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augustine
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22.03.2008, 19:33 / 9 x geändert
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"Du, Meine, weißt Du noch, daß ich der Mann bin, der das Lot hat, Deine Tiefe auszuloten - der den Anker hat, sich in Dir zu verankern - der den Erdbohrer hat, der alle lebendigen Quellen der Lust aus Dir hervorspringen macht - der den Pflug hat, Dich so durchzupflügen, daß alle nährenden Säfte in Dir lebendig werden?
Du, Hannah, sehnst Du Dich auch nach mir, wie ich mich sehne nach meinem Meer, nach meinem Hafen, nach meinen Quellen, nach meiner eigenen Erde?
Ich küsse Dich um und um, küsse mich an Dich heran, in Dich hinein; ich will wieder in die Arme, zwischen die Beine, auf den Mund, auf die Brüste, in den Schoß meiner Frau.
Dein
Heinrich"
Paris, 21. 2. 1937, Heinrich Blücher an Hannah Arendt, die drei Jahre später auch ein Paar 'vor dem Gesetz' waren.
Mit Verlaub: DAS finde ich erotisch, und die technischen Gegenstände, die auch hier vorkommen (Lot und Anker, Erdbohrer und Pflug) 'stören' nicht.
Warum nicht? Weil es Sätze aus dem Leben ins Leben sind, in Sehnsucht und Erwartung. Nicht, weil ich weiß, dass beide Philosophen waren (Heinrich Blücher eher unbekannt, weil er Philosophisches nicht aufschreiben konnte, aber ein begnadeter philosophischer Lehrer und auch ein Briefschreiber von Graden war wie sie); aber weil ich daher weiß, dass beide Partner auch im Geist waren, weil ich von ihrer Liebe weiß.
Und sogar auf dem Buchumschlag abgedruckt ist, was sie im selben Jahr ihm schrieb:
"Immer noch scheint es mir unglaubhaft, daß ich beides habe kriegen können, die 'große Liebe' und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich das andere habe. Weiß aber nun endlich auch, was Glück eigentlich ist."
Genf, 18. 9. 1937
Hannah Arendt/Heinrich Blücher, BRIEFE 1936-1968, München 1996, S. 71 und 83
alle Briefwechsel von Hannah Arendt sind unbedingt lesenswert, sind wohl auch alle bei Piper
als TB erschienen
augustine

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augustine²
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30.03.2008, 22:58 / 4 x geändert
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Als Ende der 90er Jahre der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger erschien, ein Briefwechsel in drei Phasen, war das eine Sensation, Denn dass es zwischen dem 18-jährigen "Mädchen aus der Fremde" und ihrem fast doppelt so alten philosophischen Lehrer, der auf dem Weg in die Berühmtheit war, und auf einen Blick hin, eine Liebesbeziehung gab, war nur allgemein bekannt und auch erst seit 1982. Wer mehr wissen möchte, der sollte diesen gut kommentierten Briefwechsel lesen. Nichts an dieser Beziehung war einfach.
Der Liebesbrief-Schreiber Heidegger hat einen Ton, den ich stellenweise kaum aushaltbar finde.
Eine zitierbare Stelle ist diese:
"Ich danke Dir für Deine Briefe - daß Du mich in Deine Liebe aufgenommen hast - Liebstes. Weißt Du, daß das das Schwerste ist, was einem Menschen zu tragen gegeben wird? Für alles sonst gibt es Wege, Hilfe, Grenzen und Verstehen - hier nur bedeutet alles: in der Liebe sein = in die eigenste Existenz gedrängt sein. Amo heißt volo ut sis, sagt einmal Augustinus: ich liebe Dich - ich will, daß Du seiest, was Du bist."
aus:
Hannah Arendt/Martin Heidegger, Briefe 1925-1975, Frankfurt 1998, S. 31 (M.H. an H.A., 13. Mai 1925).
Darin auch (Erläuterungen zu Brief 89, S. 319 - eine öffentlich nie widerrufene NS-Verstrickung Heideggers und das Exil der Jüdin H.A., eine ganze Epoche später - eine für Heidegger nach der Wiederbegegnung vorgesehene, aber nicht eingetragene und doch aufbewahrte Widmung in ihr Buch: Vita activa von 1960:
"Die Widmung dieses Buches ist ausgespart. Wie sollte ich es Dir widmen, dem Vertrauten, dem ich die Treue gehalten und nicht gehalten habe, Und beides in Liebe."
augustine
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augustine²
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31.03.2008, 21:16 / 3 x geändert
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Der Briefwechsel Hannah Arendts mit ihrem anderen akademischen Lehrer Karl Jaspers ist ebenso wie der mit Heidegger einer, der noch in Arendts Studentenzeit zurückreicht und den sie 1945 wieder aufnimmt. Es sind Briefe einer immer mehr sich vertiefenden Lebensfreundschaft, in die die Ehepartner mit einbezogen wurden, in der es aber spät erst zur Du-Anrede kam. Er umfasst von einer ersten Anfrage der Heidelberger Studentin 1926 (die Marburg Heideggers wegen verlassen hatte) alle Jahre bis zu Jaspers' Tod 1969, fast ganz ausgenommen die der Hitlerei, der sie entkommen konnte. Hannah Arendt hielt an der Universität Basel die Totenrede für Karl Jaspers, dessen Basler Haus (erst nach dem Krieg) ihre europäische Wohnung geworden war.
aus einem Geburtstagsbrief:
"Liebe Hannah!
Sie wollen Ihren fünfzigsten Geburtstag nicht feiern. Aber er ist nun Wirklichkeit. Wenn ich an diesen Tag denke, bin ich dankbar und feierlich gestimmt. Denn Sie gehören zu den Menschen, die ich zu den großen Glücksfällen rechne. Was für ein Leben haben Sie geführt! Es ist Ihnen geschenkt und von Ihnen erworben in einer Standhaftigkeit, die des Unheils, dieses uns meist aufreibenden von außen kommenden Entsetzens, Herr wurde, und in einer wunderbaren Kraft nobler Antriebe, die noch Ihre Sie bedrohende Weichheit, noch Ihre gefährliche Unfestigkeit, noch Ihr 'Vergaloppieren' verwandelte in Sinnmomente Ihres Wesens.
Wohl gehörte zu dieser Kraft auch Ihre Vitalität. Gesundheit ist etwas Herrliches, und Schönheit und das Gefallen der Menschen. Aber das war es nicht, was Sie wirklich getragen hat. [...]"
aus: Hannah Arendt/Karl Jaspers, Briefwechsel 1926-1969, München 1993 (tb), S. 337
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Dies das Ende einer 'Trilogie', die anfangs so gar nicht gedacht war. Aber mich in den Bannkreis von Hannah Arendt zu begeben (zugegeben: vor allem ihrer Briefe, aber wirklich nicht nur), hat jetzt nicht zum erstenmal bedeutet, dort wieder länger zu verweilen.
Vielleicht ist dies für die eine/den anderen Anlass für eigene Lektüre.
augustine
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augustine²
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13.04.2008, 17:11 / 3 x geändert
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Nachdem dir, Jolante, das Interview mit Walser so gefallen hat, habe ich gesucht, ob es vielleicht das inzwischen berühmte Gespräch Arendts mit Günter Gaus (1964) als Video gibt. Und: ja!
Wenn jetzt alles klappt, ist es gleich hier:
ist aber 39 Minuten lang.
Es gibt noch weitere Videos zu Hannah Arendt, die man damit aufschlägt. Ich bin ganz glücklich.
augustine

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zuppanova
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was Jolante zum Walser-Interview formuliert hat, sei hier - auf die Links zu den Arendt-Videos bezogen - wiederholt und bekräftigt:
Danke, augustine, für den Service.
lg, zuppa.

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Jolante
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14.04.2008, 19:28 / 2 x geändert
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Natürlich weiß ich, wer Hannah Arendt ist bzw. war, aber mein Wissen über sie und mein Interesse an ihr waren bisher eher oberflächlich. Deine Beiträge zu H.A., augustine, die Hinweise auf Briefwechsel, besonders aber das Interview mit Gaus, haben mich (wie du es nennst)"in den Bannkreis" dieser außergewöhnlichen Frau gezogen. Ich habe überlegt, mit welcher Lektüre ich wohl anfangen werde, und da fühlte ich mich spontan von dem "Denktagebuch 1950 - 1973" angesprochen. Oder soll ich mich zuerst an "Rahel Varnagen, Lebensgeschichte einer deutschern Jüdin aus der Romantik" heranwagen? Das wäre zumindest eine wünschenswerte Ergänzung zum "Romantik"-Safranski, den ich immer wieder mal zur Hand nehme. Auf die Briefe hast du mich ja schon neugierig gemacht. Womit ich auch immer beginne, DIR danke ich für die Anregung.
LG Jolante

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