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zuppanova
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Minima Moralia, 21 (Theodor Adorno)
da hab ich einmal etwas gelesen, über die kunst und den wert des schenkens, habs herausgekramt (wurde erinnert daran, weil ich überraschenderweise etwas geschenkt bekam, für mich dem "wirklichen Schenken" bei Adorno entsprechend), fand es immer noch oder wiederum lesenswert und stell es ein, zum nach-denken, zum daran-hin-denken (es passt halt auch grad so zur zeit). der text ist nicht "schwierig", ist leicht zugänglich, erklärt sich selbst, ist aber essayistisch-elegant geschrieben. also:
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Für Marcel Proust
Umtausch nicht gestattet. - Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen. Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir's nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.
Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre - und das ist Lüge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt -, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.

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ear
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23.12.2007, 08:41 / 1 x geändert
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Frueher war es notwendig, Dinge zu schenken welche zum Alltagsleben gehoerten wie eine neue Schuerze fuer die Mutter, ein Paar Schuhe, weil das Kind gewachsen war, neue Struempfe und Taschentuecher , weil die alten verbraucht waren.
Heute ist es so, dass sich fast Jeder genau die Dinge selber kauft, die er/sie benoetigt.
Das ist der Schwierigkeits-Punkt fuer's Schenken geworden. Es bedeutet, dass ich mich bemuehen muss, mit Phantasie etwas zu finden , was dem Anderen Freude machen kann, weil man ihn/sie sehr genau kennt. Fuer mich bedeutet es, kuenstlerisch etwas zu schaffen, vielleicht eine Arbeit herauszuholen, die ich vor Jahren machte, aber die fuer Den/Diejenige wahrscheinlich genau das Richtige sei. Wichtig ist mir dabei ein Brief, in welchem ich erlaeutere , warum ich gerade eine solche Aufmerksamkeit waehlte.
Adorno beschreibt , wie wichtig 'Zeit' sei und macht klar, dass ein 'Umtausch ausgeschlossen' ist. Der /Die Beschenkte muss sich mit dem Geschenk beschaeftigen, auseinandersetzen,
Zwingen kann man Niemanden, weder zu einem Theater-, Opern-, Konzertbesuch, noch zu einem sportlichen Abonnement .
Fuer mich ist ein Brief, ein Gedicht, welches fuer Jemanden gerade wichtig ist,oder ein sorgfaeltig ausgewahltes Buch meine Art des Gebens.ear

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lost
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25.12.2007, 09:44 / 1 x geändert
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ein guter Hinweis, ear, dass früher Schenken eine "Notwendigkeit" war: dem Beschenkten etwas zukommen lassen, dessen er dringend bedarf - das ist freilich ein ganz anderer Impuls des Gebens als gewisse Orgien, von denen man heutzutage hört.
Adorno spielt in dem Satz "Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen" auf das Schenken des zum Leben Gebrauchten an.
ein lesenswerter, klarer Text, ja. nicht nur zur Weihnachtszeit.
best, lost.

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augustine
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Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten.
Ja. Ist es verstehbar, dass ein Philosoph (ein Philosoph?) mir einmal sagte: diese Vorfreude in der Vorstellung der Freude des Beschenkten sei - sei Selbstsucht, sei Haben-Wollen (nämlich diese Vorfreude und dann die Freude des Beschenkten), sei damit nicht anständig?
Hat sie da etwas nicht verstanden? fragt augustine

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Vladimir
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Halt ich für Unsinn. Was soll man denn dann machen? Was ist denn dann "anständig"? Sich nicht zu freuen, wenn der andre sich freut? Dinge schenken, die den andern nicht freuen? Und dann: möglich, dass es sowas gibt, jemand, bei dem das übertrieben ist, dieses haben-wollen der Reaktion des anderen; aber dann gibt es auch noch Schenken, bei dem man eben weiß, dass man das nicht in der Hand hat, dass einem die Freude oder Dankbarkeit des andern auch nicht gehört; da stimmt dann auch der Satz Adornos vielleicht nicht mehr, da schenkt man nicht mehr um irgendeines eigenen Glückes willen, sondern weil man es eben tut, muss, und doch freiwillig tut (ich mein jetzt keine dinglichen Geschenke mehr). Aber sowas ist halt selten und kann wohl kaum jedes Jahr an Weihnachten erwartet werden.
Es ist spät...

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ear
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Das Problem des echten Schenkens wurde angesprochen. Es geht nicht nur um die Weihnachtszeit, sondern um das Schenken waehrend des Jahres.
Es geht ebenso wenig um Menschen , die Roger Betts kennt, er will ganz schlicht vielen unbekannten Menschen eine verlaengerte Lebenschance bieten.
Er, ehemals bei der Royal Mail, 6o jaehrig, aus Ipswich, der seit Jahren, auch waehrend der Berufszeit , sein Leben in den Dienst anderer Menschen gestellt hat.
Im Ruhestand uebernahm er Erste Hilfe-Ausbildung junger und aelterer Menschen und begann daneben ein Mathematik-Studium. Nach erfolgreichen Examina kommt ihm eine Zeit der Reflexion gelegen.
Im kommenden Jahr plant er fuer die British Heart Foundation eine Wanderung, welche ihn von Ipswich bis zum suedlichsten Punkt Land's End fuehren wird. Von dort im Mai , nur ueber Felder , Berge auf Wegen entlangder Kanaele wird er ganz Gross- Britannien durchwandern, bis John 0'Groats in Schottland, zurueck bis Land's End und dann nach Hause in Ipswich .
Er hofft, durch Leute, die ihn sponsern,£24000 fuer die British Heart Foundation zu sammeln . Er wandert allein, mit Rucksack, in welchem er ein Zelt, einen Camping Kocher, sowie lebenswichtige Dinge traegt.
Er rechnet mit etwa fuenf Monaten, entsprechend der Wetterlage und der eventuellen Umwege, sollte er sich verlaufen.
Um fit genug zu sein, ist er jetzt dabei, bis zu 50 Meilen pro Tag zu trainieren. damit er, wenn es wirklich losgeht, seine 30 Meilen pro Tag schaffen kann.
Wenn er also im Mai 2008 Ipswich verlaesst, kann er erst Weihnachten 2008 zurueckerwartet werden., ear.

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Vladimir
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Nur ein kurzer eingeworfener Gedanke (seltsamerweise von deinem, ear, posting aus kommend):
Vielleicht liegt der Fehler auch da: Wenn das, was augustines Philiosph sagt stimmte, dann dürften wir eigentlich nicht mehr Danke sagen. Dann wäre auch das Gefühl der Dankbarkeit ein Trugschluss, etwas falsches.
In der Welt leb ich aber nicht, und will ich auch nicht leben.

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zuppanova²
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War es nicht Derrida (Falschgeld, Zeit geben), der subtil die unauflöslichen Widersprüche der Gabe ausbuchstabierte, um schließlich seine Leser mit der Auskunft zu beunruhigen, dass es aus den Aporien des Schenkens kein Entkommen gebe? Die Gabe dürfe letztlich als Gabe nicht erscheinen (weder dem Gabenempfänger noch dem Geber), wenn sie eine reine Gabe bleiben solle - und ist somit das Unmögliche selbst.
Schenken - tun "wir alle", irgendwie, irgendwann, mehr oder weniger oft. Die Motivation zu schenken ist niemals eindimensional (vermute ich) - schenken (es gibt Diskurse dazu, in der Kultursoziologie beispielsweise) kann heißen: Macht erwerben, Bindungen initiieren, Hierarchien stabilisieren, Beziehungen steuern usf., aber auch: soziale Wertschätzung und emotionale Bezogenheit formvollendet artikulieren - schenken: eine Form des Interagierens, teilweise stark ritualisiert. Das Schenken besitzt aber auch, da es dem Reich ökonomischen Zwanges enthoben ist, einen "Zauber".
Namen, die mir in Zusammenhang mit Theorien/Untersuchungen zur anthropologischen Bedeutung des Schenkens (Kultursoziologie) spontan einfallen: Marcel Mauss, Gerhard Schmied, Georg Simmel, Helmut Berking - und natürlich fällt mir St. Martin ein, der, mantelteilend, vllt. ein Prototyp des spontan notlindernden Schenkers ist (er sieht wen frierend im Schnee hocken, imaginiert dessen Freude über ein wärmendes Stück Tuch und - schon ist es passiert: er schenkte ...).
Die Imagination der Freude des Beschenkten halte ich für ein eher nicht unanständiges Motiv, jemanden zu beschenken. Die Argumentation des von dir erwähnten Philosophen, augustine, führt ins Leere bzw. beißt sich nur selber in den Schwanz, denn: abgesehen davon, dass es vllt. mehr oder weniger "anständige" Schenkgründe geben mag, ist es doch so: eine gewisse Art von "Eigennutz" (das Wort ist beliebig, eine Hülse, man könnte genausogut sagen: eine zum-Schenken-drängende-Variable-im-Persönlichkeitsprofil ...) steckt hinter jeder Gabe (eine Motivation halt), schließlich muss der Schenkende ja einen inneren (oder äußeren, oder beides) Gewinn oder Genuss oder Kick oder wasauchimmer haben, sonst tät er/sie nix ver-schenken (wollen); insofern ist es Wortklauberei, hier mit Begriffen wie anständig zu argumentieren ...
... denkt grad: die zuppa.

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augustine
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28.12.2007, 00:35 / 1 x geändert
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Vor so viel gedruckter Philosophie<-->Psychologie kann ich leider nur sagen: gedruckt, nachlesbar also, ist das nicht, was ich geschrieben, zuvor erlebt habe. Nochmal nachgedacht habe ich aber auch. Dies Abwerten der Schenkensfreude des Anderen scheint mir in einem Überlegenheits-, Machtwillen zu liegen: wer sich freut, eine Idee für ein Geschenk zu haben, vielleicht Andeutungen darüber macht, er/sie hätte schon gefunden..., bringt den zu Beschenkenden in die Rolle des bald Nehmenden und damit in Unterlegenheit. Die aber kann manch einer nicht ertragen. Dann wirft er dem Anderen dessen Freude als unanständig, narzisstisch etc. vor, der Narrzist.
Dies noch von augustine

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