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jottel
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28.02.2008, 15:57 / 1 x geändert
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sisyphos
weil ihn nicht ändert,
was vergeht,
ihn nicht hindert,
ist er selbst gefälle,
fels, an jeder stelle
stets zu spät,
um alles abzuschreiten,
taub und blind und stumm
von sich zu geleiten.
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entschuldigt, dass das andere gedicht nicht mehr zu lesen ist, aber ich möchte mit jenem etwas ausprobieren; es wäre für mich eine premiere und ich denke, das gedicht könnte sich dafür eignen. stattdessen hier ein etwas älteres, das zu meinen lieblingen gehört, also nicht denken, ich wollte nun zweite-wahl-gedichte reinstellen. vielleicht gefällt es euch auch.

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Vladimir
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Das war doch der mit dem Stein und dem Hügel...
Schnell bei Ovid nachlesen? Hm, steht nicht drin.
Also zum Gedicht:
ich muss das auseinanderbröseln:
Er ist aus der Vergänglichkeit sozusagen herausgerückt; sie kann ihm nichts mehr.
deshalb ist er
selbst Gefälle (was eigentlich nur die Vergänglichkeit selbst ist),
gleichzeitig Fels,
und nie rechtzeitig (wohin auch mit nem Fels ständig vor der Nase?),
weil er alles abschreitet
und dann? meinst du wirklich geleiten oder gleiten? bei geleiten: alles von sich zu geleiten? sich selber zu geleiten? auf jeden Fall buchstäblich sinnlos, sinnelos.
Ein Gedicht voller merkwürdiger Widersprüche. Im Ton erinnerts mich an Rilke: so eine alte Gestalt zu nehmen und irgendwie neu und rätselhaft zu charakterisieren. So gefällt mir auch die Form sehr; hat auch etwas verwirrendes, nicht zu starr, nicht zu lose.
Also man müsste dem noch weiter nachgehen, Zeile für Zeile, denk ich, ich zumindest um dir sagen zu können woraus mein erster Eindruck (der mich auf jedenfall neugierig macht und irgendwie fasziniert) eigentlich besteht.
Liebe Grüße,
Vladimir

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Gretchen
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Hei, jottel, ist schwierig, dem Dingen beizukommen.
So oberflächlich betrachtet und den Titel als Wegweiser genommen, würd ich direkt sagen, es sei ein Versuch am Absurden. Der Mensch als Mängelwesen (taub, blind, stumm - frei nach Camus) mit Bewusstsein (der listige Sisyphos bei Homer). Er bemerkt zwar, dass er ein Schicksal hat, dem er nicht entrinnen kann, ist aber nicht in der Lage, über diese Erkenntnis hinaus "Sinn" zu finden. Oder, anders formuliert: Durch die Fähigkeit zu denken entsteht eine Kluft zwischen Ich und Welt, eine Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben, seinem Handlungsrahmen, und diese Trennung ist nicht auflösbar, nicht durch weiteres Denken oder Erkenntnis jedenfalls, sondern, wenn überhaupt, nur auf einer ganz anderen Ebene, einer tieferen, körperlichen, indem der Mensch sich ohne Fragen mit seiner Existenz verbindet, d.h. er muss der Stein werden, den er bewegt, oder der Berg ... so ungefähr versuche ich mich erst mal dem Inhalt zu nähern, mit meinen begrenzten Erkenntnisfähigkeiten, und mehr bring ich jetzt nicht mehr zusammen.
Späte Grüße von Greta.

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jottel²
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01.03.2008, 11:13 / 2 x geändert
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hallo vlad, hallo gretchen,
am einfachsten ist natürlich das 'geleiten' zu beantworten, vielleicht ein stolpern des sisyphos, bei dem man aber auch gerne das erste e etwas schludriger lesen kann, um zum gleiten zu gelangen; hindert den leser wohl niemand dran.
so wie ich das gedicht lese, ist er aus dem vergehen und aus dem fortschritt herausgerissen, stillstand ist sein schicksal, ohne dass es dies sein müsste. aber da bin ich mir nicht sicher, habe schon länger nicht über diesen text nachgedacht.
in einem anderen gedicht (pathos iv) schrieb ich:
Es ist zu früh zum Vergehe oder Werde.
Also bleibe.
vielleicht ist hier genau das gegenteil gewünscht - vermutlich aber nicht einmal dies. sisyphos muss bleiben, seine wahrnehmung ist gestört, er kann den gesamten weg nicht gehen, wie dieser auch aussehen könnte. es war die anklingende selbstgefälligkeit, der fall, der ihn nun immer wieder hinab zieht. so hängt er an sich selbst fest, an seiner strafe, und es ist unklar, ob in so einem zustand - da sisyphos aus einer mythischen zu einer symbolischen figur geworden ist, zu einem bestimmten prototyp des menschen - es noch eine rolle spielt, wer ihm die strafe auferlegt hat.
ob jetzt diese schnelle, freie interpretation mit dem absurdismus zu tun hat, kann ich nicht entscheiden, dafür habe ich ihn nur sehr oberflächlich im ethikunterricht behandelt (herr schefzeck wollte mir mündlich nur neun punkte geben!)
vielen dank und grüße
jottel

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augustine
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Hallo, jottel, Gretchen, Vladimir -
es ist mir nun doch passiert, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen: ich habe mythologische Lexika gewälzt, besonders das eine, in dem man alles findet (Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon, zuerst 1770, jetzt wbg). Es ist gründlich, wahrlich, wahrlich, samt allen Quellen und Varianten. Das habe ich aber nur gewälzt und dann wieder runterrollen lassen. Denn: die Lektüre für dies kleine Gedicht war mir zuviel.
Wer aber einen Mythos aktualisieren möchte, müsste die Varianten alle kennen, finde ich. (Vielleicht kennst du sie ja, jottel.) Dann eine eigene Deutung. Die kann ich hier nicht erkennen.
"so wie ich das gedicht lese, ist er aus dem vergehen und aus dem fortschritt herausgerissen, stillstand ist sein schicksal, ohne dass es dies sein müsste. aber da bin ich mir nicht sicher, habe schon länger nicht über diesen text nachgedacht"
Bedenke, dass die Geschichte im Tartarus passiert nach einem erstaunlichen Leben: u. a. hat er den Tod überlistet, so dass die Menschen nicht mehr starben!
Mythologische Grüße! augustine

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jottel²
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02.03.2008, 21:55 / 2 x geändert
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Wer aber einen Mythos aktualisieren möchte, müsste die Varianten alle kennen, finde ich. (Vielleicht kennst du sie ja, jottel.) Dann eine eigene Deutung. Die kann ich hier nicht erkennen.
was wäre dies aber für ein bildungswahnsinn, augustine? welche anstrengung, wenn es doch eigentlich, wenn man recht bedenkt, für eine eigene (neu)interpretation das original braucht. soll man alle gedichte und geschichten kennen, in allen sprachen, die gesamte sekundärliteratur, und dann, erst dann, nach diesem wälzen aller varianten und (um)deutungen etwas neues versuchen? wie kann man am ende außerhalb dieser summenklammer stehen, wenn man stattdessen im grab liegt oder schon wieder die hälfte vergessen hat? ich denke, es ist un- bis kaum möglich. und sehr unnötig. das eigene gedicht ist ein eigenes, 'selbstverständliches' begreifen des ursprünglichen materials, nicht der gedichte dritter.
dein ansatz ist ein falscher, finde ich. du arbeitest dich von den variationen zur quelle hin, nicht umgekehrt, was den blick auf jeden weiteren versuch erschwert, da du dann wieder von der quelle zum weiteren, neuen versuch musst. und das dies jedem zuviel wird, ist klar.
ob dies hier funktioniert hat, ist natürlich eine andere frage. okay, du sagst, es ist mir nicht gelungen, das verstehe ich, akzeptiere ich, weil ich wohl wiederholt habe, was andere schon gesagt haben, besser oder gleich. laut dir also: nächstes gedicht und halte dich von alten mythologischen themen bitte fern.
1. nein, ich kenne sie nicht alle, ich will sie nicht kennen.
2. ich will in diesem zusammenhang eigentlich nur sisyphos kennen. (selbst camus' sichtweise fand ich damals nicht besonders reizvoll, was aber am lehrer liegen mag. obwohl der absurdismus seine momente hat, wenn ich ihn richtig verstehe.)
gruß. jottel

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augustine
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03.03.2008, 12:20 / 2 x geändert
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Ich habe mich anscheinend unklar ausgedrückt, jottel.
Ich rede doch nicht dem das Wort, was ja in der Tat Bildungswahnsinnn wäre, mythologische Lexika durchlesen zu wollen!
Gelesen habe ich nur unter dem/deinem Stichwort Sisyphus, fand, wie ich an einem Beispiel geschrieben habe, dass mit der Figur S. noch mehr verbunden ist als 'nur', ein mythischer Ausdruck für die letzliche Vergeblichkeit alles menschlichen Tuns zu sein. (So wie mit der mythischen Figur Ödipus mehr verbunden ist, als wozu sie durch Freud in die moderne Geistesgeschichte eingeführt wurde.)
Wenn du nun als Gedichtüberschrift einen solchen antik-mythologischen Namen wählst, unterstellst du eine vorweg stillschweigend geschehende Verständigung des Autors mit dem Leser über eine Grundannahme zu dieser Figur - oder du bemächtigst dich einfach eines irgendwie bekannten eindrucksvollen Namens.
Die andere Sache, zu der ich was fragen möchte, bezieht sich hierauf:
Es ist zu früh zum Vergehe oder Werde. Also bleibe.
Das Bleiben kann ich nicht als Alternative zum Vergehen und Werden erkennen. Werden ist immer die Aufgabe, soll heißen: in jedem Lebensalter.
Grüße von augustine
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