicht umgesetzt werden. Wirklich auszudrücken was da passiert ohne in Klischees abzurutschen und eben diesen Ernst herauszuschälen ist ganz schwierig. Die "Ich-Maschine" von Blumfeld ist bisher das einzig akzeptable, das ich da kenne.

 

      augustine



RE: Die Lebensur

   21.05.2008, 21:58



Wenn's nun schon nichts ist mit Texten aus der Frühzeit, so doch wenigstens ein Dokument:

augustine einmal als Sonne:
gelb auf grauem Schulhof...

Schöner war sie nicht, die Sonne.

 

      augustine



RE: Schwierig schwierig...

   21.05.2008, 22:17



Vladimir, ich finde nichts, gar nichts an diesem Erstling zu tadeln, mit diesem Wissen. Wie alt warst du?
Denn: der ausgedrückte Gedanke ist ja geradezu und ganz unkindlich weise, und das Vertrauen, dass die vergehende Zeit als solche auch positiv gesehen werden kann, tröstlich. Da fällt mir gleich wieder eines meiner liebsten Zitate von Hölderlin ein: "Die Zeit ist buchstabengenau und allbarmherzig."

Liebe Grüße von augustine, die kein Kind von solcher Klugheit war ...

 

      Vladimir



RE: Schwierig schwierig...

   21.05.2008, 23:17



Danke für diese ermutigenden Worte!
Und ja: es ist etwas an diesem Gedanken. Trotzdem seh ich ihn heute mit gemischten Gefühlen. Wer so auf das bloße Vergehen der Zeit traut, tritt gewissermaßen aus der eigentlichen, der gestalteten Zeit aus. Es ist auch eine Versuchung. Und dann (daran hab ich damals aber nicht gedacht) - diese bloß lineare Zeit führt ohne Trost in den Tod. Sie kann ihm nichts entgegensetzen.
Ich war wohl dreizehn.

Ich muss sagen, dass ich das Foto irgendwie mag. Man weiß nicht so recht, wie alles zusammenhängt: mag sie das Kostüm? fühlt sie sich fremd in ihm? Der Stand scheint eher Pose zu sein, der Arm hinterm Rücken zeigt eine Verhaltenheit - aber im Gesicht das Lächeln ist doch ganz echt! Oder?

fragt

Vladimir

 

      zuppanova²



RE: Mein erstes Gedicht

   22.05.2008, 00:14 / 3 x geändert



guten abend, nur kurz im vorbeiflug:

freue mich, dass der faden tatsächlich benutzt wird. deine idee, augustine, die sache um ein foto-dokument zu erweitern, finde ich sehr ansprechend. auch wollte ich nachfragen, ob du nicht - da ja die ersten erstlinge verloren gingen - einen späteren erstling zeigen magst, so etwa wie Jolante.
dann noch: fühlt euch frei, auch mehrere sachen herzuzeigen, auch texte, die ihr für "misslungen" haltet, die ad acta gelegt wurden, aber dennoch nicht vergessen sind - hier ist ja zensur- und kritikfreie zone.
zur von dir, Vladimir, angesprochenen thematik der pubertätslyrik (ihre wichtigkeit/stellenwert in der biografie) möchte ich auch noch gern etwas sagen, aber das schaffe ich jetzt nicht mehr, es ist (mir) schon zu spät. das greife ich in den nächsten tagen auf.

lg, zuppa.

ach ja, hier hab ich einen link zur Ich-Maschine. das meintest du doch, Vladimir, oder?

 

      Vladimir



RE: Mein erstes Gedicht

   22.05.2008, 09:25 / 2 x geändert



Mir kam grad die Idee, eine Vertonung eines Erstlinges hier reinzustellen - auch aus der Zeit. Hab aber leider keinen Webspace oder weiß nicht wo hochladen. Falls also jemand da helfen kann, will ich euch diesen Spaß nicht vorenthalten!
Und zuppa: das ist nur der letzte Song des Albums "Ich-Maschine" - der ruhigste übrigens.
Hiee: http://skyeyeliner.endorphin.ch/blumfeld...hinetexte.html, gibts die Texte vom ganzen Album - die sind auch an sich toll, aber doch nur die halbe Sache, wenn diese zwischen Wut und Scham herausgedrückte Stimme Distelmeyers fehlt.
Also falls ihr das noch hören wollt - bis heut abend, denn morgen fahr ich mit dem Rad nach Rom!

Liebe Grüße,

Vladimir

 

      zuppanova²



RE: Mein erstes Gedicht

   22.05.2008, 10:35



hm, Vladimir, wegen "vertonung einstellen":
du könntest dem mf eine pn schreiben und ihn fragen, ob er's in den podcast mit reinpackt. das fällt mir spontan als möglichkeit ein, die ich dir noch sagen wollte (bin ebenfalls auf dem sprung, wenn auch nicht bis nach Rom, so doch wahrscheinlich erst irgendwann in den nächsten tagen wieder online).
lg, zuppa.

 

      lost



verschollen

   29.05.2008, 08:14



alas, verschollen sind die Anfänge, zerrieben im Malstrom der Zeit, verlorengegangen oder erst gar nicht geschrieben, nicht aus der Gedankensphäre hinabmaterialisiert zu bleistiftdünnen oder blasstintigen Lettern auf grauem Papier, nichts festgehalten vom inneren Monolog mancher Lebenstage, Lebensphasen, da anderes wichtiger, not-wendiger war als "schreiben" - nichts beizutragen, mit einem Wort, kein "erstes Gedicht".

erwähnen möchte ich noch, dass in der Tat dieser Faden eine nette, launige, vor allem aber sehr kluge Idee ist, geschickt aufgreifend, was als Thema doch immer wieder in der Luft liegt, und Angenehmes - nämlich, sich etwas voneinander zu zeigen - vielleicht verbindend mit Nützlichem - nämlich der Anregung, über die Entwicklung eigenen Schreibens, seinen biographischen Stellenwert und dgl. ein wenig zu reflektieren, dadurch schließlich die eigenen Werke distanzierter einordnen zu können.

 

      Gretchen



Die Popmaschine

   26.10.2008, 08:06



Die Popmaschine
(mit 9 Jahren verfasst)

Die Mama macht die Popmaschine an
und läßt die gelben Körnchen fliegen.
Pop wie die platzen.
Popcorn ist ein süßer Duft.

Popcorn ist Geborgenheit.
Am Sonntag ist Familie
ein süßer Duft von gelbem Mais
von Popcorn und Geborgenheit.




Meine Mutter hat bisschen was aufgehoben von den Sachen, die ich als Kind so gekritzelt hab. Ob das nun "mein erstes" war - keine Ahnung. War aber das älteste noch erhaltene Zettelchen, das ich finden konnt. Beruht natürlich auf real Erlebtem. Die beschriebene Popcornmaschine, datt gute Stück, gibz übrigens noch.
Schönen Sonntag wünscht
die Kröte.

 

      Jolante



Mein erstes Gedicht

   26.10.2008, 12:16



Dein frühes Gedichtchen, liebes Krötchen, habe ich mit Bewunderung und einer gewissen Rührung gelesen. Für eine Neunjährige offenbart es eine erstaunliche Fähigkeit, Gefühle gekonnt in Sprache umzusetzen, sie in Melodie und Rhythmus zu kleiden. - Schön ! - Hat man im Elternhaus und in der Schule dein Talent erkannt und gefördert ?

Das interessiert
Jolante

 

      Gretchen



Popcorn

   29.10.2008, 18:58



>> Hat man im Elternhaus und in der Schule dein Talent erkannt und gefördert ? <<

Jolantacara, das ist eine freundliche und einfühlsame frage, und ich sag direkt mal als antwort: nein.

oder, bisschen differenzierter: meine mutter hat sich an vielem gefreut, was so von mir kam, war aber anderweitig ziemlich beschäftigt und musste auch sehen, dass die familienpopcornmaschine nicht aufhörte zu knattern. meines vaters art und wesen hab ich ja schon mal so annäherungsweise zu porträtieren versucht, in der figur des Kalle - also, er war und iss nich so der sprachmensch, vorsichtig ausgedrückt. und die schule - das war tag für tag kampf ums nackte überleben, für alle beteiligten, also auch für die lehrer, da war kein raum für wuchern mit luxus-talenten ... naja, jetzt bin ich auf diesem planeten gelandet und fühl mich hier ziemlich angewurzelt, und du bist die erste, die mich so was fragt ...

viele grüße, Gretamund.




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