Gretchen
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Hei, Angela.
Das ist nun eines von den Gedichten, die mich richtig ratlos machen. Wie das?
1. Not
Also, erst mal hab ich Not mit dem Text. Mit diesem unbeholfenen, banalen Rumgereime, mit dem verhackstückten Stolpermetrum, mit dem leicht rührseligen, undifferenzierten Inhalt, mit dem floskelhaften Sprechen des lyrischen Ich in oberflächlich gesellschaftskritischer Attitüde, ja, und mit den Schreibfehlern könnt ich vielleicht dann auch noch Not haben, aber die sind wirklich nebensächlich, verglichen mit den genannten Schwächen des Textes.
Okeeh, das Gedicht ist bestimmt gut gemeint. Möchte bisschen Lebensweisheit unter die Leute bringen, vielleicht bewusstseinsbildend wirken, auf die Missstände in der Welt aufmerksam machen - in die Richtung geht das wohl. Die Umsetzung ist aber so, dass der Leser (ich) ständig das Belehrungsfingerchen winken sieht.
Der Text will viel zu viel auf einmal - und wird deshalb, gnadenlos pauschalisierend, nichts sagend (ganz wörtlich zu verstehen). Das lyrische Ich nämlich hat richtig viel nachgedacht, die ganze lange letzte Nacht hat dieses Lyrich nicht geschlafen, sondern gegrübelt, und auch noch über so heftige, reimverdächtige Themen wie Radikalität und Tod, Gewalt und Not - völlig klar, dass dieses übernächtigte, gedankengebeutelte Lyrich am Morgen dann ganz geschwollen ist von platitüdigen Erkenntnissen, die es ausdrücken will, raus drücken muss, verdammte Hacke auch, das blubbert und gärt, das will aufgeschrieben und der Mitwelt hingehalten sein, egal wie, lieber ein schlechtes Gedicht als gar keines, hier geht es schließlich um Nichts oder Alles, um gewaltfreien Widerstand, um den Weltfrieden und noch um einiges mehr, um sich wehren und um den als wohlfeile Panazee* schließlich dringend empfohlenen Verkehr mit schönen Seelen (was genau ist das, eine schöne Seele, und woran erkennt man die? und wo find ich gleich eine, dass ich verkehre mit ihr?) ... ja, gewusst wie!
2. Angst
Alles sehr ernst also, beängstigend ernst und tiefgründelnd, da geht es an die letzten Themen, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste, und sobald ich den ersten Leseschreck und die Not hinter mir hab, packt mich auch prompt volle Breitseite die Angst, jawoll, die nackte Angst spielt (mir) mit, wenn ich so ein misslungenes Gedicht angucke, und die legt sich auch nicht, die Angst, denn verdammtauch --- da könnten noch weitere Texte kommen! Was dann? Wie sich wehren gegen die Verseuchung der Welt mit den Unsäglichkeiten wabernd labernder Mitmenschen, die munter tagträumend vor keiner Sprachplättung zurückschrecken? Vielleicht mal darüber ne lange Nacht denken lassen das Lyrich? Und dann aber nicht noch'n Gedicht, woll ...
Hochnotängstlich verschreckt grüßt Gretchen.
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