zuppanova
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20.03.2008, 13:17 / 1 x geändert
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Auslöser für die Erwähnung von Thomas Kling hier waren Beiträge im Faden traumfragment (Link).
Thomas Kling: Auswertung der Flugdaten. DuMont Verlag, 2005.
Das Buch beginnt mit einen Gedichte-Zyklus, mit dem Gesang von der Bronchoskopie:
Voll verkabelt liegt ein Beobachter/Sprecher im High-Tech-Center einer Klinik. Über Monitore flimmern statt bunter Weltdaten auf Unterhaltungsbildschirmen seine Herzrhythmus- und Atemfrequenzkurven, Nährlösungen und gut gemischte Gifte fließen durch Schläuche, und der Beobachter, wehrlos, ist selbst Gegenstand seiner Betrachtungen: Er sieht einem Eingriff in seine eigenen Atemorgane zu.
Keineswegs ist nun aber in den Gedichten die Rede von wahrnehmungsverwirrenden emotionalen Kräften wie Angst, Schmerz, Hilflosigkeit - im Gegenteil, der Text dient dazu, kunstvoll jenes Leiden, welches den Betrachter wohl zerreißen könnte, zu versiegeln, zurückzuspiegeln, die Gedichte sind Exerzitien der (Ab-)Kühlung von Emotionen, die womöglich dem Beobachter unter die Haut fahren möchten, ja, weiter noch als unter die Haut, nämlich in den Lungenschacht hinein.
Da tritt (in Arnikabläue) - und das kommt in Kling's Gedichten nicht so oft vor - ein "Ich" auf. Das geht so:
Jetzt ist es. jetzt werd ich:
zum schacht, zum lungen-
schacht wird ich.
Das ist interessant und konsequent und "kling'sch": kein Verstehens- und Verständigungskult für den Leser, kein schreiendes, konventionell subjektiv hingelittenes Wehleid, kein billiges Identifikationsangebot mit dem "Ich", sondern auch während der Lungenpenetration noch: Distanz, Kühle, Pufferung (auch durch Anglizismen).
Die erste Zeile des obigen Zitats ließe sich ergänzen zu Jetzt ist es so weit. "Es". Im Zentrum des Geschehens steht ein sächliches Personalpronomen. Und um die Penetration des Gedichts durch das wohlfeile Verstehen/Verständnis des Lesers zu vermeiden, um das "Ich" am Schluss der Sequenz anonym-sachlich werden zu lassen, wird schließlich die Grammatik gekrümmt -> zum lungenschacht wird ich -> das Ich geschieht.
Kling’s Sprache fasziniert mich. Weil sie eben nicht auf billiges, gefühliges Verstehen setzt, weil sie distanziert ist, exakt, präzis, weil mit Abstand betrachtet wird (selbst das, was "am eigenen Leib" geschieht) - weil gerade dadurch nicht vernebelt, verharmlost, verweichlicht wird.
Für mich dies: Eine mögliche Art von Wahrhaftigkeit in der Sprache.
. . . . . . . . . . . zuppa

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