Dahin · augustine · ·


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      augustine



Dahin

   07.02.2008, 01:52



Langsam vertropft in der Mittwintertiefe von genadelten Zweigen,
noch harzduftend in dunkle Stuben hineingenommen,
aus sanften Lichtzeichen die Zeit, mild.

Dann aber:
Nimm einen Armvoll Tulpen,
vielfarbig strahlende, gelb, rot, weiß, papageienbunt, feurig gezackt!
Höre, wie ihre noch steigenden Säfte sich reiben!
Fülle die Räume mit allen ihren hoch gereckten geschlossenen Kelchen!
Dann sieh ihnen zu, wie sie sich biegen, jede nun eigen,
in einem bizarren trunkenen Totentanz, wild!


Kleine Wintererinnerung und Vorvorfrühlings-Impression.

 

      Vladimir



RE: Dahin

   08.02.2008, 22:18



Ich versteh das erste Bild nicht ganz: Also den Vorgang des Vertropfens: in der Tiefe der genadelten Zweige und aus sanften Lichtzeichen zugleich? Oder ist das erste eine Zeitangabe? Woher kommen die Lichtzeichen (in dem Baum?)?
Sehr gerne hör ich dieses vehemente Beschreiben, in "vielfarbig..." und "hoch gereckten geschlossenen" und "bizarren trunkenen", verbunden mit dem freien- und doch irgendwie ungeschmeidigen (mir fällt jetzt kein besseres Wort ein) Rhythmus, sehr passend zu den zwei Reimen.
Also dies am Anfang ineinanderverschlungene, von dem man nun erwartet, dass es sich durch den Frühling in einfaches aufschlägt - und tut es irgendwie auch (die Imperative) aber das was dann kommt ist auch wieder hinter diesem ersten Aufschlag verschlungen und ambivalent. Das mag ich, der Gestus gefällt mir, auch wenn ich diese Tulpenerfahrung selbst so nicht teilen kann.

Liebe Grüße,

Vladimir

 

      rollerball



RE: Dahin

   09.02.2008, 10:59



Soo schwer ist das Bild nicht zu verstehen, denke ich. Mit den Lichtzeichen sind wohl Kerzen auf dem Christbaum/Adventkranz gemeint, von denen mit dem geschmolzenen Wachs zugleich auch die vergehende Zeit tropft, was mich wiederum an Dalis schmelzende Uhren erinnert.
Den Totentanz der verwelkenden Tulpen finde ich zwar etwas übertrieben, doch schadet es wohl nicht, sich die Todesnähe auch der schönsten Schnittblumen bewusst zu machen ...

LG, rollerball

 

      Jolante



RE: Dahin

   09.02.2008, 14:57 / 2 x geändert



Ich schließe mich rollerballs Interpretation der Lichtzeichen an. Es gefällt mir, wie hier Mittwinter-Mildes, auch eine Spur Melancholisches (sanfter Tod im Alter), mit den vielfarbigen Tulpen kontrastiert, die schon vor Frühlingsanfang in die Wohnungen hereingeholt werden, wo sie für ganz kurze Zeit ihre pralle Schönheit entfalten (wie im Leben manche genialen Künstler, Stars, Ikonen?), um dann umso schneller, jede für sich allein, ihren bizarren frühen Blütentod zu sterben. Die Gegensätze beider Varianten des Todes prallen hart aufeinander, eine augustinische Spezialität !

LG Jolante

 

      augustine²



RE: Dahin

   17.02.2008, 15:22 / 1 x geändert



Danke euch dreien, Vladimir, rollerball, Jolante, für eure Kommentare. zuppa wollte auch schreiben, weiß ich, aber: der Autor schließt doch nicht das Gespräch ab.
Im übrigen ist dies hier ja nur ein klein Dingen. Ja, die Gegensätze hab' ich gemeint, Jolante; Gegensätze zusammen sind aber zugleich ein Versuch in Richtung auf etwas Ganzes. Nun ja, Weihnachtsbaum und Tulpen sind vielleicht nicht besonders gut dafür geeignet, und die Begeisterung für die Tulpen ist sehr erkennbar.
Beide aber sterben auch, sind ja aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen. Bei Weihnachtsbäumen macht man sich das wenig klar, und Tulpen: naja, die wachsen industriell in Holland und haben hier gar keine natürliche Umgebung. Und das sanfte Sterben von Weihnachtsbäumen, die einfach leise die Nadeln rieseln lassen, und das dramatische von Tulpen, ja, darauf wollte ich mal aufmerksam machen. Und also auf das Vergehen von Zeit.
Und dann noch: das Sterben der Tulpen finde ich erotisch. Thanatos und Eros. War aber anscheinend nicht zu erkennen.
Liebe Grüße von augustine

 

      windflug



RE: Dahin

   17.02.2008, 19:42



Doch, augustine, der Eros ist in der zweiten Strophe ganz deutlich präsent und sicher auch von den anderen so wahrgenommen. Mir gefällt diese kraftvoll pralle Darstellung auch sehr gut. Was mich aber stört ist der harte Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Gedichts. Sicher, durch das Todesmotiv sind beide verknüpft, aber irgendwo scheint es mir einfach auf so etwas wie "Tannen sterben mild, Tulpen wild" reduzierbar zu sein, jetzt mal ganz platt ausgedrückt. Ohne den ersten Teil, der in sich auch stimmig ist, aber so etwas in der Luft hängen bleibt, würde mich das Bild viel mehr faszinieren, vielleicht noch etwas stärker ausgearbeitet.

Liebe Grüße
windflug




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