Gekipptes Licht · Vladimir · ·


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      Vladimir



Gekipptes Licht

   22.02.2008, 09:34



Der Regen legte deine Brüste
bloß: erst jetzt entrinnen ihnen
alle Narben. Er macht die Stadt
zur Seele, uns zum Floß: geleichtert
gleiten wir auf Sternenstrahlen.

 

      augustine



RE: Gekipptes Licht

   27.02.2008, 15:13 / 1 x geändert



Vladimir, eben sehe ich, dass dein Seelengespinst befreit ist von der zeitweise nachgefolgten Unzierde.
Es 'gefiel' mir vom ersten Lesen an: der versteckte Reim bloß/Floß und die beinahe wie ein Reim wirkende Assonanz Narben/-strahlen bleiben im Ohr; das Bild eines Paares, sie mit nackten Brüsten, das gefällt mir, dem der Regen, ausgerechnet Regen, das Verlassen der Erdenschwere ermöglicht hat; vielleicht. Ich hab' aber gar nicht Lust, viel zu analysieren. Das kleine Gedicht ist einfach schön.
Lg augustine

 

      Marcel Frank



RE: Gekipptes Licht

   28.02.2008, 10:04



"gleiten wir auf Sternenstrahlen."

Meines Erachtens disqualifiziert allein dieser Vers das komplette Gedicht - wenn man überhaupt bis dahin kommt. Denn: Der Text ist wie "ein Dutzend Milchschnitten auf einmal essen".

Regen
Brüste
Narben
Stadt
Seele
Floß
Sternenstrahlen

Das ist so disparat und kann bei der Kürze auch nicht durch die überdies schwachen Verben miteinander vermittelt werden - um letztlich im Wortschmalz der Abschlusszeile zu enden. In diesem Gedicht hätte man sich - "diskursfokusmäßig" - auf die Brüste im Regen beschränken können (auch wenn mir mit einem Schirm mehr gedient wäre, da ich ihr Anmachpotential ohne Bezug auf ein sich konkret abzeichnendes Du doch eher als "gering" einstufe) statt letztlich auf einer Sternstrahlenrutsche zu landen.

Ich geniere mich nicht, Dir diesen subjektiven Eindruck ("blass & kitschig") mitzuteilen, da sich Deine ohne Zweifel vorhandene sprachliche Energie bereits in anderen Beiträgen im oberen Drittel entladen + etabliert hat.

P.S.

Ja, ich hatte gerade einen quer sitzen ...

 

      jottel



RE: Gekipptes Licht

   28.02.2008, 16:23



vladimir,

das gedicht wird schwächer. und seltsamer. es beginnt gut, das erste versende setzt du geschickt, gewinnst dadurch bedeutung, gewinnst den leser für dich, dein gedicht. auch die alliteration 'brüste / bloß' wirkt, im gegensatz zu 'geleichtert / gleiten', welche sehr unglücklich ist und bei der ich mich vor allem frage: was will sie?
der zweite vers funktioniert gerade noch, da er das regenmotiv aufgreift, weiterführt, konsequent, ihm eine weitere ebene hinzufügt. wobei ich mir wünschte, du hättest 'ein regen' geschrieben, was den anfang wesentlich verdichtet hätte - dass dann dein 'er' nicht mehr stehen bleibt, ersetzt werden muss, ist klar; ich kann das verkraften. hier bin ich marcels meinung. das machen greift nicht.
durch die kürze ist die seele ein leeres gefäß, das erst der leser füllen muss, bei der länge mehr als unvorteilhaft, ist doch die auslegung einer seele komplex und variiert durch den jeweiligen zusammenhang (der hier übrigens kaum vorhanden ist). hierbei helfen die sternenstrahlen wenig, die das ganze ins kitschige, gar unmögliche abdriften lassen. ein heilsversprechen? engel? sonnenwinde? begann der text erotisch, abkühlend, großstädtisch modern, wie ein zukünftiges, sehr bekanntes erlebnis, verliert sich dies vollkommen, der anfang ist aus einem anderen, besseren gedicht, das ich gerne zuende lesen würde.
und dies ist das größte versäumnis des textes.

gruß. jottel

 

      Vladimir²



RE: Gekipptes Licht

   28.02.2008, 17:48 / 1 x geändert



Jetzt komm ich wieder in die Verlegenheit erklären zu müssen:
Eigentlich sollte der Titel euch drauf bringen, dass das gleiten auf den Sternenstrahlen insofern ganz wörtlich zu nehmen ist, als dass durch den Regen die Straßen spiegeln, die Lichter unten sind, und so (da wir uns in einer Stadt befinden) auch die Sterne eher Straßenlaternen sind, die aber von den beiden wie Sterne empfunden werden - Teil der Verwandlung der Stadt in eine Art Seelenlandschaft, auf der sie gleiten. Es geht also um dieses Kippen: des Äußeren zum Inneren, des fernen Lichts von oben in etwas, auf dem geglitten werden kann, das trägt.
Die Alliteration kam eben so - nicht gewollt, das "geleichertert" ist aus anderm Grund gewählt: zum einen in der bloßen Wortbedeutung: entladenes Schiff; zum andern als Anspielung auf Celans "Schuttkahn".
Also, falls das irgendwen beruhigt: die "Sternenstrahlen" hätt ich in den Bedeutungen, die jottel vorschlägt sicher nicht gebraucht, oder nur weils "poetisch" klingt; sondern sie beziehen sich auf eine ganz konkrete Beobachtung. Ob das das Gedicht in Marcels Augen noch rettet - wohl kaum. Solls aber ja auch nicht.

Lg
Vladimir


Und diese Zeilenumbrüche waren eigentlich mal als Gag gedacht, à la: "Ich schreibe einen stinknormalen Vierzeiler und verkauf ihn als fesche Zeilenkomposition!" Mittlerweile machts so aber auch für mich mehr Sinn und ich würds nicht mehr ändern.




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