| |
|
Jolante
|
28.11.2007, 21:42 / 1 x geändert
|
|
Auf kalten Steinen
ruht blass der Abend.
Schwer zu lesen
sind jetzt die Gräber.
Hat der Himmel
sein hohes Lied
umsonst geschrieben?

|  |
windflug
|
Liebe Jolante,
"Schwer zu lesen sind jetzt die Gräber" - wohl nicht nur im schwächer werdenden Abendlicht. Dein Gedicht berührt mit jeder Zeile, vor allem aber mit der Frage am Schluss.
Es grüßt dich
windflug

|  |
augustine
|
Liebe Jolante, nachdem du für Friedwald noch aus der Werkstatt mitgeteilt hast, dass die Silbenzahl dort bedacht gesetzt ist: leichter Anstieg und wieder Niedergang, am Schluss aber in dem einzeln stehenden Satz eine um eins höhere Silbenzahl als zuvor (was der Aussage eine nun offenbarte noch größere Entschiedenheit gibt) -
habe ich hier auch die Silben gezählt: 5-5-4-5-4-4-5, weiß aber nicht, wie deuten, ob überhaupt deuten.
Das erste Friedhofsgedicht 'gefällt' mir besser. Die Erlebnisse waren vielleicht getrennt. Trotzdem frage ich: wäre es gänzlich abwegig, aus beiden Texten einen zu machen???
Liebe Nacht-Grüße von augustine

|  |
zuppanova
|
Jolante, das ist klein, schwebend, ohne großen pomp so nebenbei gesagt, wirkt aber weiter.
der klang fällt mir auf:
(1) kalt - blass - Abend
(2) Schwer - lesen - (jetzt) - Graeber
(3) Himmel - Lied - geschrieben
die vokale in den sinntragenden substantiven, adjektiven, verben begleiten den inhalt.
ich lese die beiden ersten zeilen als sinneinheit, dritte und vierte wieder als einheit,
ebenso die fünfte, sechste, siebte zeile als einheit zusammen.
jedes dieser drei pakete bringt ein neues bild, einen neuen aspekt mit,
der durch die vokale: a(1) - e(2) - i(3) jeweils unterstützt wird.
das hohe "i" wird kontrapunktiert durch ein "o", mehr noch
durch das tiefe "u" von "umsonst". das finde ich gut.
und das fragezeichen am schluss nimmt die schwere.
lg, zuppa.

|  |
rollerball
|
Liebe Jolante,
dein Gedicht geht in seiner stillen Schlichtheit unter die Haut,
die von dir gestellte Frage beschäftigt wohl auch so manchen von uns hin und wieder.
Sehr interessant Zuppas Hinweis auf die Vokale - war das wirklich geplant?
Liebe Grüße, rollerball

|  |
Vladimir
|
Zuerst haben mich die letzten drei Verse enttäuscht. So eine Frage schien mir zu oft gehört, als dass sie mit den subtilen und doch irgendwie schlichten Bildern der ersten beiden Teile mithalten könnte.
Auch die quasi-Dopplung "kalt" "blass" hätte ich so vielleicht nicht gemacht.
Der Himmel als Schreiberling? Wenn der Himmel das Hohe Lied der Bibel (denn das ist doch gemeint, oder?) wirklich geschrieben hat, und nicht verirrte Menschen, dann ist doch eigentlich alles bereits gesagt, dann kann doch nichts mehr umsonst sein; wo dieser Glaube herrscht, dann ein solcher Zweifel?
Mais quand même...:
das blass-kalt Doppel wird zu einem sich leicht reibenden Paar, wenn ich mir wirklich den Abend blass vorstelle, einen blassen Himmel (und dabei wird er doch dunkel, oder leuchtend und dann dunkel!).
Die Frage überzeugt schlussendlich, weil der Himmel kein ganz abstrakter ist, sondern vorher in dem Abend schon da war; und die beiden h's (Himmel, hohes Lied) geben dem Teil eine vorher nicht dagewesene... Würde ist vielleicht das beste Wort.
Seltsam ist auch, wie distanziert das lyr. Ich von all dem ist. Als ob es nur den Himmel selber anginge, wenn die Frage mit ja beantwortet würde...
Unveränderlich gut finde ich den Mittelteil.
Liebe Grüße
Vladimir

|  |
augustine
|
08.12.2007, 22:38 / 1 x geändert
|
|
Ich war heute am Nachmittag in der Stunde des letzten Lichts hier in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof, an einem Tag, an dem es kaum hell geworden ist. Doch: das vergehende Licht ist dann "blass", die Luft "kalt".
Ich glaube nicht, dass das 'Hohe Lied' des AT gemeint sein kann. Jolante hätte es sicher so auch geschrieben; dann: es sind Liebeslieder von Liebenden aneinander, voll wunderschöner Erotik, voller Leben also (was immer die kirchliche Tradition davon nicht wahr haben wollte; alles*); so denke ich: das hohe Lied des Himmels ist - adventliche Verheißung, der das schreibende Ich nicht (mehr) glaubt. -
Das würde bedeuten: die Gräber bleiben "schwer zu lesen" und nichts weiter, sie bleiben kalt und blass und "letzte Ruhe", und es reißt kein Heiland die Himmel auf ...
Grüße an alle, die hier geschrieben haben. augustine
* warum es trotzdem in den Kanon auch des NT aufgenommen wurde, müsste man nachlesen

|  |
Jolante²
|
20.12.2007, 22:50 / 2 x geändert
|
|
Danke
windflug, augustine, zuppanova, rollerball und Vladimir
für eure anregenden Kommentare zu dem Gedicht "Letzte Ruhe", mit dem ich ein weiteres Mal versucht habe, dem Thema Tod durch Annäherung ein wenig von seinem Schrecken zu nehmen.
Was du zum Lautmalerischen sagst, zuppa, hat mich gefreut. Es war nicht beabsichtigt, sondern hat sich beim Schreiben einfach so ergeben.
Damit dürfte auch deine Frage, rollerball, beantwortet sein.
Die Silbenzahl, augustine, hat diesmal keine besondere Rolle gespielt. Aus den Gedichten "Friedwald" und "Letzte Ruhe" eines zu machen, fiele mir schwer, denn so verschieden die Zeiten und Orte waren, so unterschiedlich waren auch die Eindrücke, die mich zu beiden Texten motiviert haben. Ich könnte mir aber vorstellen, unter dem Titel "Letzte Ruhe" beide Gedichte kontrastierend zu vereinen ( I Friedhof, II Friedwald).
Auf deinen Kommentar, Vladimir, hat augustine geantwortet mit Argumenten, die ich alle unterstreichen möchte. Ihr Zitat ".....und es reißt kein Heiland den Himmel auf" wäre sicherlich auch ein guter Schluss gewesen, wenn er mir eingefallen wäre. Dass er mir eben nicht eingefallen ist, zeigt einmal mehr, dass nicht nur das lyr. Ich zum Thema Tod mehr Fragen hat als Antworten.
Liebe Grüße
Jolante

|  |
|
|