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Vladimir
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Eigentlich müsst ich das "Probleme" oben in Anführungszeichen setzen, aber es sollen ja auch noch Menschen mit wirklichen Problemen hier eine Plattform finden.
Mein Problem ist nämlich nur ein halbes: Obwohl ich Kafka schätze und liebe, kann ich mit sogut wie allen Interpretationen, von denen ich gehört habe, nichts anfangen. Natürlich könnte man sagen: Es ist egal, solange du deinen eigenen Zugang hast, und das stimmt wohl auch, aber man fragt sich doch dennoch irgendwann, ob man nicht etwas grundlegendes missverstanden hat.
Entzündet hat sich das an folgendem Beispiel:
"Auf der Galerie" (ein kurzes Prosastück, kann jeder ders nicht kennt lohnend nachlesen) habe ich (und tus auch eigentlich immer noch) stets so gelesen, dass das "Da es aber nicht so ist" ernst gemeint ist, also so tatsächlich auch stimmt, und somit die Tränen des Galeriebesuchers am Ende des Stückes echte Freudentränen sind, oder besser Rührungstränen - auf jeden Fall keine über die Verlogenheit der Welt.
Die Gegeninterpretation lautet nämlich: Dass der erste Teil die Welt in ihrem Übel beschreibt, wie man es bekämpfen könnte, wenn das Übel offen läge. Dass dem aber nicht so ist, das "Böse", die Gewalt, Abhängigkeit und das Unrecht subtil versteckt sind hinter einer Fassade aus Glück und vermeintlicher Schönheit - und dass der Galeriebesucher deshalb weint - nicht, weil das, was er sieht wirklich schön wäre, sondern weil er das Übel dahinter sieht und beweint. Demnach wäre das Prosastück eine Kritik und subtile Analyse der Verlogenheit des Zirkuslebens und, allgemeiner, der Gesellschaft.
Ich dachte (oder denke), dass es Kafka darum ging, dass trotz des Leids, welches sonst in Zirkussen geschehen mag - und vielleicht sogar in diesem - dieses Zirkusgeschehen von so einer inneren Schönheit ist, dass sie den Galeriebesucher, der ja tatsächlich aufstehen und protestieren würde, sähe er das Leid vor sich, zu Tränen rührt. Alles, wo Menschen schauspielern (und das tun ja die Zirkusleute), kann so eine rührende Wirkung haben. Kafka aber beschreibt nicht nur diesen Zauber und seine Wirkung, sondern gleichzeitig dessen seltsames Verhältnis zu einer anderen Wirklichkeit, des vielleicht wahreren Lebens der Zirkusleute von Leid und Unrecht. Vielleicht - und das ist das höchste, was da zugeben wollte - weint der Galeriebesucher auch wegen dieser seltsamen Mischung aus idealer, gespielter Welt (Kunst) und einem bitteren, leidvollen Lebensgrund.
Hierzu natürlich meine Frage, wie ihr das Stück interpretieren würdet.
Es geht aber noch weiter: Denn kaum irgendwo kann ich das, was ich an den Texten schätze sogut ausdrücken, wie bei "Auf der Galerie". In der Verwandlung z.B. sehe ich weder irgendeine autobiographische Geschichte verarbeitet noch eine Parabel auf sonstwas; sondern was ich von meinem Empfinden her als Kern der Geschichte beschreiben würde ist: Dies Gefühl ein Käfer zu sein - besser, auf einmal überhaupt zu fühlen, wahrzunehmen, im Gegensatz zum tumben Leben davor. Überhaupt ein Gefühl für die Dinge zu bekommen, seinen eigenen Körper etc. Das tollste an der Geschichte finde ich, wie Gregor so beschrieben wird, dass man tatsächlich sein Käferdasein nachempfinden kann.
In "Der Geier" finde ich am beeindruckendsten, wie am Ende auf einmal der Geier selbst vom bloßen Gewalttäter eine handelnde, mehrschichtige Figur wird - nämlich eine, die Angst bekommt und sich selbst umbringt um ihren Auftrag? zu vollenden. Ich käme nicht auf die Idee, da irgendeine Symbolik drin zu suchen.
Ich könnt so weitermachen mit den Romanen und vielen weiteren Erzählungen.
Überall ist es nicht, was von der Geschichte übertragen werden kann, was mich berührt, sondern irgendetwas in der Geschichte selber, eine Sinneswahrnehmung, die Beschreibung des Malerateliers in "Der Prozess", das plötzliche Kippen einer Existenz in "Erstes Leid", das mit den Armen auf dem Rücken auf der Hochebene spazieren in "Ein Geduldsspiel" etc. etc.
Ich glaube nicht, dass Kafka irgendwen aufrütteln, oder etwas aufzeigen wollte. Da passt der bis ins kleinste indikativische Ton in seiner Prosa nicht zu.
Was sagt ihr dazu?

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augustine
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26.12.2007, 04:09 / 2 x geändert
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Hier gab es schon mal ein kurzes Gespräch über einen kurzen Kafkatext: , zu dem magst du ja vielleicht was sagen Mehr als dieser Hinweis geht jetzt nicht. Damit ist deine Frage nicht beantwortet, ich weiß. Ich denke, bald mehr.
augustine

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wohlgesonne
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26.12.2007, 06:14 / 1 x geändert
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Das ist mir zuviel. wohlgesonne übergibt sich prophylaktisch.

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Vladimir²
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Den hatt ich bereits gelesen augustine, und fand interessant und irgendwo auch sehr zutreffend, was geschrieben wurde (weswegen ich dann auch selbst nichts hinzuzufügen wusste).
Wenns genauer nicht geht, gut gut, wohlgesonne, aber denk nich dass ich dann sauber mache.
Gruß,
Vladimir

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augustine
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Nun endlich,Vladimir, was mir zu der Geschichte Auf der Galerie einfiel:
Zirkus ist hier nicht schön, unterhaltsam oder sonst was zu Bewunderndes. Der erste Absatz im Konjunktiv enthält nur dem grammatischen Modus nach die Möglichkeit, dass geschähe, was möglicherweise geschähe: denn allein die unmögliche Vorstellung des "monatelang" hebelt alle anderen Möglichkeiten aus.
Es ist aber nicht so. Alles geschieht mit (übermäßiger/m) Besorgnis, Hingabe, Stolz etc. und ist so wohl mit den äußeren Augen des Galeriebesuchers gesehen, der mit seinem inneren Auge aber doch die Kunstreiterin (hinfällig, "lungensüchtig"!!), auf dem "schwankenden Pferd" im Kreis herumgepeitscht, als Parabelfigur des Menschen (oder wohl auch: seiner selbst) sieht. Er weint, denke ich, "wie in einem schweren Traum [!!!] versinkend", weil das, was sein äußeres Auge sieht, nicht wahr ist, weil die Welt (für ihn) anders ist. Da könnte sich der erste Absatz wieder anschließen und immer so weiter im Kreis...
Die Geschichte kann durchaus aus einem Traum entstanden sein; das kam ja vor. Aber macht man aus einem Traum einen literarischen Text, wenn er nicht etwas über den Traum hinaus aussagen soll?
Mir fällt noch ein: Kafka hat ja auch juristische Abhandlungen für seine Versicherungsgesellschaft geschrieben, und eine Abbildung kommt mir in den Sinn: was ein Fingerglied oder ein ganzer Finger und welcher 'wert' ist, wenn die wenig gesicherten Maschinen einer Firma (und er war ja selbst an einer beteiligt und musste sich unter Qualen darum kümmern) eines/n abhackten. Da ist auch was eingegangen in In der Strafkolonie. Das ist doch auch nicht die pure Lust am Sadismus.
Wann ist die Geschichte entstanden? Ich finde: Winter 1916/17 und auch: Winter 1914/15? Der erste Blutsturz war erst 1917. - Ich bin nicht sehr 'drin' in Kafkas Schreiben zur Zeit.
Daher nur dies jetzt.
Sei gegrüßt! augustine

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Vladimir²
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Mein Einwurf wäre bei sonstiger erhellter Zustimmung nur:
dass ich sagen würde: "Er weint, ..., weil das, was sein äußeres Auge sieht, a u c h wahr ist, obwohl die Welt für ihn anders ist." Weil die Schönheit des Gesehenen und Gespielten gerade im Gegensatz und Widerspruch zum innen gefühlten rührend und quälend zugleich wird.
Geht das?
Gruß,
Vladimir

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augustine
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Siehst du im ersten Teil irgendetwas, das "schön" ist und nicht durch die Groteske des Gesamten vernichtet wird?
Auch im zweiten Teil: was wäre da ohne Einschränkung schön?
Vielleicht käme man dem Geheimnis des Textes näher, wenn 'man' einmal aufschriebe, was beobachtbar ist und was nicht - in beiden Teilen.
a.

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Vladimir²
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Im zweiten Teil ist schön, bzw. rührend: die Reiterin, die Gefahr, der sie sich aussetzt (man bangt mit ihr), die Vorsicht und Behutsamkeit des Direktors, dass er die Angst mit uns teilt (und sie damit nicht ganz unbegründet sein kann), seine immernoch anhaltende Bewunderung für die Reiterin und ihre Kunststücke (die wir ebenfalls teilen), am Ende die Erleichterung, die Freude, das alles gutgegangen ist, das Glück der Reiterin, das der Direktor und wir teilen und das im Applaus seinen freudigen Ausdruck findet.
Ich weiß die Frage ist blöd: aber warst du denn noch nie im Zirkus?
Natürlich ist das alles nicht "echt" und gespielt - aber rührt es denn deswegen weniger? Ich war oft genug gerade dann am ergriffensten von Gespieltem, wenn es diese Übertreibung hatte, diese ganz kindlichen und einfachen Gefühle mit der größten Ernsthaftigkeit und Hingabe ausdrückte (und wenn dann noch das mitfiebern und angst haben hinzukommt, ist man ja ohnehin schon sensibilisiert). Ich glaube, dass es das ist, was ihn rührt - ob ers nun besser weiß oder nicht. Etwas ganz kindliches!

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augustine
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Doch, ich war durchaus im Zirkus, zuletzt vor einem Jahr (freilich mit geschenkten Karten; Zirkus ist nichts, wohin ich von mir aus gehen will/wollte).
Weißt du, was mir, mal von Kindheitseindrücken abgesehen, am meisten imponiert hat? Jemandem gelingt nicht, bei zwei schwingenden Trapezen, das auf ihn zukommende zu greifen, und er und sie WIEDERHOLEN diesen Teil - und er gelingt nun. Das.
Wie findest du das?
augustine

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Vladimir²
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Wenn ich es nochmal auf die Spitze treiben sollte, dann würde ich sogar sagen, dass "Auf der Galerie" in gewissem Sinne stellvertretend für die Kunst an sich ist - den schönen Schein, das Gespielte, Phantasierte, Ersehnte; und die Widersinnigkeit dieser Kunst im Bezug zur "Realität" sowie die daraus resultierende seltsame Rührung, so treffend wie sonst selten zum Ausdruck bringt.
Dein Erlebnis, augustine, hätte mich sicher genauso beeindruckt... Aber auch da steckt doch irgendwas paradoxes in dieser Angst, die man um die Menschen in der Manege hat: dass die da ihr Leben riskieren (denn so scheints ja), für uns, und wir hätten am liebsten, dass sie aufhörn und genießens doch...

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