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ajfs
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Zurück aus Amerika geh ich, als ich es wieder darf, entlang der Rur. Ein paar Schritte nur. Der Fluss jetzt im Frühling dreißig, vielleicht vierzig Meter breit, die Reste von Kyrill noch im Wehr. Die Bäume zeigen ihr erstes helles Grün.
Meine Kamera versucht, das neue Leben einzufangen, und doch ich denke an den vielen Tod, der diesen Fluss, jetzt kaum vierzig Meter breit, einst rot gefärbt haben muss.
Es gibt kaum alte Bäume entlang der Rur.
Der Mann in Dakota, der uns die Becher verkaufte, in dem kleinen Ort in der Prärie, war hier durchgekommen, hatte den Fluss überquert, gehörte zu den Glücklichen, die zurückkamen.
Jogger kommen mir entgegen und Fahrradfahrer.
Mann mit Hund. Guten Morgen sagen wir. Er tut nichts. Der Hund beschnuppert meine Hand, nur kurz, denn das Wasser lockt. Er freut sich, ich freue mich für ihn. Er ist noch jung, noch kein Jahr alt.
Ich gehe weiter, das Licht im Frühling hart.
Im Winter lagen sie hier, Deutsche und Amerikaner, die einen kämpften ihren schon verlorenen Krieg, die anderen einen Krieg in der Fremde. Über sechzigtausend verwundet, getötet, jeder für sich alleine.
Im Frühjahr war alles vorbei, die Front ging weiter an den Rhein und im Mai waren die Amerikaner bis nach Thüringen gekommen.
Ich gehe zurück. Meine Kamera schweigt wieder; der Hund kommt aus dem Wasser; ich gehe aus dem Weg, einen Radfahrer vorbeizulassen. Die Sonne scheint durch das zarte Grün der Blätter.
Die Rur entspringt in Belgien, fließt durch Deutschland bis nach Holland, aber es ist auch ein Amerikanischer Fluss, jetzt im Frühling, wenn das Leben zurückkehrt.
Andreas Stübs

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zuppanova
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Spaziergang mit Kamera, das scheint mir wichtig - denn:
Wie eine Kamera bestimmte Momente aus dem unendlichen Strom der Ereignisse ab-bildet (und damit heraushebt, konserviert), versucht auch der Text etwas von den unmittelbaren Wahrnehmungen des Spaziergängers abzubilden (Fluss, frühlingshelle Natur, Jogger, Hund), und teilt darüberhinaus dem Leser Assoziationen, Verknüpfungen mit, welche das Wahrgenommene im Spaziergänger aufruft - auch diese aber "wie abgebildet", kaum interpretiert vom Erzähler, sondern schlicht hingestellt.
So entsteht, in einem Gestus des Zeigens, mit dem Fluss als rotem Faden (fast wörtlich zu nehmen / Blut) eine Gedankenkette, die einerseits in der unmittelbaren Gegenwart verankert ist (Hund, Radfahrer usf.), andererseits in die Vergangenheit des Flusses Rur (Front, Krieg, Deutsche, Amerikaner) sowie auch, ganz andeutungsweise, in die Biografie des Sprechers (in Dakota der Mann, der uns die Becher verkaufte: das ist die Stelle, an der sich Historisches mit Persönlichem, das Jetzt mit dem Damals, verknüpft) zurückgreift und auf ruhige, leichte Art, ohne Gefühlsverkrampfungen doch einen großen Bogen andeutet. - Das ist ein guter Ansatz, der mir gefällt.
zuppa.

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augustine
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07.01.2008, 19:54 / 1 x geändert
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Einiges von dem, was zuppa geschrieben hat, hätte ich dir auch geschrieben.
Es geht dir darum, Zeit zu thematisieren, nicht in einer philosophischen Abhandlung, sondern in knappen Sätzen; die Geschichte ist fast ganz parataktisch.
Da ist die Gegenwart der Jogger, Radfahrer, des jungen Hundes, des steilen Frühlingslichts, des ersten Grüns, des Spaziergängers mit Kamera.
Gleich der erste Satz bezieht aber eine Vergangenheit mit ein. Aber was bedeutet: wieder dürfen? da du den Wirbelsturm vom vorigen Jahr nennst, 'spielt' die Geschichte einerseits im vergangenen Frühling
und der Erzähler ist von einer Reise nach Amerika krank, verunfallt (?) zurückgekommen.
Er erinnert (sich?) außerdem an den Fluss im Frühjahr 1945, in den letzten Kriegswochen.
Das ist also: 3x Frühling, und dahinter steckt unausgesprochen wohl die Frage: wie erleben wir Zeit? Zyklisch im Ablauf der Jahreszeiten oder doch linear-anwachsend auf ein Ende zu, vor allem das eigene??
Ja, die Geschichte enthält viel, unprätentiös erzählt.
Nur eins möchte ich fragen: warum ist die Kamera vermenschlicht? Sie macht ja viel automatisch, aber wer sie bedient, sucht seine Motive doch aus.
Doch noch was: dieselbe Breite des Flusses ist einmal frühlingsüberschwemmungsmäßig 'normal', einmal, blutig, ungeheuer breit. Wieso? Oder was zu korrigieren?
Abendgrüße von augustine

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lost
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(1)
den Anmerkungen zuppa’s und augustine’s stimme ich zu. pauschal: der Text funktioniert.
(2)
in einem anderen Faden wurde die von dir angezweifelte Vermutung ausgesprochen, es gehe nie um das "Ich". ketzerisch greife ich diese Thematik auf und frage:
worum geht es in diesem deinem Text? um Zeit, wie von augustine herauspräpariert. oder - man dürfte den Fokus gewiss auch etwas anders legen - um den Kontrast: verlässlich allem Kyrill, allem Krieg trotzend wieder und wieder sich frühlingshaft zyklisch erneuernde Natur, versus blutige, tödliche, lineare Destruktivität des Menschen. oder möglicherweise geht es um Schuld: kreatürlich-schuldloses Leben, der junge (= unschuldige, schuldlose) Hund, der Fluss, welcher, selbst ohne Schuld, doch blutrot verfärbt wird von menschlicher Schuld, versus Menschen, durch Krieg oder andere Umstände schicksalhaft gezwungen, schuldig zu werden.
worauf ich hinaus will, ist dies: wie sehr geht es um das "Ich" in diesem Text - einmal abgesehen von der Tatsache, dass es notwendiger, vom Autor so gewählter Projektor für das "eigentliche" Thema ist?
best, lost.

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