Selma Lagerlöf · Vladimir · ·


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      Vladimir



Selma Lagerlöf

   05.12.2007, 11:56



Also Selma Lagerlöf ist mir jetzt nochmal zufällig in die Hände gefallen, namentlich "Der Kaiser von Portugallien". Hab sicher Nils Holgersson irgendwann vorgelesen bekommen, erinner mich aber kaum mehr. Am größten Eindruck hat mir bei weitem Gösta Berling gemacht.
Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass es von ihr kaum noch etwas zu bekommen gibt (außer vielleicht den bekanntesten), und ich mich auf die elterliche Sammlung stützen muss.
Jedenfalls halt ich große Stücke auf sie.
Warum?
Was direkt auffällt, ist sicher die "volkstümliche" Art des Erzählens: man hört das Kaminfeuer prasseln etc. Keine der Geschichten sähe sich irgendeinem Vorwurf ausgetzt, nennte man sie märchenhaft. Vielleicht ist es grade dieser Mut zum Glauben an die alten Geschichten und ihre Wunder - oder sagen wirs so: der Glaube, dass daran eine Wahrheit verborgen liegt, die ohne sie nicht auszudrücken wäre, der mich bei ihr anrührt. Und dabei erzählt sie ganz eigenartig: Jedes Kapitel ist im Grunde eine geschlossene Geschichte, sie breitet sich nie groß aus, es geht um ein Moment, eine bestimmte Begebenheit, einen bestimmten Vorgang, der selbst im Kapitel selber nur ein Moment dauert - mehr nicht. Keine langen Beschreibungen der Personen, ihres äußerlichen etc., wenn dann nur da, wo sie eben zur Geschichte essenziell dazugehört, und dann meistens so, dass man sie heute "einseitig", "polarisiert" bezeichnen würde. Die lebendige Phantasie des Lesers - besser: des Hörers wird vorrausgesetzt.
Ein andere Punkt ist der Glaube an Gott und seine Rolle in den Geschichten: die selbstverständliche Verwurzelung in den christlichen Glauben, die Gegenwart der Geschichten aus der Bibel, die Wirksamkeit der Engels oder Teufelskräfte, harrschard an der Kippe zum Aberglauben - all das kriegt man selten so rein wie bei Lagerlöf. Vielleicht eine Idee davon, wie das Leben dieser einfachen Leute, die nichts hatten als eben diesen Glauben und ihr Haus und ihre Lieben, aussah.
Aber das ist nicht nötig; das beschriebene erreicht auch so, weil es in seinen Essenzen nach wie vor gilt. Irgendwie erinnert sie mich auch an Else-Lasker Schüler.

Andere Erfahrungen?

 

      zuppanova



RE: Selma Lagerlöf

   06.12.2007, 00:11



Erfahrung mit Selma Lagerlöf (Nobelpreisträgerin 1909)? Ja, doch - kurz und unpoliert hergeschrieben:

Als Kind sehnte ich mich immerzu nach Büchern - die es in meinem Umfeld (so gut wie) nicht gab, die ich mir aber doch immer wieder zu beschaffen wusste. Einmal war es mir gelungen, eine (ziemlich zerlesene) Ausgabe von Nils Holgersson an mich zu bringen, von der ich mich (es war nichts anderes da) viele Wochen lang nährte.

Die große, kunstvolle, ganz mit dem Land, den Land-schaften Schweden(s), auch schwedischen Städten verwobene, vielschichtige, nur vordergründig einfache Erzählung von der wundersamen Reise des Nils mit den Wildgänsen, mit dem Gänserich Martin, ist ein Entwicklungsroman, gute Literatur für Kinder, Jugendliche, Erwachsene - der Roman behandelt, so denke ich heute (damals, als Kind, las ich nur und dachte gar nicht), die Krise der Pubertät, Geburt der Erwachsenenpersönlichkeit, das Anerkennen und Aushalten der Realität, das Wachsein; es geht um "Bildung" im weitesten, innersten Sinn (ich verkneife mir, selbstschutzhalber, die Herzensbildung), um die Reifung des Protagonisten (ein paralleler Handlungsstrang führt auch eine Protagonistin ein, was ein feiner Autorinnenkniff ist, um jungen Lesenden beiderlei Geschlechts ein Identifikationsmodell zu bieten) durch Konfrontation mit Problemen wie Krankheit, Hunger, Armut, Aberglaube, Ausbeutung (das ist zeitgenössisch, Schweden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eben - allerdings sind Transfers sicher jederzeit möglich), es geht um Themen wie Schuld, Buße, Tod, Verlust, Nächstenliebe, Achtsamkeit, Solidarität, auch um die Utopie einer idealen Gemeinschaft (-> die Wildgänse).

Ich weiß noch: Das Buch fühlte sich so gemein gut an.

Ich las es, in einer Ecke auf dem Boden hockend, in winzigsten Bissen einen Apfel essend, wieder und wieder. Es spielte als Film in meinem Kopf, immer noch kamen neue Szenen hinzu, andere Bilder, Differenzierungen, Focusveränderungen, neue Schnitte. Ich erinnere, dass dieses Buch mich heftige Gefühle durchleben ließ, dass es mich ganz und gar aufnahm; alles darin schien stimmig, real und vollkommen wahrhaftig.
Das ist meine Erfahrung mit Selma Lagerlöf.

(Dankeschön, dass du sie aufgerufen hast.)


. . . . . . . . . . .Grüßt: zuppa

 

      Jolante



RE: Selma Lagerlöf

   07.12.2007, 15:33



Vladimir,
was du sehr einfühlsam und kundig von Selma Lagerlöf schreibst, finde ich vor allem in ihren Legenden, die zum bleibenden Bestand religiöser Dichtung in der modernen Literatur gehören, bestätigt. Gerade in der Adventszeit (das ist ein anderer Faden, ich weiß) lese ich gerne ihre Heiligengeschichten aus Skandinavien, die berühmten Christuslegenden und Legenden aus Italien und dem Heiligen Land. Besonders liebe ich "Der Weg zwischen Himmel und Erde", das ist nun mal ein Thema, das mich literarisch immer wieder beschäftigt. Mit S.L. kommt man diesem Geheimnis ein wenig auf die Spur, ganz ohne sentimentalen Kitsch, dafür auf eine sehr leise, einfache und kindliche Weise.

Liebe Grüße
Jolante




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