Der Lesegeher · augustine · ·


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      augustine



Der Lesegeher

   13.03.2008, 23:17 / 3 x geändert



DER LESEGEHER

An dem Flüsschen, an dem ich lange gewohnt habe, einem Nebennebenfluss der Elbe, führt ein Wanderweg entlang und durch ein Wäldchen.
Viele Leute gingen und gehen in dem Wäldchen spazieren, Jogger joggen, Radler radeln, junge Familien kommen mit Kind und Kegel und Kinderwagen, alte Leute bewegen sich gemessen am Stock. Das Flüsschen ist beinahe ganz ausgetrocknet, seit es zweimal aufgestaut wurde, und steht nur noch in einzelnen Wasserinseln da. Früher konnte man es nachts glucksen hören, in meinen Anfängen dort, als ich noch glaubte, da wäre mein Ort fürs Leben. Der trocknete auch aus.
Das Wäldchen am Flüsschen ist natürlich auch ein beliebtes Hunderevier. Man traf und trifft noch immer Freunde wie Feinde, Hunde wie Menschen. Die Hunde toben miteinander, oder sie geben vor, sich nicht zu kennen, oder sie knurren sich an. Herrchen und Frauchen begnügen sich mit einem Gruß im Vorübergehen oder bleiben stehen und erörtern, von der hündischen ausgehend, die Weltlage. So etwa waren und sind noch immer die gewissermaßen normalen Begebenheiten in jenem Wäldchen oder Weltchen. Sie variieren noch ein wenig im Wechsel der Jahreszeiten, schließen zum Beispiel, wenn's tatsächlich ordentlich kalt ist und die aufgestauten Teiche zugefroren sind, Schlittschuhlaufen ein.
Unser Geher war kein Sportler. Unser Geher war ein Leser. Er ging schnell, aber recht harmonisch, und er las eben dabei, jedenfalls immer, wenn ich ihn sah, ohne jemals eine Ausnahme zu machen, ein Buch. Und meistens hatte er einen Schirm umgehängt, so einen billigen, der bei einer Sturmbö umknickt. Manchmal hatte er einen klein zusammengefalteten Taschenschirm im Hosenbund stecken. Eines der regenabwehrenden Dinger trug er immer, auch bei blauem Himmel.
Solange ich einen Hund auszuführen hatte, sah ich ihn sowieso häufig, aber auch danach noch. Ich konnte ein kleines Stück des Spazierweges von meinem Schreibtisch aus sehen, und nicht selten, wenn ich den Kopf hob und nach draußen schaute, ging gerade der Geher vorbei. Koinzidenzen solcher und ähnlicher Art kannte und kenne ich. Eine Erklärung dafür weiß ich nicht. Natürlich Gedanken über den Mann. Warum ging er denn, rannte fast über den Spazierweg und las dabei?
Ich spann mancherlei Vermutungen. Die einmal kurz erwogene von gelinder Geisteskrankheit, weil er doch auch bei sommerlichstem Wetter den Schirm mitführte, ließ ich aber bald fallen.
Oder war er ein Student und lernte für ein Examen? Das würde erklären, warum er auch vormittags zu sehen war, sich Bewegung verschaffte und doch seinen Geist nicht müßig sein ließ. Aber konnte er denn behalten, was er beim Rasen über Spazierwege las?
Dann gibt es in der Straße am Wäldchen eine Freikirche. Dort tut man allerlei ziemlich streng Vorgeschriebenes für die eigene Erlösung, ist sich dieser aber dafür dann recht sicher. Die dort zum Gottesdienst gehen, nehmen es deshalb mit ihrem Dienst sehr ernst. Sie sind sonntags feiertäglich gekleidet, die Männer in schwarzen Anzügen, die Frauen, auch die jungen, nie in Hosen. Und der Lesegeher trug immer ein weißes Hemd und ein korrektes Jackett (sah ich ihn denn nur im Sommer?) und immer eine schwarze Hose mit Bügelfalte, dazu den Schirm. Vielleicht gehörte er zu denen? Ich weiß es nicht. Nach dem Gottesdienst Ausschau nach ihm zu halten, hielt ich für unpassend, auch bei Tarnung mit Hund, was leicht zu machen gewesen wäre.
Nachgehen, wenn ich ihn im Wäldchen sah, konnte ich dem Lesegeher natürlich nicht, dazu war er viel zu schnell. Ich hätte gern gewusst, wo er wohnte und ob ich nicht aus seiner Wohnumgebung irgendetwas über ihn entnehmen oder dort jemand fragen könnte. Ich hätte gern etwas gewusst, und ich hätte gern gefragt. Neugierig war ich schon. Aber letztlich wäre solches Fragen mir ebenso zu aufdringlich erschienen, wie mich vor der Kirche auf die Lauer zu legen.
Eine sehr naheliegende Möglichkeit, etwas über den Mann zu erfahren, war es natürlich, ihn einfach anzusprechen. Zweimal habe ich das versucht. Aber offensichtlich war der Geher nicht geneigt, über sich Auskünfte zu geben. Einmal, als er mir direkt entgegenkam, habe ich mich ihm in den Weg gestellt und ihn gefragt - nun ja, keine besonders geistreiche Frage -, ob er nicht Furcht habe zu stolpern oder auf einem Hundedreck auszurutschen oder auf einer fallengelassenen Bananenschale. Ich kannte den Weg gut von meinen Hundegängen und wusste, wo er beispielsweise Vertiefungen hatte oder wo Steine lagen. Oder manchmal lagen natürlich auch nicht vorherzusehende Hindernisse im Weg, etwa Knüppel, die einem Hund geworfen worden waren und die der irgendwo hatte liegen lassen. Nein, Furcht habe er nicht, vor dergleichen nicht, sagte der Lesegeher eilig. Und vorbei war er, so dass ich das mit den Knüppeln gar nicht mehr anbringen konnte. Ein anderes Mal trafen wir, etwas abseits vom Wäldchen, an einer roten Ampel zusammen. Dadurch blieben mir ein paar Sekunden länger für die Frage: "Warum lesen Sie eigentlich immer beim Spazierengehen?" Er gab etwa wörtlich diese Antwort: "Wenn ich statt dessen die ganze Zeit nachdenken würde, wäre das noch viel fürchterlicher." Sprach's und überquerte schnellen Schrittes die Straße.
Mit dieser Auskunft war mir nun auch nicht gedient. Im Gegenteil, sie war viel eher geeignet, das Rätsel um den Mann zu vergrößern. Worüber nachzudenken musste er denn vermeiden? Das einzige, was ich nun sicher wusste und bis heute weiß, war, dass er über sich und seine Kombination aus Gehen und Lesen keine Auskunft geben würde.
Dann sah ich den Geher einmal vom Auto aus. Natürlich hatte er ein Buch in der Hand, ging aber gemessener, fast entspannt, hatte keinen Schirm bei sich, und zu einer adretten weißen Bügelfaltenhose trug er ein türkisfarbenes T-Shirt. Ob er nun ein Student war oder ein besonders Gläubiger - die Variante Irrer hatte ich ja schon ausgeschlossen -, es musste etwas geschehen sein mit ihm.
Dann sah ich ihn ein letztes Mal, wieder vom Schreibtisch aus: in Jeans und offener Jacke und trotz bewölkten Himmels ohne Schirm. Er schob er einen Kinderwagen. Lesend.

AugenblickeBlickwinkel 16

 

      Gretchen



RE: Der Lesegeher

   14.03.2008, 18:59



Heia, augustine, was ist ein Lesegeher?

Na, das weiß ich gezz. Einer, der lesend geht, gehend liest. Hab noch nie so einen gesehen, und deshalb erstaunt Deinen diesmal wieder länger geratenen Augenblick angekuckt. Mal so pauschal: Du kannst so erzählen, dass Gretchen widerstandslos liest. Der Text ist wohlgeordnet.
Musste stark an den Hansguckindieluft denken. Der liest nicht beim Gehen, sondern träumt, aber das kommt - eskapismustechnisch betrachtet - doch auf denselben Nenner raus. Hansguckindieluft und der Lesegeher sind beide nicht so ganz von dieser Welt. Auffällig war für mich dieser Gegensatz "lesen-nachdenken", außerdem die Abneigung des Lesegehers gegen das Nachdenken. Ist das nun eine von Dir gewählte Metapher, um was Bestimmtes zu transportieren, oder hat es sich doch so zugetragen?

So grübelt
das Gretchen.

 

      augustine²



RE: Der Lesegeher

   14.03.2008, 19:14 / 1 x geändert



Danke für dein widerstandsloses Lesen, Gretchen.
Vermutlich fragen sich das andere ja auch, ob ich mir den ganzen Kerl ausgedacht habe. Nee, tatsächlich das Zentrale nicht, vor allem nicht den Satz, den er auf meine Frage gesagt hat.
Manchmal schickt einem die Welt die Rätsel vors Auge. Also es kommt nichts nach, keine alles auflösende Erklärung. So wars, die Koinzidenzen, der eine Satz, die in der Luft hängengebliebenen Vermutungen, die Verwandlungen des Mannes.
Zu weiteren Mutmaßungen freigegeben von
augustine

 

      rollerball



Lesefahrer

   15.03.2008, 16:10



Eine sehr charmante und gut geschriebene Geschichte ist dir da wieder mal gelungen, liebe Augustine.
Auch ich hab sie widerstandslos in Rekordzeit verschlungen, mit großem Vergnügen. Trotzdem hab ich da einen kleinen Einwand: Die Antwort, das Nachdenken wäre noch fürchterlicher, könnte wohl eher von Zeitgenossen kommen, die sich fast rund um die Uhr durch TV und Kommerzmusik berieseln lassen – gedankenlose Leser dürften doch eher selten sein, es sei denn, man zähle auch die Käufer der Bild-Zeitung und ähnlicher Produkte (in Österreich die Kronen-Zeitung) dazu. Die zeitgemäßere und auch weniger gefährliche Methode, Literatur unterwegs zu genießen, wäre eher ein MP3-Player, mit Hörbüchern geladen, wobei sich das Auge auch noch gleichzeitig an den Schönheiten der Natur ergötzen kann. Ich in meinem Rolli habe mich jedenfalls bislang noch nicht als Lesefahrer betätigt …

 

      Jolante



RE: Der Lesegeher

   30.03.2008, 15:06 / 1 x geändert



Liebe augustine,
in deiner mit leiser Ironie gefärbten Erzählung romantisierst du einen jungen Mann, der sich im Vergleich zu anderen Leuten, denen du auf deinen Spaziergängen am Flüsschen entlang und durch ein Wäldchen ("Weltchen", wie schön)) begegnest, ziemlich merkwürdig benimmt. Er ist schnell unterwegs, und er liest dabei. Hmm, wäre eigentlich nichts Besonderes (auch ich treffe bei meinen Laufereien immer wieder auf seltsame Gestalten, die von Hunden flankiert werden), wenn dieser Mann nicht auf die Frage, warum er beim Gehen immer lese, antwortete, dass es noch viel fürchterlicher wäre, wenn er statt zu lesen nachdenken würde. In der Tat erstaunlich, und die Fantasie der Ich-Erzählerin wird durch weitere Eigentümlichkeiten des Mannes immer stärker angeregt. Das liest sich gut, und vor allem der Schluss ist verblüffend. Da schiebt der Mann auf einmal ganz unaufgeregt einen Kinderwagen, natürlich lesend! - Ist er eben doch nur ein gewöhnlicher Hausmann, ohne dunkles Geheimnis und ohne tiefgeschürfte "Macke"? Das spielt im Grunde keine Rolle. Wichtig ist, was sich in den Gedanken der Beobachterin abspielt. Denn sie ist es, die "dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen" gibt, ganz in der Tradition der Romantiker. Eine weitere, gut erzählte "Augenblicke/Blickwinkel"-Geschichte. - Zum Schluss noch eine kritische Anmerkung: Der Einleitung würde, glaube ich, eine kleine Straffung gut tun.

Es grüßt
Jolante

 

      augustine²



RE: Der Lesegeher

   30.03.2008, 21:55 / 2 x geändert



Danke, liebe Jolante, für dein Lesen und Kommentieren und für die ehrenvolle Novalis-Anspielung!
Ja, eine ganz alltägliche Geschichte, die vor allem durch die beiden Sätze des Lesegehers (die so etwa wörtlich sind) etwas Geheimnisvolles hat und behält.
Die Hausmann-Erklärung ist mir damals, als sich die Geschichte zutrug, vielleicht auch eingefallen, aber sie macht eigentlich nichts verständlicher. Ebenso hatte ich zugleich das Gefühl, dass es gut war, dass ich ihm nicht in seinen Lebenskreis folgen konnte. An Novalis habe ich aber gar nicht gedacht. Und widersprüchlich zum eben Gesagten war da eben doch auch Neugier, das zeigen ja alle meine Erwägungen, auch die verworfene. Und: wahr ist diese Beobachtung nun mal samt den Details.

Gekürzt ist die Geschichte schon. Das ist ihr, glaube ich, gut bekommen. Jetzt habe ich nur einen Satz noch rausgenommen.

Das Novalis-Zitat ist nicht, wie ich dachte, aus dem Blüthenstaub, sondern aus Fragmente über Poesie (1798):
"Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es -"

Dieser Hinweis, Jolante, gefällt mir immer besser: mal nicht alles erklären wollen...
Liebe Grüße von augustine




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