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augustine
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06.01.2008, 18:47 / 4 x geändert
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Ich wollte nur eben zu Hause anrufen und erklären, dass ich einen Tag später käme, denn unerwartet hätten wir doch noch Karten bekommen für ein Kammerkonzert in einem Wasserkraftwerk in der Eifel, Schubert. Es gibt inzwischen sehr ungewöhnliche Konzertorte. Aber an allen Telefonen sprach gerade jemand. Da bot mir die Tochter, etwas zögernd, eins ihrer Handys an. Ich teilte mit, was nötig war, und gab es ihr zurück. Sie nahm es, sah mich an und sagte: "Du weißt ja von Susanne. Es ist heute fünf Jahre her. Hör mal." Vor dem Hintergrund irgendeiner Popmusik eine Stimme: "Hallo, Jule, du, Marco und ich fahren noch zu seiner Oma. Die hat so große Schüsseln, die wollen wir uns ausborgen für Salate, für die Party morgen. Das dauert da immer bei der, du weißt ja. Also komm heute nicht zum Treff –" Dann ein fürchterlicher Schrei, ein Krach, brechendes Glas. Und eine Stimme: "Susi, Susi, Susi, Susi" und lange so weiter. Susanne war noch im Auto gestorben. Ihr Freund, der rasant hatte überholen wollen, blieb äußerlich ganz unversehrt.
AugenblickeBlickwinkel 15

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Vladimir
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Nur eine kurze Anmerkung eines müden heimgekehrten:
wäre nicht: "Ihr Freund, der rasant hatte überholen wollen, äußerlich ganz unversehrt geblieben" besser - d.h. eher dem Stil des ganzen (irgendwie beiläufig, zwischen Tür und Angel) entsprechend? Mich irritiert das plötzliche Praeteritum.
Und - kleine unbedeutende Verständnisfrage: ist das eine Handyaufzeichnung, die da aus dem Tochterhandy zur Erinnerung erklingt? Speichert man so einfach Telefonate, wenn man noch nicht weiß, dass sie die letzten sind?
lg
Vladimir

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zuppanova
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noch eine weitere kurze anmerkung einer ebenfalls müd heimgekehrten ...
mir scheint der aufbewahrte handy(mailbox)anruf nicht unplausibel: dass irgendwas besonderes passiert war, hört man ja sofort (und löscht erst mal nicht ...).
über das ihr Freund blieb ganz unversehrt hab ich ebenfalls nachgedacht. ich meine, es ist gut so, im präteritum. dadurch wird deutlich, dass die geschichte virulent blieb, nicht abgeschlossen werden konnte (bis "heute"), dass das innere versehrtsein des äußerlich unversehrten freundes andauert ("trauma"): die beiden letzten sätze fassen ja das geschehen noch einmal zusammen (Susanne war noch im Auto gestorben: das ist abgeschlossen), bringen die geschichte auf den punkt - und durch den schlusssatz, so wie er da steht, wird eine klimax gesetzt, die ungelöst bleibt (und also den leser beunruhigen, berühren, wasauchimmer kann).
die von Vladimir vorgeschlagene version brächte für mein (sprach)gefühl eine verflachung.
lg, zuppa.

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Vladimir
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Deine Argumentation, zuppanova, hatte ich auch schon in Betracht gezogen, dann aber zugunsten eines durchgehalteneren Sprachstils verworfen. So ausformuliert klingt sie mir aber wieder recht plausibel, und ich kann mich fast mit dem "Riss", der in die Erzählung hineingeritzt wird, am Ende, anfreunden. augustine bleibt die Qual der Wahl, sie wirds wahrscheinlich lassen, und alles ist gut ;)
Aaah, dacht es wär ein Gespräch und keine Mailbox. Dumm von mir. Geklärt.
Nochwas, beim nochmaligen Lesen aufgefallen: Der Satz mit den "ungewöhnlichen Konzertorten" - es hätte was, finde ich (der gerade viel Nabokov gelesen hat und bestimmt seinen Stil dabei im Kopf) das einfach stehen zu lassen mit dem Wasserkraftwerk. Andererseits wäre dann der plauderhafte Ton wieder unterbrochen, und das beiläufige käme nicht sogut rüber.
Kleine Gedanklein...

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augustine²
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Danke, zuppa und Vladimir, für eure Überlegungen zu der kurzen Kurzgeschichte.
Ich hab' gestern die Überschrift geändert: Zwei Mitteilungen.
Der tödliche Unfall ist so passiert, und die abbrechende Mitteilung in der mailbox aufbewahrt. Das ist die eine Mitteilung.
Die andere ist so eine banal-alltägliche Zukunft vorweg planende, wie wir sie immerzu ausschicken (müssen); und meistens sind wir wohl alle nicht dessen eingedenk, dass jederzeit ein Unfall passieren kann, der alle Planung grauenvoll ändert.
Diesen Gegensatz habe ich auch gemeint.
augustine
Im Text nehme ich die Schubert-Programm-Angabe raus.

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zuppanova
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augustine, die beiden veränderungen finde
ich "zuträglich" (wollt ich dir einfach
noch mitteilen), und der gegensatz
banal-alltäglich <-> existentiell
steht klar da.
lg, zuppa.

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Jolante
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22.01.2008, 12:30 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
obwohl ich zur Zeit ein wenig wortmüde bin, will ich mich doch zu deinem neuen "....../Blickwinkel" äußern, den ich mehr als einmal gelesen habe. In dieser Kürzestgeschichte prallen die Gegensätze so hart aufeinander, dass beim Lesen geradezu eine Schockwirkung erzeugt wird. Man hält einen Moment die Luft an, weil es wehtut, den unerwarteten "Aufprall" zu er-leben = auszuhalten.
Ich fühlte mich an Elises "Sekundenbruch.Talbrücke Apfelbaumgrund" erinnert, nur dass dieser Text unverkennbar elisisch und deiner eben unverwechselbar augustinisch geprägt ist. Für mich ist es wichtig, dass mich ein Text emotional anspricht, auch und gerade, wenn er völlig unsentimental daherkommt. Der letzte Satz der "Zwei Mitteilungen": "Ihr Freund, der rasant hatte überholen wollen, blieb äußerlich ganz unversehrt", öffnet den Blick über das dargestellte Geschehen hinaus. Wie wird er umgehen mit seinen Schuldgefühlen? Wird er das Trauma je überwinden können? Doch das wäre schon wieder eine neue Geschichte, ein anderer Blickwinkel.
Lb. Grüße
Jolante

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