Sehnsüchte: Ahnungen? · augustine · ·


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      augustine



Sehnsüchte: Ahnungen?

   25.01.2008, 18:30 / 2 x geändert



SEHNSÜCHTE: AHNUNGEN ?
Die sie selbst übersteigen, die Sehnsüchte, erzählten die Menschen weiter seit je, teilten sie mit, nicht ohne Gewalt. Denn Glaubenslehren sind immer auch Machtfragen. Sie malten sie auf Fels-, später auf Leinwände, hauten aus Stein, schnitzten aus Holz, bauten ihren Sehnsüchten Häuser, fingen sie ein, beteten sie an, ihre Annahmen; unsere. Die Kulturgeschichte ist voll davon, voll von diesen Geschichten, Figuren, Häusern oder ihren Resten. Wir haben Riten erdacht für die Verehrung der Gestalten unserer Sehnsüchte, die vielfältig sind: die Sehnsüchte, die Gestalten, die Riten. Es soll nicht zu Ende sein mit uns, wenn es mit uns zu Ende ist. Wir möchten beeinflussen können, verfügen, aber wir nennen es bitten oder auch: beten. Wir fordern Achtung für unsere Sehnsüchte, die wir vergöttlicht haben, und eben deshalb. Das Verfahren ist sehr tricky. Die Ergebnisse stehen dann in Verfassungen. Es gibt die Sehnsüchte, ja, ganz offensichtlich. Über sie hinaus kommen wir nicht, denn dann kämen wir über uns hinaus. Schon, ob die Sehnsüchte auch Ahnungen sind, ist sehr fraglich. Tiefstes Angerührtsein bewahrheitet nichts über sich hinaus. Offenbarungen sind beliebig behauptbar, ebenso Wunder. Trotzdem wissen wir viele Wahrheiten, je kleinteiliger, desto nachdrücklicher. Mit Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, kannst du nicht reden. Oder die Wahrheiten sind in imponierenden Theologien begründet. Die sind die eindrucksvollen Systematiken der Sehnsüchte, die sie zuvor aufgebläht haben. Seien wir nachsichtig: Lassen wir jedem seine Sehnsüchte. Aber nur die. Alles andere funktioniert nach dem ontologischen Gottesbeweis.
Der ist hier (link) zu finden.
Dann käme allerlei, und dann käme Kant.

augustine, die ja zu Herzen gehende Weihnachtslieder nicht so einfach nur schön finden kann...

 

      Vladimir



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   25.01.2008, 20:49



Willst du einen Kommentar auf inhaltlicher oder ästhetischer Ebene?

 

      augustine²



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   25.01.2008, 21:12



Beides. a

 

      Vladimir



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   26.01.2008, 13:02



Ich kann da freilich nur auf der Ebene meiner Überzeugung (/meines Glaubens) antworten oder kommentieren:
Zuerst die Frage, ob man nicht nur nach dem Sehnsucht haben kann, das man schon kennt, und das dann fort ist. Weiß ich nicht. Müsst ich drüber nachdenken.
Aber wenn man einen Beweis gegen deine These des Ursprungs der Religion und des Glaubens in den Sehnsüchten also in einem Mangel führen wollte (das klingt für mich religionsschüler sehr nach Feuerbach), dann müsste man meiner Meinung nach bei der Offenbarung anfangen, und vielleicht auch da aufhören. Denn Charakter dieser Offenbarungen sind oftmals der komplette Gegensatz zu dem, was ein Mensch zuvor sich ersehnt hat. In der Bibel (wenn die denn als Argumentationsbasis erlaubt ist): Moses (ich erinnere mich nicht genau) der als Verbrecher glaub ich zu seinen Verfolgern zurückkehrt und vom Pharao sein Volk befreien soll; Paulus, der Jesusverfolger, der auf einmal zum Apostel wird und schließlich für ihn stirbt; und wer hatte sich denn danach gesehnt von den Jüngern, dass Jesus stirbt? Wer hatte sich nach einem kleinen Kind im Dreck als den Messias gesehnt? Wert hatte sich danach gesehnt, dass dieser nicht triumphiert und befreit sondern leidet und gekreuzigt wird? Und doch haben sie dann ihr Leben für ihn hingegeben.
Beispiele solcher Umkehrungen durch eine Art Offenbarung beschränken sich mit Sicherheit nicht auf die Bibel.
Die Erfahrung jedenfalls ist die: etwas außerhalb unsrer Selbst trifft uns, von außen ermächtigt sich unser ein Imperativ. "Hilf!", oder "Geh nach...!", oder "Lieb!", oder "Denk!".
Aber man kann solche Erfahrungen nicht verallgemeinern. Sie sind für einen gültig, jenachdem wie er ihnen folgt, nicht von einem aus für alle.
Und es gibt natürlich auch die, die hören: "Töte!". Was machen wir mit denen? Wenn man an Offenbarungen glaubt, kann man sie ihnen absprechen? Lügen sie? Is halt nicht einfach.
Aber das ist der Grund, warum ich deiner These nicht zustimme, der Glaube entstehe aus Sehnsucht, also aus dem Inneren des Menschen und seinen Vorstellungen. Sehnsucht ist natürlich Teil des Glaubens, man lese nur die Klagepsalmen. Aber diese ist dann Ausdruck der Gottesferne und nicht der Glauben
Und es gibt natürlich viele, die wirklich so glauben, wie du es beschreibst; die ihren Gott ihren Sehnsüchten anpassen, ihre Leiden auf ihn projezieren etc. Man ist dagegen denk ich auch kaum gefeiht. Aber deshalb sagt die Kirche ja auch "der höher ist als all unsre Vernunft" um von vornherein auszuschließen, man könnte meinen mit so einem vom Mensch ausgehenden Gottesbild Gott selbst begriffen zu haben.

Vom Wert oder Schaden, den die Religion als solche, unabhängig davon ob sie nun "wahr" ist oder nicht, innehat, mal ganz abgesehen.

Ein altes Thema.... ;)

 

      windflug



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   26.01.2008, 13:56



Liebe augustine,

auf eine theologische Diskussion mit dir kann ich mich nicht begeben, dazu reicht mein Wissen nicht aus, aber auf die Frage, ob man Weihnachtslieder einfach nur schön finden darf, möchte ich doch gern antworten, da das ein Thema ist, das mich persönlich immer wieder beschäftigt.
Ich habe der Religion früh den Rücken gekehrt - meine Erfahrungen in einer zutiefst gläubigen pietistischen Familie waren so eng, so einengend für die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, dass ich allem, was nur im Entferntesten nach Glauben oder nach Sekte roch, auch politisch, mit äußerter Skepsis begegnete. In den letzten Jahren jedoch habe ich angefangen das Gefühl des Angerührtseins, des Trostes, des rein Emotionalen mehr und mehr zuzulassen. Zu einem Gottesglauben kann und will ich nicht zurückkehren, dazu sehe ich in der Religion genau wie du viel zu viel Schädliches, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene, aber die Sehnsüchte haben für mich doch ihre irrationale Berechtigung. Und ich schätze meinen eigenen religiösen Hintergrund auch als Quelle für die Liebe zur Sprache und deren Musikalität.

windflug

 

      zuppanova



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   26.01.2008, 18:27



Ha - augustine,

wenn die Weihnachtslieder, statt Dir "einfach" schön zu Herzen zu gehen, Dich zu essayistischen Würfen anregen, so bin ich für mich das gern zufrieden, denn: wohlformuliert, stilsicher, ohne Langatmigkeiten, klar einem roten Faden folgend, eigenen Standpunkt aufzeigend und die Leser denk-anstoßend suchst Du nach dem Grund menschlicher religio.
Soviel nur kurz zum Formalen.

Inhaltlich: ja, da kann diskutiert werden, sonst wär es kein Essay. Für mich bin ich unentschieden, wie weit ich mich hier einbringen soll/will (inhaltlich). Ganz pauschal vllt. ein Satz.
Ich meine verstanden zu haben, worum es Dir, augustine, geht. Bei mir selbst ist es so: manchmal berührt etwas mich, gefällt mir, erreicht mich - das ereignet sich frei, ist ziemlich unabhängig von Etiketten (als da z.B. sein könnten: "Kunst", "anrührend", "pädagogisch wertvoll", "sinngebend", "Bildungsgut", oder auch "Schund", "Kitsch", "wertlos", "häßlich", "ephemer", "opiumfürsvolkmäßig", "oberflächlich", u.v.a. mehr); soll heißen: ich versuche soweit als möglich ohne Tabus und ohne Musts zu leben (nicht nur auf Religiöses bezogen); was aber wiederum nicht bedeutet, dass ich keinen "Standpunkt" hätte ... ein komplexes Thema.
Desto schätzenswerter, dass Du es so strukturiert auf den/einen Punkt bringen konntest.

Liebe Grüße, zuppa.

 

      Jolante



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   31.01.2008, 19:54



Der Essay besticht inhaltlich durch klare Gedankenführung und wohlüberlegte Denkanstöße. Auch formal ist er durchaus gelungen. Aber ebenso, wie ich mich schwer tue mit ausufernden und vernebelten Theologien, so tue ich mich schwer mit allzu unbekümmerter Verkürzung komplexer Themen, wie sie nun einmal die Sinn- oder Nichtsinnhaftigkeit der verschiedenen Glaubensrichtungen darstellen. "Es soll mit uns nicht zu Ende sein, wenn es mit uns zu Ende ist." Das ist e i n Aspekt, vermutlich der wichtigste, aber nicht der einzige, der die Sehnsucht der Menschen nach dem, was über sie hinausreicht, erklären könnte. Die von Vladimir ausgeführten Gedanken kann ich alle nachvollziehen. Wie gesagt, ein großes Thema, das nicht in einem kurzen Essay überzeugend abgehandelt werden kann und auch nicht in Diskussionsbeiträgen im Rahmen dieses Forums. Trotzdem: Dank an augustine und an alle, die sich zu dem Thema geäußert haben oder noch äußern werden.

Gruß Jolante

 

      augustine²



RE: Sehnsüchte: Ahnungen?

   19.02.2008, 19:22 / 1 x geändert



Dank an euch, die ihr hierzu etwas geschrieben habt, gerade auch von persönlichem Empfinden. Das möchte und kann ich kaum kommentieren. Einfach nur: Danke.

vladimir habe ich 'angedroht', ihm einen Zirkelschluss nachzuweisen. Vielleicht ist das aber gar nicht mehr nötig, nachdem ihn der Schiller-Text so beeindruckt hat wie mich.
Sehnsucht haben, z. B. nach einem geliebten Menschen, zeigt einen Mangel an, sicher. Aber (dies jetzt weit in die 'Vor'geschichte der Menschheit hinein gesehen): erst einmal war zu lernen in langen Zeiträumen, Mangel ZU EMPFINDEN, und das war ein Zugewinn! (Mangel zuallererst an Erklärungen; abgenudeltes Beispiel: warum donnert es? kann man vor dem Feuer nur weglaufen?)
Gegen meinen Satz "Offenbarungen sind beliebig behauptbar" (wieder ein Beispiel: auch das Buch Mormon gilt als Offenbarung) kannst du logisch nicht mit den unbefragten tradierten so genannten Offenbarungen an Moses und Paulus antworten. Wie werden sie denn bewahrheitet????? Im Glauben, heißt dann die Antwort. Im Glauben erkenne ich die Offenbarung, und die Offenbarung sagt mir dann, dass ich sie glauben soll. Zirkel.

Ich kenne durchaus Erfahrungen von Koinzidenzen, die ich nicht erklären kann. Die kann ich dann nur so stehen lassen.
Ich kenne durchaus Überwältigungen, sag' ich hier nur mal: an Erfahrung von Erkenntnismöglichkeit.

Aber die Glaubenssätze sind, und das ist, verdammt noch mal, nachweisbar, historisch entstanden. Ich finde immer, das kann man gut daran zeigen, dass sich die arianische Variante des Jesusglaubens nicht durchgesetzt hat: Jesus ist Mensch. Das glaubten die "barbarischen" Völker, z. B. die Goten, die Kontakt mit diesem christlichen Glauben bekamen; sie kannten zuvor Götter und Menschen, und dieser Jesus konnte doch nicht Gott UND Mensch sein. Die Römer aber, die den hellenischen Götterhimmel übernommen hatten, kannten das: Halbgötter (Herakles, Dionysos, Achilles), also konnte sich die dogmatische Ansicht "wahr Mensch und wahrer Gott" durchsetzen. Das war eine konziliare MACHTentscheidung!

Und alles funktioniert nach dem ontologischen Gottesbeweis, auch bevor es den explizit gab: was IST, ist mehr, als was nur GEDACHT wird. Und da Gott als allmächtig gedacht wird, muss er SEIN.

Das ist ein altes Thema, ja, menschheitsalt.
"Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu"; Heine, gilt nicht nur für Liebesgeschichten,
findet augustine




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