Bleizeit · windflug · ·


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      windflug



Bleizeit

   09.12.2007, 17:01 / 2 x geändert



Bleizeit ausloten
auf der weltabgewandten Seite
in starren Schlieren
des Schattenlebens
das Lot
will nicht sinken
bodenlos
Bleizeit
(rinnt
in Kammern
von Herz und Auge
sickert
in Venen)
harrend
auf der dem Leben
abgewandten Seite
ein Krebstier
Kellerassel
die den Weg zum Meer nicht fand
den Tidenruf verschlief
in Bleizeit

 

      augustine



RE: Bleizeit

   09.12.2007, 19:02 / 2 x geändert



Liebe windflug,
dein Gedicht hält mich fest hier; ich wollte nur so nachsehen; nun möchte ich gleich schreiben.

"Bleizeit" lotet es aus, das Gedicht: so beginnt der Text, so endet er, und das Wort steht auch vor seiner genauen Mitte, der Klammer. Kein 'Ich' nennt sich! Alles, was gesagt ist, wird von der welt-, der lebensabgewandten Seite gesagt.
Ein Senkblei wird ausgesandt, aber es findet (noch!) keinen Grund. Vielmehr ist die Bleizeit zuerst innen, in den Herz-, den Augenkammern, im Blutkreislauf; Ein- und Ausatmen im Innern - ähnlich wie Tidenwechsel in der Natur - sind nicht im sicheren Wechsel, so dass der Krebs den Weg zurück ins Meer verpasst, 'verschläft' und wie eine Kellerassel nicht das Lebens-Element wechselt, wie es sein Lebensrhythmus nötig macht, sondern im Schatten an Land bleibt. (Eine Assoziation auch der Krankheit dieses Namens ist kaum zu vermeiden.)

Aber: Es ist über die "Bleizeit" ein Text geschrieben, ein durchgearbeiteter Text bis in Lautierungen ("in starren Schlieren/des Schattenseins" | starr/Schatten | Schlieren/ " Will nicht sinken" | weiter: rinnt/sickert/-tier/Tide/verschlief | bodenlos/Bleizeit | Krebstier/Kellerassel).
Darf man 'schön' finden, wie Schreckliches beschrieben ist? Die "starren Schlieren/des Schattenseins", nochmal genannt also, und 'den Tidenruf verschlafen' - das sind großartige Bilder!
Und: eine welt- oder lebensabgewandte Seite kann als solche ja nur erkannt werden, wenn auch Welt und Leben zwar derzeit verschleiert sind, aber doch als 'da' mindestens geahnt werden.

Andere werden noch anderes sehen. Wie schön ist es, das schon zuvor zu wissen!
Herzliche Grüße von augustine

 

      ear



RE: Bleizeit

   10.12.2007, 07:44



Mir fallen dazu der Chanson von Brecht/Dessau ein, die Schlieren, die man frueher in Glaesern fand, verbleite Rohre, verbotenes Benzin.
Ein sehr vielschichtiges Gedicht.
Das Positive in deinem Gedicht wird dargestellt in der Kellerassel.
Diese Krebstiere, welche sich von Meeresarten her durch Evolution Tracheenlungen erwarben und denen es gelang, sich durch Anpassung auf der Welt auszubreiten.
Grau, oder graubraun mit sieben Paar Laufbeinen ausgeruestet, einem flachen gekoernten Ruecken,
am liebsten abgestorbene Pflanzenteile fressend und keine Krankheiten uebertragend.
Unscheinbare, aber wirkungsvolle Krebstiere. Sie leben am liebsten unter Laub , auf Wiesen und ueberall, wo es feucht ist.
“Kellerassel, die den Weg zum Meer nicht fand” machte aus dem Negativen etwas Positives, ear.

 

      Jolante



RE: Bleizeit

   11.12.2007, 12:26 / 1 x geändert



Ja, auch Schreckliches darf als schön empfunden werden,wenn es ästhetisch ist, meine ich. Bei mir löst das Gedicht neben der Bewunderung der Form auch eine Betroffenheit aus, die seinem Gehalt gilt. Ich kann sie persönlich nachempfinden, die Bleizeit, für die du so starke Bilder gefunden hat, windflug. Aber selbst wenn dies nicht so wäre, würde ich mich angesprochen fühlen. Ich kann nur alles unterstreichen, was augustine in ihrem Kommentar so treffend in Worte gefasst hat.
Schön, dass du wieder hier schreibst.

Gruß Jolante

 

      rollerball



RE: Bleizeit

   11.12.2007, 20:09



Hallo Windflug,

auch ich fühle mich betroffen und berührt von diesen düsteren und doch ästhetischen Bildern, (finde z.B. die „starren Schlieren des Schattenseins“ ebenfalls sehr gelungen!) dieser Stimmung, die auch mein Leben auf der weltabgewandten Seite beherrschen könnte, ließe ich es zu, kämpfte ich nicht jeden Tag mit allen Mitteln dagegen an, den Tidenruf zu verschlafen. Wie aus Blei scheinen an manchen Tagen die müden Gliedmaßen, wie flüssiges Blei scheint die Zeit zu verrinnen, zäh wie Blei geht manche Arbeit voran … Ich hoffe und wünsche dir, du schriebst nicht aus eigener Erfahrung …

LG, rollerball

 

      zuppanova



RE: Bleizeit

   12.12.2007, 12:39



diesen text hab ich nun einige male gelesen, interessiert gelesen. zur interpretation/ausdeutung wurde bereits einiges gesagt.
mich spricht an, dass da form ist: symmetrie.
8 zeilen - 5 zeilen - 8 zeilen.
das mittelstück, hervorgehoben noch durch die klammer, ist sehr wichtig, denn es setzt einen akzent über die anderen teile, die von der bleizeit handeln und auch (augustine hat es bereits angemerkt) mit diesem wort beginnen bzw. enden. etwas neues, unerwartetes wird "in der mitte" erzählt, der focus ist verändert, die bedrohlichkeit der bleizeit wird akut spürbar durch die erwähnung der allmählich vereinnahmten, wichtigen körperinnenräume.
vllt. könnte man so sagen: da, bedroht und bedrängt (=> "eingeklammert") durch formloses, bodenloses, bewusstseinsloses rinnen und sickern, steckt das lebendige, das nicht-weltabgewandte wache offene (auge), das fühlsame (herz), das atmende, pochende, pulsierende (kreislauf, blut, venen) vitale, das den richtigen rhythmus kennt.

die assel find ich "kafkaesk" (Gregor Samsa).

was ich vllt. verändern würde: präsens statt imperfekt in zeile 19/20, also
die den Weg zum Meer nicht findet
den Tidenruf verschläft


viele lg, zuppa (die sich auch freut, dich wieder hier zu lesen).

 

      windflug²



RE: Bleizeit

   13.12.2007, 23:41



Liebe augustine, ear, jolante, zuppa, lieber rollerball,

ich habe mich längere Zeit gescheut, das Gedicht in die kleine Öffentlichkeit hier zu entlassen, aber eure einfühlsamen und vielschichtigen Kommentare bestärken mich. augustine, deine Ausdeutung trifft den Kern und was du zur formalen Seite schreibst, freut mich natürlich sehr. Die Lautierung, der Klang der Worte, für mich ist das kein bewußter Prozess Assonanzen oder Alliterationen zu suchen, aber irgendwann hört es sich halt "richtig" an, und wenn du das als ästhetisch empfindest, finde ich das schön.
ear, dein Blick auf den Text ist so ganz anders und dadurch für mich immer sehr wertvoll, weil du so viele Bezüge herstellst, die in alle möglichen Richtungen weiterführen. Dass du die Kellerassel als das Positive im Gedicht siehst, finde ich besonders interessant. Darüber denke ich viel nach.
Jolante, du weißt ja, dass mir dein Kommentar immer sehr am Herzen liegt, danke!
rollerball, du kennst auch ein Leben auf der weltabgewandten Seite, aber ich erlebe dich in deinem Kommentar eher als zugewandt, auch dir danke ich, und schließlich zuppa: dein Kommentar ist wie immer treffend und hilfreich. Über deine Änderungsvorschläge werde ich noch einmal nachdenken. Für das Präsens spricht vieles, aber es klingt in meinen Ohren nicht so "schön".
Es tut gut wieder hier zu sein!

Liebe Grüße
windflug




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