Vladimir
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10.03.2008, 22:23 / 1 x geändert
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Auf die Idee bin ich (glaub ich) gekommen, als mein Vater angefangen hat Bachwerke und Beethovensonaten zu betiteln. Immer schon hatt ich Schwierigkeiten, aus dem Abstrakten Notentext, der puren Musik etwas zu machen, das mehr als nur - naja ich weiß gar nicht wie - ins Leben geht, es greifbarer zu machen, mit eigenem Erlebten vielleicht zu füllen. Wie befreiend bei Schumannliedern Texte zu haben, unter denen dann die Musik auf einmal ganz konkret bezogen ist und ausdrückt, was ich auch selber wiederfinden kann! Also hab ich selber angefangen mir etwas zusammenzuspinnen, zu versuchen zu füllen - mit Geschichten oder assoziierten Szenen, jedenfalls etwas, das ich mir beim Spiele vorstellen kann.
Falls welche von euch das interessiert oder ihr selber solche Gedanken zu Musik habt - würde mich sehr interessieren! Es geht ja auch nicht darum, eine endgültige Interpretation zu erreichen; ich geh auch davon aus irgendwann diese Geschichten und Szenen wieder fallen zu lassen, von der reinen Musik abzustreifen - denn sie ist ja nunmal wortlos und solls auch sein. Nur für den Zugang ist es eine Erleichterung.
Also poste ich hier mal, mit ein paar Anmerkungen, was ich zur Pathétique so gesponnen und woanders schonmal "veröffentlicht" habe:
THEMA: Trennung
Erster Satz:
Das Akkord-Motiv, ganz am Anfang (Grave), im Laufe des Satzes und am Ende wieder aufgegriffen, ist das "wir müssen uns trennen" (die Akkorde, die praktisch auseinanderdriften), in seiner ursprünglich schmerzhaften Form, noch ganz umhüllt von der Beziehung, erkannt und noch nicht vollzogen, aber als beginnende Distanzierung gefühlt.
Die Allegro-Teile sind dann die langsame Verwirklichung dieses in der Beziehung gefülten Trennungsprozessen nach außen hin. DerA-Teil kann vielleicht als Streits gesehen werden, aber es ist auch etwas befreiendes dabei, da das, was bisher nur innen drückte und drängte, nun Luft und Raum findet.
Der B-Teil hat davon immernoch viel, ist aber, als zurückwelle nach dem ersten Luftmachen, schon etwas nachdenklicher, melancholischer, wird zum Schluss ganz leise. Man rollt sich wieder ein. Vor allem im sich verdichtenden Schlusstück wird das deutlich - ein zurückruder versuch in die alte Beziehung, der aber von der Wiederaufnahme des A-Teils wieder gesprengt wird, und dann, mit dem Beginn der zweiten Wiederholung, in die erneute Einsicht des Wir-müssen-uns-trennen Grave führt. Dieses kann übrigens auch von außen kommen, es ist nicht unbedingt etwas, was die beiden für sich beschließen, weil sie sich etwa nicht mehr liebten, sondern eher eine tragische Fügung trotz Liebe.
Dann kommt also die Durchführung in c-Dur. Da muss ein neuer Weg gefunden werden, mit der Situation klar zu werden. Das Gravemotiv wird erstmals in diesem Zusammenhang aufgenommen, kommt also etwas aus dem "Innen" heraus. Sonst wird ein wenig herumgesucht, man gräbt sich sozusagen frei.
Und stößt mit A' wieder auf die Anfangsmethodik und Streits, die aber in weniger hektischem, dafür bestimmterem Maße weitergetrieben wird, geht über zu B', und es vollzieht sich in etwa dasselbe ab, wie bereits in der ersten Wiederholung, aber eben nun in c-moll, und damit näher am Grave-teil.
Wieder endet die ganze Bewegung in diesem stark verminderten FisAkkord, an dem alles zu zerbrechen scheint, der nun völlig haltlos als Bruch in der Luft steht, und dann - Gott sei dank - zurück zur letzten Wiederaufnahme des "Grave" führt.
Aber soweit hat dieser ganze Prozess nun die Beziehung gebracht, dass es n i c h t damit endet, dass man sich wieder eingelullt fühlt, sondern mit einem letzten Stoß die Schale zerbricht und sich draußen und alleine sieht.
Anm.: Heut würde ich sagen, dass von dieser Geschichte abstrahiert das der springende Punkt, der geschilderte Prozess ist: dass in das letzte Grave nicht mehr zurückgekehrt werden kann, sondern sich der Anfangsimpuls schon soweit fortgesponnen hat, so sehr verwirklicht hat, von Innen nach Außen gedrungen ist: dass dort fast ein perfektes Gleichgewicht zwischen gehörtem Grave und noch nachklingendem Allegro herrscht und eben das Ticklein zuviel dafür sorgt, dass es kein Zurück mehr gibt.
Zweiter Satz:
Der Rückblick auf die verlorene Zeit im Hauptthema, vielleicht zusammen, wenn sie sich wiedertreffen und darüber reden und weinen.
In den anderen Themen, vor allem dieser E-Dur passage, wird zaghaft etwas neues versucht, eine Art Wiederaufnahme, neues Glück, aber es hält der Erinnerung nicht stand, ist ihr zu fremd (E-Dur und As-Dur...) und so bleibt bei diesen traurigen Treffen nichts als das Fühlen vergangener Schönheit.
Dritter Satz:
Das Rondo hat ein ähnliches Thema. Hier ist aber bereits der Partner unerreichbar, es "spricht" nur noch ein Teil, wir gehen einfach mal vom männlichen aus. Es schildert nun die Zeit, die den unmittelbaren Schmerzen folgt, also das Gewöhnen, sich wiedereinfinden.
Das Hauptthema, also diese wiederkehrende Melodie etc., ist das Wiederaufleben der vergangenen Beziehung, in dem sich nun Trauer und Glück seltsam vermischen. Das musikalische Ich (nennen wirs mal so), denkt an die Zeit zurück, ist zuerst etwas melancholisch (Takte 1-8), denkt dann an die Trennungszeit (8-12) und sagt sich schließlich, mit dieser etwas abrupten und lauten Schlusskadenz: "Vorbei! Es ist vorbei." im Sinne von "Denk nicht mehr dran, ist gut jetzt.".
Was dann folgt sind die verschiedenen Episoden in seinem Leben, in denen er neue Wege versucht, vielleicht ein neues Mädchen kennenlernt.
Ein weiteres sich wiederholendes Thema, das mit den Triolen, z.B. ab Takt 51, schildert die innere Ungeduld, die ihn trotzdem immer wieder erfasst, ein Strömen woanders hin, weg von diesem neuen und irgendwie falschen - zurück zum Hauptthema und damit zur verlorenen geliebten, deren Erinnerung er aber wieder mit der bekannten Schlusskadenz quittiert.
So geht es also in allen möglichen Varianten zu.
Und dann am Ende kommt die Ungeduld nochmal richtig zur Geltung, und zwar n a c h dem Hauptthema - hier packt er sie, die ihn die ganze Zeit immer wieder in seinen Bemühungen etwas neues aufzubauen unterbrochen und zurückgezogen hat, beim Schopf, spielt sie durch, lässt sich von ihr durchpeitschen, und schafft es sogar am Ende, die Erinnerung endlich umzuwandeln, macht Frieden mit ihr (As-Dur), so wie er sie noch im vorrangegangenen Satz geteilt hatte mit seiner Freundin kann er sie nun also auch für sich in Frieden und Glück bewahren - aber mit den letzten beiden Takten wird auch das wieder gesprengt, und dem Schrei "nicht mehr" gehört das schmerzhafte Ende.

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