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12.02.2008, 16:18 / 3 x geändert
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1. Wohnzimmer
Ihre Vagina zog sich zusammen und unwillkürlich zog sie leise die Luft durch die Zähne ein - etwa so wie John Lennon in dem Song: „Oh girl“: sssfff. Sie hatte am Fenster gestanden und gerade gedacht, dass ihr Leben langweilig sei und es aber auch nichts mehr gab, was sie begeistern konnte, nur immer dieses öde Funktionieren unter einem auszehrenden Kraftaufwand. Vielleicht sollte ich mich jetzt gleich aus diesem Fenster stürzen, hatte sie gedacht, aber wenn ich mich lang genug und konsequent genug immer nur langweile, dann bringt mich die Langeweile ja vielleicht auch von ganz alleine um?
Da hielt auf dem Parkstreifen vor dem Haus ein alter Kleinbus, dem ein Mann entstieg, dessen Anblick in der Dunkelheit sie im ersten Moment trotz seiner völligen UNÄHNLICHKEIT an eine ihrer verflossenen großen Lieben erinnerte. Sie hatte schon Jahre nicht mehr an diesen Mann gedacht, und es war auch nur der erste Moment, es mochte eine Bewegung oder sein Hintern gewesen sein, den sie sah, als er die Tür zu dem Bus abschloss, vielleicht auch das blonde Haar. Die Depression war fürs erste futsch oder zumindest nicht mehr so ernst zu nehmen, denn wie könnte man eine Depression ernstnehmen, in der nur durch den Anblick, ja, die Erinnerung an einen bestimmten Männerhintern ein libidinöser Bruch sich auftut?
Der Mann drehte sich um und ging über die Strasse auf die Haustür zu und sie stellte fest, dass eine Verwechslung völlig unmöglich war, dieser hier hatte einen Bauch und machte grobe Schritte, er war größer und verfügte nicht über diese SAUBERE Wirkung ohne jede Pingeligkeit, die jener sein eigen genannt hatte, beneidenswert, diese Menschen, die selbst nach großer Anstrengung an heißen Sommertagen noch aussehen wie frisch unter Dusche weg und selbst wenn sie nach Schweiß riechen, ist es anderer Schweiß und selbst wenn sie unrasiert sind, wirken sie gepflegt. Sie selbst dagegen fühlte sich fast immer etwas schmutzig auf eine Weise, die es ihr sinnlos erscheinen ließ, allzu viel Mühe auf ihr Äußeres zu verwenden, sicher, man tut was man kann, und wenn sie ausging, suchte sie die besten Kleider aus ihrer Garderobe, aber die Fingernägel wurden lediglich so kurz wie möglich gehalten und die Haare hatten lange keinen Friseur gesehen – sie schnitt sie selbst, vor dem Spiegel mit einer Hand die Strähnen langziehend, in der anderen die Schere und sie tat es immer erst dann, wenn sie ihr Spiegelbild bereits eine ganze Weile nicht mehr ertrug.
Hinzu kam, dass, wie das so ist, sagte sie gewöhnlich, wenn sie mit Freundinnen auf dieses Thema kam, wie Freundinnen immer früher oder später auf dieses Thema kommen, dass also in den letzten Jahren ein irreversibler entsetzlicher Prozess eingesetzt hatte, der sie jedes Jahr 5 Kilo zu- und 3 Kilo wieder abnehmen ließ. Dies würde, sie hatte es ausgerechnet, dazu führen, dass sie mit 40 Jahren die unglaubliche 80 Kilo-Marke überschritten haben würde, vorausgesetzt, dass dieser Prozess nicht, wie es den Anschein hatte, noch dazu sich von Jahr zu Jahr beschleunigte.
Dass dies der Lauf des Lebens sei und sie auch gar keine Lust hätte, sich davon runterziehen zu lassen und es ihr ja nicht als Einziger und darauf kommt es nicht so an, etc. pp. war dabei nur die offizielle Version, die Freundinnenversion des Themas, während sie mit gierigen verstohlenen Blicken all die schlanken jungen bauchfreien Mädchen in der Straßenbahn musterte wie ein Exhibitionist, als wäre es nicht Neid sondern Begehren, was den Blick lenkte. Wobei der Unterschied vielleicht nicht groß ist, überlegte sie jetzt, den Fenstergriff noch in der Hand, eine Zigarette in der anderen, auch das Rauchen aufzugeben war ihr nie gelungen und es schien wie schon immer zu spät dafür zu sein, libidinöses Objekt und Ich-Ideal, dachte sie, und dann, welche Freundinnen, plötzlich dachte sie, welche Freundinnen meine ich, wenn ich sage: Freundinnen?
Die Einsamkeit umfing sie erneut, während sie das Fenster schloss und sie war darüber erleichtert, da die plötzliche Geilheit beim Anblick des fremden Mannes auf der dunklen Strasse ihr unangebracht lebensbejahend erschienen war, wie eine Täuschung, ein Trug, dem sie fast erlegen wäre.
Sie beschloss, den Abend wie auch immer außer Haus zu verbringen, da die Aussicht, sich ins Bett zu legen um stundenlang an die Decke zu starren und: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“ zu stammeln, sie bis zum Äußersten langweilte. Dann schon lieber in irgendeiner Kneipe sich schnell betrinken - auch das war etwas langweilig, aber gerade noch erträglicher und es würde ihr einen tiefen und traumlosen Schlaf bescheren und morgen eine gute Ausrede dafür, rein gar nichts zu tun, weil ihr Zustand es nicht erlauben würde.
2. Badezimmer
Sie drückte die Zigarette auf dem verkrümelten Teller aus, von dem sie vorhin, im Fernsehen irgendeine Talkshow verfolgend, ihr Abendbrot zu sich genommen hatte und ging ins Bad. Ihr Spiegelbild überraschte sie, es ist nicht im mindesten so schlimm, dachte sie, meine Augen sind täuschend lieb, sie verraten nichts über den angestauten Zynismus, alles in allem kann ich mich hinaus wagen, sie entkleidete sich, steckte die Zahnbürste in den Mund und ging unter die Dusche. Auch die Geräusche waren mit den Jahren aufdringlicher geworden, bei der Körperpflege, die harte Hornhaut an den Füssen musste mit dem Bimsstein bearbeitet werden, damit die Haut wieder weich und nicht schmerzhaft rissig wurde, diese Maßnahme rief ein unangenehmes schabendes Geräusch hervor, genau wie das Schrubben der Finger- und Fußnägel mit der Bürste, aber es hörte ja niemand zu. Es hörte schon seit längerem niemand mehr zu, dachte sie und alles in allem wäre das Leben nicht schlechter, wenn es aus einer Dauerdusche bestünde, heiß und nass.
Sie schraubte den Duschkopf von dem alten weißen Schlauch, setzte sich hin in das infolge des fast verstopften Abflusses wadenhohe warme Wasser, richtete den Strahl zwischen ihre Beine auf die Klitoris und kam mühsam und nur mit Hilfe einiger - aus Bequemlichkeit bereits jahrelang verwendeter, dadurch ihrer Wirksamkeit mehr und mehr verlustig gehender - mehr oder weniger gewaltvoller Phantasien lustlos zum Orgasmus, dabei einen Laut ausstoßend, der eher an einen unterdrückten Schmerzensschrei erinnerte, etwa wie wenn man sich in einem überfüllten Seminarraum zu spät kommend das Schienbein stößt, während man versucht, möglichst unauffällig zu dem letzten leeren Stuhl zu gelangen. Immer noch diese Vergleiche von der Universität dachte sie, das muss aufhören, ich bin zu alt dafür.
Einige Minuten blieb sie noch sitzen, ließ das heiße Wasser über ihren Kopf und ihre Schultern laufen, ich könnte, dachte sie, es mit dem Föhn machen, wie in den Filmen, aber in der Wirklichkeit knallt sofort die Sicherung heraus und dann isses Essig, wenn’s hochkommt ein unangenehmer Stromstoß nicht mehr. Sie seifte sich ab und schloss schließlich den Wasserhahn.
Sie hatte vergessen, ein Handtuch mit in das kleine alte Badezimmer zu nehmen, in dem die Fliesen an den Wänden bereits rissig waren und sich in den Fugen ein gelblicher zäher Schleim sammelte und so tappte sie nass, wie sie war, durch die Wohnung in ihr Schlafzimmer um sich anzukleiden, eine feuchte Spur auf dem grauen Linoleum hinterlassend. Es klingelte an der Wohnungstür.
Sie hob nicht einmal den Kopf, wer sollte schon klingeln, immer dieselben zwei Bekannten oder der Postbote mit einem Päckchen für den Nachbarn und außerdem war sie nackt. Während eine flüchtige sexuelle Phantasie träge durch ihren Geist waberte, in der sie dem Postboten unbekleidet die Tür öffnete, die sie aber gelangweilt wieder fallen ließ, kleidete sie sich an und verließ das Haus.
3. Kneipe
Die unpersönliche Freundlichkeit der Frau hinter der Theke war genau das Maß an Intimität, die zu ertragen sie in der Lage war und so blieb sie dort sitzen auf dem unbequemen Barhocker, dessen Sprosse so tief angebracht war, dass ihre Füße in der Luft hingen, während sie dachte, dass noch in den Büchern der deprimiertesten Männer attraktive Frauen vorkommen, selbst bei Houellebeque immer diese attraktiven Frauen, auch wenn die Hauptperson es nicht schafft, Liebe zu empfinden.
Stimmt nicht, dachte sie, Canetti, die Blendung keine attraktive Frau weit und breit, und Bernhard und Kafka? Immerhin eine überprüfenswerte These, die vielleicht in der Lage war, sie noch ein wenig am Leben zu halten, dieser Ärger über die überall in allen Büchern vorkommenden schönen Frauen musste legitimiert werden, die Tatsache der durch diese Bücher geisternden schönen Frauen überprüft, was hieß, dass die Tatsache gar keine Tatsache war sondern eine Vermutung, dahingehend, dass die Männer in den Frauen, sofern sie attraktiv sind, etwas irgendwie naturgemäß Gutes sehen, während hässliche Frauen, insofern sie überhaupt vorkommen meist böse und also – wenn ich so weiter mache, dachte sie, fange ich an, wie Bernhard nicht nur zu schreiben sondern auch zu denken, so geht das nicht weiter, so geht das alles nicht weiter, dachte sie, hätte sie gern laut gesagt, wie so oft zu Hause, in der Wohnung gefangen hin und her laufend in dem gleichzeitigen Wissen, dass eben doch alles und immer genau so oder schlimmer weiter gehen würde.
Sie kippte den dritten Gin-Tonic hinunter, das mit dem Bier hatte sie wegen der mangelnden Effektivität schon lange aufgegeben, und besah sich interesselos die Umgebung. Nicht im geringsten beeindruckt von der eigenen Ungerechtigkeit, diese aber durchaus registrierend, schüttelte sich ihr Inneres von dem Anblick der beleibten trunkenen Alkoholiker, die lärmend an einem Tisch links von ihr saßen. Eher fand sie es einen angemessenen Ausgleich jetzt auch nur noch die Hässlichkeit des sogenannten anderen Geschlechts wahrzunehmen, die Hauptfigur in ihrem eigenen frustrierenden Film, und das ohne attraktiv zu sein, auch nicht gerade übermäßig hässlich, wie die meisten Menschen, und doch genau so sehr, sogar noch mehr eine Rolle zu spielen wie all diese attraktiven Frauen in den Büchern, die sie jetzt mit abgrundtiefem Hass bedachte, der sich mit zunehmender Trunkenheit zu einer fixen Idee verfestigte, jedoch dankbarerweise gleichzeitig mehr und mehr in einem alles besänftigenden Alkoholschleier versank.
Den vierten Gin-Tonic bestellend dachte sie kurz über die Möglichkeit nach sich zu Tode zu trinken, fand aber, dass das zu langsam und qualvoll sei.
1. Schlafzimmer
Ihr Kopf schmerzte, als blase jemand mit Pressluft einen stabilen Ballon in seinem Inneren auf. Sie beugte sich über die Bettkante und erbrach in einen blaßorangenen Plastikeimer, den sie Stunden zuvor fast kriechend aus der Küche geholt hatte. Beinahe wäre sie einfach vor der schmutzigen spüle liegengeblieben, schicksalsergeben, hatte sich dann jedoch ins Schlafzimmer zurückgeschleppt und sich auf die Matratze gerollt wo sie seitdem fast unbeweglich in einem Dämmerzustand verharrte, bis auf die immer wiederkehrenden Momente, in denen die Übelkeit in ihr aufstieg, und ihr schwitziger Körper sich von allein wand und krümmte, bis endlich der leere Magen sich verkrampfte und sie dazu zwang, den Kopf über den Rand hängend gelbe Galle in den Eimer zu spucken.
Der Geruch von Alkohol und Erbrochenem durchzog den Raum, das Leid war konkret und von daher erträglich. Vielleicht sterbe ich jetzt von ganz allein, dachte sie. Nicht einmal die Haare vermochte sie hinter dem Kopf zurückzuhalten, während sie erbrach, so dass diese ebenfalls einen unangenehmen Geruch ausströmten. Sei musste auf die Toilette, das ließ sich nicht mehr vermeiden. Gebeugt rannte sie fast dorthin und erleichterte sich von einem augenblicklich aus ihr hervorbrechenden übelriechenden Durchfall.
4. Küche
Zitternd saß sie am späten Nachmittag am Küchentisch und rauchte vorsichtig die erste Zigarette. Zuvor hatte sie sich von einem Bringdienst zwei Hamburger mit Pommes kommen lassen und diese gierig verschlungen. Nach einem großen Glas Cola war es nun Zeit zu rauchen.
Der Fernseher lief und draußen – dem Himmel sei Dank - regnete es in Strömen. Sie überflog flüchtig die Überschriften der Tageszeitung, es gab eh nichts darin, was ihr noch etwas gesagt hätte. Die Empörung, die sie noch vor einigen Jahren empfunden hatte, wenn sie die Aussagen der Politiker las oder neue Gesetzesentwürfe studierte, hatte schleichend einer adornitischen Resignation Platz gemacht und im Grunde brauchte sie die Zeitung nicht mehr, versäumte jedoch aus Unachtsamkeit von mal zu mal die Kündigungsfrist. So war sie fast von selbst immer auf dem Laufenden, da sie wie zwanghaft alles Gedruckte las, was ihr in die Hände fiel. Im Fernsehen begann eine dieser Quiz-Shows, reich sein, das wäre schon sowas.
An der Zigarette verbrannte sie sich die Fingerspitzen und ließ sie reflexartig fallen – die Glut fraß sich schnell in das Polster des Küchensofas und hinterließ ein schwarzumrändertes Loch, sie sprang auf, da ein brennender Schmerz sie durchzuckte, stieß gegen den Küchentisch, ein Rest Cola ergoss sich und tropfte auf den Fußboden. Das Glas rollte langsam über die Tischkante und zerschellte auf dem Linoleum. Sie ergriff die Cola-Flasche und schüttete etwas Flüssigkeit über die immer noch glimmende Stelle auf dem Sofapolster, ließ sich auf die nun feuchte Sitzfläche fallen und besah sich die graue Brandblase, die sich in der weichen schwabbeligen Haut an der Innenseite ihres Oberschenkels gebildet hatte.
Diese Reflexe, dachte sie, als wäre man nur durch eine vom Bewusstsein unabhängige Biologie gesteuert, die kein Ziel hat, außer der Erhaltung des eigenen wenn auch noch so jämmerlichen und nutzlosen Lebens, einfach sitzen bleiben, dachte sie, und zusehen, wie um mich herum alles in Flammen aufgeht – was noch dazu niemanden mit der Peinlichkeit belasten würde, sich Gedanken über die Gründe meines Todes zu machen.
Diese Erhaltung des eigenen Lebens, die unwillkürlich und gänzlich unabhängig vom Bewusstsein Priorität erlangt, faschistisch, dachte sie, Biologie und Natur sind durch und durch faschistisch, der Selbstmord insofern der höchste emanzipative Akt eines klaren und scharfen Bewusstseins, die reinste und einzige antifaschistische Aktion. Dass dieser Gedanke selbst faschistisch sei, dachte sie, der einzige Ausweg aus dem Grauen ist das Grauen selbst, es gibt keine Möglichkeit. Blöde starrte sie auf den Fernsehbildschirm auf dem ein Kandidat nach seinem Versagen bei einer sehr niedrigen Gewinnstufe gequält lächelnd kurz ins Publikum winkte, dem Moderator die Hand schüttelte und seinen Platz im Zuschauerraum aufsuchte, die vermutlich einzige Chance seines Lebens auf etwas Wohlstand vertan.
Der Moderator sagte gutgelaunt: „Für ein hübsches Abendessen zu zweit reicht es doch!“. Schadenfroh applaudierte das Publikum.
2. Arbeit
Der Oberschenkelhalsbruch von Zimmer 107 hatte zu allem Überfluss aufgrund einer einige Zeit zurückliegenden Dickdarmteilresektion auch noch einen Anus Praeter, weshalb man ihn ohne weiteres auch den Anus Praeter von Zimmer 107 hätte nennen können, er war aber lediglich der Oberschenkelhals von Zimmer 107. Dies lag nicht etwa an der Pietät des Stationspersonals, das beschlossen hätte, ein solcher Ausdruck verletze die Würde des Kranken, sondern lediglich daran, dass der aktuelle Anlass , aus dem der Kranke gebracht worden war, diesem seinen Namen gab.
Mittlerweile stand, was den Verdauungstrakt des Oberschenkelhalses von Zimmer 107 betraf, die Pflege des Anus- Praeter-Beutels im Vordergrund. Diese konnte aufgrund der instabilen geistigen Verfassung – Morbus Cerebrum sagte der chirurgische Chefarzt dazu, mit seinem chirurgischem Denken, dem nichts ferner lag als die Psychiatrie – und des Knochenbruchs, der dem Alten das Laufen vermutlich nie wieder erlauben würde, nicht von diesem selbst übernommen werden. Und so musste zweimal am Tag der mit einer flüssigen, nicht zu Ende verdauten und wohl deshalb über alle Maßen übelriechenden Scheiße gefüllte Beutel von dem runden Plastikring am Unterbauch des Patienten abgenommen werden. Nach der Reinigung wurde die fleischig-rote Ausstülpung sichtbar, das vorzeitige, verstümmelte Ende des Darmes, das eigentlich nicht für Blicke zugänglich sein sollte, sondern im Inneren des Körpers versteckt gehörte.
Sie warf die benutzten Utensilien in den blauen Müllsack und brachte den frischen sauberen Beutel an, der mit einem leisen Klicken in dem Plastikring einrastete, ein wichtiges Detail, dieses leise Klicken, denn dieses wies darauf hin, dass die Vorrichtung nun dicht war und dafür sorgte, dass der Kot nicht aus diesem Plastikbeutel heraus über die Bauchdecke des Patienten auf die weiße Bettwäsche fließen konnte, so dass der Kranke in seinen eigenen Fäkalien zu liegen gezwungen sein würde. Nicht auf dieses Klicken zu achten, es nicht zu schätzen, war ein Fehler, der vor Jahren einmal dazu geführt hatte, dass sie zur Frühschicht kommend noch vor der Übergabe, die mit einigen Zigaretten und mehreren Tassen Kaffee eine Schonfrist zwischen der häuslichen Bettwärme und dem grellen hellerleuchteten Krankenhausalltag gewährte, dass sie also noch vor der Übergabe einmal einen vollständig immobilen Patienten hatte aus seinem Kot ziehen und von Kopf bis Fuß einer Waschung unterziehen müssen, um dann, den 110 Kilo--Mann mit Einsatz aller Kräfte hin- und herschiebend das gesamte Bett neu zu beziehen. All das hatte morgens um sechs Uhr in dem Dunst eines unbeschreiblichen das Zimmer erfüllenden Gestanks stattgefunden, was sie fast den vor dem hektischen Aufbruch hinuntergestürzten Frühstückskaffe hatte erbrechen lassen. Damals hatte ihr noch die Nachtschwester bei dieser Arbeit zur Seite gestanden, der es ähnlich erging und mit der sie gemeinsam angewiderte Laute des Ekels hatte austauschen können, während der Patient, ein ehemaliger Bankangestellter der örtlichen Sparkasse, immer wieder: „Es tut mir leid, es tut mir leid!“ jammerte. Heutzutage würde dafür das nötige Personal fehlen, weshalb diese Aufgabe von einer Schwester allein hätte übernommen werden müssen, was im Grunde die Kräfte jeder einzelnen überstieg.
Dass dieser Kranke noch dazu an einem noch nicht operierten Oberschenkelhalsbruch und einer fortgeschrittenen Senilität litt, hätte einen solchen Zwischenfall zusätzlich erschwert. Denn aufgrund der starken Schmerzen im Bein und der fehlenden Einsicht in die Notwendigkeit dieser Maßnahme hätte er sich höchstwahrscheinlich gegen das Hin- und Herrollen, das nötig war, um seinen Rücken zu waschen und das Bettlaken auszuwechseln, sträuben und die Angelegenheit dadurch zusätzlich in die Länge ziehen. Besser war es also allemal, hier eine gewisse Sorgfalt an den Tag zu legen und sich zu versichern, dass der Beutel ordentlich mit dem Plastikring abschloss, was durch das leise Klicken gewährleistet war.
Auf dem von Neonlicht erhellten Flur trat ein kleiner alter gebückter Mann auf sie zu und mit einem bittenden Blick erkundigte er sich nach seiner Frau, dem Hirntumor von Zimmer 214. Bei dem Hirntumor der besagten Patientin handelte es sich um einen sogenannten gutartigen Hirntumor, der jedoch tief im Inneren des Gehirns angesiedelt und deshalb inoperabel war. Dies würde mit ziemlicher Sicherheit dazu führen, dass ein langsames und qualvolles Siechtum bevorstand. Die Gutartigkeit des Tumors bestand in der Hauptsache darin, dass er nicht über ein schnelles und aggressives Wachstum verfügte, sondern Jahr für Jahr größer werden würde ohne dass man im Geringsten etwas dagegen tun konnte. Nach und nach würden einzelne Funktionen des Körpers außer Kraft gesetzt werden, wahrscheinlich würde es zuerst die Feinmotorik erwischen, so dass die Frau nicht mehr in der Lage sein würde allein zu essen und sich bei dem Versuch ständig bekleckern würde. Dann würde vielleicht das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen werden, so dass sie bei vollem Bewusstsein mitverfolgen würde müssen, wie sie nicht mehr in der Lage sein würde, ihr selbst völlig evidente Zusammenhänge sprachlich mitzuteilen. Ohne Frage würde dies dazu führen, dass ihre Umwelt ihre geistigen Fähigkeiten für beeinträchtigt hielte.
Zu Guter Letzt würde sie nicht mehr laufen und schließlich ihre Ausscheidungen nicht mehr zurückhalten können, mit etwas Pech würde sie auch diese Inkontinenz bewusst erleben und unter Schamgefühlen leiden. Der Schmerz würde schlimmer werden, immer schlimmer, denn während der Krebs an anderen Körperteilen erst ganz zum Schluss schmerzt, wenn das Gewebe schon vollständig zerfressen ist, würde im von einer nicht dehnbaren Schädeldecke umschlossenen Kopf der Patientin ganz einfach nicht genug Platz für den langsam wachsenden, das umliegende Gewebe nicht etwa zerfressenden sondern abdrückenden Tumor sein, und dies, nicht der Tumor selbst, würde die grauenhaftesten Kopfschmerzen zur Folge haben.
Alle dies wusste der Ehemann nun noch nicht und war leidlich beruhigt durch die ihm vom chirurgischen Chefarzt mitgeteilte Diagnose von der Gutartigkeit des Hirntumors seiner Frau, wo doch in Wirklichkeit im Falle der Inoperabilität ein bösartiges Krebsgeschwulst im Kopf allemal vorzuziehen war, da dieses innerhalb von Wochen zur Bewusstseinseintrübung und zum Tod führen würde.
Sie selbst sah keinen Grund, ihn von ihrem Wissen in Kenntnis zu setzen, er würde all dies nach und nach schon mitbekommen, und da sie den Diabetikern der Station vor dem Essen noch die Insulinspritzen zu verabreichen hatte und in Gedanken schon bei der bevorstehenden Pause war, konnte sie nichts weniger gebrauchen, als einen unter Tränen auf einem der schlichten Krankenhausstühle zusammenbrechenden Angehörigen. Sie murmelte ein paar beruhigende Worte, sprach davon, dass er seine Frau wohl bald mit nach Hause nehmen konnte, was auch stimmte, da ein inoperabler Hirntumor auf einer chirurgischen Station nun einmal nichts zu suchen hatte und eilte weiter.
Während sie in dem kleinen Spritzenzimmer das Medikament aufzog, dachte sie darüber nach, dass vermutlich ein oder zwei der kleinen Ampullen Alt-Insulin intravenös injiziert, ausreichen würden um schnell und vermutlich schmerzlos zu sterben. Aber sie brachte es nicht über sich, einige davon in ihrer Kitteltasche verschwinden zu lassen, als hielte die Arbeit, in die sie verstrickt war, das Schlimmste zurück, was jedoch lediglich eine Täuschung war, da die Hoffnungslosigkeit, kaum zu Hause angekommen, unvermindert von ihr Besitz ergreifen würde. Dass diese Täuschung dennoch funktionierte, Tag für Tag, war, so dachte sie, ein unerklärliches zynisches Wunder, in dessen zweifelhaften Genuss sie kam.

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