Schillers Wallenstein · Vladimir · ·


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      Vladimir



Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 13:38



In Wien hatte ich das Glück, das Stück praktisch ungekürzt (Wallensteins Lager fiel weg, der Rest war da) sehen zu können. Aus diesem Erlebnis und natürlich auch der Darstellung/Interpretation der Inszenierung heraus, entwickelten sich folgende Gedanken (ich habs dann auch nochmal ganz selber gelesen):

Schon während der Inszenierung erinnerte mich das Stück seltsamerweise an Hamlet.
Nun, wie kann das sein, wo ist da der Überschneidungspunkt?
Man schaue sich die Handlung an: ein zuerst sehr erfolgreicher, begabter, bei den Truppen in hohem Ansehen stehender Feldherr spielt mit dem Gedanken, einen Aufstand zu wagen und gegen den Kaiser zu ziehen. Er meint es aber nicht ernst, gefällt sich nur in dem Gedanken, plänkelt also hier und da und gibt sich nach außen trotzdem undurchsichtig als Revolutionär, der nur zögert und auf den rechten Moment wartet. Er glaubt sich frei. Als dann die ohnehin vorhandenen Ressentiments der Regierenden durch eine aufgefangene Depesche an die Schweden auf einmal festen Boden unter den Füßen bekommen und die nur gedachte Tat ihm auf einmal als echte vorgeworfen werden kann und wird, strudelt er in die Kette der Notwendigkeit, muss handeln, versucht den Aufstand und scheitert an Verrat, zu hohem Vertrauen in Truppen und Gefolgsleute, und vielleicht überhaupt seinem eigenen unerschütterlichem Optimismus.
Ist das ein Held? Die spannende Darstellung eines Sturzversuches? Einer, den der Feldherr gar nicht gewollt hatte, in den er nur so eben reinstrudelt, der weder idealistisch motiviert, noch leidenschaftlich gekämpft wird, sondern eben so geschieht, weil keine andre Wahl mehr ist? Nein. Und weil dem so ist, muss irgendwo anders das eigentliche Thema des Stückes liegen. Nur wo?
Auf jeden Fall - so kam mir die parallele zu Hamlet dann auch - spielt das Zögern eine wichtige Rolle. Shakespears Stück lebt ganz von diesem Zögern: Auf einmal hält jemand inne, und in diesem Innehalten, diesem Riss in der Kette von Ursache und Wirkung, von aufs eine folgt das andere, auch von Rache, tut sich auf einmal das ganze Sprachwunder Hamlets auf.
Auch Wallenstein zögert die ganzen ersten fünf Akte über. Er ist nie der typische, im Jetzt ganz aufgehende handelnde. Selbst als er auf einmal muss, hat er Muße und Kraft für tiefgehende Reflexionen. Freilich: er ist Feldherr und er spielt seine Rolle ganz ausgezeichnet - aber ist es denn bei ihm wirklich mehr als eine Rolle? Gerade gegen Ende, wenn der Niedergang für den Zuschauer bereits klar sichtbar ist und er immer noch an irgendeiner Hoffnung festhält - gerade da zeigt sich, dass er von irgendwoher eine Kraft bezieht, die mit dem ganzen politischen Geschehen nichts zu tun hat, die von all dem so unangetastet ist, wie als er noch nur dachte. Am auffälligsten ist da nur die Bettszene vor seinem Tod - auch vielleicht etwas, das man gesehen haben muss, mit welcher inneren Freiheit er dort spricht und tut, den Tod vor Augen (und er muss es wissen!).
Wieweit ist Wallenstein also überhaupt noch Mensch dieser Erde?
Zwei Ereignisse sind es, die ihn gegen Ende wirklich treffen: das ist zum einen Octavios Verrat und zum andern Max Tod. Ersterer erschüttert und widerlegt praktisch alles, an das er noch felsenhaft glaubte - an sein Vermögen, tiefer zu sehen als andere, sein (Aber?)glaube an Astrologie und schicksalhafte Visionen. Max Tod ist ihm ein "einfacher" Liebesschmerz, die Welt ist ihm ohne Licht, ohne Freude und echtes Leben ohne ihn, doch auch das würde er verwinden, sagt er. Also auch da ist wieder eine gewisse Relativität. Octavios Verrat bezeichnet er als "wider die Natur", sodass er weiterhin behaupten kann, "Die Sterne lügen nicht", und Max' Tod glaubt er zu überwinden - hat es vielleicht dadurch schon.
Freilich - er ist weit davon entfernt, ein ähnlich "idealer" Charakter zu sein, wie Thekla oder Max! Am auffälligsten ist da vielleicht die Unbeholfenheit und Rücksichtslosigkeit, mit der er den Frauen begegnet: Der Herzogin, aber auch seiner Tochter gegenüber. Er ist auf fast stupide Weise Herrscher. Hat die Lektion von der Freiheit der Kinder noch nicht gelernt, und will ganz patriarchaisch das Glück seiner Tochter für das seinige opfern. Den Verrat an Buttler traut man ihm am Ende zu. Ihn interessiert nicht die Gesinnung seiner Leute, sondern bloß ihre Fähigkeit. Also: ihm fehlt ganz eindeutig die Herzenswärme und Aufrichtigkeit des Liebespaares!
Denn diese - und bald bin ich dann auch zuende -, diese leben sozusagen im Himmel und versuchen mit aller Kraft diesen auf die Erde zu bringen. Scheitern (wie gewohnt) an der Bösartigkeit der Welt.
Die einzig freie Entscheidung im ganzen Stück, ist zuerst die Max', Thekla für sich sprechen zu lassen, und dann Theklas Entscheidung, Max ziehen zu lassen! Einzig dort, wo nicht "Friedlands Tochter", sondern nur die "Geliebte" angeredet wird, einzig dort wird für ein Mal das ganze bittere Rad der Notwendigkeiten durchbrochen und es bricht sich die Himmelsstimme Bahn.
Wallenstein scheint aber über diesen Punkt des Kämpfens um den Himmel auf Erden schon lange hinweg zu sein. Er sieht klar wie kein anderer die Welt, als das, was sie ist: Unheilig, und vermag sie darum sogut zu beherrschen, hat nur das Dienen nicht gelernt, denn eigentlich, eigentlich fühlt er sich über sie erhaben. Bis zuletzt bleibt ihm die Kraft, inne zu halten, zu zögern - nicht im Handeln, wie es Thekla gelingt, aber in Gedanken. Und wenn er dann vor seinem Tod am Fenster steht und nach den Sternen schaut (den Sternen! gerade formiert sich der Mordkomplott!), da zeigt sich, dass er von irgendwoher weiß, wie unwichtig das alles ist, und dass es etwas anderes und wichtigeres gibt, nach dem Tod, wie auch immer - und diese in sich getragene Gewissheit, die niemals ganz Wort wird sondern nur in der Art des Sprechens zum Ausdruck kommt, ich glaube, dass die der eigentliche Kern Wallensteins ist.
Vielleicht ist es nur das Erlebnis, das von Gordon glaub ich geschildert wird: dass er in der Jugend zwei Stockwerke tief fiel und aufstand und nichts war geschehen - nur er war verändert und "strebte nun nach hohen Dingen". Vielleicht ist es nichts als dieses ins Angesicht schauen des Todes, das ihm diese Kraft gibt. Aber möglich auch, dass gerade eine Qualität des Stückes darin besteht, dieses Woher seiner Erhabenheit und seines hohen Mutes nicht zu klären.
Aber von dort, in dem Glanz der Freiheit, die Wallenstein dadurch trotz aller handlungsbezogener Getriebenheit behält - von dort mag das Stück vielleicht Hoffnung machen.
So verstand ich dann auch bei der Aufführung zum ersten Mal, was die Gräfin kurz vor ihrem Tod Octavio sagt:

"Es sollte nicht sein - Doch wir d e n k e n königlich."


So das war schon ganz schön fiel und nur zu Wallenstein - zu Octavio, der Gräfin, Max, Thekla und überhaupt allem könnt ich nochmal dreimal so viel schreiben, aber... ihr wisst schon.

Bitte um Kommentar, Widerspruch, Ergänzung! (oder geht euch diese "Klassiker"-Reihe auf die Nerven?)

 

      augustine



RE: Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 15:17



Wann, um des Himmels willen, liest du das denn, Vladimir, dies und alles, was du liest? Sicher, dich konnte hier antreiben, dass du die Trilogie fast ganz sehen konntest (so was, wie ja zuvor die Faust-Aufführung, ganz und ganz wörtlich - es gibt noch so etwas wie Ehrfurcht vor einem Autor, die einigen Wenigen verbietet, um einer fragwürdigen Ver-Gegenwärtigung willen beliebige Regie-Eingriffe zu machen).
Das war ein Vor-Wort zu der Aussage: Ich kann jetzt nicht den Wallenstein aus dem Regal holen und lesen (=studieren), um dir hier zu entsprechen. Ich hatte es überlegt, als ich Rezensionen über das Projekt las, hab' auch Lust auf wieder mal Schiller (und nächstes Jahr ist schon wieder ein Schillerjahr!) -
aber was ich jetzt mache (wir zu Viert in einem Kreis, der sich regelmäßig etwa monatlich trifft), sind Hölderlins Sophokles-Übersetzungen.
Also mit Hölderlin ist bei mir immer was. In diesem Bereich schreibe ich auch.

Mein Problem ist also die Zeit. Deshalb kann ich dir jetzt nicht entsprechen.
Eine andere Frage ist: Hält es jemand für möglich, dass sich Interessierte vorweg verabreden zu einer Lektüre, mit einem Vorlauf von ein paar Wochen mindestens? Und falls ja: wie?

Soviel mal jetzt von mir, augustine, mit erwartungsvollen Grüßen

 

      zuppanova



RE: Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 15:54



auch mein problem ist (s. augustine) die zeit - deshalb nur kurz ein
feedback hierzu:

Zitat:
oder geht euch diese "Klassiker"-Reihe auf die Nerven?

neinnein, gar nicht, im gegenteil: ich persönlich bin froh, dass jemand
mit schwung begonnen hat, diese klassiker-abteilung zu bestücken.
fände ich zeit (ha! schon wieder die zeit!), ich schriebe selbst gern mehr
hierfür, z.b. über Marquez und die metaphorisierung von zeit in seinem
werk - da ich mich momentan aber fühle wie Nena Daconte ( El rastro de
tu sangre en la nieve
), wird daraus wohl erst einmal nix ... gut also, dass du
"es" machst -

lg, zuppa.

 

      augustine



RE: Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 19:22



Ja, zuppa: gut, dass einer es macht. Bloß braucht er Gespräch wie jeder hier für alles. Deshalb ist ja dies ein Forum. Gerade aus Begeisterungen kann man schnell abstürzen.
Äußert euch doch mal zahlreich! augustine

 

      zuppanova



RE: Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 19:34



augustine, wie du sagst, ist es ("Gespräch" / "Forum").
glaub mir, ich selber tue, was ich kann und äußere mich
so zahlreich als nur möglich - (das ist offtopic, wollte es
aber doch zur bekräftigung geschrieben haben). zuppa.

 

      ear



RE: Schillers Wallenstein

   14.01.2008, 20:41



Leider kann ich nur ergaenzend fuer “Hamlet” sprechen, wenn ich etwas zu deinem sehr detailierten Bericht und deinen Bemerkungen der bestimmt unvergesslichen Darbietung des Schillerschen Werkes sagen moechte. Ich bin sehr froh, dass du die klassischen Werke ansprichst.
Es gibt gewiss die schon von dir erwaehnten Punkte, in denen sich Shakespeare und Schillers Werke aehneln.

Ich wuerde sagen, dass Hamlet gar nicht so sehr ' zoegert, er ist in der Szene mit seiner Mutter durchaus zum Toeten bereit, weil er in dem Geraeusch hinter dem Vorhang den Onkel vermutet.

Wiederum kann er den Onkel und 2. Gatten seiner Mutter nicht toeten, als dieser allein und im Gebet versunken ist,quasi seine Suende bekennend.
Der begangene Mord an Hamlets Vater, wird dem Onkel zweimal vorgespielt und ein drittes Mal sind es die Schauspieler selbst, die sich Hamlet vorstellen.

Hamlets Rache gelingt, als Laertes getroffen und er selbst bereits mit dem Tode ringt, weil die Waffe vergiftet war.

In den Soliliquies ist Hamlet weniger ueberzeugend als heroischer oder tragischer Held, aber stark als Sich- Fragenstellender Intelektueller. Das Wort “Remember” des Geistes geht ihm nicht aus dem Gedaechtnis.

Sein Gegenpol dazu ist Laertes, der Bruder, dessen Schwester Ophelia von Hamlet verstossen wurde und die sich in Umnachtung im Bache ertraenkte. Laertes ist der draufgaengerische Raecher seiner Schwester.

Hamlet sucht Versoehnung , sie wird gegeben als Laertes im Sterben ist. Interessant ist auch, dass sich Hamlet als “Hamlet the Dane” zu erkennen gibt am Grabe Ophelias, also sein Recht als kommender Koenig bekannt gibt. ear




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