Plädoyer für`s ungesunde Leben · nr0 · ·


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      nr0



Plädoyer für`s ungesunde Leben

   12.02.2008, 15:47 / 1 x geändert



Dies ist eigentlich mehr ein Kommentar als ein essay, aber ich wusste nicht, wohin damit...:

Das Rauchverbot ist ein „Ding", das sich - soweit ich es grad überblicke - im Focus zweier hegemonialer Diskurse der vergangenen Jahrzehnte materialisiert hat. Zum einen der Diskurs über die Drogen, der sich in einer Drogenpolitik ausdrückt, die, so sie auf die Konsumentinnen zielt, insgesamt zur Zeit scheinbar eher weniger repressiv wird, was illegalisierte Drogen angeht - während es eine solche Drogenpolitik im heutigen Sinne erst seit den späten 60er Jahren gibt und zu diesem Zeitpunkt eindeutig als ordnungspolitisches Instrument und repressive Maßname inauguriert wurde, um die herumlungernden Massen in den Griff zu bekommen. Es entsprach nicht dem main stream, das Herumlungern selbst zu verbieten - was mittlerweile ja kein Problem mehr darstellt deshalb verbot man die Drogen derer, die dem Staat auch noch aus anderen Gründen ein Dorn im Auge waren. Ein gutes Mittel, um ein bisschen herumzuschnüffeln und Sanktionen zu verhängen. So entstand der heutige Junkie.
Heute gibt sich Drogenpolitik, so sie auf die KonsumentInnen zielt immer auch als Biopolitik: statt den Konsum hart zu sanktionieren, kommt der Staat seiner Fürsorgepflicht" nach, er kümmert sich um die Gesundheit seiner Mitglieder, ganz im Sinne eines gütigen "Vater" Staat. Das Abstinenzgebot durchwaltet diese Politik
als ungefragt vorausgesetzter Konsens. Die Entscheidung FÜR die Droge
oder für die Sucht gar geht in den Begriffen der staatlichen Drogenpolitik nicht auf.

Tatsächlich ist Drogenpolitik immer beides:
Biopolitik, die auf die Körper zielt und Machtpolitik, die sanktioniert und Strafen verhängt.
Hier wird die Überschneidung zum zweiten Diskurs sichtbar, der sehr eifrig aufgegriffen und geführt wird, weil er uns bei unserem Innersten packt: ganz schlicht bei unserer Todesangst. Das ist natürlich der Diskurs über die Gesundheit (und Fitness und Attraktivität und dergleichen mehr). Krankheit wird dabei immer mehr zum persönlichen Verschulden eines jeden, die Krankheit wird nicht mehr als etwas angesehen, das natürlicherweise und auch schicksalshaft zum Leben dazugehört, und - jawohl, welch eine Überraschung! - immer mal wieder auch zum Tode führt, sondern als etwas, das das Individuum unter Kontrolle bekommen kann. Du entscheidest selbst, wann du stirbst, lautet das im Subtext dieses Diskurses angesiedelte Versprechen.

Sanktionen und Belohnungen in diesem Bereich (erhöhte Krankenkassenbeiträge für
Risikosportler, Prämien für Leute, die Sport treiben oder mit dem Rauchen aufhören, Rauchverbot) sehen sich auch als Unterstützung des vorausgesetzten guten Bürgerwillens zum gesunden leistungsfähigen, arbeitstauglichen, ausbeutbaren Körper. Bei den Krankenversicherungen nur eine weitere Scharte im eigentlich solidarisch gemeinten Prinzip: denen, die zu wenig auf sich achten, jedenfall entzieht man diese. wie auch denen mit den schlechten Zähnen und den Armen, die die 10 Euro nicht aufbringen.

Zum Einen wird völlig ausgeblendet, dass jemand drauf scheißen könnte, dass jemand sich FÜR das kranke Leben in einer kranken Welt entscheiden könnte (bei aller Angst
und allen Zweifeln), das wird nicht nur immer un-glaub-licher sondern auch unwahrscheinlicher, da es natürlich unmöglich ist, sich der Wirkung dieser Diskurse zu entziehen.
Gleichzeitig werden die Leute aber jenseits irgendeiner Entscheidung gar nicht gesünder, sondern sie bleiben krank oder werden es irgendwann: dies ist plötzlich zum persönliches Versagen geworden. mit diesem Gefühl des Versagens laufen wir herum, die Schuld, schlecht mit uns umzugehen, weil wir die falschen oder zu viele Substanzen einnehmen, das Falsche oder zu viel oder zu wenig essen, uns zu wenig oder falsch bewegen, zu viel oder zu wenig feiern, zu viel oder zu wenig schlafen, zu dick sind, zu trockene Haut vom vielen Duschen haben, zu selten zum Zahn-, Frauen-, Darm- oder überhaupt Arzt gehen um die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen
machen zu lassen, diese Schuld drückt dann einen Großteil der Menschen irgendwie mehr oder weniger nieder, denn es gilt ja, das Versprechen eingelöst zu bekommen, das immer noch im Subtext all dieser Gebote, Verbote, Ratschläge, Richtlinien, Vorgaben, Tipps und Tricks für einen fitten Körper lauert: du entscheidest selbst, wann du stirbst.

Natürlich kann man das auch umdrehen: wir haben alle die Hosen gestrichen voll, dass dieses Versprechen nicht stimmen könnte, dass "er" eben doch einfach so über uns kommt...
oder man verlagert diese Schuld nach außen, perfides Instrument der Projektion in den Händen eines allzu restriktiven Über-Ichs: die anderen sind Schuld, die in meiner Gegenwart rauchen, die verursachen, dass ich sterbe.

Tatsächlich kotzt mich mein eigenes Rauchen oft an, und ich kriege das mit dem Aufhören nicht so recht hin: zur Zeit aber, muss ich sagen, rauche ich mit einer Freude und Unbekümmertheit, wie seit meinen Jugendjahren nicht mehr.

Eins noch zum Ende: es sterben gut 100000 Menschen jährlich an den Folgen von Tabak, heißt es in einschlägigen Statistiken.

Ich habe da etwas mitzuteilen:
Wir werden ALLE sterben.
Wir werden alle sterben.
Alle.
alle alle alle alleallealleallealle

Zum zum Punk werden is das, verdammt...
In diesem Sinne: no future! - und für immer krank und mit süßen
Grüßen

 

      wohlgesonne



RE: Plädoyer für`s ungesunde Leben

   25.02.2008, 06:40 / 1 x geändert



Dein Text ist an Irrationalität und Aussagelosigkeit nicht zu überbieten. So sehr, dass ich gerade beim Bier nicht die 1000 Zeilen schreiben kann, die angemessen wären. Verzeih mir deshalb meinen plakativen Stil. Ich reiß auch nur ein paar Dinge an.

Bei den neuen Rauch-Gesetzen handelt es sich nicht um irgendeine Drogenpolitik. Rauchen ist erlaubt, rauch, soviel Du willst. Rauch von jetzt an auch rechtlich unterstützt bitte da, wo ich nicht gezwungen bin, es mit Dir zu tun. Das ist alles. Rauch zuhause, in der Badewanne, beim Essen in _Deiner Wohnung, auf der Straße (an der frischen Luft mag ich den Geruch). Ich rauche seit 4 Jahren nicht mehr, hatte die Nase und Bronchien voll. Ich sauf nur noch.

Niemand entscheidet, wie lange sie lebt, kann aber entscheiden, wann er stirbt! Krankenkassen kalkulieren schlicht nach Statistiken. Ich bin unsolidarisch, wenn jemand bewusst solange säuft, bis jemand ihr seine Leber spenden muss. Leck mich.

DER Tod - ist männlich? Hm, für mich weiblich *g.

Ja, wir werden _alle sterben, nr0, warum also nicht gleich?!

Gruß, nr0 :-)

-----

25.02., 06:46 von wohlgesonne:

Übrigens für mich kein Wunder, dass niemand außer mir auf Deinen Beitrag reagiert.
Aber wir Unbeantworteten müssen zusammen halten.

____________
edit: - Doppelpost zusammengefügt. Elise -




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