Brief aus dem Morgengrauen · zuppanova · ·


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      zuppanova



Brief aus dem Morgengrauen

   08.04.2008, 08:49



From: Karlotta.Synagowitz@web.de
To: Porgy@googlemail.com
Sent: Tuesday, April 08, 2008 5:07 AM
Subject: morgengrauen

meine liebste, ich schreibe dir schnell.

aus meinem morgengrauen schreibe ich dir, so wie ich bin jetzt eben in diesen bleigrauen sekunden. bin aus einem alptraum gekrochen. zitternd sitze ich da, fett und weiß wie eine made, keine strickjacke über dem ärmellosen männerunterhemd, bloße füße - mir ist so kalt, Porgy - es ist kurz nach fünf - bin halberstickt von taubgeschlagener, in mich hineingefressener angst, orientierungslos, ohne würde.
meine kopfhaut kribbelt. das kommt von dem traum.
weißt du, mir ist, als wäre ich nicht entkommen. mir ist, als wäre mein körper hängengeblieben in meiner kindheit. nichts konnte ich retten - nicht meine haut, nicht meine seele.
nein. das ist alles nicht wahr. nur ein traum.
weißt du, ich habe geträumt. mir träumte, ich sei in einem auto mit ihm, eine küstenstraße, immer am abgrund entlang, tief unten das meer. er fährt viel zu schnell: ich ihm ausgeliefert. er ist betrunken. ich kann nicht entkommen. ich kann nichts tun. nichts. verstehst du? rase mit ihm die kurven rechts ist der steilschüssige abgrund die klippen weit unten das meer ich darf nicht einmal schreien die angst steckt als schrei in mir hab sie in meinen magen hinuntergeschluckt in meinen kopf gepumpt in mein becken getrieben in jede zelle meines körpers presse ich diese angst. damit sie nur ja nicht zum schrei wird und herausdringt aus mir hinausdrängt -

dann bin ich aufgewacht: den alptraum löste
eine erinnerung ab. eine einzige szene nur.
kein zusammenhang. kein sinn. schau,
das geht so:

er ist ein gott. er ist stark. unfassbar lebendig. er bewegt sich: intensiv, ganz von innen heraus, rasch, geschmeidig. er hebt und senkt die arme holt aus mit der axt schlägt geräuschvoll das rauscht so geräusch wie das pfeift oder summt sssssiiiiiuuui-ahhh er schnauft knurrt er KEUCHT hörst du? knirschen und krachen und splittern: hörst du das? meine angst aber ist still. ganz still. atemlos. siehst du mich? siehst du das kind? da. unter dem tisch. Lotti kauert im schneidersitz unter dem tisch. durch die tischtuchfransen sieht sie ihn. er zertrümmert die wiege. zerschlägt mit der axt er zertrümmert zerhackt die wiege zersplittert das holz er keucht - aber Lotti: unter den tisch gekrochen. gewusst, was er tun wird, gerochen: kurz bevor die tat aufstieg in ihm, hat sie gerochen seinen schweiß, seinen gestank, und ich, Lotti, hab das püppchen das kind aus der wiege gehoben es riecht so gut es ist schwer es ist warm seidenwarm ist es wehrlos ich habe gewusst was er tun will jetzt sind wir unter dem tisch hinter den fransen: meine seidige schwester in meinen armen auf meinen knien und ich: halte sie fest und sie weint nicht: wir warten wir warten er sieht uns nicht: wenn er nicht aufhört, kommen wir nie mehr hervor: wir warten wir warten wir wachsen heran unter dem tisch: erst wenn wir groß sind viel größer als er kommen wir wieder ---

das ist wirr, nicht wahr, Porgy? aber es ist wahr. ich habe so lange nicht daran gedacht, und ich fürchte, dass ich die szene bald wieder verliere. deshalb habe ich es aufgeschrieben für dich, liebste, ganz schnell. du wirst es lesen, das ist gut. du bist meine zeugin. ich will keine antwort. es gibt keine, weißt du. ich wasche mich jetzt. dann sperr ich die praxis auf. weißt du?

L.


___________________________

Links:

- Dinner mit Lotti / 1
- Dinner mit Lotti / 2
- Bei Glenn auf einem roten Sofa
- Georg-mein-Ritter
- spot

 

      Jolante



RE: Brief aus dem Morgengrauen

   14.04.2008, 12:42



Liebe zuppa,

obwohl ich diesen morgengrauenhaften Brief mehrmals gelesen und versucht habe, mich herunterzunüchtern, ist mir eine eigentümliche Beklemmung geblieben. L`s Alptraum wie auch die aus der frühen Kindheit erinnerte oder phantasierte Gewalt-Szene kurz nach dem Aufwachen sind in ihrer Heftigkeit und Graumsamkeit für mich derzeit schwer erträglich. Aber w i e du Karlotta diesen Wahnsinnsbrief an Porgy schreiben lässt, mit welcher Wucht und Wortgewalt, das bewundere ich (schaudernd).

Liebe Grüße
Jolante

 

      augustine



RE: Brief aus dem Morgengrauen

   25.04.2008, 21:05 / 1 x geändert



Hallo, zuppa!
Hab' alle deine Texte und auch alle Kommentare ausgedruckt und noch zweimal gelesen. Kann ich nur empfehlen, es lohnt sich!
Von Anfang an war ich der Meinung, dass da die Personnage für einen Roman beisammen sei. Das finde ich auch noch, obwohl du sagst (26.5.06), es werde nie einer. (Klar, das ist Abwehrzauber.) Dabei haben mich die "rausgehauenen" Situationen (sagst du irgendwo so oder ähnlich) nicht SO sehr interessiert: darin bist du sowieso Meisterin. In einem Roman würden sie wahrscheinlich noch anders erzählt werden oder gar nicht oder andere Wertigkeiten bekommen, das wird man dann sehen.
Wenn wir hier tatsächlich die Anfänge eines Romans erlebten (Anfang nicht gemeint als: dies ist A, und dann kam B usw.,), einen Roman in statu nascendi, der irgendwann, wenn die Zeit es gibt, zusammenwüchse aus diesen und neuen Teilen, das wäre grandios!

Ich glaube immer noch, dass es um "Wunden" gehen könnte (siehe auch deinen Kommentar vom 13.2.06). Da ist die Geburtswunde (sind die G.n) von Porgy; da ist die Wunde, die zurückbleibt, als der "heillos Begehrte" sich nicht herbeidenken lässt (so einen zu begehren, zeigt einen Lebensmangel an, glaub' ich); da ist Lotti, die (ich bin immer noch bei Glenn, sage mal: I), die Porgy (und auf einem Sofa, merke!) in die Augen schaut und ihre Hand nimmt, also genau das tut, was der Erwartete hätte tun sollen. Lotti, die Ärztin, die die Wunde der Patientin fast mit Wonne auskratzt und die selber eine seelische Wunde, ein Kindheitstrauma, hat; Lotti, deren outfit für mein Empfinden an der Grenze zum Grellen sein soll, und das ist ja oftmals eine Art von Überschminken; Lotti: eine Davongekommene (auch 13.2.06) mit dieser Kindheitserinnerung, die im spot (II) schon einmal anklingt und später eindringlich erzählt wird.
Da ist Georg-mein-Ritter (III), der 5 Kinder zeugt, aber diese seltsame "gebärverweigerung" hat, diese Angst vor Blut (26.5.06; vor Wunden also) und von dem Porgy überhaupt nur erzählt, weil Glenn es vorgeschlagen hat; Georg, der zwei Frauen braucht, auch noch Regina, die anscheinend keine Kinder hat, aber die beiden vertragen sich; Georg, der vorbildliche soziale Vater, von dem immer irgendwie vermittelt erzählt wird, z.B. im Gespräch zwischen Porgy und Glenn auf dem schlampigen roten Sofa; diese Erzählfigur überzeugt mich bisher am wenigsten. Regina bleibt blass, aber das darf sie ja auch erstmal.
Da ist Berit, die Analytikerin, die sozusagen in ihre Rolle fällt, nämlich auf ihre eigene Analysandencouch (Sofa!), also auch eine Traumatisierte (IV, V). Dieser Rollentausch ist ein genialer Einfall. Und er ist schon vorweggenommen beim Kennenlernen der beiden: gespiegelt in einem Schaufenster; Berit, die von dem ihr absurd erscheinenden Geburtstagsfest erzählt und aus der die Worte heraustropfen "wie blut, ich verblute, Lotti". Hier allerdings finde ich die Erzählung vom Geburtstagsfest, also das Geburtstagsfest, nicht so fürchterlich, dass das "ich verblute" sich daraus rechtfertigte (mir, heute).
Und Porgy und Berit sollen noch zusammenkommen und Georg nochmal auftreten. (Und Glenn, die Sonne, um die alle wie Planeten kreisen, der doch auch, nicht? Er ist am Anfang zu gewichtig, um am Ende in der Geschichte nicht mehr vorzukommen.)
Lottis Brief an Porgy aus dem Morgen-Grauen lässt auch den Leser zittern (VI). Lottis Angst aktualisiert, deretwegen sie ja in Therapie ist: Die Traumangst: ausgeliefert einem, der betrunken viel zu schnell eine Küstenstraße entlang fährt, dann die Erinnerung an die Ur-Angst, die Ur-Todes-Angst vor dem Vater (?; der ein Gott zu sein schien jedenfalls), vor dem sie sich und das Baby-Geschwister unter einen Tisch rettet. Das schon war: einem ausgeliefert sein, der nicht bei Sinnen ist. (Hier weiß ich nicht, ob es beides brauchte, den Traum und die Kindheitserinnerung. Aber das weißt du wohl richtiger: die Szene aus der Kindheit war so gut verdrängt, dass sie nur durch den Traum hervorkommen konnte und dadurch bearbeitbar werden. So?)
Ja, also Glenn. Keine Wunde?

Liebe Grüße von augustine.

 

      wohlgesonne



RE: Brief aus dem Morgengrauen

   26.04.2008, 07:32 / 1 x geändert



Liebe Zuppa,

ich konnte mich aus verständlichen Gründen nicht herunternüchtern in der kurzen Zeit meines faszinierten Lesens und dem Danach-trinken.

Aber ich bin beeindruckt.

Ich würde gerne kurz mit Dir tanzen.

Oder länger.

 

      augustine



RE: Brief aus dem Morgengrauen

   27.04.2008, 15:07



Ich schreibe jetzt einfach, damit der Besoffene, dem man ja alles durchgehen lässt, hier nicht das vorläufig letzte Wort hat.

Ich hab' nämlich einige Zeit angewendet für meinen langen Kommentar zur Sache.

zuppa, du könntest das Weh ja löschen, wirst es aber, da du auch als Autorin betroffen bist, wohl nicht tun. Darum dies. augustine

 

      zuppanova²



Brief aus dem Morgengrauen

   27.01.2009, 12:24



augustine und Jolante, nun will ich hier endlich, endlich antworten, euch für das lesen dieses briefes und die zuschriften danken, und ich hoffe, ihr verzeiht, dass ich mir so lang hab zeit gelassen damit. ich schätze eure kommentare, und ich weiß, die schreiben sich nicht eben so nebenher, sondern sind zeit, die mir geschenkt wird. dafür danke.
bezüglich dieses textes war und bin ich mir unsicher, aber da ihr euch darauf einlassen konntet und er auf euch zu "wirken" schien, soll er hier so stehen bleiben: als versuch, die atmosphäre einer bedrohlichen, traumatischen situation zu reproduzieren.

die dopplung, augustine, traum und kindheitserinnerung, war mir wichtig: eines (die erinnerung) entfaltet sich, wie du selbst auch vermutest, aus dem anderen (traum). außerdem wollte ich eine verbindungslinie herstellen zwischen "jetzt" und "damals", wollte aufzeigen, dass das kind Lotti in der erwachsenen L. "lebt" und auf sie einwirkt.

wunden - alte, vernarbte, und ganz frische, blutende - sind ein thema oder gemeinsamer nenner dieser Lotti-Porgy-geschichten, das stimmt wohl. ich würde das, was inzwischen entstanden ist, gerne um erweitern; ideen sind da, die umsetzung scheitert an der stets zu knappen zeit. ich hatte mir überlegt, jede geschichte so zu gestalten, dass sie unabhängig von den anderen gelesen werden kann, eine eigene sinneinheit bietet, so muss beim lesen auch keine bestimmte, festgelegte reihenfolge eingehalten werden, andererseits trägt dennoch jede einzelne geschichte wie ein puzzlesteinchen zu einem größeren gefüge bei (das wäre dann vielleicht so etwas wie ein roman) und ergänzt das gesamtbild, reicht dem leser neue informationen, details, blickwinkel zu.

ein nicht-lineares schreiben also, ein flexibles netz-werk, das sich beliebig erweitern läßt und auch unterschiedliche formen gestattet (bis jetzt: kurzgeschichte, brief, gedicht; briefe faszinieren mich, ich finde, sie bieten besondere gestaltungsoptionen). die möglichkeit, durch links die einzelnen teile miteinander zu verbinden, kommt mir hierbei sehr zugute (also ein netz-roman im wortsinn; auch insofern ein experiment). so kann jemand, der irgendwo eingestiegen ist und mehr lesen möchte, sich via links weiter voranbewegen und die einzelnen "knoten" (= die geschichten dieses lesenetzes) abtasten.
ich hoffe, ich kann bald weiterknüpfen (das Dinner mit Lotti ist ja noch nicht zu ende!).

nochmals dank an euch und liebe grüße,
zuppa

 

      augustine



Brief aus dem Morgengrauen

   27.01.2009, 13:36



O wie schön, zuppa, dass ich nun weiß: diese Geschichte, dies Netz von Geschichten hast du weiterhin im Auge und im Sinn trotz des immer neuen chronischen Zeitmangels.
Auf eine neue ins Netz eingeknüpfte Geschichte freut sich sehr
augustine

 

      zuppanova²



Brief aus dem Morgengrauen

   01.02.2009, 11:03



augustine, über deine ermunternden Worte bin ich froh.
Das nächste, was ich hier einknüpfe, wird um Berit Linde kreisen.
Sie ist die Figur, die mich momentan am meisten interessiert. Ich
weiß auch schon: Der Angelpunkt wird ein Konzertbesuch sein ->
Anton Bruckners 4. Symphonie in Es-Dur, die "Romantische".
LG, zuppa

 

      Gerd



Brief aus dem Morgengrauen

   06.02.2009, 14:44 / 1 x geändert



Liebe Zuppa,

welch ein Grauen am Morgen, das nur im Traum in Bildern reflektiert werden kann. Der wache Zustand vermag nur die Metaphern/Bilder in Worte zu fassen, nicht das eigentlich noch viel schrecklichere Geschehene. Eine Wiege ist für mich Inbegriff von behütet und beschützt sein, die Zerstörung sehe ich als gewaltsame Zerstörung der Kindheit in entschiedenster Form an. Der Vater, seine "Axt", Gerüche und Stöhnen, für mich liest sich dies in jeder Szene als zum Selbstschutz in Bilder gekleidete Vergewaltigung/dauerhafter Missbrauch von Lotti durch den eigenen Vater. Selbst die Entäußerung des eigenen Körpers als Puppe und der Rückzug unter einen Tisch (Höhle/innerer Kern) hinter eine Art schützenden Vorhang (nicht mehr Wahrnehmen des Realen) ist eindrücklich und beklemmend. Nicht mehr aus sich heraus wollend, bis der Rest des Ichs in diesem Körper dort überlebt hat und physisch größer geworden ist, vielleicht erst nach Jahren.
Ein Brief - ein eindringlicher Ruf um Hilfe und Halt gegenüber weit verdrängt Unaussprechlichem. So meine Lesart.

Ein stark geschriebenes Stück mit konzentriertem und bewegendem Blick auf die Abgründe einer gequälten Seele, das betroffen macht.

Liebe Grüße
Gerd

 

      zuppanova²



Brief aus dem Morgengrauen

   13.03.2009, 12:46



lieber Gerd - zunächst einmal die bitte um nachsicht:

meine verspätete reaktion auf deinen kommentar ist zwar auch meinem chronisch engen zeitkorsett geschuldet, vor allem aber doch dem umstand, dass deine ausführungen mich regelrecht sprachlos gemacht haben!
du hast mit deiner lesart so genau ins schwarze getroffen, benennst exakt das, was ich beim schreiben "hineinpacken", "ins bild", in bilder bringen und transportieren wollte. was du zur axt, zu den geräuschen, zur wiege, zum rückzug des kindes unter den tisch/vorhang, zum abspalten der realität, zur wahrnehmung des eigenen körpers/puppe sagst:
ja! ja, genau so ist es gemeint. ich könnte es selbst nicht besser erklären und interpretieren.

die "Lotti" ist (wie eigentlich alle figuren in diesem Porgy-geschichten-netz) einer person nachgebildet, die ich kenne, trägt viele züge dieser frau, auch das "trauma" ist nicht erfunden, sondern "echt"; allerdings habe ich manches verwandelt oder verdichtet, es soll ja auch nicht so einfach möglich sein, rückschlüsse auf eine reale person zu ziehen.

nochmals vielen dank für diesen deinen kommentar und dein präzises lesen!

lg, zuppa

 

      Gretchen



Brief aus dem Morgengrauen

   15.03.2009, 03:01 / 1 x geändert



Hei,

hab das alles hier gelesen und versucht, auch was dazu zu gestalten.
Das poste ich jetzt mal (darf ich? hier zu sehen), ist also mein Versuch eines Kommentars.

Gretchengrüße

 

      Eneas



Brief aus dem Morgengrauen

   16.04.2009, 21:33 / 2 x geändert



an diesen text erinnere ich mich!

ich lese manchmal wieder hinein; stöbere ich bleibe ich an ihm hängen, will ich mich auf der arbeit daran erinnern, dass es eine prosaische art der sprache und nicht immer nur diese auf funktionalität ausgerichtete gibt, lese ich ihn heimlich.... ohne ihn den kollegen zu zeigen.

die reduktion, diese direkten ansprachen. ein traum zuppa.




edith und der typotoifel




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