Anna · windflug · ·


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      windflug



Anna

   20.12.2007, 12:58 / 3 x geändert



Ich näh die zerrissene Erde
ihr Blut
quillt mir aus dem Finger
mischt sich
mit dem Braun des Bodens
sickert in tiefere Schichten
wo rot meine Blume
wurzelt

Ich näh die zerrissene Erde
unter karstigen Narben
öffnet sie ihren Leib
und ich sinke
in warme Höhlung
und ich sehe
das weinende
Kind

Ich näh die zerrissene Erde
nähe und sehe
über mir
dieses Blau

 

      augustine



RE: Anna

   21.12.2007, 00:51



Liebe windflug -
ich geh davon aus, dass das sprechende Ich "Anna" ist, die du gewissermaßen ihr eigenes Bild kommentieren lässt.
Ein "Ich", ein Bild, surreal, von der "zerrissenen Erde", die 'genäht' wird (es klingt für mich ein Märchenton mit), und genäht wird sie von einer, die weiß, dass sie Teil dieser Erde ist, so dass, wenn sie sich sticht beim Nähen, das Blut der Erde aus ihrem Finger quillt (die vielen i-Laute!). Noch ist nicht alles verloren: in tieferen Schichten wurzelt eine rote Blume, eine Blume des Lebens, rot wie das Blut;
in tiefen Schichten ist unter den Narben der Erde eine warme (Mutter-) Höhle, ein Mutter-Leib, es kann noch Leben geboren werden aus der zerrissenen Erde, aber das Kind, das geboren werden soll, weint, als ahnte es etwas;vielleicht möchte es nicht geboren werden, und das sprechende Ich möchte zurückkehren ins Ungeborensein ...
Das Braun des Bodens, das Blau des Himmels: Erde und Aether auch bei dir, eine Pflanze, die beides verbindet, deine rote, meine weiße. Bei mir war's nur ein ganz privates Erinnern - aber du und Anna, ihr klagt um die zerrissene Erde und wundert euch, dass darüber noch das Blau eines wie auch immer verstandenen 'Himmels' ist.
Gerade die Einfachheit deines Gedichts ist schön und eindringlich. Danke!
augustine

 

      ear



RE: Anna

   23.12.2007, 18:10



Da ich keine Vorstellung vom Thema der Kunst-Ausstellung habe, gehe ich nur vom Text aus.
Die drei Strophen, welche mit dem gleichen Satz eingeleitet werden, brachten mir sofort ein Bild des Krieges vor Augen, mit der “zerrissenen Erde” als Gegenstueck zum menschlichen Herzen.

Tausende dieser Herzen wurden 'zerrissen', fielen , ihr 'Blut versickerte in tiefere Schichten', sie blieben unbestattet, verwesten.
Der Gestank muss entsetzlich gewesen sein fuer die Ueberlebenden. Vielleicht half es, den Geruch durch Tabakrauchen zu verdecken.
Die Bombentrichter, die 'garstigen Narben', in denen sich die Soldaten verbargen wie in einer 'Hoehlung', sollten Schutz geben, aber waren durch Flugzeugangriffe staendig von oben her auch nur drohende Gefahr.
Ich sehe in dem 'weinenden Kind', eine letzte verbliebene Hoffnung der Ueberlebenden an Familie, wie das 'Blau' des Firmamentes ueber dem Schlachtfeld. Einige Wenige ueberlebten die Kriege. Die Nornen liessen einige Lebensfaeden unzerschnitten.
Duerfte ich dich bitten, das Thema der Ausstellung genauer zu beschreiben?
Ich wuerde dann vermutlich etwas total Anderes schreiben muessen. Liebe Gruesse, ear .

 

      augustine



RE: Anna

   26.12.2007, 04:52



Das gesamte Verstehenwollen eines Gedichtes aufzubauen auf eine Assoziation, die vom Herzen, die im Text gar nicht erhalten ist, die der Kommentatorin aber einfiel und die sie nun flugs zum Gegenbild der dreimalig erwähnten 'zerrissenen Erde' erklärt - das ist methodisch doch reichlich fragwürdig, wie mir scheint.
Eine Ahnung davon scheint im letzten Satz auf.
Dass das Thema eines Bildes zum Anlass eines Gedichts werden kann, haben wir schon bei Vladimir gesehen - aber das Gauguin-Bild verschwand zuletzt aus der Diskussion, die du, nehme ich an, verfolgt hast, ear.
Und die Bilder einer Ausstellung hier - es ist doch keineswegs zwingend, dass sie alle auch nur in Varianten dasselbe Thema haben.

Vanillekipferln und Zimtsterne mögen trotz dieser Bemerkung schmecken! augustine

 

      Jolante



RE: Anna

   27.12.2007, 13:46 / 1 x geändert



In dem Bild der zerrissenen Erde sehe ich die Hülle eines tief verletzten Menschen, der versucht, durch Vernähen die Wunden zu schließen, was nicht gelingen kann, so lange sie bluten. Das lyr.Ich gibt die oberflächlichen Heilungsversuche aber nicht auf, und so sickert das Blut endlich in tiefere Schichten. Die karstigen Narben der Seele, die an das Irdische gebunden ist, zeugen von alten Verletzungen. In der Höhlung darunter, in den Tiefen der Seele, entdeckt das lyr.Ich das weinende Kind als Symbol für den tiefen Schmerz um den Verlust von Glaube, Hoffnung und Liebe. Die rote Blume: in ihrem Bild sehe ich das Unzerstörbare der Seele, etwas Unverbrüchliches, etwas, das wieder an die Oberfläche drängt, sich dem Einfachnurzunähen widersetzt. In dem Blau, welches das lyr.Ich über sich wahrnimmt, offenbart sich ihm aufkeimende Hoffnung, dass die Seele wieder heil werden kann. Das sind so die Assoziationen, die dieses tief berührende und wohlgestaltete Gedicht in mir hervorrufen. Die realen Bilder der Ausstellung waren willkommene Auslöser für die inneren Bilder, die du, liebe windflug, so ausdrucksstark mit Worten gemalt hast.

Lb.Grüße von Jolante

 

      cernere



RE: Anna

   27.12.2007, 22:15



Hallo windflug,

hier nun meine Assoziationsgirlande:
ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Dein Gedicht „Anna“ von Kunstbetrachtungen inspiriert wurde. Immerhin kann man hier deutlich erkennen, dass das Betrachtete (Objekte, Bilder) mit verschiedenen Interpretationen von visuell Erkanntem ringt.
Die Materialität: Blut, dickflüssiges Quellen, vermischen, sickern; Karstige Narben (Karst = ausgelaugte Gebirgslandschaft) ggf. Oberflächenstrukturen von additiv gearbeiteten Skulpturen, deren Kontur nachträglich durch Aufreißen der Oberflächen seltsamerweise zur Verdeutlichung verunklärt wird. Das Blut der zerrissenen Erde quillt nicht durch die, sondern sonderbarerweise aus den Fingern der nähenden Betrachterin oder Künstlerin. Diese scheinen somit selbst ein Teil der zerrissenen Erde zu sein; ist sie nicht mit der Wiederherstellung der eigenen Oberfläche beschäftigt!? – Und ihr Blut mischt sich mit dem Braun des Bodens (Grundes, Grundlage, Basis einer Skulptur?) das sich aus dieser eher festeren Struktur wohl schlechter herauslösen ließe als aus der locken Erde? Der nähenden Finger Blut vermischt sich mit des Bodens Braun; das somit entstandene Mischfarbige sickert in tiefere Schichten, wo rot die Blume (der Dichterin) wurzelt. Die roten Wurzeln, werden verortet, die Blume selbst ist nicht erkennbar, auch ihre Farbe nicht!

Ach, ach, noch mal straffer:

1. Das Ich näht. Der zerissenen Erde Blut quillt aus den Fingern der Nähenden (ich sehe Nähspuren, wie geschnürte Schuhbänder)

2. Das Ich näht. Obwohl die zerrissene Erde inzwischen als bereits vernarbte Oberfläche dargestellt. Darunter öffnet sich ihr Leib (wohin?) – Ermöglicht dem Ich, sich selbst in den Leib zu sinken? Warme Höhlung (Geborgenheit, Dunkelheit) Das weinende Kind sehen, nicht etwa hören! (Bildbetrachtung?)

3. Das Ich näht ungeachtet der Zerrissenheit oder Vernarbtheit der Erde weiter, ist nun wieder außerhalb verortet. Weg von der zerrissenen Erde blickend in „dieses Blau“ (Ultramarin? Hoch wirksame unverkennbar eigene Wirklichkeit der Leere, der Himmel, von Giotto bis zum I.K.B.?

Eine Bildbetrachtung zu versuchen ist aber keine Interpretation des darauf fußenden Gedichtes. Die „herzzerreißende“ Deutung von ear scheint natürlich denkbar, da alle Sujets in sein Bild zu passen scheinen, entbehrt aber der Textnähe. Auch andere Interpretationen hier sind durchweg sehr emotional: tiefer Seelenschmerz, Hoffnung, Heilung, Glaube, Liebe, das weinende Kind … gefährliches Futter für alle Art Wallungsbereitschaft. Dagegen ist das Gedicht doch viel „dichter“ und „scheinbarer“!
Nun, die rot wurzelnde Blume lädt sicher zum längeren Verweilen! War es Absicht, die Blume (und auch das Blut) so unrot neben dem vielen Braun zu platzieren? Die hier nur gedachten – und nicht verwirklichten – unerlösten roten Explosionen, waren sie auf einem der Ausstellungsbilder neben diesem Blau?

Hier ein Beispiel (aus dem Gedächtnis) für diese Art Schattenspiegelfarbe in der Dichtung von Rilke, „Blaue Hortensie“:
So wie das Grün in alten Farbentiegeln,
sind diese Blätter trocken stumpf und rau
über den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln …

Herzlichen Gruß

cernere

 

      Jolante



RE: Anna

   29.12.2007, 18:12



Hallo cemere,

ich fühle mich von deiner Kritik angesprochen und möchte dazu bemerken, dass mein Kommentar kein Interpretationsversuch ist, sondern eine Assoziationskette zu windflugs Gedicht. Vielleicht habe ich in den Text mehr hineingelesen als aus ihm heraus, gut möglich. Aber auch eine rein subjektive Lesart sollte hier erlaubt sein, meint

mit frdl.Gruß Jolante

 

      cernere



RE: Anna

   30.12.2007, 14:51 / 1 x geändert



Guten Tag Jolante,

dass Du Dich angesprochen fühlst, ist doch immerhin als ein Anfang der Kommunikation für mich zu werten.

Sicher ist, dass ich hier als neues Mitglied keine tieferen Kenntnisse über die stilistischen Gepflogenheiten Eurer Beitragskultur habe; jedoch habe ich Eure Kommentarregeln gelesen und mich auch mit Themen und Reaktionen halbwegs vertraut gemacht, bevor ich mich registriert habe.
Was erlaubt ist, oder nicht, wirst Du viel besser wissen, als ich! Bestimmt wollte ich Dir nicht die vorsylvesterliche Zeit vergraulen oder subjektive Lesearten einschränken. Aber zwischen Lesen und Schreiben besteht doch auch Deiner Ansicht nach ein Unterschied!?
Ich habe mich verleiten lassen, die Beiträge zu „Anna“ Interpretationen zu nennen, das ist – trotz etlicher nachweisbarer Ansätze der Auslegung und Deutung inhaltlicher Gesichtspunkte – sicher nicht vollkommen richtig!

Nun, ein „Kommentar“ war Dein Beitrag jedoch auch nicht. Meinen Beitrag nannte ich ebenfalls recht unkritisch eine "Azzoziationsgirlande", wobei die –girlande wohl die schlampige Art zu definieren übertünchen sollte !?

Also, ich habe das Gedicht und die darauf fußenden … noch mal komplett durchgelesen – und lachen müssen: über das „Tabakrauchen“ und die „garstigen Narben“, die „Nornen“ und das „lyrische Ich“ – ist das so verwerflich?
Jetzt hau mich nicht, es war ganz sicher ein nettes Lachen!

Nun zu „Anna“ zurück: hier möchte ich mir selbst widersprechen: wenn ich nicht gewusst hätte, dass das Gedicht aus einer Kunstbetrachtung entstanden ist, hätte ich es eher doch nicht herauslesen können. Texte entstehen immer aus Erfahrung, Erlebtem, Fantasiertem, Betrachtetem, Ersehntem, Gefürchtetem usw., sind ohne sinnlich wahrnehmbare Grund-/Vorlagen nicht möglich! Ob das Sujet vorher bereits künstlerisch, in einer anderen Sprache oder Materialität dargestellt wurde, spielt keine Rolle. Sonst gäbe es ja nicht die heftigen Bedürfnisse oft Gesagtes und Geschriebenes immer wieder neu zu komponieren. Und da gibt es einfach Unterschiede in den Kompositionen. "Anna" ist übrigens (für mich) formal wohltuend straff aufgebaut, auch wenn einiges ohne nähere Erläuterung unverständlich bleibt.

Ein wunderbares Neues Jahr wünscht Dir
Cernere

 

      windflug²



RE: Anna

   30.12.2007, 16:49



Assoziationsgirlanden, Kommentare, Interpretationen - es gibt die unterschiedlichsten Arten auf ein Gedicht zu reagieren, und ich finde, in diesem Forum sind, abgesehen von einigen wohlgeunsinnsonnigen Ausreißern, die weitaus meisten wertvoll. Ob sich jemand mit der äußeren Form der Gedichte und deren Bezug zum Inhalt auseinandersetzt, ob ein(e) andere(r) Verknüpfungen zu ganz anderen Themen herstellt oder ob wieder jemand anderes sein ganz eigenes Erleben einfließen lässt in den Kommentar, das alles hat doch seine Berechtigung, und wenn ich so unterschiedliche Antworten bekomme, freue ich mich und fühle mich bereichert.
Zum Gedicht selbst und auch zu dem Bild, von dem es inspieriert wurde, möchte ich gar nicht so viel sagen. Dass einiges unverständlich bleibt, liegt vielleicht daran, dass ich ein Bild gar nicht "verstehen" kann. Es spricht mich an, aber seine Sprache ist noch weniger eindeutig und eindimensional als die eines Gedichtes. Und wenn ich in einen "Dialog" mit dem Bild trete, so wie ich es hier mit meinem Gedicht versucht habe, dann bringe ich auch ganz unterschiedliche eigene Wahrnehmungen und Assoziationen - und in diesem Fall - auch die Beziehung zur "Näherin" mit ein.
Ein paar Hinweise zum Bild und zur Ausstellung trotzdem: Die Ausstellung heißt underwater - UNTERGRUND. Annas Bilder sind zum größten Teil Landschaften, oft in Collagetechnik und sehr häufig mit Nähspuren. Auf dem Bild "Diese zerrissene, ungeteilte Erde" ist keine Blume, sind auch keine Wurzeln zu sehen, wohl aber in einer Art Hohlraum die Figur eines Menschen/Kindes in gekrümmter Körperhaltung.
Ich danke euch allen für eure vielfältige Beschäftigung mit dem Gedicht.

Liebe Grüße aus dem alten Jahr,
windflug




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