Krankenbesuch · Vladimir · ·


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      Vladimir



Krankenbesuch

   03.01.2008, 10:02



Krankenbesuch

Als ich eintrat
schwiegen (mir auf einmal als
Unbekanntem) matt
die Lampen (ihr
feiner Schwerpunkt
auf dem leeren
Sofa).

Das große Bett hat
heute nur und
ganz für dich Platz, es
trichtert dich
anderswohin (deine
Beine, Füße, deine
Hüfte habe ich
bereits verloren).

Manchmal hustet es von
dort
mit einer fremden
Tiefe in das nun weit-
läufige Zimmer; der Teil, der noch
da ist (deine
sanften Schultern), freut
sich über mein (doch woanders!) hier-
sein (in deine Augen
kämpfts sich schub-
weise) und beugt sich dann zu meinen
Hausaufgaben, als
wärn dir diese
näher.

Vergessen liegt ein
aufgeschlagnes
Buch auf dem Boden. Die vertraut behängten
Wände
suchen ihren scheinbar
eingeschlossnen Raum
zu halten.

 

      augustine



RE: Krankenbesuch

   08.01.2008, 17:49



Dies Gedicht habe ich über dem vielen Schreiben gestern vergessen. Vielleicht war's inwendig kein Zufall; ich sag' offen, dass ich finde: es ist nicht ganz auf derselben Höhe der bisherigen. (Das hat man nun davon, dass man schon Großartiges geschrieben und vorgestellt hat ....) Aber ich sage auch: Manches ist mir im Schreiben klarer geworden. Ich lasse diesen Verstehens-, Aneignungsverlauf aber so stehen;
* du wirst wahrgenommen als scheinbar 'Unbekannter', aber das Gedicht enthält Zeit- und Ortsangaben und andere Bemerkungen, die erkennen lassen (sollen), dass du das Krankenzimmer kennst und die Person im Bett aus früheren (gesunden) Zeiten; also wohl: du kommst als IHR nicht mehr, nur noch mit Anstrengung Erkennbarer
* die (?) Kranke ('sanfte Schultern' bringen mich darauf) liegt (oder sitzt) nicht wie sonst auf dem Sofa, wohin die Lichtstrahler gerichtet sind, sondern zugedeckt im (ehemaligen) Doppelbett, so dass eben nur noch die Schultern zu sehen sind; sie hustet mit einer erschreckend anderen Stimme (als sonst), aber es steigt Erkennen und Freude in ihre Augen; das finde ich gut/schön, auch die Bemerkung, dass der Besucher "doch woanders" ist - dieser nicht zu überbrückende Unterschied zwischen gesund und (sterbens-?)krank!
* die Hausaufgaben - warum sind sie überhaupt sichtbar? spricht auch für einen vertrauten Menschen - ja, da steht's sogar: die "vertraut behängten/Wände": nur sie vermögen noch den Raum zusammenzuhalten, der in seiner alten Erscheinung auseinanderfällt mit dem -ja, wohl doch: Sterben eines Menschen
* sein Buch ist zu Boden gefallen: dieser Faden zum Leben ist schon gekappt; der Versuch, ihn mit dem Blick auf die "Hausaufgaben" noch einmal aufzugreifen, scheint nicht zu gelingen
* wieder so ein Wort: "trichtern": soviel wie 'einsaugen ins Sterben'?

*deine Klammern: manchmal ersc hweren sie mir den Zugang zu deinen Gedichten, meistens erleichtern sie ihn; außerdem kann ich selber (aber nur in Sachprosa) kaum ohne auskommen ...

Liebe Grüße augustine

 

      Vladimir²



RE: Krankenbesuch

   13.01.2008, 21:50



Also dazu kann ich nicht allzuviel noch sagen, das meiste hast du ganz richtig bemerkt.
Gedacht war nicht an eine Sterbenskranke, aber das liegt ganz im freien Rahmen persönlicher Interpretation. Die beschriebenen Veränderungen können, denk ich, jedenfalls auch schon bei starkem Fieber oder ähnlichem eintreten.
Mit dem Trichtern ist somit auch nicht speziell etwas tod-spezifisches gemeint - geht vielmehr um den Eindruck, den Kranke im Bett manchmal machen: Dass sie dort auf einmal schwerer liegen, fester, als zöge sie irgendetwas hinein, und sie dies hineingezogene vor dem aufstehen erst mühsam befreien müssten.
Die Wände versagen gerade darin, den Raum zusammenzuhalten!

Liebe Grüße
Vladimir

 

      augustine



RE: Krankenbesuch

   13.01.2008, 23:49



Der Satz über die Wände: es könnte ihnen ja auch gelingen, den Raum zu halten; dies trotz "scheinbar" und nicht "anscheinend". Und: aus wessen Perspektive gesehen? Ich nehme an: des Besuchers (wie alles andere sonst auch).
Grüße von augustine

 

      Vladimir²



RE: Krankenbesuch

   16.01.2008, 23:16



Ja, alles aus seiner Perspektive.
Dass die Wände es zumindest im Moment nicht schaffen, ist doch durch das "suchen" klar!
Ich wüsst aber eigentlich gerne, über das bloße verstehen hinweg, was das Gedicht auslöst! Emotional, oder so... (nicht, was die Emotionen des lyr. ichs sind, die kenn ich).

Beste Grüße!
Vladimir

 

      augustine



RE: Krankenbesuch

   16.01.2008, 23:56 / 2 x geändert



Die Ausrufezeichen!! Das erste ärgert mich etwas, und deshalb jetzt nochmal dazu tatsächlich rechthaberisch: wenn da etwas zu halten gesucht wird, ist der Vorgang nicht abgeschlossen, also unentschieden.

Und dann: du möchtest ohne Textbegründung (!) eine Aussage darüber, wie das Gedicht emotional 'ankommt'; ich kann ja natürlich nur für mich sprechen: es wehte mich insgesamt eine (also: mir) befremdliche Kühle daraus an.

augustine, mitternächtlich

Noch ein Zusatz: Es kann ja sein, dass mich in meiner Wahrnehmung des deinen mein Gedicht von der Sterbenden, , hier, gelenkt hat.
Dann sag' doch bitte mal umgekehrt: welches Gefühl kam dir daraus entgegen?

 

      Elise



Frida Kahlo

   17.01.2008, 01:07



Hallo Vladimir -

über deinem Text sitze ich nachdenklich. Manches gefällt mir nicht, sprachlich. Diese Stellen:
"kämpfts sich", "als / wärn dir", "aufgeschlagnes", "eingeschlossnen" -
die verkürzten Endungen wirken mir zu gewollt, zu gesucht.
Dennoch löste der Text - und nun erzähle ich, weil du fragst, ganz subjektiv und assoziierend - sofort etwas aus: rief mir eine Szene aus dem Film "Frida" (über Frida Kahlo) vor Augen.
Es ist Zeit vergangen, seit ich den Film sah, ich versuche den Zusammenhang herzustellen.

Frida wird gezeigt als junge, ungestüme, temperamentvolle Frau, eine einzige Lebendigkeit und Lebenslust, beweglich, mutwillig und schön. Sie unterhält eine heftige Beziehung zu einem jungen Mann: ihr Freund, ihr Liebhaber. Mit ihm ist sie im Bus, als der Unfall geschieht. Er bleibt unverletzt, während sie ihr Leben lang an den Folgen des Unfalls leiden wird.
Dann die Szene, wie er sie, die zerbrochen, bewegungsunfähig, hilflos in einem Gipskorsett liegt, in ihrem Elternhaus, in ihrem Zimmer, besucht. Er muss ihr sagen, dass er abreist, nach Europa. Ohne dass es ausgesprochen wird, ist eines ganz klar: die Beziehung kann nicht andauern, es ist ein großer Abschied. Beide wissen es. Er wird andere Frauen finden, er bricht auf in seine Zukunft, sie scheint keine mehr zu haben. Sie sind sich schon fremd, ihre Lebenslinien laufen auseinander, aber sie wollen es nicht ansprechen, aussprechen.

Auslöser für die Assoziation waren diese beiden Stellen:
deine / Beine, Füße, deine / Hüfte habe ich / bereits verloren
sowie
Die vertraut behängten / Wände / suchen ihren scheinbar / eingeschlossnen Raum / zu halten
Darin verdichtet sich mir die Emotion, die ich auch in der Filmszene wahrnahm: nicht gewolltes, nicht verschuldetes, unabwendbares, schicksalhaftes Sich-Schmerz-zufügen müssen, Auseinanderbrechen einer Verbindung, Abschied.

Soviel, ganz fragmentarisch, von mir dazu, was dein Gedicht auslöste.

Mit Gruß, Elise.

 

      Vladimir²



RE: Krankenbesuch

   17.01.2008, 15:09



Ich danke augustine! Das hilft mir weiter.
Denn diese Kühle, Distanziertheit, wenn nicht Entrücktheit (dabei ist ja die andere entrückt) ist es auch, die ich in dem Gedicht fühle. Beinah hoffnungslos - denn warum spricht er sie nicht an? Auch der Eindruck des Sterbens mag aus diesem Fehlen des diretken Kontakts entsprungen sein.
Weswegen ich die gelungenste Stelle des Gedichts die mit den Hausaufgaben fand. Weil da auf einmal das lyr. Du doch aktiv wird, doch Kontakt sucht und ein letztes Vertrauen in das sich-verstehen der beiden vielleicht doch Bestätigung findet (mehr sogar noch, als bei dem Freuen).
Ich möchte anmerken, ohne mich in irgendeiner Weise rechtfertigen zu wollen, dass das Gedicht eigentlich auch in der Reihe "unter Bilder" steht, von dem Bild Schmidt-Rottluffs aber nur das Thema des Besuchs geblieben ist - d.h. die Szene ist in erster Linie erdacht. Vielleicht rührt auch daher etwas von der Kühle.

Zu dir, Elise: Naja die Verkürzungen sind in erster Linie rhythmischen Ursprungs. Ließt sich das wirklich gestelzt? Ich mein es entspricht ja eigentlich eher dem, wie wir reden, oder?
Beide Assoziationen sind ganz interessant. Dein Gedicht find ich großartig, augustine, und es gerade auffällig, dass dort mehr Wärme und Zuwendung zu spüren ist als bei meinem, obwohl bei mir höchstens an Fieber oder so etwas gedacht wurde, und bei dir ans Sterben. Vielleicht ein Hinweis darauf, wie sehr doch die reine Imagination die Verhältnisse verzerrt!

Und zu den Ausrufezeichen... jaja, das kommt davon wenn man zuviel Arno Schmidt liest ! ;)

 

      Elise



RE: Krankenbesuch

   17.01.2008, 20:56



Hallo, Vladimir -

ja, ich finde, es liest sich schon gestelzt: wie angelehnt an eine (vermeintliche) "Hochsprache" - und etwas abgerutscht dabei.

Das Argument "Alltagssprache" mag mich nicht überzeugen: ist der Text denn einer, der so geschrieben ist oder geschrieben sein soll "wie wir reden"?
Stelle dir vor, du triffst nach einem Krankenbesuch bei deiner Freundin einen Kollegen oder Freund und sollst ihm erzählen, wie es war, wie es ihr geht.
Sagst du dann: "Als ich eintrat, schwiegen mir auf einmal als Unbekanntem matt die Lampen, ihr feiner Schwerpunkt auf dem leeren Sofa." Oder würdest du ihm berichten: "Das große Bett, es trichtert sie anderswohin. Manchmal hustet es von dort mit einer fremden Tiefe in das nun weitläufige Zimmer." Oder sagst du zu ihm: "Hör mal, die vertraut behängten Wände suchen ihren scheinbar eingeschlossnen Raum zu halten."

Falls du mir nun antwortest: "ja", möchte ich dir gerne raten, tatsächlich weniger zu lesen ...

Das Argument mit dem Rhythmus: eine feste Metrik hat der Text nicht, und ich bin, verzeih es, zu bequem, nun eben Wort für Wort die Betonungen abzuklopfen, um zu sehen, ob überhaupt und wo ein Versmaß entsteht. Ob es gut ist, nur dem Rhythmus zuliebe Wortverkürzungen einzubauen oder ob es besser wäre, dann lieber nach ganz anderen Formulierungsmöglichkeiten zu suchen, oder ob mit Verkürzungen-ohne Verkürzung gar keinen Unterschied macht - darüber kann man geteilter Meinung sein. Du hast dich hier so entschieden. Es ist dein Text.

Viele Grüße, Elise.

 

      Vladimir²



RE: Krankenbesuch

   17.01.2008, 21:50



Ich bin unschlüssig, ob ich es ändern soll.
Weiß um die Gefahr, in so eine billige Imitation einer vergangenen Hochsprache abzurutschen, grad wenn man viel liest und bin deshalb für jeden Hinweis dieser Art sehr dankbar. Überlese einfach die mich wohl absichtlich falsch verstehenden Stellen in deinem Posting.
Mein Text soll in keiner Hochsprache, sondern einer nüchternen Sprache geschrieben sein. In diese darf aber alltäglich schludriges einfallen. Deshalb meine Bemerkung zur Alltäglichkeit.
Tatsächlich ist aber der Grund, warum ich zögere zu ändern, rhythmischer Natur. Auch das "kämpfts sich" mit dem schwierigen, zweifachen s mag ich ungern aufgeben. Sonst, wie gesagt, rhythmisch.

 

      Elise



RE: Krankenbesuch

   17.01.2008, 23:32



Ja, das "kämpfts sich" ist sehr schwierig. Ändere erst einmal nichts. Es könnte sein, du weißt aus einem gewissen Abstand heraus dann, was du tun willst.

Das Nüchterne, Distanzierte, finde ich, repräsentiert sich gut durch die Setzung der Klammern. So entstehen zwei Ebenen des Sprechens, was sehr spannend ist und den Leser "hält". Der Sprecher teilt mit, was er vorfindet (Als ich eintrat, schwiegen matt die Lampen), tritt dann aber durch die in Klammern gestellten Aussagen von dem bereits Gesagten wieder zurück, bzw. relativiert oder ergänzt es, setzt den Fokus neu, anders (mir auf einmal als Unbekanntem). Dadurch wird quasi aus zwei verschiedenen Perspektiven zugleich gesprochen, das lyr. Ich reflektiert die eigene Reflexion. Das hast du, denke ich, sehr konsequent und stimmig durchgeführt.
Auch den Zeilenumbrüchen ist anzumerken, dass sie mit Bedacht gesetzt wurden. Sie "bremsen" und weiten dadurch den Interpretationsraum.

 

      rollerball



RE: Krankenbesuch

   18.01.2008, 19:08



An den Wortverkürzungen ist meiner Meinung nach nichts auszusetzen - Lyrik muss ja nicht unbedingt Hochsprache sein, wenn die Authentizität der Empfindung eher durch Dialekt oder Umgangssprache erreicht werden kann. Ob die Zeilenumbrüche mit Bedacht gesetzt, plausibel und nachvollziehbar sind, bezweifle ich schon eher, und ihre "Bremsfunktion" scheint mir nicht unbedingt erforderlich oder gar begrüßenswert ...

 

      Vladimir²



RE: Krankenbesuch

   19.01.2008, 23:10 / 1 x geändert



Ob ich sie im vorhinein bedacht habe (die Zeilenumsprünge) sei dahingestellt; aber je mehr ich mich jetzt darauf konzentriere, desto gelungener und plausibler erscheinen sie mir im Hinblick auf die Rhythmik des ganzen und das hervorheben bestimmter abprallen lassender, Ruhe-, und Bremspunkte.




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